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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben)

Autotheater

Bärdels Geburtstag stand wieder einmal bevor und warf seine Schatten voraus. Wie alle Jahre wurde der Jubilar vor seinem Ehrentag für lange Abende aus der Höhle verbannt und musste allein draußen frieren, während die Sippe darüber beriet, welche Überraschung sie ihm dieses Mal bereiten wollte. Schließlich einigten sich die Bären, der Frosch und das Schwein auf das Motto: „Bärdel liebt Märchen und eine gute Show.“ Und eifrig begannen sie mit den Vorbereitungen.

Selbstverständlich war für den Festtagsabend ein Gelage geplant mit allem, was Bärenküche und -keller hergaben, aber vorher musste ein Festakt stattfinden, und für den übte man tagelang – was wieder bedeutete, dass der arme Bärdel, der ja überrascht werden sollte, für quälend lange Stunden ins Exil geschickt wurde.
„Wenn sie so lange proben müssen, wird es wohl eine tolle Überraschung geben!“ tröstete er sich und fügte sich in sein Schicksal.
Endlich war soweit.
Nach Bärenbrauch gaben sich alle am Morgen des großen Tages ganz normal und taten, als wäre nichts. Unter Bären gilt es nämlich als äußerst unhöflich, jemandem vor drei Uhr nachmittags zu gratulieren. Dann aber ging es los!
Bärdel lag, äußerlich gelassen, aber innerlich natürlich gespannt wie ein Flitzebogen, auf einer Sommerblumenwiese und nuckelte den Nektar aus ein paar Margeriten, als er von der gesamten Horde überfallen wurde. Man wünschte ihm alles Gute, insbesondere viel Honig, und umarmte ihn nach Bärenart, wobei es äußerst kräftig zuging. Als das allgemeine Durcheinander, das dabei entstanden war, vorüber war, zogen sich alle wieder zurück. Nur Tumu bliebt bei ihm und erklärte:
„Wir haben ein kleines Stückchen für dich eingeübt. Ein Stück aus der Menschenwelt, lebenswahr und echt. Du wirst schon sehen!“

Und schon ging es los. Ein Zug als Menschen verkleideter Bären näherte sich, die meisten im Blaumann, einige auch in Nadelstreifenanzügen. Sie schwenkten Fahnen mit Firmenlogos – da stand VW, Ford und Toyota, da prangte der Mercedesstern. Gruppen von Blaumännern sammelten sich jeweils um einen Nadelstreifenanzug und jubelten ihm zu. Die Nadelstreifen nahmen die Ehrung geschmeichelt entgegen und baten nach einer Weile um Ruhe. Im Chor erklärten sie dann:

„Liebe Belegschaft!
Ich freue mich, dass in unserem Unternehmen Harmonie herrscht. Ihr arbeitet gut, und wir Manager honorieren das, indem wir unserer sozialen Verantwortung gerecht werden. Wir verdienen gut, aber auch wenn das jemals anders sein sollte, werden wir keinen von euch entlassen. Eher verzichten wir selbst auf unser Gehalt. So lasst uns denn weiter schaffen, zum gemeinsamen Wohl und zur Beförderung der individuellen Mobilität der Menschheit, im ehrlichen Konkurrenzkampf mit den anderen Konzernen!“

Die „Belegschaften“ applaudierten frenetisch.

Jetzt trat Kulle auf, seine geliebte rote Fahne schwenkend. Als er die offensichtliche Harmonie von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bemerkte, ließ er sie sinken und lächelte glücklich.
„Es sieht so aus, als brauchte ich die nicht mehr!“ sagte er laut und deutlich.

Alle Schauspieler und auch Tumu sahen Bärdel erwartungsvoll an. Bärdel merkte das natürlich und lächelte, aber deutlich gequält.
„Das habt ihr schön gemacht,“ sagte er und gab sich Mühe, Begeisterung in seine Stimme zu legen. „Ihr wisst ja, dass ich Märchen liebe, das habt ihr deutlich gezeigt. Aber…“ Er machte eine lange Pause und suchte erkennbar nach Worten. „Aber,“ fuhr er schließlich fort, „jetzt ist es sicher Zeit, dass wir zu essen und zu trinken …“
Tumu fiel ihm ins Wort.
„Bärdel, mein lieber Mann, wir alle wissen, wie höflich du bist, und wir schätzen dich dafür. Aber dass dir die Aufführung nicht richtig gefallen hat, kann dir jeder von uns an der Bärennasenspitze ablesen. Du hast recht, wir haben dir ein Märchen gezeigt, aber das war nur der Auftakt. Jetzt kommt das wirkliche Theater!“
Wieder gruppierten sich die Bären neu. Die meisten setzten sich zusammen mit Bärdel und Tumu ins Publikum, andere verschwanden, um sich als Schauspieler zu kostümieren, ein paar bauten rasch eine Bühne  auf mit einem Vorhang davor.

Marionettentheater. Die Fäden, an denen die Spielfiguren hängen, sollen deutlich sichtbar sein.
Ein besserer Salon eines Hotels oder einer Villa, der Ort ist nicht genauer bestimmt. Kirk Kerkorian und Rick Wagoner Jr. treten auf. Wagoner führt Kerkorian und geleitet ihn zu einem Sitzplatz.
Wagoner: Sitzen Sie bequem?
Kerkorian faucht: Nein! Solange die Aktien von General Motors als Junkbonds gehandelt werden, werde ich nirgendwo bequem sitzen! Zufälligerweise besitze ich 44 Millionen Aktien dieses Schrotthaufens, falls Ihnen das entgangen sein sollte! Und was fällt Ihnen dazu ein?
Don Leclair erscheint in der offenen Tür und bleibt stehen. Da er kein Geräusch verursacht hat, bemerken ihn Kerkorian und Wagoner nicht. Leclair hört ihrem Gespräch zu.

30000 Arbeitsplätze wollen Sie abbauen – lächerlich! Das sind noch nicht einmal 10%! Außerdem haben Sie nichts davon – laut dem intelligenten Tarifvertrag, den Sie ausgehandelt haben, müssen Sie auch entlassenen Arbeitern weiterhin Bezüge zahlen. Ganz zu schweigen von den Krankenversicherungskosten für Zehntausende, für die Sie aufzukommen sich verpflichtet haben, als die Zeiten noch besser waren. Oder besser zu sein schienen. Ich sage Ihnen das, was ich schon seit langem sage: Melden Sie endlich Insolvenz an, um das Schlimmste zu verhüten! Aber Sie hören ja doch nicht auf mich. Also bringen Sie mir wenigstens einen Whisky.
Wagoner: Scotch oder Bourbon?
Kerkorian: Geschmacklose Frage – Scotch natürlich! Von dem amerikanischen Kram habe ich die Nase voll.
Wagoner geht zur Bar und bereitet Kerkorian und sich selbst einen Whisky mit Wasser. Als er sich wieder umdreht, bemerkt er Don Leclair.
Wagoner:  Hallo, Don! Wie geht’s? Auch einen Drink?
Leclair: Gerne, ja. Mineralwasser, wenn es dir nichts ausmacht.
Wagoner: Bescheiden, bescheiden. Du baust wohl auch nicht genug Arbeitsplatze ab und solltest demnächst Insolvenz anmelden, oder?
Wagoner serviert die Drinks, er und Leclair setzen sich.
Leclair: Danke. Ich hoffe, dass 30000 Freistellungen in Nordamerika ausreichen werden, um Ford wieder auf die Gewinnerschiene zu bringen. Wir haben uns ein bisschen verkalkuliert, weil wir hauptsächlich auf den Verkauf von Geländewagen gesetzt haben. Sind ja auch tolle Tools, befriedigen das männliche Ego total. Werden aber in letzter Zeit zunehmend weniger angenommen, wegen der Entwicklung der Spritpreise. An niedrigerem Verbrauch haben unsere Ingenieure nicht gearbeitet, warum auch, Autokonzerne haben ihre Interessen auch im Energiebereich.  lacht  Wem sage ich das eigentlich?
Wagoner: Ford geht es also auch nicht gut?
Leclair: Abwarten. Immerhin ist unsere Aktie kräftig gestiegen, als der Stellenabbau bekanntgegeben wurde. Und wir verkaufen ziemlich viel auf Kredit – das Bankgeschäft macht auch Mist, und zwar erstaunlich viel. Allen Mist im Moment, wenn ich ehrlich sein soll. Mit Autos kann man kein Geld mehr verdienen.
Kerkorian: Das klingt nicht so verlockend, das ich mein Portfolio umschichten möchte. Wo ist eigentlich der Dritte im US-Bund? Ich meine, wie geht es Chrysler?
In der offenen Tür erscheint Dieter Zetsche und bleibt stehen
Wagoner und Leclair im Chor: Mr. Kerkorian, Chrysler gibt es nicht mehr. Das heißt jetzt Daimler-Chrysler!
Kerkorian: Jeezus, ich werde alt. Natürlich – Daimler. Fucking Germans. Ich hasse sie. Ist der CEO von denen etwa auch hier?
Zetsche: Guten Abend. Darf ich mich setzen, obwohl ich nur ein fucking German bin? Und auch etwas trinken? Ich hätte gerne einen Apfelsaft,
Zetsche setzt sich unaufgefordert, bekommt aber nichts zu trinken, da niemand sich angesprochen fühlt.
Na gut, es geht auch ohne. Wir verfluchten Deutschen, oder genauer gesagt, ich, ich habe bei Chrysler bereits 26000 überflüssige Stellen gestrichen. In der deutschen Produktion werden demnächst 8500 Jobs in der Produktion abgebaut, in der Konzernverwaltung weltweit 6000.
Kerkorian: Sie verdanken es nur Chrysler, dass es Sie noch gibt!
Zetsche: Da ist was dran. Bei Mercedes haben wir uns verkalkuliert. Wir haben den Smart gebaut, den in den USA niemand fahren will – würde ich auch nicht tun, mich in der winzigen Autokabine auf dem Highway bewegen zwischen all den Riesentrucks. Außerdem haben die traditionellen Mercedes in der letzten Zeit mehr als ein peinliches technisches Problem gehabt. Aber wenn ich Don Leclair richtig verstanden habe, ist es nichts Außergewöhnliches, sich zu verkalkulieren. Und was GM angeht – unsere Aktien sind weit davon entfernt, als Junkbonds betrachtet zu werden.
Kerkorian: Sag ich doch – ohne Chrysler wären Sie nichts! Überhaupt die Germans – fucking Nazis! Wir haben die Reeducation gemacht, ohne uns hätten sie noch nicht einmal Democracy und wüssten überhaupt nichts von Marketing!
Bernd Pietschesrieder tritt auf und bleibt in der Tür stehen
: Bei allem Respekt, Mr. Kerkorian – die Nachkriegszeit ist eine Weile vorbei! Sie haben uns vielleicht Demokratie beigebracht, vielleicht, denn ob wir Demokratie praktizieren und Sie Demokratie beibringen können, ist bis heute fraglich. Aber darum geht es jetzt nicht. Mir als VW-Chef geht es um Marketing – erzählen Sie mir bloß nicht, das hätten die Deutschen von den Amerikanern gelernt! Hat es je ein US-Konzern geschafft, einen großen Teil der Bevölkerung zum Kauf von Optionsscheinen auf ein Produkt zu verführen, dessen Herstellung noch nicht einmal begonnen hatte, wie wir? Nein! Aber deutsches Marketing – man nannte das damals anders – hat es möglich gemacht. Es ging um den KdF-Wagen, den späteren Volkswagen.
Er geht zur Bar, sucht unter den Weinflaschen, entscheidet sich schließlich für ein Glas roten Württembergers, setzt sich nicht, sondern geht zurück zur Tür.
Zetsche: Und was nützt euch das Nazi-Marketing? Die VW-Werke sind heute nur zu 80% ausgelastet, der Absatz stagniert. Euch geht es ganz schön schlecht!
Pietschesrieder: Unsinn! Die Aktie hat in den letzten Tagen um 8% zugelegt! Denn wir werden die Arbeitszeit verlängern, natürlich ohne Lohnausgleich, parallel dazu den Tarif senken und bis zu 20000 Stellen abbauen – das ist das Erfolgsrezept.
Leclair: Ich weiß nicht recht – irgendwie kommt mir das widersinnig vor, Irgend jemand soll mal gesagt haben: „Autos kaufen keine Autos“ – wer das wohl gewesen sein mag? Und wie passt der Ausspruch logisch zu dem, was wir tun?
Kerkorian ist eingeschlafen und bekommt von dem folgenden Gespräch nichts mehr mit.
Wagoner, Zetsche und Pietschesrieder im Chor;  erst langsam, dann immer schneller, mehrfach wiederholt:
Entlassen ist logisch! Entlassen bringt Erfolg!
Entlassen ist logisch! Entlassen bringt Erfolg!
Entlassen ist logisch! Entlassen bringt Erfolg!…
Alle drei hören wie auf Kommando zusammen auf, schauen einander an, grinsen sich verschwörerisch zu, stehen auf, umarmen sich. Leclair ist überzeugt worden und gesellt sich zu ihnen.
Leclair: Ich sei, gestattet mir die Bitte,  in eurem Bund der Dritte – äh, Vierte.
Wagoner: Schon gut, schon gut. Jeder von uns hat ab und zu einen Schwächeanfall, das ist ganz normal.
Zetsche: Der Vierte im Bund – wer fehlt denn eigentlich noch?
Wagoner: Carlos Ghosn ist verhindert – es gibt eines der üblichen Probleme in den Renault-Werken in Frankreich. Ungerechtfertigte Forderungen der Arbeiter, Streikdrohungen und so weiter. Aber Takeshi Suzuki hat zugesagt.
Zetsche: Was – wir sind nur noch zu sechst?
Leclair, Pietschesrieder und Wagoner reden durcheinander.
Pietschesrieder: Gut so – wir sind wieder wer! Für sechs ist Platz auf der Welt, sagen die Analysten – wir werden dazugehören!
Wagoner: Und von den sechs hat GM die rote Laterne! Lange halten wir unsere Zahlungsverpflichtungen nicht mehr durch, wenn der Absatz weiterhin stagniert. Ob der alte Kerkorian doch recht hat?
Leclair: 25 Milliarden Dollar Barmittel sollten reichen, um Ford wieder flott zu machen, damit wir weiterhin dazugehören!
Takeshi Suzuki tritt auf.
Suzuki: Wozu dazugehören?
Alle außer Wagoner im Chor: Zum Klub der Automobilkonzerne der Welt!
Suzuki lacht schallend: IHR wollt dazugehören? IHR? Sehr ernst: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, in ein paar Jahren wird dieser „Klub“ nur noch ein Mitglied haben, und das wird Toyota sein!
Alle anderen lachen ihn aus.
Suzuki: Euch wird das Lachen schon vergehen! Sagen Sie mal, Herr Pietschesrieder – welche Investitionen plant VW in der nächsten Zeit?
Pietschesrieder flüstert: Wir werden die Investitionen um 19 Prozent reduzieren.
Suzuki: Schau, schau – und das kann sich VW nicht leisten! Unsere Investitionen werden gleich bleiben! Wie lange brauchen Sie für den Bau Ihres Golf?
Pietschesrieder flüstert noch leiser: 48 Stunden.
Suzuki: Und Toyota baut den Corolla in 20 Stunden! Wer von Ihnen hat eine Gewinnsteigerung im letzten Jahr von über 30 Prozent? Keiner – ich weiß! Bei Toyota sind es 34 Prozent! Bei wem steigt die Nachfrage? Bei keinem – aber bei Toyota!
Wagoner springt auf und verheddert sich dabei in den Marionettenfäden: Aber wir sind immer noch die Nummer Eins!
Suzuki: Auf dem Papier! Nach Umsatz haben wir General Motors längst überholt. Und unsere Aktien sind keine Junkbonds!
Kerkorian wacht wieder auf.
Wagoner: Verdammt, was sind das eigentlich für blöde Fäden? Wer macht mich hier zur Marionette?
Suzuki: Das ist die unsichtbare Hand des Marktes. Sie wird an euch bald kein Interesse mehr haben und euch fallen lassen. Das wird, wie man weiß, zum Nutzen aller sein. Denn das eigennützige Streben der wirtschaftenden und wirtschaftlich erfolgreichen Menschen trägt im System der natürlichen Freiheit zum Wohl der gesamten Gesellschaft bei. Das wissen wir doch alle seit Adam Smith. Künftig wird es weltweit nur einen Autoproduzenten geben: Toyota!
Kerkorian: Und wo bleibt dann der Markt?
Das Licht geht aus.

Jetzt klatschte Bärdel wirklich begeistert, und alle andren fielen ein.
„Das war zwar kein Märchen, aber prima zeitkritisches Theater! Schade nur, dass wir uns geschworen haben, uns nicht mehr in diese menschlichen Schweinereien einzumischen – oh, entschuldige bitte, Piggy! Und jetzt habe ich wirklich Hunger und Durst! Darf ich euch einladen?“
Muss noch erwähnt werden, dass in Bärenleben an diesem Abend ein rauschendes Fest gefeiert wurde?