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Bärdel Bärdels Märchen (frühe Werke)

Manfred geht zur Schule

„Aua!“

Bärdel wischte sich die Pfote an der Hinterbacke ab, ohne nachzudenken. Von der Biene, die ihn gestochen hatte, blieb nur ein Brei aus Chitin und undefinierbaren Flüssigkeiten übrig. Er sah sich um.

Im Apfelbaum hinter ihm summte ein Bienenschwarm von mindestens einem Meter Durchmesser, der sich zusehends verkleinerte. Sie ließen sich nieder, drängten sich eng an eng um ihre Königin, um sie zu beschützen. Ein neuer Schwarm, ein Schwarm ohne Stock. In dieser Phase waren die Bienen immer aggressiv. Bärdel verstand jetzt, warum ihn eine gestochen hatte.

„Manfred!“

Manfred, der die Imkerei des Bärenstammes übernommen hatte, reagierte nicht. Er hatte ein paar leere Bienenkörbe eingelagert, um auf Situationen wie diese vorbereitet zu sein. Er wäre jetzt nützlich gewesen. Aber statt seiner tauchte Tumu auf.

„Manfred ist nicht da,“ erklärte sie schlicht.

„Immer dasselbe,“ brummte Bärdel. „Wir hätten jetzt gut eine neue Bienenheimat für einen neuen Stamm und dafür einen mutigen Imker gebrauchen können. Aber Manfred ist ja nie da, wenn es nötig ist. Wo ist er denn?“

„In der Schule,“ sagte Tumu, als sei das das selbstverständlichste von der Welt.

Bärdel runzelte die Stirn. Plötzlich tat seine Hand von dem Insektenstich wieder weh. Aber die Ursache war nicht die Biene, das wußte er genau.

„In welcher Schule?“ wollte er wissen.

„Es gibt nur eine Schule, das weißt Du so gut wie ich.“

„Die Menschenschule? Und Du bist damit einverstanden?“

„Ja. Er hat es sich gewünscht. Kulle findet das übrigens auch gut.“

„Kulle?“

„Kulle. Er muß es schließlich wissen, er hat seine Erfahrungen gemacht.“ (vergleiche: „Die Lehre“))

„Und wenn er entdeckt wird?“

„Er wird nicht entdeckt, das weißt Du genau. Schließlich hat er es schon einmal geschafft, sich als Mensch auszugeben. (vergleiche: „Jobsuche)„) Und Du hat doch auch schon unter menschlicher Maske agiert, nicht wahr?“ (vergleiche: „Menschenliebe„)

„Na ja“, brummte Bärdel. „Schön und gut, aber wer bändigt jetzt die Bienen?“

„Ich natürlich!“ sagte Tumu. „Schließlich habe ich Manfred die Imkerei beigebracht.“

In der Tat hatte Manfred zunächst keinerlei Probleme. Er trabte nach Lehrte – den Weg kannte er schließlich gut – und fand in der kleinen Stadt schnell das Gymnasium. Im Sekretariat zog er ein gut gefälschtes Zeugnis über den erweiterten Sekundarabschluß I aus der Tasche – übrigens auch mit guten Noten versehen. Er wurde freundlichst begrüßt, vom Direktor, der gerade, wie die meisten Gymnasialdirektoren, nichts zu tun hatte, zum Kaffee eingeladen, er füllte ein Anmeldeformular aus, und schon war „Manfred Bär“ Schüler der Klasse 11 B.

Manfred war noch in der Dunkelheit in Bärenleben aufgebrochen, aber der Anmarsch und die Formalitäten hatten Zeit gekostet. Es war jetzt später Vormittag. Er stand wieder auf dem Gang vor dem Sekretariat, als ein mißtönender Gong erschallte. Er begann mit einem harmonischen absteigenden Dreiklang – ding – deng – dong -, endete aber auf einer unpassenden Septime. Manfred fragte einen jungen Mann, der ihm entgegenkam, was das zu bedeuten habe.

„Eh, Alter, biste doof, eh? Das war der Gong nach der beschissenen dritten Stunde. In fünf Minuten kannste das Gleiche noch mal hören – dann klingelt’s zur noch viel beschisseneren vierten Stunde. Die wird ich übrigens abhängen und n Köfte einpfeifen – kein Bock auf Physik!“

Manfred hatte Mühe, den nuschelnden Typen zu verstehen. Das mochte am Kaugummi liegen, den er unentwegt zwischen seinen Zähnen zu zermalmen versuchte. Er hatte aber auch das Gefühl, daß zahlreiche Laute im Schirm der Baseballkappe hängen blieben, die der Junge tief in die Stirn gezogen hatte. Vielleicht verschwanden sie aber auch in seinem Hosenboden, der, für Manfred unverständlich, irgendwo zwischen den Kniekehlen hing.

Er verzichtete auf irgendwelche Nachfragen und wollte nur noch wissen: „Kannste mir sagen, wo die 11 B ist?“

Was zeigt, daß Manfred schnell lernt.

„Zweiter, letzte Tür. Gehörste dazu? Viel Spaß – die haben jetzt Geschichte.“

Geschichte
Manfred ergänzte ‚Stock‘ in seinem Hinterkopf, fand die richtige Tür und traf zugleich mit der Geschichtslehrerin in der Klasse ein. Bescheiden blieb er an der Tür stehen. Lange, fand er. Es dauerte einige Minuten, bis die dreiundzwanzig oder vierundzwanzig jungen Leute in dem Raum geruhten, die Anwesenheit der Lehrerin zur Kenntnis zu nehmen. Die schien das ganz normal zu finden. Sie schickte ihren Blick immer wieder in den Raum und beugte sich zwischendurch kurz über ein großes Heft, in das sie etwas eintrug.

„Zehn fehlen!“ stellte sie schließlich fest. Dann endlich entdeckte sie Manfred. „Und wer sind Sie?“

„Manfred Bär. Ich gehör jetzt dazu, kannste glauben.“

Manfred war sehr stolz darauf, daß er den Slang, den man hier offenbar sprach, so schnell gelernt hatte. Aber er mußte etwas falsch gemacht haben, denn das Gesicht der Lehrerin verzog sich ärgerlich.

„Wenn Sie sich weiterhin dieses Jargons bedienen, werden Sie bestimmt nicht lange dazugehören, das können Sie mir glauben! Setzen Sie sich!“

Manfred suchte sich einen freien Platz neben einer jungen Frau, die sofort demonstrativ ein Stück zur Seite rückte. Von seinem Hintermann hörte er ein leises „Cool!“ Er hatte keine Ahnung, worauf sich dieser Kommentar bezog und was er bedeutete. Kühl war es in diesem Klassenraum nicht gerade.

Der Ärger der Lehrerin war anscheinend noch nicht verraucht, denn sie nahm sich Manfred gleich noch einmal vor.

„Wir beschäftigen uns in dieser Phase des Unterrichts mit der griechischen Antike. Manfred, was wissen Sie darüber?“

Ach du liebe Tussi! Wie würde das wirken, wenn er jetzt erzählte, was er wußte? Er wußte nämlich eine Menge.

„Könnten Sie Ihre Frage bitte präzisieren?“

Immerhin, er hatte begriffen, daß er mit der Lehrerin eine andere Sprache sprechen mußte als mit seinen Mitschülern.

Die Klasse prustete los, und die Lehrerin wandte sich von ihm ab und der Klasse zu. Ihr Gesicht war jetzt zornrot.

„Danke, das reicht! Kann uns vielleicht sonst jemand helfen?“

Die Heiterkeit verschwand. Plötzlich hatte jeder Schüler etwas zu tun: suchte etwas in seiner Tasche, putzte sich die Nase, schrieb „Griechische Antike“ oben auf ein Blatt Papier oder schaute einfach nur auf die Tischplatte vor sich. Das Signal war eindeutig: Im Augenblick bin ich viel zu beschäftigt, um angesprochen zu werden.

Allmählich verstand Manfred. Niemand wußte etwas von der griechischen Antike. Die Lehrerin schien das gewußt zu haben, denn sie hatte seine Bitte um Präzisierung offenbar als Provokation verstanden. Aber warum hatte sie ihre Frage gestellt, wenn sie gar nicht mit einer Antwort rechnete? Merkwürdig! Aber er war ein Bär, und Bären sind nicht nachtragend. Manfred tat die Frau leid, wie sie so verloren vor der Klasse stand, die sie zu ignorieren versuchte. Er war bereit, ihr zu helfen.

Zaghaft hob er den Arm.

„Ja, Manfred?“

Trotz des drohenden Untertones in ihrer Stimme, der ihm rätselhaft blieb, legte Manfred tapfer los.

„In der griechischen Antike sind aus heutiger Perspektive vor allem die Aspekte Politik, Philosophie und teilweise auch Mathematik und Physik von Interesse. In den Poleis – Singular Polis – , in den Stadtstaaten also, finden wir mit Modifikationen bereits alle auch heute denkbaren Regierungsformen: Erbmonarchien, Diktaturen und Ansätze von Demokratie. Die griechischen Philosophen legten den Grundstein für Überlegungen, auf die bis heute noch keine allgemein anerkannten Antworten gefunden worden sind. Vom Solipsismus bis zum Materialismus ist dort alles vertreten.“

Manfred unterbrach sich selbst. Es war völlig still im Raum geworden. Nur durch die dünne Wand hörte man aus dem Nebenraum die dröhnende Stimme eines Mannes, der eine mathematische Formel zu erklären versuchte. Sowohl die Lehrerin als auch seine Mitschüler sahen ihn mit weit aufgerissenen Augen und zum Teil offenen Mündern an.

„Soll ich das näher erläutern?“ fragte er unsicher.

„Nein, danke.“ Die Lehrerin fing sich wieder und schenkte ihm ein anerkennendes Nicken. Sie griff in ihre Tasche und förderte einen Stapel Fotokopien zutage. „Sie haben mir ein Stichwort gegeben: Philosophie. Ich habe Ihnen einige wichtige Aussagen griechischer Philosophen zusammengestellt.“

Sie begann ihre Blätter auszuteilen.

Manfred las. Ganz oben stand der Satz: ‚Der Mensch ist das Maß aller Dinge.‘ (Protagoras)

„Das hätte ich mir denken können“, schoß es ihm durch den Kopf.

Was er sich nicht gedacht hatte, war, daß er die nächste Pause, die eine Viertelstunde dauerte, allein verbrachte. Zumindest fast allein. Er schien Luft für seine Mitschüler zu sein. Nur einmal rempelte ihn ein Junge unsanft an und sagte dabei:

Ey Du Arsch, wennde glaubst, dassde hier die Preise verderben kannst, denn kriegste ziemlichen Ärger, das versprech ich Dir. Bei uns is easy going angesagt, capito?“

Nein, Manfred kapierte nicht. Wie sollte ein kleiner Bär auch verstehen, daß Menschenkinder in einem Gymnasium ihre Energie hauptsächlich darauf verschwendeten, möglichst wenig zu lernen?

In der fünften Stunde stand Politik auf dem Lehrplan. Pünktlich mit dem Gong saß Manfred auf seinem Platz. Er blieb lange allein. Erst eine Weile später bummelten seine Mitschüler in den Raum, und der Lehrer, ein kleiner rundlicher Mann, der wohl ungefähr fünfzig Jahre alt sein mochte, erschien gemessenen Schrittes als letzter. Er seufzte – wohl anstelle einer Begrüßung -, ließ sich umständlich auf den Stuhl hinter dem Lehrerpult sacken, schaute freundlich in die Runde und fragte: „Was gibt es neues?“

„Anna hat’n neuen Freund!“ sagte ein Junge in der letzten Reihe.

„Sei ruhig, Du Arsch, was geht’n Dich das an!“ Das blonde Mädchen, das das sagte, war rot geworden. Vermutlich, dachte Manfred, war sie Anna.

„Interessant, interessant. Natürlich geht Paul das konkret sehr wenig an, es sei denn, er war Ihr voriger Freund, Anna. Aber uns alle, Sie alle geht das Problem an, das hier angesprochen worden ist: Wie finden junge Menschen in ihrem Alter den richtigen Partner beziehungsweise die richtige Partnerin? Ich halte es für eine gute Idee, heute darüber zu sprechen.“ Das war der Lehrer.

Die Klasse war nicht abgeneigt; es entwickelte sich sogar ein Gespräch, in dem vor allem die Jungen sich darin hervortaten, möglichst viel Gossenjargon zu produzieren. Manfred schwieg, denn er konnte als Bär zu diesem Problem wenig sagen, und lernte viel. Auch der Lehrer sagte kaum etwas, aber er war durchaus bei der Sache. Manfred erkannte das an seinen Augen, die dann zu glänzen begannen, wenn ein Schüler besonders konkret von seinen Erfahrungen berichtete. Das war ein guter Lehrer, fand er – anders als seine Kollegin in der Stunde zuvor verstand er es, seine Schüler zu motivieren.

Die Zeit bis zum Gong verging wie im Flug. Nachdem der Lehrer etwas in das große Heft auf dem Pult geschrieben hatte, verließ er das Zimmer. Erst jetzt merkte Manfred, daß er noch nicht einmal eine Tasche bei sich trug. Er ging zum Lehrertisch und betrachtete die neuesten Eintragungen. Erst jetzt erinnerte er sich, daß sie soeben Politik gehabt hatten. Hätten haben sollen. Neben die Fächerbezeichnung hatte der Lehrer geschrieben: Einführung des Euro. Aha.

Manfred fühlte sich ein wenig taumelig. Nicht nur die Schüler wollten nicht lernen, auch die Lehrer wollten also nicht lehren. Das hatte er sich alles ganz anders vorgestellt. Sollte er gleich wieder nach Bärenleben laufen oder noch die letzte, die sechste Stunde mitmachen? Morgen würde er bestimmt nicht mehr wiederkommen, soviel stand fest. Er beschloß zu bleiben, nachdem er einen Blick auf den Stundenplan geworfen hatte. ‚Biologie‘ stand dort. Das ging ihn als Bären einiges an.

Die alte weißhaarige Dame machte tatsächlich Biologieunterricht. Sie schaffte es sogar, einige Schüler mit ihrer Begeisterung anzustecken. Die Klasse mikroskopierte Pflanzenzellen, und die Schüler versuchten, das, was sie sahen, in einer Zeichnung festzuhalten. Die Lehrerin korrigierte die Ergebnisse freundlich, nannte die Namen der einzelnen Zellbestandteile – was die Klasse zum Stöhnen brachte – und erklärte dann, wie ein solches winziges Kraftwerk funktionierte. Sie sprach von Bewunderung für dieses Ergebnis der Evolution, das alle menschliche Technik weit in den Schatten stellte, ja sogar von Ehrfurcht.

Eine Biene hatte sich in den Fachraum verirrt. Sie schien das weiße Haar der Lehrerin mit einer Blüte zu verwechseln und steuerte darauf zu. Die Biologin gestattete ihr nur zwei Versuche, dann traf sie das Insekt gezielt mit dem dicken Lehrbuch, das sie in der Hand hielt. Zufrieden betrachtete sie ihr Zerstörungswerk und machte schon wieder den Mund auf, um weiter von der Faszination des Lebens zu schwärmen. In diesem Moment erklang der mißtönende Gong.

Zusammen mit den anderen verließ Manfred fluchtartig den Raum und machte sich auf den Weg nach Bärenleben. Unterwegs versuchte er, seine Eindrücke zu sortieren, aber alles wirbelte kunterbunt in seinem Kopf herum. Zu Hause schüttelte er als Reaktion auf Bärdels, Kulles und Tumus Fragen nach seinen Erlebnissen nur den Kopf und machte sich daran, einen unbehausten Bienenschwarm einzufangen – den zweiten des Tages. Allmählich wurde er dabei ruhiger, aber es dauerte noch Tage, bis er in der Lage war, der abendlichen Bärenversammlung alles zu erzählen. Nur mit Kulles Unterstützung glaubten ihm die anderen, daß er die Wahrheit sagte. Hätte Kulle nicht immer wieder versichert, daß er ähnliches erlebt hatte, die Dorfgemeinschaft hätte Manfreds Erzählung als Bärenmärchen abgetan.

 

Manfred