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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben)

Voyager

Na und Nuk

Auch Bärenkinder in Bärenleben haben ab und zu Schwierigkeiten einzuschlafen, und dann beginnen sie zu quengeln. Das unterscheidet sie nicht von jungen Menschen. Die wollen in solchen Fällen meist länger fernsehen dürfen oder länger spielen oder länger im Internet surfen. Bärenkinder dagegen wünschen sich immer nur das eine: eine Gute-Nacht-Geschichte.

„Tante Atti, bitte erzähl uns eine Geschichte!“ bettelten die Eisbärenzwillinge.

„Sonst gerne, Kinder, aber heute habe ich fürchterliche Kopfschmerzen. Fragt Onkel Ramses, der ist abends sowieso immer lange wach.“ Und sie rieb sich die schmerzende Stirn und verschwand in der Schlafhöhle.

„Onkel Ramses, kannst Du uns bitte eine Geschichte erzählen?“

„Tut mir leid, Kinder, heute passt das gar nicht. Ich habe eine Verabredung mit einer reizenden Fröschin aus dem Nachbardorf. Tschüs!“ Und er hüpfte davon.

„Onkel Bärdel, wir wünschen uns ganz dringend eine Gute-Nacht-Geschichte!“

„Und ich wünsche mir ganz dringend meine Ruhe!“ Sprach’s und verschwand in der Bibliothek.

„Na sah ihre Schwester an. „Was machen wir jetzt?“

„Wir könnten Onkel Kulle fragen,“ schlug Nuk vor.

„Dummchen! Onkel Kulle erzählt keine erfundenen Geschichten. Er ist Wissenschaftler!“

„Dann fragen wir ihn einfach, was er gerade jetzt erforscht. Er redet gern über seine Arbeit. Und wenn er redet, schlafen wir allmählich ein…“

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, erzähl uns von Deinen aktuellen Forschungen!“

„Gerne! Aber das hat mit Physik zu tun – interessiert Euch das wirklich?“

„Natürlich! Wir haben einen Physikkurs bei Onkel Manfred gemacht.“

„Nun gut. Im Jahr 1977 hat die amerikanische Weltraumbehörde NASA zwei baugleiche Raumsonden gestartet, die wurden „Voyager“ genannt. Ihr Auftrag war, die äußeren Planeten des Sonnensystems zu erkunden, vor allem Jupiter und Saturn und deren Monde. Diesen Auftrag erledigten sie viel besser als erhofft, und danach ging es weiter zu Uranus und Neptun. Inzwischen haben beide das Sonnensystem verlassen. Sie funktionieren immer noch und senden regelmäßig Signale zur Erde.“

„Wow! Dann treffen sie bestimmt irgendwann Aliens!“ behauptete Na, die immer noch hellwach war.

Na

„Das ist wenig wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie leer das Universum ist,“ wandte Kulle ein. „Aber Du hast recht, kleine Na: Selbst an diese Möglichkeit hat man vor 42 Jahren gedacht. Deshalb haben die Voyagers eine Schallplatte mit, auf der sich die Menschheit den Außerirdischen vorstellt. Sogar ein Tonkopf ist beigelegt, falls die Aliens mit solchen Tonträgern nicht vertraut sein sollten.“

Auch die Eisbärenzwillinge wussten nicht genau, was Schallplatten waren, aber sie hüteten sich nachzufragen, denn sie wollten Kulle nicht von den viel interessanteren Extraterristen ablenken.

„Die Menschheit stellt sich völlig anders gearteten Lebewesen vor? Wie geht das denn?“

„Das ist wirklich nicht ganz einfach. Deshalb hat ein Team von Wissenschaftlern lange darüber nachgedacht. Zuerst müssen die Menschen den Aliens klarmachen, dass sie intelligent sind. Das vermittelt man am besten mit Mathematik. Die Sprache der Natur ist die Mathematik, hat angeblich Galileo Galilei gesagt – wisst Ihr, wer das ist?“

„Klar, Onkel Kulle: ‚Und sie bewegt sich doch!‘“

„Gut. Also Mathe, Physik, Chemie und Informationen über unser Sonnensystem. Hauptsächlich natürlich über die Erde und deren begabteste Spezies, die Menschen. Anatomie, genetische Struktur, Fortpflanzung, Sozialverhalten, gesellschaftliches Leben, technische Errungenschaften. Sie haben Bilder geschickt, um das alles zu zeigen. Und zahlreiche Geräusche, um die Bilder zu illustrieren. Es folgen Grüße in verschiedenen Sprachen, manche Sprecher fordern die Aliens auf, die friedliche Erde zu besuchen. Und dann folgt der Hauptteil: 90 Minuten Musik, 27 Titel, davon sieben, also über 25 Prozent, klassische europäische Werke.“

Na gähnte. „Und es gibt natürlich keinen Hinweis darauf, dass es sich um eine musikalisch eurozentrische Sichtweise handeln könnte?“

„Nein.“

„Wird auf dieser Schallplatte erwähnt, dass Arten ausgerottet werden und dass Tiere in Mastanlagen gequält werden?“

„Nein.“

Nuk löste ihre Schwester ab. Na war bereits kurz vor dem Einschlafen, das spürte sie. „Onkel Kulle, ist davon die Rede, dass Menschen Menschen umbringen und dass das erlaubt ist, wenn jemand erklärt hat, dass Krieg herrscht? Und dass auf der Erde meistens Krieg herrscht?“

„Nein.“

„Sagen die Menschen den Aliens, dass sie die schlimmsten Raubtiere der Erde sind?“

„Nein.“

„Glauben die Menschen wirklich, dass sie nett sind?“

„Ja.“

„Ach, Onkel Kulle. Wir haben gedacht, dass Du keine Märchen erzählen kannst. Aber diese Gute-Nacht-Geschichte war wunderschön. Wir schlafen jetzt.“

Na und Nuk kuschelten sich aneinander.

Kulle seufzte. Wieso meinten die Kinder, dass er ihnen ein Märchen erzählt hatte?

September 2019