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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben)

Zusammenhänge

(Fast) Alles hängt mit allem zusammen

Die Bärenlebener hatten sich nach dem abendlichen Essen in der Höhle versammelt, sie waren satt, gut gelaunt und freuten sich auf unterhaltsame Stunden. Bärdel lehnte sich auf seinem Lieblingsplatz an die Wand und fragte in die Runde: „Worüber wollen wir heute reden?“

Bärdel

Er stellte diese Frage oft, und meist erhielt er zwei oder drei Antworten, von denen schnell eine als Gesprächsthema ausgewählt wurde. Heute aber war das anders.

„Über die Inakzeptanz von Massentierhaltung!“

„Über die Lage in Idlib!“

„Über den Wahlkampf in den USA!“

„Über die Klimakatastrophe!“

„Über die Zurückhaltung der Bärenmänner bei der Hausarbeit!“

„Über Konsumverzicht. Wir sollten die Lieferungen von Rungis abbestellen!“

„Über die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen!“

„Über die Personaldiskussion in der CDU!“

„Über den Brexit!“

„Über das Artensterben!“

„Über die AfD!“

„Über die Abholzung des Regenwaldes!“

„Über das Coronavirus!“

„Über die riesigen Brände in Australien!“

„Über die Heuschreckenplage in Afrika!“

„Über den wachsenden Nationalismus!“

„Über die sogenannten sozialen Medien!“

„Über China und die totale Kontrolle der Menschen!“

„Über vegane Ernährung!“

„Über die menschliche Bevölkerungsexplosion!“

Bärdel holte tief Luft. „Das ist ein bisschen viel für einen Abend, finde ich. Wenn ich richtig mitgezählt habe, habt Ihr zwanzig Themen vorgeschlagen. Wie sollen wir bei einem solchen Angebot eins auswählen? Ich gebe zu, ich bin ratlos.“

Kulle

Kulle war wie immer nicht um eine Antwort verlegen, aber zu aller Überraschung kam die sonst sehr zurückhaltende Athena ihm zuvor. Wie alle Eulen liebte sie Rätsel und Gesellschaftsspiele, und hier, fand sie, ließ sich beides miteinander vereinen.

Athena

„Die zwanzig Themen sind nicht zu viel für einen Abend, wenn wir ein Spiel daraus machen. Ein Wettspiel. Ziel ist es, Aussagen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Also zum Beispiel: Die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen hat die Personaldiskussion in der CDU befeuert. Das ist eine sinnvolle Aussage, und wer die formuliert, bekommt zwei Punkte, denn er hat zwei Themen miteinander richtig in Beziehung gesetzt. Wer dagegen sagt: ‚Die Abholzung des Regenwaldes führt zum Siegeszug des Coronavirus‘, bekommt keine Pluspunkte, vielleicht sogar Minuspunkte, darüber müssen wir uns einigen. Gewonnen hat, wer die meisten Themen sinnvoll miteinander verknüpft. Das ist mein Vorschlag!“

„Die sogenannten sozialen Medien befördern den wachsenden Nationalismus und damit den Aufstieg der AfD.“ Damit versuchte sich Tumu.

Tumu

„Sind wir uns eigentlich einig, welche Aussagen wir als richtig bewerten und welche als falsch?“ fragte Bärdel. „Darf man Thesen zurückweisen, in Frage stellen, bekräftigen? Gilt das Argument, der Beweis, der Mehrheitsentscheid oder die stillschweigende Akzeptanz?“

„Solange wir es nicht mit einer streitigen Entscheidung zu tun haben, können wir uns um diese Grundsatzfrage herumdrücken, finde ich. Mamas Aussage scheint mir richtig zu sein. Ist jemand anderer Meinung?“ Niemand widersprach Manfred. Der nickte zufrieden. „Dann führt Mama mit drei Punkten!“

Manfred

„Der Wahlkampf in den USA ignoriert die Klimakatastrophe, die Abholzung des Regenwaldes und das Artensterben!“ Ramses versuchte sich an einer Aussage mit vier Variablen.

Ramses

„Abgelehnt!“ quiekte Piggy. „Trump ignoriert das alles, aber er ist nicht der einzige Wahlkämpfer. Gibt es für Ramses jetzt Minuspunkte?“

Piggy

„Ich bin dagegen,“ sagten alle außer Athena wie aus einem Mund, und damit war das geklärt.

Ein alter Bär ganz frisch

„Die Zurückhaltung der Bärenmänner bei der Hausarbeit verhindert eine schnelle Ausbreitung des Coronavirus.“ Der sehr alte Bär sprach mit der für ihn typischen selbstgerechten Würde. Das Kichern und Lachen, das rund um ihn herum entstand, beeindruckte ihn überhaupt nicht.

 Auch Bärdel gluckste und und wahrte nur mit Mühe den Eindruck der Neutralität. „Deine Aussage überrascht uns, wie es aussieht. Du solltest sie begründen!“

Der Alte verzog indigniert das Gesicht, ließ sich aber huldvoll zu einer Erklärung herab. „Bärenmänner sind gegen Hausarbeit allergisch. Allergien führen zu allergischen Reaktionen. Eine sehr häufige allergische Reaktion ist das Niesen. Das Coronavirus wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Bärenmänner, die keine Hausarbeit verrichten, niesen nicht und übertragen das Virus dementsprechend nicht. Ist das so schwer nachzuvollziehen?“

Kulle und die heute stillen Eisbärenkinder

Kichern und Lachen waren verstummt. Selbst Kulle war von dieser Logik beeindruckt und verspürte keine Lust zu widersprechen. Ein nicht unwesentlicher Grund für seine Zurückhaltung war, dass auch er auf Hausarbeit durchaus gerne verzichtete. „Deine Aussage ist angemessen begründet. Wollen wir weiterspielen, oder erklären wir Tumu zur Siegerin und gehen schlafen?“

Noch einmal Piggy

„Ich würde gerne noch einen Versuch machen!“ kündigte Piggy an. „Wie es sich für ein Schwein gehört, wird es dabei ums Essen gehen. Also: Die Massentierhaltung von Säugetieren und Geflügel ist natürlich inakzeptabel, allerdings erfordert die menschliche Bevölkerungsexplosion ein breites Nahrungsmittelangebot, wenn man alle Individuen versorgen will, und eine rein vegane Ernährung ist zwar aktuell in Mode, ist aber langfristig zur Versorgung eines anspruchsvollen Gehirns nicht hinreichend. Nicht zufällig sind Bären und Schweine Allesfresser, aber das nur am Rande. Anstatt die Heuschreckenplage in Ostafrika dadurch zu bekämpfen, dass man die armen Insekten vorschnell tötet, sollte man sie lieber zum menschlichen Verzehr aufbereiten und so eine hochwertige Proteinquelle verfügbar machen. Das hilft zwar aktuell den Menschen in Idlib nicht, ist aber vielleicht langfristig eine Möglichkeit, Flüchtlinge besser zu ernähren als heute. Auch die Abholzung des Regenwaldes könnte so gestoppt oder zumindest verlangsamt werden, denn die Nachfrage nach Soja als Tierfutter oder nach Steaks würde zurückgehen. Auch angesichts des Brexits könnte Heuschreckennahrung hilfreich sein, denn im Vereinigten Königreich wird John Doe sich bald kein traditionelles Fleisch mehr leisten können. Und jetzt geht mir die Puste aus, denn das Heuschrecken als Mittel gegen die Kommunistische Partei Chinas taugen, glaube ich nicht.“

Beifall erhob sich. Piggy hatte eine Meisterleistung vollbracht, die alle anerkannten.

Bärdel suchte nach einem geeigneten Schlusswort. „Welche Eurer Themenvorschläge sind eigentlich unberücksichtigt geblieben?“

„Die Lieferungen von Rungis im Zusammenhang mit der Forderung nach Konsumverzicht und die Brände in Australien,“ sagte Athena. „Die Buschbrände haben natürlich mit der Klimaänderung zu tun, und was unsere Ernährung angeht, so könntet Ihr vielleicht anregen, Heuschrecken in das Lieferprogramm aufzunehmen. Und jetzt entschuldigt mich: Meine Nachtschicht fängt an. Ich werde Mäuse bevorzugen.“

Lautlos flog die Eule davon.

Februar 2020