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Kulle Ökonomische Marginalien

Zur Evolution

P.D. Kulle

Uns ist eine sehr alte Geschichte überliefert:

Ein göttliches Wesen schuf allein aus seinem Willen eine ganze Welt und benötigte dazu nur sieben Tage. Genau genommen, brauchte er nur sechs, denn danach war er vom Schöpfen so erschöpft, dass er sich einen Ruhetag gönnte, um neue Kraft zu schöpfen.

Am sechsten Tag hatte er aus Materie ein ihm ebenbildliches Wesen geformt, den Menschen. Der war neugierig, ungehorsam, emotional unkontrolliert und mörderisch, zudem für alle Laster empfänglich. Das versetzte seinen Schöpfer in Zorn, und er beschloss, ihn zu vernichten. Die Tiere aber, die er vor dem Menschen geschaffen hatte, wollte er überleben lassen, wozu er der Hilfe einiger Menschen bedurfte. Er suchte sich Noah und dessen Söhne aus, die er beauftragte, ein großes Schiff zu bauen, in dem von jedem der Tiere ein Paar Quartier finden sollte, je ein männliches und ein weibliches. Dass er vergaß, Noah und seinen Söhnen Frauen beizugeben, sei nur am Rande vermerkt. Oder er hat es nicht vergessen, sondern die Übermittler der alten Geschichte waren alte Männer und hielten Frauen für nicht erwähnenswert. Wie auch immer: Als alle wie gefordert an Bord waren, ließ der Schöpfer für 40 Tage eine verheerende Flut über die Welt kommen. Alle Menschen kamen dabei um, logischerweise auch alle Pflanzen und alle Tiere außerhalb des Schiffes, aber die waren nach der Überschwemmung wieder da, sonst hätten die geretteten Tieren ja verhungern müssen. Logischen Überlegungen zufolge hätte sich der Schöpfer die gesamte Operation also sparen können. Die Arche der Tiere strandete am Berg Ararat, der, wie man weiß, in der Türkei zu finden ist. Dort müssen alle ausgestiegen sein, und ihre Nachfahren erfreuen sich noch heute des Lebens, so die Erzählung.

Dass diese alte Geschichte einige Fragen aufwirft, haben wir oben bereits angedeutet. Eine wesentliche Frage aber beschäftigte Naturforscher bis in die Neuzeit hinein: Wenn alle Tiere in der Türkei anlandeten, wie kamen dann zum Beispiel die Bisons nach Nordamerika, die Pinguine in die Ant-, die Eisbären dagegen in die Arktis? Und: Sind alle Arten wirklich noch vorhanden? Wie sollte man sich Fossilienfunde erklären, die sich keiner rezenten Tierart zuordnen ließen? Wenn einiges darauf hindeutet, dass Arten aussterben können, sollten nicht auch neue entstehen?

Die Antwort auf all diese Fragen lieferte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Charles Darwin mit seinem Werk „Über die Entstehung der Arten“. Aufgrund empirischer Forschungen konnte er plausibel erklären, dass das Leben auf der Erde nicht in wenigen Tagen „geschöpft“ worden war, sondern sich in Jahrmillionen entwickelt hatte, und zwar sinnvoll auf der Basis des Zufalls. Pflanzen wie auch Tiere sind keine freischwebenden Individuen, sondern haben Lebensräume. Die Art, die in einem bestimmten Habitat die meisten Nährstoffe zu gewinnen vermag, wird sich stärker als konkurrierende Spezies reproduzieren und wird diese verdrängen. Die Art, die in der Lage ist, ein neues Biotop zu besiedeln, wird dieses Biotop dominieren. Individuen innerhalb einer Art, die sich am besten zu ernähren wissen, werden stärker als ihre weniger dazu fähigen Artgenossen und haben größere Chancen, sich fortzupflanzen. Der Zufall bei diesem Prozess der Evolution wird durch das Erbgut gegeben, das bei sexueller Fortpflanzung neu gemischt wird. Dazu kommt, das die Erbinformationen nicht immer korrekt kopiert werden und so Fehler entstehen, Mutationen, die in ihrer überwiegenden Zahl negativ für die Folgegenerationen sind, aber mitunter auch qualitative Sprünge bewirken können.

Es handelt sich bei der Evolution also um einen Kampf ums Überleben, der so lange fortdauert, wie es miteinander konkurrierende Arten gibt.

Was aber geschieht, wenn eine Spezies alle Habitate besetzt hat und andere Arten nicht mehr zu fürchten braucht? Ist diese Spezis nicht nur vernunftbegabt, sondern vernünftig, wird sie die Situation analysieren, sich einen Überblick über die ihr zur Verfügung stehenden Rohstoffe verschaffen und ihren Stoffwechsel mit der Natur auf einem Niveau stabilisieren, das ihr eine lange Existenz in ihrem Habitat zwar nicht garantieren, wohl aber ermöglichen kann. Ist sie es nicht, wird sie ihre Lebensbasis zugrunde richten.

Der Planet Erde ist in das Zeitalter des Anthropozän eingetreten. Homo sapiens sapiens hat in einem langen Evolutionsprozess nicht nur seine menschlichen Konkurrenzarten aus dem Feld geschlagen, sondern braucht sich auch vor anderen Raubtieren nicht mehr zu fürchten. Allein Viren und Bakterien können ihm noch gefährlich werden, aber Homo hat eine hoch effiziente Forschung entwickelt, die es ihm bisher jedenfalls erlaubt hat, derartige Angriffe zurückzuschlagen. „Aus dem Feld schlagen“ und „zurückschlagen“ ist nicht nur auf mikrobiologischer Ebene, sondern in vielen Fällen gleichzusetzen mit „ausrotten“. Eine Kosten-Nutzen-Relation wurde dabei in der Regel nicht erstellt, dergleichen pflegt Homo im Rahmen seiner Ökonomie, die ihm alles bedeutet, nur für Betriebe zu berechnen. Während Fauna und Flora um ihn herum schwinden, ist Homo zur Selbstbegrenzung nicht bereit. Seine ideologische Setzung, unabhängig von allen Kulturen, lautet: „Menschliches Leben ist unantastbar. Der Wunsch nach Kindern muss erfüllt werden“. Die eingangs erwähnte alte Geschichte ist dabei relevant: Der Glaube an die Gottähnlichkeit oder zumindest Gottesnähe der eigenen Spezies ist in den meisten Menschnköpfen so tief verankert, dass er genetische Grundlagen zu haben scheint. Damit ist der Mechanismus der Evolution, nur den besser Adaptierten die Fortpflanzung zu ermöglichen, außer Kraft gesetzt. Ermöglich wird das Leben nahezu aller gezeugten Menschen, unabhängig von ihrem Potential, durch die weit entwickelte menschliche Medizin. Ungewollt kinderlosen Paaren wird, zumindest in den reichen Ländern, auch künstliche Befruchtung ermöglicht. So explodiert die menschliche Bevölkerung auf der Welt. Eine rationale Bewertung der zur Verfügung stehenden begrenzten Ressourcen wird durch die ideologische Selbstwahrnehmung  verunmöglicht. Der zentrale weltanschauliche Grundsatz wird immer in Zeiten des Krieges verletzt, Zeiten, die in der menschlichen Geschichte den Regelzustand darstellen. In diesen Zeiten gilt, dass keine Regel gilt. Trotz des  Blutzolls, der permanent gefordert wird, ist es Homo nicht gelungen, seine Spezies zu dezimieren. Das Gegenteil ist der Fall.

Wir kommen zum Schluss.

Q.E.D. :
Pffffffffffttt

Oder, um mein bekanntes Fazit zu variieren: Dumm gelaufen.

P.S. Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.

April 2019