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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben) Kulle

Herbstdämmerung

Baerdel

Der Sommer war sehr groß, aber jetzt war es Zeit. Der Herr gab den letzten Früchten noch zwei südlichere Tage, aber dann legte er seinen Schatten auf die Sonnenuhren und ließ die Winde auf den Fluren los.

Und damit war den in ein Sonett gegossenen Forderungen Rilkes Genüge getan, wenn auch nur prosaisch.

Bärdel schlug das „Buch der Bilder“, eine wertvolle bibliografische Ausgabe, zu, kraulte sich den wohlgemästeten Bauch und blinzelte in die Morgendämmerung. Er wartete auf Kulle, den regelmäßigen Gefährten seiner Morgenspaziergänge, und hatte sich währenddessen mit der Jahreszeit entsprechender Lyrik unterhalten.

Manfred

Von Kulle war jedoch noch nichts zu sehen. Stattdessen tauchte Manfred aus der Richtung der Kommunikationszentrale von Bärenleben auf. Die Haare seines sonst sehr gepflegten Pelzes standen wirr in alle Richtungen ab, ein untrügliches Zeichen, dass er sehr aufgeregt war. Er war so außer sich, dass er seinen Vater überhaupt nicht wahrnahm, sondern blicklos an ihm vorbeirennen wollte. Erst dessen Stimme stoppte ihn:

„Manfred!“

„Oh, Papa! Ich hab Dich gar nicht…“

„Das war nicht zu übersehen. Was ist denn los?“

„Die Welt ist aus den Fugen!“

„Das ist sie erstens schon lange, und zweitens ist das Zitat falsch: ‚The time is out of joint‘, sagt Hamlet.“ Bärdel hatte erkennbar seine literarische Stunde, aber seine Reaktion regte Manfred nur noch mehr auf.

„Dann redet Hamlet Quatsch! Zeit und Raum sind a priori, das kannst Du bei Kant nachlesen, und können gar nicht aus den Fugen sein! Aber die Welt…“

„Was findet Du denn gerade so schlimm?“ Bärdel merkte, dass Manfreds Gemütszustand mit Bildungsbärentum nicht beizukommen war.

Manfred fasste sich tatsächlich: „Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und das erste Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verfolgt, und ich war entsetzt. Zwei Menschen im Greisenalter, als Präsidentschaftskandidaten von ihren jeweiligen Parteien nominiert, reden aneinander vorbei. Clinton hat jahrzehntelange Politikerfahrung, vielleicht ein Konzept, aber bestimmt kein Charisma, ihre Reaktionen sind einstudiert, ihre Antworten auswendig gelernt. Trump hat Geld und Selbstbewusstsein, aber kein Selbstbewusstsein – weißt Du, was ich meine?“

Bärdel nickte. „In der deutschen Sprache gibt es da keine Differenzierung. Trump ist self-confident, aber nicht self-conscious. Er ist selbstsicher, aber er ist sich seiner selbst nicht bewusst.“

„Danke, genau das meine ich. Er lügt erkennbar, aber er scheint das gar nicht zu merken. Er ist unbeherrscht. Und er hat von Politik und Wirtschaft keine Ahnung.“ Manfred holte tief Luft. „Ich verstehe nicht, dass Demokraten und Republikaner keine besseren Kandidaten gefunden haben. Und ich verstehe schon gar nicht, dass möglicherweise Trump am achten November zum Präsidenten gewählt wird.“

Bärdel wünschte sich jetzt dringend seinen Freund Kulle herbei, der weniger als er von Literatur verstand, dabei aber um so mehr von Politik. Von Kulle war allerdings immer noch nichts zu sehen. Also fing er mit den einfacheren Erklärungen an.

„In Dehland werden politische Spitzenkandidaten auch von ihren Parteien nominiert, genau wie in den USA, aber anders als in den USA bezahlen die Parteien auch den Wahlkampf. In den USA muss jeder Kandidat um Spenden werben und/oder seine Ausgaben aus eigener Tasche bezahlen, und deshalb gibt es im Wahlkampf meist nur reiche Menschen, wie Clinton, oder Superreiche, wie Trump.“

Kulle

„Die beiden großen Parteien in den USA sind nicht mehr zeitgemäß. Sie verstehen sich immer noch als Vertreter der WASPs, der White Anglo-Saxon Protestants, die nach der Gründung der USA die intellektuell, wirtschaftlich und politisch dominierende Schicht stellten. Auch wenn die Demokraten vorgeben, sich für African Americans und Hispanics einzusetzen, wenn sie sogar acht Jahre lang einen schwarzen Präsidenten gestellt haben, bleibt ihre Politik doch alten Schemata verhaftet. Aber das ist Parteipolitik. Viel spannender ist die Meinung der Bevölkerung.“ Die bekannte Stimme kam zunächst aus dem Gebüsch, aber Kulle teilte die Zweige, während er sprach, und stand jetzt vor ihnen.

„Guten Morgen! Entschuldigung, ich habe mich ein wenig verspätet, ich habe verschlafen. Ich habe mir nämlich den Tort angetan, heute Nacht diese sogenannte Fernsehdebatte zu verfolgen – nun ja. Wie ich höre, war ich nicht der einzige. Manfred, Du hast gerade sehr interessante Fragen aufgeworfen.“

Kulle glättete seine Fliege und fuhr fort. „Wenn es Euch recht ist, möchte ich eine Antwort darauf versuchen.“ Wie zufällig streifte sein Blick Bärdel, und er registrierte mit Genugtuung, dass dessen Gesichtszüge sich entspannten. Manfred sah ihn begeistert an. Kulles Ego vollführte einen begeisterten Salto.

„Ich werde dazu weiter ausholen. Der intelligente Mensch Stanislaw Lem hat eine Theorie über das Wesen der Menschen aufgestellt, deren Kernaussagen er in den Mund einer intelligenten Maschine legt. Dieser Theorie zufolge hat die Evolution des tierischen Lebens auf der Erde auf einer recht hohen Stufe zu einem Zustand geführt, der eine Lücke evozierte: Nicht alle Handlungen wurden mehr rein instinktiv gesteuert. Dass Lem rein instinktives Handeln uns Tieren unterstellt, ist natürlich Unsinn und allein seiner menschlichen Borniertheit geschuldet, aber seine Aussagen über seine eigene Spezies sind zweifellos nachdenkenswert.

Die Lücke bedeutet, sich zwischen Alternativen entscheiden zu können. Die Lücke ist das, was der Mensch selbstgerecht als ‚Verstand‘ bezeichnet.

Nun ist das Entscheiden ein anstrengender Prozess, dauernde Entscheidungen überfordern auch Bären, ganz gewiss aber Menschen. Deshalb, so Lem, organisieren die Menschen ihr Leben in regelhaften Gemeinschaften, die sie selbst als ‚Kulturen‘ bezeichnen. Die Vorschriften darin, die sie selbst gemacht haben, die sie aber schnell als von überirdischen oder irdischen Mächten gegeben betrachten, nehmen ihnen die Notwendigkeit der Entscheidung ab: in toleranten Kulturen nur zum Teil, in doktrinären vollständig. Soweit Lem.

‚Die Welt ist aus den Fugen‘ hat Manfred vorhin gesagt. Das ist zwar ein nicht korrektes Zitat, wohl aber eine korrekte Zustandsbeschreibung. Die technologischen Veränderungen in der Menschenwelt, allen voran die Revolution der Kommunikation und der Berufswelt, stellen tradierte Kulturen in Frage. Die gesellschaftliche Antwort darauf ist ein Auseinanderdriften der Menschengesellschaften: Doktrinär bestimmtes Leben wird noch doktrinärer, permissive Kulturen verzichten zunehmend auf verbindliche Regeln. Und die Gesellschaften mit fixen Grundsätzen und die Gesellschaften ohne fixe Grundsätze werfen den jeweils anderen vor, am fugenlosen Zustand der Welt schuld zu sein.“

„Ist ja alles schön und gut!“ murrte Manfred. „Aber ich weiß immer noch nicht, warum ein Amerikaner Donald Trump wählen sollte.“

Kulle schüttelte den Kopf so leise, dass nur Bärdel es sehen konnte. „Die USA sind eine zumindest in Teilen tolerante Kultur. In ihr zu leben erfordert Entscheidungen. Trump versprich den Menschen, ihnen die Entscheidungen abzunehmen, indem er ihnen sagt, wer böse ist und wer gut. Er verspricht ihnen das Ende der wirtschaftlichen Unsicherheit, indem er die ‚fugenlose‘ Welt von den USA fern hält: Durch eine Mauer gegen Mexiko, durch Protektionismus. Er ist der reiche Onkel, der es ganz nach oben geschafft hat und der verspricht, dass alles für alle gut wird. Wie man Kindern leichtfertig unhaltbare Versprechungen macht.“

Alle schwiegen lange, bis Manfred leise fragte: „Auf der Welt gibt es gerade viele Kinder unter den Menschen, oder?“

„Ich fürchte, ja.“

„Jetzt gehen wir aber endlich spazieren!“ forderte Bärdel gewollt heiter, obwohl ihm das Herz ebenso schwer war wie Manfred. „Wer kommt mit?“

Sie wanderten zu dritt durch die dehländische Ebene, aber anders als sonst begleiteten sie keine munteren Reden.

September 2016