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Bärdel Bärdels Märchen (frühe Werke)

Krieg

„Jetzt reicht’s aber wirklich!“ sagte Tumu empört nach dem Ende der „Tagesschau“. Nein, nicht ganz nach dem Ende: Weder die Sportnachrichten noch den Wetterbericht wartete sie ab. Das war seltsam: Zwar interessierte sie sich überhaupt nicht für die sogenannten fairen Wettbewerbe der Menschen, aber dem Wetter der nächsten Tage widmete sie üblicherweise ihre volle Aufmerksamkeit, schätzte die witterungsbedingt zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel ein und stellte dementsprechend ihren Speiseplan zusammen.Wolken
Bärdel schüttelte zwar sanft tadelnd den Kopf, blieb aber ruhig sitzen und wunderte sich auch nicht, als er in der Nacht auf seinem Lager alleine blieb. Er hatte es aufgegeben, sich über Frauen allgemein und Tumu speziell zu wundern – am besten war es, wenn man ihnen ihre Launen ließ und sich nicht darüber aufregte.
Als Tumu am Morgen wieder auftauchte, machte er aber doch große Augen. Ihre dagegen waren ganz klein. Sie sah aus wie eine Bärenfrau, die die ganze Nacht lang nicht geschlafen hat. Wortlos drückte sie Bärdel ein sorgfältig gefaltetes großes weißes Tuch in die Pranken.
„Was soll ich damit?“ brummte er.
„Aufmachen!“ erwiderte sie kurz angebunden. „Und mir zwei dünne, lange Stangen besorgen, aber stabil müssen sie sein. Und dann gehen wir los – ich packe schnell noch ein paar Pilze für unterwegs ein!“
Schon hatte sie sich auf der Ferse umgedreht und war im Wald verschwunden.
Kopfschüttelnd, aber gehorsam faltete Bärdel das Tuch auseinander. Es mußte ein Menschenbettlaken sein, ging es ihm dabei durch den Kopf. Wie mochte das nach Bärenleben gekommen sein? Aber das war jetzt nicht die Hauptfrage. Viel wichtiger war, was Tumu mit dem Stoffstück angestellt hatte. Die schmalen Kanten waren sorgfältig einige Zentimeter breit umgenäht und zusätzlich jeweils oben verschlossen. Wo oben war, erkannte Bärdel leicht: Große Buchstaben aus rotem Stoff prangten auf dem Laken, mit präzisen, kleinen Stichen befestigt. Sie waren so groß, daß Bärdel sich den Text langsam zusammenbuchstabieren mußte.
Wir sagen NEIN! Schluß mit dem Krieg!

las er endlich.
Da kam Tumu auch schon wieder. Die Steinpilze in ihren Pranken dufteten verführerisch. Unwillkürlich streckte Bärdel die Hand danach aus, bekam aber einen kräftigen Hieb auf die Tatze.
„Die sind für unterwegs, das habe ich doch gesagt! Und wo sind die Stangen? Wir müssen los, es eilt!“
Endlich kam Bärdel dazu, die Frage zu stellen, vor der er sich fürchtete. Er wußte nicht genau, warum er Angst hatte, aber er hatte Angst.
„Tumu, was hast Du eigentlich vor?“
„Demonstrieren natürlich!“ antwortete sie kurz angebunden. „Muß ich Dir das etwa erklären?“
Bärdel war klar, daß sie sich schrecklich aufregen würde, wenn er jetzt nickte. Er nickte trotzdem und sagte: „Ja, das mußt Du mir erklären!“
Tumu blickte ihn zweifelnd an. Das konnte doch nicht wahr sein! Schließlich hatte ganz Bärenleben nächtelang diskutiert, und sie war der Meinung, daß die Dorfbewohner zu einer richtigen Einschätzung der sogenannten humanitären Aktion der NATO im ehemaligen Jugoslawien gekommen waren. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, den bitteren Geschmack hinunterzuschlucken, der sich auf ihre Zunge geschlichen hatte. Sollte Bärdel tatsächlich alles vergessen haben?
Sie riß sich zusammen und sagte: „Na gut!“
Schnell sortierte sie ihre Gedanken und holte zu einem längeren Vortrag aus.

Wenn Tumu sich dazu gezwungen sah, eine längere Argumentation zu formulieren, mußte sie sich immer sehr stark konzentrieren. Am liebsten sah sie dabei zu Boden , blickte auf Gräser, Kräuter, Blumen oder nackte Erde, die sie nicht vom Denken ablenkten. Diesmal allerdings fiel es ihr schwer, ihre Gedanken zusammenzuhalten, denn sie hatte das merkwürdige Gefühl, daß alles, was sie sagte, ein Echo hatte. Deshalb schaute sie bei ihren letzten Sätzen ihren Mann an und bemerkte, daß sich seine Lippen synchron zu ihren bewegten.
Das also war das Geheimnis der verdoppelten Stimme! Bärdel sagte genau dasselbe wie sie auch! Zorn wallte in ihr auf.
„Wenn Du das alles genauso weißt wie ich, sogar wörtlich, warum soll ich es Dir dann erklären?“
„Du solltest mir ja nicht die Sache mit dem Krieg erklären, sondern die Sache mit dem Demonstrieren!“ sagte Bärdel friedlich. Er versuchte, sie in den Arm zu nehmen, aber sie wand sich aus seinen Pranken heraus. Nein, sie wollte jetzt keine Zärtlichkeit!
„Die Sache mit dem Demonstrieren ist doch ganz einfach. Wir gehen zu den Menschen und machen ihnen klar, was falsch an diesem Krieg ist. Ganz blöd sind sie ja schließlich auch nicht. Dazu nehmen wir mein Transparent mit. So einfach ist das!“
„Ja“, erwiderte Bärdel. „So einfach ist das, Bärenleben und seine geheime Existenz zu verraten. So einfach ist das, die Jagd auf uns zu eröffnen.“
„Oh!“
Tumus Wut brach in sich zusammen. Hilflos öffnete sie die Hand, und die köstlichen Steinpilze kullerten auf die Erde. Bärdel bückte sich und sammelte sie auf. Er wagte jedoch nicht, seinen Appetit zu befriedigen – Tumu würde sofort wieder sauer reagieren, das wußte er genau.
Sie standen sich gegenüber und sahen einander an.
Nach einer langen Pause sagte Tumu: „Aber irgendwas müssen wir doch tun.“
Hinter dem Satz stand kein Ausrufungszeichen. Ihre Stimme klang hilflos.
„Müssen wir?“ fragte Bärdel.
„Ja, wir müssen!“ Das hörte sich schon wieder energischer an. „Es ist ja nicht so, daß ich Sympathien für die Menschen hätte. Aber wenn wir sie mit ihrer selbstzerstörerischen Politik weitermachen lassen, bringen sie über kurz oder lang auch uns um – so ganz nebenbei.“
„Und wenn wir demonstrieren, bringen sie uns sofort um – ganz gezielt und gar nicht nebenbei. Das siehst Du doch ein, oder?“
Sie nickte, gab sich aber nicht geschlagen. „Also?“ wollte sie wissen. Meistens wußte Bärdel einen Ausweg, aber diesmal zuckte er die Schultern.
„Wir machen das, was Bären immer machen, wenn einzelnen Bären nichts einfällt. Wir halten Kriegsrat. Oder besser Friedensrat. Heute Nachmittag. Und Du gehst jetzt erst mal für ein paar Stunden schlafen, sonst bist Du nachher zu nichts zu gebrauchen.“
Ohne Widerworte nickte Tumu und verschwand im dunklen Mund der Höhle. Das war so ungewöhnlich, daß Bärdel ihr lange nachblickte. Sie mußte wirklich erledigt sein, physisch und psychisch.
Er seufzte. Bevor Bären seufzen, nehmen sie einen tiefen Atemzug. Bei tiefen Atemzügen nehmen sie Gerüche besonders deutlich wahr. Bärdel roch Steinpilze. Herzhaft biß er hinein, völlig ohne schlechtes Gewissen. Er hatte das Gefühl, daß er für das, was kommen würde, eine Stärkung brauchen könnte.
Kulle
Der ungestörte Genuß war nur von kurzer Dauer. Kulle tauchte auf. Das heißt, Bärdel sah ihn zuerst nicht, sondern hörte seine Stimme. Eine äußerst ungehaltene Stimme, die sich auf nur wenige Phrasen konzentrierte und immer wieder eine wiederholte: „Konterrevolutionäre Aktion“.
Bärdel genoß den Geschmack des letzten Pilzes und machte sich auf die kommende Katastrophe gefaßt.
Als Kulle schließlich hinter dem nächsten Gebüsch sichtbar wurde, schimpfte er weiter vor sich hin. Ohne Bärdel zu bemerken, stocherte er mit einer langen Stange im Unterholz herum, ohne darauf zu achten, daß er Wurzeln, Beeren und Pilze zerstörte. Systematisch suchte er jeden Quadratmeter ab. Dabei fluchte er ohne Unterlaß – „Tussifixnochmal“ – und drohte zwischendurch den Konterrevolutionären, daß er sie fassen und fürchterlich bestrafen werde. Schließlich stieß er unsanft gegen Bärdel, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte.
Blitzschnell drehte Kulle sich um, und noch während der Drehung hob er seinen Stock, holte zum Schlag aus und rief: „Jetzt hab ich Dich!“
„Ja, jetzt hast Du mich. Aber was hast Du davon? Ich habe Dir nichts getan. Ich bin übrigens Bärdel, falls Du das vergessen haben solltest.“
Trotz des jahrelang immer wieder von allen Bewohnern Bärenlebens eingeübten passiven Widerstands war Bärdel in Situationen wie diesen durchaus mulmig zumute. Aber er brauchte keine Angst zu haben – als Kulle ihn erkannt hatte, beruhigte er sich sofort.
„Ach, Du bist es!“ sagte er. Und ohne sich für die Rempelei zu entschuldigen, fragte er unvermittelt: „Hast Du meine rote Fahne gesehen?“
„Nein“, sagte Bärdel.
Er wußte genau, wonach Kulle fragte. Vor langer Zeit war Kulle in der ehemaligen DDR unterwegs gewesen und hatte dort versucht, sich als Lehrer sein Brot zu verdienen. Von seiner Wanderung hatte er eine rote Fahne mit nach Bärenleben gebracht, die er seitdem wie seinen Augapfel hütete. Zugleich mit der Erinnerung schoß Bärdel ein Verdacht durch den Kopf, abder den behielt er zunächst noch für sich. Stattdessen fragte er:
„Wozu brauchst Du denn die Fahne?“
„Na, für eine Demonstration selbstverständlich!“ Kulle begann sogar zu singen: „Die rote Fahne weht uns voran, die rote Fahne weht uns voran…“und wechselte dann unvermittelt ins Italienische: „Evviva communismo e liberta!“
Auch dazu verkniff sich Bärdel jeden Kommentar unf fragte nur schlicht: „Und wofür oder wogegen willst Du mit der roten Fahne demonstrieren?“
Kulle schaute ihn so verwundert an, als sei Bärdel eine unverhofft aufgetauchte unbekannte Lebensform von Alpha Centauri.
„Gegen den Krieg! Gegen die NATO. Gegen den Krieg im Kosovo. Muß ich Dir das wirklich erklären?“
Bärdel schüttelte den Kopf, aber Kulle fuhr trotzdem unbeirrt fort.
„Die NATO führt einen Angriffskrieg in Jugoslawien, der völkerrechtswidrig ist. Einen solchen Krieg kann nur der Sicherheitsrat der UNO erklären. Die NATO bringt mit ihrem selbsterteilten Mandat zur Bewahrung der Menschenrechte eine neue Dimension möglicher Kriege in die Welt, denn schließlich kann theoretisch in Zukunft jedes Militärbündnis erklären, daß es Vernichtungswaffen einsetzt, um Menschenleben zu schützen. Apropos Menschenleben schützen: Mit ihrem Luftkrieg hat die NATO die humanitäre Katastrophe, die sie angeblich verhindern wollte, erst geschaffen.Die Vertreibung aus dem Kosovo hat seit dem NATO-Krieg Hunderttausende von Menschen ins Elend gestürzt. Die Infrastruktur Jugoslawiens ist zerstört. Und der Weltfrieden ist ernsthaft bedroht, weil Rußland und China diesem Krieg wohl nicht unbegrenzt zusehen werden.“
Ein Gefühl, das er bisher zwar aus der Literatur kannte, aber nie für möglich gehalten hätte, beschlich Bärdel: DÉja vu! Dieselbe Szene hatte er vor wenigen Augenblicken mit Tumu erlebt.
„Danke, das weiß ich alles“, sagte er. „Du bist übrigens nicht der einzige, der auf die Idee mit der Demonstration gekommen ist. Tumu hat die ganze Nacht an einem Transparent dafür gearbeitet. Sie hat rote Stoffbuchstaben auf ein weißes Laken genäht – ich fürchte, von Deiner Fahne sind nur noch Fetzen übrig.“
Bärdel machte sich auf einen weiteren Wutausbruch Kulles gefaßt, aber zu seiner überraschuing blieb dieser gefaßt.
„Na ja“, brummte er nur. „Sie hat es bestimmt gut gemeint. Immerhin hätte sie vorher fragen können – mit roter Fahne wäre die Demo viel provokativer. Aber was soll‘s – wir haben ein Transparent. Also los – jede Sekunde ist kostbar!“
Bärdel hatte keine Lust, Kulle zu erklären, was eine Demonstration für Bärenleben bedeuten würde. Es reichte ihm schon, daß er das, was er Tumu gesagt hatte, am Nachmittag noch einmal würde wiederholen müssen. Deshalb zog er sich auf logische Argumente und auf die basisdemokratischen Verfahrensweisen Bärenlebens zurück.
„Wollen wir etwa zu zweit demonstrieren? Tumu habe ich erstmal schlafen geschickt, weil sie völlig übernächtigt war. Alle anderen sind in den Beeren und in den Pilzen. Heute Nachmittag ist Bärenrat – dann werden wir alle gemeinsam entscheiden, was wir machen!“
Kulle murrte zwar, sah aber keine andere Möglichkeit, als sich zu fügen.
Die Versammlung am frühen Abend begann ungewöhnlich, und alle Bären spürten, daß etwas in der Luft lag. Vor dem Eingang zur Höhle hatte sich Tumu aufgebaut, zwei Meter von ihr entfernt stand Manfred. Zwischen ihnen spannte sich das zweckentfremdete Bettlaken und begrüßte jeden Ankömmling mit seiner Parole:
Wir sagen NEIN! Schluß mit dem Krieg!
Bärdel seufzte lautlos. Tumu hatte sich also nicht von ihm überzeugen lassen, und Manfred hatte sie auch auf ihre Seite gebracht. Und was war mit Kulle? Wenn auch Kulle sich für die Demonstration aussprach, würde es ein harter Kampf werden. Ein sehr harter Kampf. Wahrscheinlich ein aussichtsloser Kampf.
Kulle erschien deutlich verspätet als letzter. Anstatt sich zu entschuldigen, was angemessen gewesen wäre, deutete er stolz auf das Paket, das er feierlich vor sich hertrug.
„Wie gut, daß manche Menschen so reinlich sind! Es war kein Problem, im nächsten Dorf ein Laken von der Leine zu mopsen. Leider war es weiß – aber wie ihr seht, weiß ein intelligenter Bär sich zu helfen!“
Er entfaltete das Tuch, das etliche Farbschattierungern zwischen hellrosa und hellrot aufwies. Es sah aus wie das Produkt unprofessioneller Batik.
Kulle war an Lob oder Tadel offensichtlich nicht interessiert, sondern von seiner Arbeit überzeugt.
„Himbeeren!“ erklärte er stolz. Und fuhr unvermittelt fort: „Ohne eine rote Fahne demonstriere ich nämlich nicht!“
Die Bären murmelten verunsichert und fragten sich, was das alles solle. Es war Zeit, die Versammlung zu eröffnen.
„Bären!“ sagte Bärdel. Und dann erklärte er das Problem. Er blieb objektiv: Selbstverständlich durften die Bären nicht tatenlos zusehen, wie die Menschen politische Lösungen von Konflikten scheinrationaler militärischer Logik überließen, die zur Vernichtung menschlichen und bärischen Lebens führen konnte, aber ebenso selbstverständlich durfte Bärenleben seine Existenz nicht verraten. Als er endlich fertig war – er hatte ausführlich gesprochen, weil er wollte, daß wirklich jeder und jede, auch die Jungbären, verstanden, worum es ging, eröffnete er die Diskussion.
Die erste Pranke, die sich in die Luft erhob, gehörte Kulle. Wieder seufzte Bärdel lautlos – zum wievielten Mal eigentlich an diesem Tag? Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als Kulle das Wort zu erteilen.
„Bärinnen und Bären!“
So feierlich hatte Kulle noch nie begonnen – er schien Großes vorzuhaben.
„Bärinnen und Bären!“ wiederholte er. „Dehland und Krieg – das ist eine schier unendliche Geschichte. Natürlich bringt eine geostrategische Mittellage immer auch die Notwendigkeit mit sich, Verteidigungs- oder Befreiungskriege zu führen, aber davon möchte ich hier einmal absehen – das würde zu weit führen. Mein Thema sind heute die Aggressionskriege. Seit 1866 hat Dehland davon etliche geführt. Ich will es euch und mir ersparen, darauf näher einzugehen, ich sage nur 1870, 1914, 1939. Und jetzt sage ich 1999. Aber neben dieser unheilvollen Tradition hat Dehland auch eine positive, eine hoffnungsvolle vorzuweisen. Ich will mich kurzfassen und mich auf unser Jahrhundert beschränken. Schon im August 1914, als es um die Bewilligung der Kriegskredite ging, hat Karl Liebknecht, wohlbemerkt ein Gründungsmitglied der späteren kommunistischen Partei, im Reichstag als einziger dagegen gestimmt…“
Kulle hangelte sich über Bertha von Suttner zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, würdigte die Ostermärsche der 50er Jahre, die Anti-Atomkriegsbewegung, den massenhaften Protest gegen den NATO-Doppelbeschluß und die immerhin noch wahrnehmbare Bewegung gegen den Irak-Krieg 1990. Er erläuterte alles ausführlich. Schon bald hörte ihm kaum jemand mehr zu: Nur wenige Bären nutzen ihre Mußestunden dafür, sich mit Geschichte zu beschäftigen; an den meisten rauschte Kulles rascher Vortrag dementsprechend spurenlos vorbei.
Erst als er zum Schluß kam – und das wie jeder schlechte Redner mit den Worten: „Ich komme jetzt zum Schluß“ auch ankündigte -, atmete das Auditorium auf und wurde wieder aufmerksam.
„Mitbären!“ sagte er schlicht. „Deshalb müssen wir jetzt demonstrieren, unter der roten Fahne demonstrieren, denn außer uns tut es niemand!“
Das Antwortgebrumm der Versammlung signalisierte überwiegend Ablehnung. Bärdel war erleichtert – Kulle hatte sich mit seinem Hang zum Dozieren selbst ausgepunktet. Aber er wußte, daß er noch nicht gewonnen hatte.
„Wer möchte als nächster sprechen?“ fragte er.
„Ich, und nicht als nächster, sondern als nächste!“
Tumu klang nicht nur aggressiv, sie war es auch.
„Kosovarische Frauen werden vergewaltigt, nicht nur zufällig, wie es im Krieg scheinbar ‚normal‘ ist, sondern massenhaft. Kosovarische Männer verschwinden zu Tausenden und werden zum Teil anschließend in Massengräbern wiedergefunden. Häuser brennen, nicht, weil der Blitz eingeschlagen hat oder es einen Kurzschluß gab, sondern weil man sie angezündet hat. Hunderttausende versuchen in die Nachbarländer zu fliehen, um all dem zu entgehen. Dagegen muß man doch etwas tun!“
Schon bei Tumus erstem Satz war eine alte Bärin aufmerksam geworden. Ungeduldig wackelte sie auf ihrem breiten Hintern hin und her und platzte sofort los, als Tumu fertig war:
„Wer vergewaltigt denn die Frauen? Wer erschießt die Männer? Wer zündet die Häuser an?“
Es war Tumu anzusehen, daß ihr diese Frage unangenehm war. Widerwillig antwortete sie dennoch:
„Die Serben.“
Die Bärin war zwar ein wenig verwirrt, hatte aber ein gutes Gedächtnis.
„Kulle will also“, sagte sie langsam, daß wir gegen den Krieg demonstrieren. Und Du sagst, daß die Serben am Elend in dieser Gegend – wie heißt sie doch …?“
„Kosovo.“
„…also gut, in dieser Gegend Kosovo schuld sind. Also sollen wir gegen die Serben demonstrieren?“
„Ja!“ sagte Tumu.
Gleichzeitig sagte Kulle: „Natürlich nicht. Wir demonstrieren gegen die NATO.“
Plötzlich begannen alle durcheinanderzureden.
„Ich demonstriere überhaupt nicht.“
„Höchstens gegen Gentechnologie bei Him- und Brombeeren.“
„Ich versteh das alles gar nicht.“
„Wo leben eigentlich die Serben?“
„Selbst wenn ich das wüßte, selbst wenn ich wüßte, was sie tun – warum sollte ich dann gegen die NATO demonstrieren?“
„Wer oder was ist eigentlich die NATO?“
Bei dieser letzten Frage geschah etwas Merkwürdiges: Tumu, Kulle und Bärdel schienen plötzlich ihr Volumen zu verdoppeln. Ihnen sträubte sich das Fell, und derselbe Gedanke schoß ihnen durch den Kopf: Das also war das Ergebnis nächtelanger erregter Diskussionen? Kein Konsens, keine Information, sondern schlichte Ignoranz?
„Bären…“
„Bärinnen…“
„Bärinnen und Bären…“
Gleichzeitig hatten Kulle, Tumu und Bärdel Luft geholt und zu reden begonnen, aber sie hörten gleich wieder auf, weil niemand ihnen zuhörte. Kleine Gesprächszirkel hatten sich gebildet: Das Schwein erklärte einer Gruppe von erstaunten Jungbären, daß die NATO eine kriminelle Vereinigung sei, die von den Besitzern der Chicagoer Schachthöfe finanziert wurde, die an Vergewaltigungen interessierte alte Bärin hatte eine Gruppe von Frauen um sich geschart, in der gegen Männergewalt polemisiert wurde, und Manfred demonstrierte mit Hilfe einer Landkarte die militärische Lage rund um Belgrad.
Gleichzeitig seufzten Tumu, Kulle und Bärdel und schauten einander an. Lange.
„Und jetzt?“ fragte Bärdel endlich.
„Jetzt,“ sagte Tumu überraschend energisch, „kümmere ich mich ums Abendessen. Wie wär‘s mit Waldbeerenmix, allerdings ohne Himbeeren? Die dürfte Kulle nämlich verbraucht haben.“
Die beiden Männer nickten überrascht, und Tumu verschwand im Gebüsch.
„Was hat sie denn auf einmal?“ wollte Kulle wissen.
„Gar nichts. Sie weiß nur, wann sie verloren hat. Jedenfalls für den Moment. Ich wette, daß sie auf der morgigen Versammlung den Vorschlag machen wird, für alle einen obligatorischen politischen Unterricht einzuführen. Mit Prüfungen. Oder daß sie eine Vortragsreihe starten will. Irgendetwas in dieser Richtung jedenfalls.“
„Wieso verloren?“ brummte Kulle. „‘Die Ideologie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift!‘“
„Wenn!“ schmunzelte Bärdel. „In so manchem ‚wenn‘ steckt ein ‚falls‘, falls Du das noch nicht bemerkt haben solltest. Und ich habe mir sagen lassen, daß es falsche und richtige Ideologien gibt, ist es nicht so?“
Kulle verzichtete darauf, auf diese rhetorische Frage zu antworten. Sein Blick richtete sich auf die Erde, wo zu seinen Füßen ein verkrumpeltes hellrotes Stoffpaket lag. Bärdel schaute derweil in den Himmel. Knapp über dem Horizont zog ein schwerer Militärtransporter einen doppelten weißen Kondensstreifen hinter sich her. Er war beruhigend weit weg.
Bärdel verfolgte das Flugzeug mit den Augen. Er beschloß, Tumus Vorschläge, die er für die nächste Versammlung erwartete, nach Kräften zu unterstützen. Ohne den Blick abzuwenden, tastete er mit der Pranke nach Kulle und fand ihn. Er spürte ein leichtes Beben und wußte, was das bedeutete.
„Wir haben kein Rückgrat zum Zerschlagen,“ murmelte er.
Das Beben wurde stärker. Bärdels Augen blieben auf den Himmel gerichtet.