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Bärdel Bärdels Märchen (frühe Werke)

Die Lehre

 

Es war einmal ein Bär namens Kulle, der war sehr belesen. Er war nicht nur belesen, er war auch klug: Er verknüpfte die Elemente seines Wissens miteinander und zog aus allem die richtigen Schlußfolgerungen.

So etwas ist bei den Bären nicht verboten. Zwar schreiben und drucken sie selbst keine Bücher, das tun nur die Menschen. Aber manchmal, das wissen sie, faßt sogar ein Mensch ein paar vernünftige Gedanken. Warum sollten sie davon nicht profitieren? Sie schätzen es sehr, wenn ein lesender Bär an ihren abendlichen Gesprächsrunden teilnimmt, neue, ihnen bisher fremde Ideen einbringt und sie darüber nachdenken und diskutieren können.

Kulle aber war bei ihnen unbeliebt. Er beschränkte sich nämlich keineswegs auf die Rolle, die sie von ihm erwarteten. Auch tagsüber meinte er ihnen dauernd erzählen zu müssen, was er wieder Neues gelernt hatte. Das ärgerte sie, weil sie sich deshalb nicht auf ihre Arbeit konzentrieren konnten. Und abends gab er sich nicht damit zufrieden, einfach mitzureden, sondern wollte sie ständig belehren und behauptete, immer recht zu haben.

Lange erduldeten sie diesen Zustand, aber irgendwann fanden sie ihn unerträglich. Heimlich beratschlagten sie und teilten dem überraschten Kulle dann ihren Entschluß mit:

„Du solltest Lehrer werden!“

„Oh,“ sagte Kulle.

Es war klar, daß er damit nicht gerechnet haben konnte. Bei den Bären gab es nämlich keine Schulen – Schulen betrachteten sie als Entfremdung (übrigens eine Vokabel, die Kulle ihnen beigebracht hatte). Alles, was Jungbären lernen mußten, erfuhren sie im täglichen Leben mit der Sippe. Schulen gab es nur bei den Menschen.

Kulle fügte sich in sein Schicksal und machte sich auf die Wanderschaft. Er ging westwärts und stieg dabei bald über einen Gebirgszug, den die Menschen das Erzgebirge nannten. Auf der anderen Seite kam er in der Ebene in eine große Stadt. Sie hieß Chemnitz, behaupteten die Ortseingangsschilder, aber Kulle glaubte das nicht so recht: Diese Stadt entsprach den Bildern, die er von einem Ort namens Karl-Marx-Stadt aus Büchern kannte.

Schon in einem Vorort stieß er auf eine Anlage, die eine Schule sein mußte: flache Gebäude mit großen Fensterflächen in den Wänden, ein großer asphaltierter Hof, auf dem sich viele junge Menschen aufhielten. Hastig packte Kulle sein einziges Gepäck aus – ein langes, kariertes Stoffband. Geschickt legte er es sich um den Hals und knüpfte eine kunstvolle Schleife. Diese Krawatte mußte als Tarnung reichen – er hoffte, daß er jetzt wie ein Mensch aussah.

Mutig betrat er das größte Haus, fand schnell die Schulverwaltung und stand im Sekretariat.

„Guten Tag,“ sagte er, „ich bin Lehrer und suche eine Stelle.“

Mißtrauisch betrachtete ihn die Sekretärin.

„Russisch?“ fragte sie.

Kulle wußte nicht so recht, was sie meinte, da er aber sicher war, daß er kein russischer Bär war, antwortete er: „Nein.“

„Na, dann will ich’s mal wagen,“ sagte die Frau. „Ich melde Sie der Direktorin.“

Kulle durfte durch eine weitere Tür treten, wurde begrüßt und sollte sich setzen. Im letzten Moment reagierte er richtig: Er hockte sich nicht wie gewohnt auf den Boden, sondern brachte sich vorsichtig auf einem wacklig wirkenden Stuhl unter – ihm war schließlich klar, daß er nicht ganz leicht war.

„Sie suchen eine Stelle?“

„Ja, eine Stelle als Lehrer.“

„Welches Fach oder welche Fächer unterrichten Sie?“

Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Was konnte damit gemeint sein? In welcher Schublade er unterrichtete? Oder: Welche Schublade er unterrichtete? Das konnte es nicht sein. Er beschloß, „Fach“ mit „Gegenstand“ zu übersetzen. Welche Dummheit: Wußten die Menschen denn nicht, daß es keine „Gegenstände“ gab, sondern daß auf der Welt alles mit allem zusammenhing? Aber jetzt war keine Zeit für solche grundsätzlichen Überlegungen. Er wollte schließlich hier angestellt werden.

Was konnte er am besten? Was war sein „Fach“? Eigentlich war alles Naturwissenschaft oder Politik – aber auch das ließ sich nicht so richtig trennen. Er spielte Vabanque – etwas anderes blieb ihm auch gar nicht übrig.

„Politik,“ murmelte er.

„Politik?“ Die Direktorin schien ihm nicht zu glauben. Also hatte er bestimmt etwas falsch gemacht. Aber nun mußte er bei seiner Aussage bleiben.

„Ja, Politik,“ bestätigte er.

„Wundervoll!“ jubelte die Direktorin. „Wissen Sie, daß Sie der erste Politiklehrer in diesem Bezirk sind? Und das an meiner Schule! Sie können sofort anfangen – am besten gleich morgen!“

Kulle fiel ein Stein vom Herzen. Er wußte nicht warum, aber er hatte offenbar einen Volltreffer gelandet. Er bedankte sich und verabschiedete sich höflich, holte sich seinen „Stundenplan“ ab (Was das wohl wieder war?) und verschwand für eine Beerenmahlzeit in den Wäldern.

Die Direktorin war nicht minder erleichtert. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, daß sie vor lauter Begeisterung nicht nach den Zeugnissen des neuen Kollegen gefragt hatte.

„Wir werden als einzige den Plan erfüllen,“ murmelte sie vor sich hin. Als ihr bewußt wurde, was sie gesagt hatte, korrigierte sie sich:

„Wir werden als einzige die Unterrichtsverpflichtung im Fach Politik abdecken!“

Seinem „Stundenplan“ hatte Kulle entnommen, daß er um 8.00 Uhr mit dem Unterricht anfangen sollte. Solche Zeitangaben scherten ihn wenig – Bären werden mit dem Aufgang der Sonne aktiv und ziehen sich spätestens bei Sonnenuntergang zum Plaudern zurück. Natürlich hatte er keine Uhr. Da es Sommer war, kam er zwei Stunden zu früh zur Schule. Um sich zu beschäftigen, las er obskure Dinge, die im Lehrerzimmer herumlagen – „Schulverwaltungsblatt“, „Terminplan“, „Mitteilungsbuch“ und dergleichen mehr. Er gewann den Eindruck, daß die Menschen perfekt darin waren, sich Korsetts anzulegen, ohne es zu bemerken.

Endlich war es soweit. Er fand seine „Klasse“ und sah sich zwanzig ungefähr achtzehnjährigen Menschen gegenüber. Er betrachtete sie, und sie schätzten ihn ab. An ihm konnten sie als hervorstechendes Merkmal nur seine Schleife registrieren, er aber sah viel mehr: Markenjeans, Markenschuhe, teure Jacken, die lässig über Stuhllehnen baumelten, T-Shirts, Sweatshirts und Pullover mit aufdringlich schreienden Markennamen. Hier lag ein Taschenrechner, dort wollte ein Walkmann wieder in Betrieb gesetzt werden.

Statt einer Begrüßung sagte er: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung'“.

Er erntete verblüfftes Schweigen.

„Stimmt!“ sagte schließlich eine kleine Dicke.

„Wieso?“ fragte ein langer Dünner.

„Na, ist doch klar!“ antwortete die Dicke. „Seit wir hier den Kapitalismus haben, gibt es jede Menge Waren. Und jeder, der viel von dem Zeug hat, das man kaufen kann, gilt als reich. Alles andere zählt nicht. Capito?“

„Aber das ist doch ungerecht!“ rief eine Dritte.

„Wieso?“ fragte ein Vierter.

„Ist doch klar!“ sagte die Dritte. „Mein Vater ist arbeitslos, meine Mutter schon lange, wovon sollen wir uns also all die Waren kaufen können, die uns reich machen?“

„Das verstehe ich,“ meinte der Vierte. „Warum können denn nicht alle reich sein?“

Ich wag’s,‘ sagte sich Kulle.Das scheinen ganz intelligente Menschen zu sein.‘

Und er zitierte aus dem Kopf:

„Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt, wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer also diese Reservearmeee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschicht der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizille Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“

„Was soll das denn heißen?“ fragte der Dünne.

„Diesmal hab ich’s kapiert, glaube ich,“ sagte die Vierte. „Das Kapital will Profit, sonst nichts. Folglich steigert es die Arbeitsproduktivität, ersetzt also Menschen durch Maschinen. Die noch gebrauchten Menschen müssen immer mehr malochen, und alle anderen werden arbeitslos. Im Kapitalismus geht das gar nicht anders.“

Zum ersten (und auch zum letzten) Mal in seiner Lehrerrolle verhielt Kulle sich angemessen: Er gab der Vierten im Kopf eine „Eins“. Und nebenbei fragte er sich, warum der Autor, den er gerade zitiert hatte, sich nicht genau so einfach hatte ausdrücken können wie seine Schülerin.

„Und? Was können wir dagegen tun?“ wollte die Dicke wissen.

Kulle wartete und hoffte, daß jemand aus der Klasse die naheliegende Lösung fand. Aber es herrschte Schweigen.

Also mußte er ihnen helfen.

„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein…“

Bei dem Wort „Revolution“ runzelten viele Schüler die Stirn. Verunsichert brach er ab. In der letzten Reihe meldete sich eine junge Frau.

„Ja?“ fragte Kulle.

„Sagen Sie mal, Herr…“

„Oh, Entschuldigung,“ sagte Kulle. „Kulle.“

„Sagen Sie mal, Herr Kulle, wen zitieren Sie da eigentlich dauernd?“

Kulle war verdattert. Diese Frage hatte er in dieser Stadt nicht erwartet. Tatsächlich schien es niemand zu wissen, alle Schüler schauten ihn neugierig an.

„Karl Marx natürlich,“ sagte er also schulterzuckend.

Einen Augenblick lang herrschte verblüfftes Schweigen. Dann brach ein Tumult los. Alle schrien durcheinander.

„Raus hier!“

„Wohl von der Stasi übriggeblieben, was?“

„Du liebst uns wohl alle?“

„Kommunistensau!“

„Hau ab!“

Kulle folgte der Aufforderung. Ihm war nicht ganz klar, was da schiefgelaufen war, aber hier war seines Bleibens nicht länger. Kopfschüttelnd lief er durch Karl-Chemnitz-Marx-Stadt und strandete an einem riesigen Marmorsockel. Als er den Kopf hob, sah er, daß der Kopf ihn ansah.

„Wieso sind die Menschen hier so blöd?“ fragte Kulle den Kopf.

Der Kopf antwortete nicht und starrte finster in visionäre Fernen.

Da machte Kulle sich auf die Wanderschaft. Er ging auf die Suche nach Menschen, die klug waren und verstanden, was in ihrer Welt vor sich ging.

Wir wollen hoffen, daß er noch lebt und inzwischen seßhaft werden konnte. Aber wahrscheinlich zieht er noch immer umher.