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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben)

Dehlandkopfschmerzen

Als Bärdel an einem kühlen, aber sonnigen Maimorgen seinen üblichen Spaziergang zu Tagesbeginn unternahm, allein, ohne Kulle, seinen gewohnten Begleiter, denn der hatte schon am Abend zuvor über heftige Kopfschmerzen geklagt, Dehlandkopfschmerzen, wie er geheimnisvoll, aber nicht erhellend erklärte, als Bärdel also allein kontemplierend unterwegs war, hörte er auf einmal aus einem Busch am Wegesrand ein klägliches Schluchzen. Die Stimme kam ihm bekannt vor, er befürchtete eine Verwundung, er stürzte sich ins Gebüsch.

In der Tat: Wie er vermutet hatte war es Del, der weinte. Allerdings war der kleine Bär nicht verletzt, zumindest nicht äußerlich. Bärdel brummte beruhigend, nahm ihn in den Arm und streichelte ihn sanft. Allmählich verebbte der Krampf, wenn auch die Tränen weiter flossen. Nach einer Weile hatte Del genug Kraft gesammelt, um sich die Augen zu wischen und sich zu räuspern.

„Entschuldige!“ presste er mühsam hervor. „Ich weiß, dass Bären nicht weinen. Aber ich habe heute früh schon Zeitung gelesen, und da…“

Bärdel hörte nicht auf zu streicheln.

„Wer hat dir denn gesagt, dass Bären nicht weinen? Nein, du brauchst nicht zu antworten. Ich will es gar nicht wissen. Aber wer auch immer es war, er hat dir etwas Dummes gesagt. Wir haben Tränen, damit wir sie weinen. Weinen erleichtert uns. Also lass sie ruhig fließen. Was stand denn in der Zeitung?“

„Ein Bär ist in Dehland, ein wilder Bär, der erste seit 135 Jahren, und die Menschen wollen ihn erschießen, nur weil er bei einem Bienenvolk ein bisschen Honig gestohlen und ein paar Schafe von der Weide geholt hat.“

Ach ja, dachte Bärdel, Erkenntnis und Interesse. Aber Del war noch jung. Er brauchte zunächst viel Pädagogik, und vielleicht konnte er danach noch ein wenig Philosophie vertragen.

„Hm“, sagte er. „Ein paar Schafe hat der Bär von der Weide geholt, ja? Die Weide hat einem Menschen gehört, und die Schafe darauf auch, nicht wahr? Also hat der Bär gestohlen, vielleicht sogar geraubt, wenn er sich mit Gewalt Zugang zu der Weide verschafft hat. Und was hat er mit den Schafen gemacht? Er hat sie sich nicht nur geholt, wie du gesagt hast, er hat sie gefressen. Natürlich werden Schafe gefressen, vor allem von Menschen, aber die holen sich vorher die Erlaubnis dafür, indem sie für das Fleisch bezahlen. Das hat der Bär nicht getan.“

Um Tussis Willen, dachte Bärdel, dem der Satz Eigentum ist Diebstahl‘ durch den Kopf schoss, was rede ich da eigentlich? Aber da er nun einmal angefangen hatte, musste er die Sache auch zu Ende bringen.

„Der Bär hat also Gesetze verletzt“, fuhr er deshalb fort. „Das alleine stört die Menschen noch nicht, sie halten wilde Tiere für unintelligent und verzeihen ihnen viele Verstöße gegen ihre Regeln. Dieser Bär aber hat sich anscheinend angewöhnt, seine Nahrung mit Vorliebe dort zu suchen, wo die Menschen leben – und das nehmen sie ihm übel, denn sie haben Angst vor ihm. Deshalb bezeichnen sie ihn als Risikobären‘ und wollen ihn loswerden, und dazu sehen sie zwei Möglichkeiten, nicht nur eine, wie du behauptest: erschießen oder einsperren, also in einen Zoo bringen.“

Del hatte sich während seiner Ausführungen ein wenig beruhigt und schniefte nur noch leise.

„Bärdel, darf ich etwas fragen?“

„Selbstverständlich!“

“Eigentlich habe ich zwei Fragen.“

„Frag nur zu!“

„Sind wir auch wilde Bären?“

Au weia! Bärdel konnte sich gut vorstellen, diese gar nicht einfache Frage ausführlich mit Kulle zu erörtern und dabei in Hitze zu geraten, aber was sollte er Del antworten? Er beschloss, sich kurz zu fassen.

„Ja. Wir sind wilde Bären, aber wir halten uns an die Regeln der Menschen, weil wir mitten unter Menschen leben und sonst nicht überleben könnten.“

Wenn Del jetzt fragt, wie ich Wildheit definiere, behaupte ich auch wie Kulle, schreckliche Kopfschmerzen zu haben, dachte Bärdel, aber die Nachfrage blieb aus.

„Wie lautet die zweite Frage?“ wollte Bärdel wissen.

„Wieso interessieren sich die Menschen für das Schicksal eines einzelnen wilden Bären? Ich meine, sie müssen sich dafür interessieren, sonst stände nichts über ihn in der Zeitung!“

Der Kleine kann gut werden, schoss es Bärdel durch den Kopf, vielleicht spezialisiert er sich mal in Soziologie oder Psychologie, aber bis zur Stunde hat er von beidem keine Ahnung. Vielleicht ist er mit einer Schlichterklärung zufrieden…

„Menschen sind nun mal tierlieb. Besonders…“

Del wusste sehr genau, wie unhöflich es war, in der Bärengesellschaft, die das Senioritätsprinzip hoch hielt, einen Älteren zu unterbrechen. Er tat es trotzdem.

„Menschen sind überhaupt nicht tierlieb. Menschen betreiben Massentierhaltung. Menschen züchten also Tiere, um sie zu vernichten und zu verwerten. Gegenüber manchen Tieren entwickeln Menschen allerdings ein ungewöhnliches Maß an Empathie: dazu gehören Eisbären, Wale, vielleicht auch einzelne verirrte Braunbären. Mir ist nicht klar, warum das so ist!“

Bärdel beschloss, ehrlich zu sein.

„Menschen sind hoch entwickelte Tiere und haben entsprechende Bedürfnisse. Hast du dich schon einmal mit der Hierarchie von Bedürfnissen beschäftigt?“

Del schüttelte den Kopf und schaute beschämt zu Boden. In der gebildeten Bärengesellschaft war es eine Schande, etwas nicht zu wissen.

„Das macht doch nichts!“ tröstete Bärdel. „Du bist ja noch jung. Ich kann dir die Sache erklären. Jedes Tier hat Grundbedürfnisse, braucht Essen und Trinken, muss schlafen und Sex haben können. Solange diese unmittelbaren Bedürfnisse nicht befriedigt sind, können wir an nichts anderes denken. Erst danach entwickeln wir Wünsche, die auf die Zukunft und das Zusammenleben mit anderen Tieren gerichtet sind: Wir wollen zum Beispiel Gerechtigkeit, Zuwendung, Sicherheit und Freundschaft oder Liebe. Wir wollen, dass andere uns respektieren, und wollen Achtung vor uns selbst haben können. Der Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung bezieht sich primär auf die eigene Spezies. Hast du mich verstanden?“

„Ja“, sagte Del und schüttelte dabei den Kopf.

Er ist wirklich ein kluger kleiner Kerl, dachte Bärdel und wartete.

„Nein, doch nicht!“ murmelte Del betreten. „Denn – wenn Menschen Zuwendung von Menschen erhoffen und sich Menschen zuwenden, wenn aber andererseits Menschen Mitleid mit Bären und Walen empfinden, dann…“

„Genau!“ bestätigte Bärdel.

Del schwieg lange Zeit, und Bärdel störte ihn nicht in seinen Gedanken.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist“, sagte Del schließlich. „Dass die Menschen einander gar nicht mögen und ihre so genannte Liebe stattdessen Tieren schenken, die sie überhaupt nicht verstehen. Was ist los mit den Menschen, Bärdel?“

Schon wieder so eine Frage, dachte Bärdel. Laut sagte er:

„Plautus war ein römischer Komödiendichter im 3. und 2. Jahrhundert vor der menschlichen westlichen Zeitrechnung, aber manche Dinge meinte er bitterernst. So hat er gesagt: ‚Lupus est homo homini, non homo‚. Besser bekannt ist der Spruch in der Form ‚Homo homini lupus‚. Thomas Hobbes – den musst du unbedingt mal lesen – hat das Zitat aufgegriffen und benutzt, um den Naturzustand des Menschen zu beschreiben. Er dachte, dieser Naturzustand sei durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem ein vernünftiges Zusammenleben festgeschrieben ist, zu überwinden…“

„Aber die Menschen haben es nicht geschafft?“

Graduell schon. Die Sicherheit davor, getötet zu werden, ist in Dehland zweifellos größer als zum Beispiel im Kongo. Aber es gibt auch hier keine Sicherheit vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, im Gegenteil, die Bedrohung, gekündigt zu werden und danach gar keinen oder nur einen prekären Arbeitsplatz zu finden, wächst ständig. Ebenso wächst die Angst vor der Zukunft.“

„Das verstehe ich alles. Nicht klar ist mir, warum die Menschen deshalb einen wilden Bären lieben, der sich nach Bayern verirrt hat.“

Bärdel seufzte, aber lautlos. Ganz so clever, wie er gedacht hatte, war der Kleine doch nicht.

„Weil es Menschen sind, die Menschen verletzen. Wir so genannten wilden Tiere können es ja nicht mehr – wir sind, wie es so schön heißt, ausgerottet. Irgendjemanden müssen hoch entwickelte Tiere, deren Grundbedürfnisse wenigstens weitgehend befriedigt sind, aber lieben oder zumindest mögen. Sich selbst können sie nicht lieben. Also?“

„Oh!“ machte Del. „Danke, Bärdel. Aber ich habe jetzt schreckliche Kopfschmerzen.“

„Ich auch“, sagte Bärdel.

Dehlandkopfschmerzen, dachte er. Aber das dachte er nur.