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Kulle Philosophisches

Kulle in „Tempus“ aktuell

Tempus aktuell: Herr Dr. Kulle…

Kulle

Kulle: Sagen Sie bitte einfach nur Kulle. Ich bin ein Bär, kein Mensch. Also lege ich auch keinen Wert auf menschliche Titel.

Tempus aktuell: Sie mögen Menschen nicht?

Kulle: Der Begriff “mögen” bezeichnet eine Emotion und ist deshalb nur in Grenzen geeignet, mein Verhältnis zu Menschen zu beschreiben. Ich bemühe mich, die Welt und damit auch die Menschen sachlich zu betrachten. Dabei bin ich zu dem Urteil gekommen, dass es eine bemerkenswerte Kluft zwischen dem Selbstverständnis der Menschen und ihrer tatsächlichen Rolle auf der Erde gibt.

Tempus aktuell: Können Sie das erläutern?

Kulle: Natürlich kann ich das – oder haben Sie mich zu einem Interview eingeladen in der Hoffnung, Ihren Lesern einen debilen Bären vorzuführen?

Tempus aktuell: Nein, natürlich nicht. Wir bitten um Entschuldigung. Wir haben Ihnen gerade einen Anlass dafür gegeben, uns nicht zu mögen, und Sie so in Ihrer sachlichen Betrachtung der Menschheit gestört. Wären Sie so freundlich, uns die Aussage zu erläutern, die Sie soeben knapp formuliert haben?

Kulle: Gerne. Die Menschen haben erkannt, dass sie erkennen können, und gelernt, Erkanntes durch Sprache mitzuteilen und zu tradieren – erst mündlich, wesentlich später schriftlich. Die Fähigkeit zu denken impliziert die Notwendigkeit, Fragen zu stellen, nicht nur danach, wo vermutlich der nächstgelegene Bienenstock zu finden ist, in dem man Honig findet, sondern nach der Vergangenheit, was zuerst leicht ist, wenn man über ein intaktes Gedächtnis verfügt, aber problematisch wird, wenn man zurückliegende Handlungen angesichts der Frage reflektiert, ob sie richtig oder falsch gewesen sein mögen. Hier zeigt sich die Wiege von Ethik und Moral. Dabei ist durchaus Brauchbares herausgekommen, wie zum Beispiel das Fünfte Gebot1.

Damals – und auch heute – leider nur bezogen auf Angehörige des eigenen Stammes oder Volkes, aber, wenn man von allen Beschränkungen absieht, durchaus ein Nucleus des heute bedauerlicherweise weitgehend in Vergessenheit geratenen Kategorischen Imperativs Immanuel Kants, den er 1788 formuliert hat: “Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit als Grundlage eines allgemeinen Gesetzes gelten könnte.“

Fragen zeigen sich auch in Bezug auf die Zukunft, denn wer denken kann, entwickelt eine Vorstellung davon, dass es, wenn es ein “Gestern” gab, auch ein “Morgen” geben wird oder zumindest geben könnte, von dem man im Gegensatz zum “Gestern” aber nicht angeben kann, wie es aussehen wird. Wo ein “Morgen” gedacht wird, ist auch ein Ende denkbar, ein Ende alles Seins, ganz sicher aber ein Ende der individuellen Existenz, sind denkende menschliche Wesen doch im Stande, das Altern der Haut, den Haarausfall und das Schwinden der Potenz zu beobachten. Eine realistische Antwort auf die Frage nach der Zukunft ließe sich in den lapidaren Satz fassen: “Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!”. Menschen allerdings weigern sich, diese simple Wahrheit zu erkennen, und konstruieren stattdessen endlose Lebenszyklen, die irgendwann im Nirwana enden, oder wie auch immer geartete Paradiese.

Tempus aktuell: Warum haben Sie etwas gegen religiöse Vorstellungen?

Kulle: Theoretisch betrachtet, habe ich nichts dagegen. Im Gegenteil: Es ist soziologisch äußerst interessant zu untersuchen, wer wann warum welche wenig wahrscheinliche Welterklärung zusammengebastelt hat. Praktisch allerdings sieht die Sache anders aus, denn die meisten Menschen mit religiösen Vorstellungen frönen dem Wahn, ihre Sicht der Dinge sei die richtige. Auch in diesem Zusammenhang muss ich leider darauf verweisen, dass die Ideen der europäischen Aufklärung in Vergessenheit geraten sind – man denke etwa an Lessings “Ringparabel”2.

Das kann ich mit Fug und Recht natürlich nur denjenigen vorwerfen, die qua kultureller Entwicklung mit diesen Ideen jemals in Berührung kommen konnten. Dazu gehören zum Beispiel US-amerikanische Präsidenten, und auch der gegenwärtige sollte als Absolvent von Harvard zumindest einmal davon gehört haben.

Tempus aktuell: Sie werfen George Walker Bush vor, der Welt seine Ideen oktroyieren zu wollen?

Kulle: Vorsicht, bitte! Ich hege begründete Zweifel daran, dass dieser Menschenmann eigene Ideen hat. Aber die Gedanken, die er für seine eigenen hält, will er der Welt oktroyieren, in der Tat. Als wiedergeborener Christ, als der er sich bezeichnet, strebt er eine Weltordnung an, die seinen Vorstellungen von Demokratie und Kapitalismus entspricht, und diese Vorstellungen sind nicht nur weltlicher, sondern auch transzendenter Natur. Warum sollte er nach praktisch jeder seiner offiziellen Ansprachen sagen: “So help me God”, wäre es anders?

Tempus aktuell: Nun ja, wir geben zu, Bush ist schon etwas merkwürdig. Aber man kann das doch als Einzelfall werten.

Kulle: Nein, das kann man nicht. Religion durchtränkt die amerikanische Gesellschaft immer stärker.

Nehmen Sie die Kontroverse um den Darwinismus. Da gibt es die dummen Christen, die meinen, die Daten, die im Alten Testament gegeben werden, wörtlich nehmen zu müssen. So kommen sie zu dem Schluss, ihr Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen, und seitdem seien noch nicht einmal 5000 Jahre vergangen. Diese Leute sind so dumm, dass sie selbst in den USA meist ausgelacht werden. Anders verhält es sich mit den Kreationisten, die die Evolutionstheorie deshalb ablehnen, weil das irdische Leben so komplex und folgerichtig sei, dass dieses Leben nur als Schöpfung, also als Werk eines Schöpfers, gedeutet werden könne. Die haben inzwischen in den halben USA die Schulbücher zumindest zum Teil erobert. Noch “cleverer” sind sogenannte Wissenschaftler, die paläontologische und biologische Forschungsergebnisse, die Darwins Theorien beweisen, schlankweg in Frage stellen.

Oder nehmen Sie die Templeton Foundation. 40 Millionen Dollar jährlich investiert diese Stiftung in sogenannte wissenschaftliche Projekte, unter anderem um die Heilkraft des Betens nachzuweisen, nota bene, wissenschaftlich nachzuweisen.

Tempus aktuell: Sie werden aber zugeben, dass die internationale Politik der USA, und damit meinen wir auch die Interventionspolitik, durchaus weltliche Züge trägt.

Kulle: Das gebe ich ohne weiteres zu. Wenn das, was zum Beispiel in Abu Ghraib passiert ist, 3 nicht weltlich war, dann weiß ich nicht, was weltlich ist.

Tempus aktuell: Kulle, Sie sind zynisch.

Kulle: Ich bin Realist. Aber ich gebe zu, dass Realismus zu Zynismus führen kann und manchmal muss.

Tempus aktuell: Kommen wir zu einem anderen Aspekt. Die Menschen in Südostasien und in der sogenannten islamischen Welt sind in der Regel nicht mit den von Ihnen zu Recht hoch geschätzten Ideen der europäischen Aufklärung in Berührung gekommen. Werfen Sie denen auch etwas vor?

Kulle: Vielen Menschen in diesen Gegenden der Welt könnte ich nichts weiter vorwerfen als ihre Existenz, und das wäre unsinnig, denn daran sind sie unschuldig. Sie haben keinen Zugang zu Bildung, leben häufig in Staaten, deren Regierungen ihnen die Beschaffung korrekter Informationen versagen, und haben oft keine Kraft, für die Beseitigung dieser Mängel zu kämpfen, weil es sie alle Energie kostet, ihr Leben zu fristen. Wenn ich also jemandem etwas vorwerfen soll, dann müssen Sie mir schon jemanden nennen, auf den die obige Charakterisierung nicht zutrifft.

Tempus aktuell: Wie wäre es mit Osama Bin Laden?

Kulle: Eine gute Wahl. Osama verfügt über Bildung, er hat Ingenieurwesen und Betriebswirtschaft studiert, und zwar in Saudi-Arabien und im Libanon, ist also ein Kind der islamischen Welt. An Geld mangelt es ihm ebenfalls nicht: Nach dem Tod seines Vaters erbte er etwa 80 Millionen Dollar. Bleibt die Frage nach dem Zugang zu korrekten Informationen.

Tempus aktuell: Und?

Kulle: Ich habe gezögert, weil ich weiter ausholen müsste, um dazu Stellung zu nehmen.

Tempus aktuell: Holen Sie ruhig aus!

Kulle: Nun gut.

Wir müssen zunächst definieren, was korrekt ist, korrekt im gesellschaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Sinn, und damit sind wir bei der Problematik von Erkenntnis und Interesse. Das, was objektiv korrekt, also sachlich richtig ist, wie zum Beispiel die Aussage: “Zwei mal zwei ist vier”, muss sich nicht mit den Interessen eines Individuums decken. Ein Mensch kann zum Beispiel wollen, dass Zwei mal Zwei gleich Fünf ist und dass alle seine Meinung teilen. Wenn Sie wissen wollen, wie so etwas möglich ist, lesen Sie “1984” von George Orwell, das ist ein hervorragender und leider immer noch aktueller Roman, aber das nur am Rande; wir sind hier nicht im Literarischen Quartett.

Das falsche Interesse kann die richtige Erkenntnis dominieren, das ist schlimm genug. Schlimmer noch: Interessierte erkennen in der Regel nicht, wenn sie aufgrund ihres Interesses nicht in der Lage sind, Erkenntnis zu gewinnen. Sie setzen Erkenntnis und Interesse gleich. Demzufolge wollen sie nur das zur Kenntnis nehmen, was ihrem Interesse entspricht.

Aber es ist ebenfalls durchaus möglich, dass Erkenntnis und Interesse deckungsgleich sind. Was ist zum Beispiel falsch an der Erkenntnis, dass die Energiereserven im arabischen Raum, also primär das Rohöl, überwiegend nicht von den dort lebenden Muslimen kontrolliert und verwertet werden, sondern von westlichen Ölkonzernen? Was ist falsch an dem Interesse, dass diese Rohstoffe nicht von amerikanischen, französischen, britischen oder spanischen Multis ausgebeutet werden, sondern von dort ansässigen nationalen Unternehmen? Letzteres ist übrigens eine zentrale Forderung Bin Ladens.

Tempus aktuell: Moment mal – Sie verteidigen den Mann?

Kulle: Ich verteidige niemanden, und ich klage auch niemanden an. Ich analysiere. Das hätten Sie eigentlich inzwischen begreifen sollen.

Tempus aktuell: Entschuldigung.

Kulle: Bitte. Wenn Sie gestatten, würde ich meine Analyse gerne fortsetzen. Ich war noch nicht fertig.

Tempus aktuell: Wir bitten darum.

Kulle: Danke.

Es gibt andere Ziele Bin Ladens, bei denen ein Urteil schwerer fällt als bei dem obigen Beispiel. Ich will darauf nicht im einzelnen eingehen, weil ich annehme, dass Sie in der nächsten Ausgabe der Tempus aktuell noch anderes publizieren wollen als das Interview mit mir. Nur so viel: Die Forderung nach Beendigung der US-Militärpräsenz in islamischen Staaten wie Saudi-Arabien erscheint mir durchaus diskussionswürdig. Inakzeptabel ist dagegen die Zielsetzung, Staaten mit islamischer Bevölkerung in Theokratien umzuwandeln und das gesellschaftliche Leben an den Grundsätzen der Scharia auszurichten – das widerspräche den Forderungen der Aufklärung.

Kommen wir von den Zielen zu den Mitteln. Da Kants oben bereits erwähnter Kategorischer Imperativ zweifellos der sinnvollste Grundsatz ist, der jemals von Menschen über menschliches Zusammenleben geäußert worden ist, sind terroristische Methoden in jedem Fall abzulehnen, gleichgültig, ob sie sich gegen einzelne prominente politische Individuen oder gegen anonyme Massen richten.

Tempus aktuell: Wie stoppt man einen Osama Bin Laden?

Kulle: Gar nicht.

Tempus aktuell: Wie dürfen wir das verstehen?

Kulle: Wie ich es gesagt habe.

Tempus aktuell: Sie meinen also, der Kampf gegen al-Qaida sei hoffnungslos?

Kulle: Wieso? Eben noch sprachen wir über Bin Laden, und nun bringen Sie eine Organisation ins Spiel, deren Kopf Osama angeblich und vermutlich sogar tatsächlich ist. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Tempus aktuell: Inwiefern?

Kulle: Der Kampf gegen einen Menschen wie Osama Bin Laden, der den Fall orthodoxer Kalifate betrauert, der jeglichen westlichen Einfluss als Intrigen von “Kreuzzüglern” diffamiert und der gegen Sozialismus wettert, ist aussichtslos. Aussichtslos insofern, als es vermutlich nicht gelingen wird, ihn von seinen Ansichten abzubringen.

Der Kampf gegen eine Organisation wie al-Qaida ist dagegen sehr vielversprechend. al-Qaida ist eine Hydra mit vielen Köpfen: Die heißen Unwissenheit, Hoffnungslosigkeit, Verunsicherung, eschatologische Verheißung. Und es gibt einen kleinen Kopf mit Namen intellektueller Verblendung und Selbstgerechtigkeit. Den wird man nie abschlagen können – denken Sie zum Beispiel an Theodore John Kaczynski4, aber es ist leicht, die anderen zu dekapitieren.

Tempus aktuell: Wie wollen Sie die anderen Hydra-Köpfe abschlagen?

Kulle: Ich will das zwar, aber ich kann es nicht, denn ich bin ein Bär. Sie haben es mit einem menschlichen Problem zu tun. Sie als Menschen müssen das wollen und tun. Wenn Sie das wollen, ist es einfach: Sie brauchen nur eine gerechte Weltpolitik zu betreiben und dabei die Menschenrechte zu beachten. Sie brauchen nur die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und das Geld auf den Platz zu verweisen, den es einnehmen muss, wenn Sie als Menschen denn schon ohne Geld nicht auskommen, auf den Platz des allgemeinen Warenäquivalents und nicht auf den des Kapitals.

Tempus aktuell: Kulle, wir danken für das Gespräch.

Kulle: Das ist schön von Ihnen, aber ich bin mit Ihnen noch nicht fertig. Ich habe nämlich auch noch eine Frage, Wie stoppt man einen George Walker Bush?

Tempus aktuell: Ähhh – gar nicht…

Kulle: ich danke für das Gespräch.

Kulle

Fußnoten:

Wenn Sie die Maus kurz über der Fußnote verharren lassen, wird der Text der Fußnote angezeigt – falls das nicht klappt, hier sind noch einmal alle Fußnoten:

  1. Du sollst nicht töten.
  2. Die “Ringparabel” gilt als Kernstück von Gotthold Ephraim Lessings Drama “Nathan der Weise”. Die Kernaussage der Parabel lautet, dass die drei monotheistischen Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam vor Gott gleichwertig sind. Sie fordert die Gläubigen indirekt auf, einander nicht zu bekämpfen, sondern den Geboten ihres Gottes, der ihrer aller Gott ist, mit Barmherzigkeit und (Nächsten-)liebe zu gehorchen.
  3. In dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib haben die Bewacher aus den Reihen der US-amerikanischen Besatzungstruppen Häftlinge gefoltert, unter anderem in Form sexueller Demütigung.
  4. Theodore J. Kaczynski, bekannt als “Unabomber”, wurde wegen Mordes in den USA verurteilt. weil er etwa 18 Jahre lang Briefbomben an verschiedene Personen geschickt hatte. Dadurch wurden drei Adressaten getötet und 29 verletzt. Als Motiv gab Kaczynski an, er habe gegen die negativen Auswirkungen des technischen Fortschritts kämpfen wollen.