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Bärdels Märchen (Bärenleben)

Vergessen

Geschichte der Manuskripte
Geschichte der Manuskripte

Alle Bären sind Leckermäuler, besonders dann, wenn es um Honig, Sirup und Zucker geht. In Bärenleben war Manfred mit Abstand der größte Liebhaber von Süßigkeiten. Deshalb wunderte sich niemand in der Höhle am Beginn eines gemütlichen Abends, als er Tumu zurief: „Mama, hast Du uns nicht noch einen Nachtisch versprochen?“

Tumu schreckte aus dem Gespräch mit Athabasca auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Oh je, ich habe die Quarksoufflés vergessen! Bin gleich wieder da!“ Und sie sauste davon.

„Typisch Mama!“ kommentierte ihr Sohn.

„Das ist überhaupt nicht typisch für sie!“ widersprach Atti. „Wer hat letztens vergessen, mir das Buch über Fracking in Alberta zu besorgen, das ich lesen wollte? Er heißt Manfred, wenn ich mich nicht irre!“

Viele hatten sie gehört und kicherten.

Der Medienverantwortliche von Bärenleben versuchte, von sich abzulenken:

„Sagt mal, wie funktioniert eigentlich Vergessen?“ Das Gesprächsthema des Abends war gefunden.

„Das weiß niemand genau. Es hat was mit sinnvollen und mit unsinnigen Informationen zu tun, auch mit Übung. Die biochemischen Prozesse, die dem zugrundeliegen, sind noch unbekannt. Aber nicht nur Individuen vergessen, sondern auch Institutionen und Gesellschaften. Die Gründe dafür sind meist besser zu durchschauen als bei Einzelwesen.“

Athena

Wieder einmal erwies sich Athena als kluge Eule. Sie war schon eine Weile im Dorf, aber vielen Bärenlebenern dennoch recht unbekannt. Das lag vor allem an ihrem Lebensrhythmus, der sie nachts aktiv sein ließ, wenn alle anderen schliefen, und auch an ihrem durchdringenden Blick, den viele als Bedrohung empfanden. Nur Ramses, dem sie zuerst begegnet war, hatte ein ungezwungenes Verhältnis zu ihr.

„Das verstehe ich nicht,“ gab er zu. „Das mit den Institutionen und Gesellschaften.“ 

Athena drehte ihren Kopf nach rechts um 270 Grad, so dass sie nach links sehen konnte. Dann rotierte sie zurück und wandte den Kopf um 90 Grad nach links. Alle sahen ihr fasziniert zu. Niemand bemerkte, dass der Steinkauz zufrieden lächelte, denn Eulen verziehen beim Lächeln nicht das Gesicht. Athena liebte es, wenn ihr Publikum aufmerksam war.

„Wir Ihr wisst, stamme ich aus Athen. Die griechische und später auch die römische Literatur der Antike waren sehr produktiv. Die berühmte Bibliothek von Alexandria besaß zum Schluss, vor ihrem rätselhaften Verschwinden vor dem Jahr 400, wahrscheinlich eine Million Rollen. Also eine Million Bücher. Davon ist heute nur ein Tausendstel erhalten, und das auch meist nur in Fragmenten.“

„Wie kommt das denn?“ Natürlich war es Na, die da unbeherrscht herausgeplatzt war. Athena fixierte das Eisbärenkind mit nur einem Auge, ohne auch nur einmal zu blinzeln, was Na veranlasste, sich hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter zu verkriechen.

Na

„Bevor man eine Frage stellt, sollte man überlegen, ob sie verständlich ist. Pronomen sind dabei wenig hilfreich. Du konntest mit Deinem uneindeutigen „das“ entweder nach den Gründen für das Verschwinden oder für die Erhaltung fragen wollen. Du musst noch viel lernen!“

Athabasca war in ihrem Lehrerinnenherzen tief gekränkt und wollte sich mit Athena anlegen, aber Kulle, der neben ihr saß, hielt sie zurück. „Lass!“, flüsterte er. „Die Kleine hat den Rüffel verdient!“

Ramses vermittelte. „Wir alle sind an den Gründen für das eine wie auch das andere interessiert, denke ich.“ Die Bären brummten zustimmend, und das Schwein quiekte kurz.

„Dummheit, Hass, Gewalt, Krieg und die Zeit sind die Gründe für den Verlust des Schrifttums der Antike. Papyrus und Pergament sind vergänglich, aber wenn man die auf ihnen festgehaltenen Gedanken hätte bewahren wollen, hätte man sie auf neue Materialien übertragen können. In Kriegszeiten hat der Erhalt von Bildungsgut keine hohe Priorität, und Bücher brennen hervorragend. Und wenn eine neue Religion entsteht, dann werden ihre Bücher verbrannt. Hat sie sich aber gegen die alten durchgesetzt, brennen deren. Der Sieg des Christentums war der Totengräber der antiken Kultur.

Dass wir heute noch einige Werke der Antike kennen, ist Cassiodor zu verdanken. Er war ein gebildeter Mann und reich dazu. Nach Jahren als oberster Minister des Ostgotenkönigs Theoderich zog er sich 540 auf seine Landgüter in Süditalien zurück und gründete dort das Kloster Vivarium. Sein Ziel war es, antike Literatur zu sammeln und zu bewahren. Seine Bibliothek besaß ungefähr 100 Bände. Viel mehr kennen wir heute auch nicht.

Cassiodor machte das Kopieren von Büchern zur Pflicht für Mönche. Im Mittelalter waren viele Klosterangehörige Analphabeten, sie malten die Vorlage nur ab. So waren die Kopien jener Zeit sehr originalgetreu.“

Die Versammlung staunte. Selbst Kulle brauchte ein paar Sekunden, um die Sprache wiederzufinden. „Das ist ja ein köstlicher Witz der Geschichte!“ rief er aus. „Ausgerechnet der katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass die Bücher der verhassten ‚Heiden‘ zum Teil erhalten geblieben sind.“

Athena wandte den Kopf Kulle zu, sah ihn mit beiden Augen an und blinzelte zustimmend. Der Bär gefiel ihr.

Anscheinend war der Vortrag der Eule beendet. Die Bären, Piggy und Ramses begannen, darüber zu diskutieren, als Tumu in die Höhle gerannt kam. Sie trug schwer an einem Kuchenblech.

„Tut mir leid, es gibt Honigkekse von gestern. Meine Soufflés sind rettungslos verbrannt.“

„Das macht gar nichts.“ Bärdel nahm seine Frau in den Arm. „Quarksoufflés kannst Du wieder backen, Du hast ja das Rezept. Leider sind antike Werke keine Aufläufe.“

Januar 2020