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Die Kanzlerin

Ramses

Die Kanzlerin

„Entschuldige bitte, Joachim! Ja, natürlich möchte ich lieber zusammen mit Dir in den Alpen wandern, wie jeden Sommer. Und ich habe nun mal nur knapp drei Wochen Urlaub vom Regieren, das ist wenig genug. Du als Prof mit Deinen opulenten Semesterferien – davon kann unsereins nur träumen. Die paar Tage muss ich jetzt für meine Zukunft nutzen. Kannst Du vielleicht mit Deinem Sohn wandern gehen?“

Sie stopfte Waschzeug, Wäsche und warme Kleidung in einen Rucksack, dem man die Herkunft aus der DDR sowohl ansah als auch anroch.

„Und wohin willst Du allein wandern? Du willst doch zu Fuß los, oder? Fall bloß nicht wieder hin wie letztens beim Langlauf!“

„Ich habe keine Ahnung, wo sie in Dehland leben, aber ich muss sie finden. Der Altkanzler, dessen „Mädchen“ ich war, war bei ihnen und hat einen Brief für künftige Kanzler geschrieben, in dem alles über sie und das Beerental steht. Der Genosse der Bosse hat den Brief gefunden, ich habe ihn bei meinem Einzug ins Kanzleramt im Papierkorb entdeckt. Ich habe daraufhin das Beerental systematisch absuchen lassen, verdeckt natürlich, von scheinbar harmlosen Wanderern und Pilzsammlern, aber es gibt dort wirklich nur noch Beeren. Ihre Höhle ist verlassen.“

„Du hast nicht mal wieder viel zu wenig geschlafen? Du redest wirr!“

„Ich habe ganz bestimmt viel zu wenig geschlafen. Mir schwimmen die Felle weg. Die Umfragewerte der Union sind im Keller, nach der letzten „Sonntagsfrage“ kommen CDU/CSU und SPD zusammen mit Glück vielleicht auf gerade noch 50% der Stimmen, und die AFD wird drittstärkste Fraktion. Die EU droht zu zerbrechen, und der Flüchtlingsdeal mit der Türkei wird scheitern. Damit werde ich scheitern. Ich muss versuchen, das zu verhindern.“

„Und wie? Du könntest doch auch mal wieder nur zu Hause sein, Kartoffelsuppe kochen, Apfelkuchen backen…“

„Ach ja? Lassen der Herr Professor sich dann auch emeritieren, und wir ziehen uns auf die Datsche zurück?“

„Also dazu verspüre ich noch nicht die geringste Lust.“

„Aber bei mir ist das anders, ja?“

„Entschuldige, natürlich nicht. Ich habe übrigens immer noch nicht verstanden, wen Du zu finden versuchst.“

„Ich habe ja auch alles getan, damit du das nicht herausfindest. Das bin ich dem Dicken schuldig.“

„Sind Deine politischen Aussagen eigentlich auch so transparent wie Deine privaten mir gegenüber?“

„Natürlich – deshalb bin ich ja so erfolgreich. War bisher so erfolgreich. – Im Tiefkühlschrank sind Mahlzeiten für ein paar Tage. Du kannst auch in die Mensa gehen, falls ich länger weg sein sollte. Ach nein – Du gehst ja wandern. Entschuldige, ich bin ein wenig durcheinander. Ich brauche frische Luft. Ich gehe jetzt.“

„Aber Angela…“ Das hörte sie schon nicht mehr.

Die parlamentarische Sommerpause hatte begonnen, es war Mitte Juli, es herrschten tropische Temperaturen, und die dazugehörigen schweren Gewitter entluden sich nur über der Südhälfte Dehlands. So brauchte die Kanzlerin nicht unter Wetterunbilden zu leiden, die ihre beiden Vorgänger auf dem Weg ins Beerental geplagt hatten. Stattdessen hatte sie ein anderes Problem: Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Die Sonne neigte sich gerade gegen den Horizont, und ohne zu überlegen wanderte sie ihr entgegen, nach Westen, Richtung Templin. Irgendwo hier, dachte sie, müssen sie sein. Felder, sanfte Hügel und Wälder, alles dünn besiedelt -– eine bessere Umgebung würden sie kaum gefunden haben.

Die Sonne versank hinter dem Hang vor ihr, der schmale Pfad, den sie benutzte, verschwand in der Dämmerung, und sie fing an, darüber nachzudenken, wie sie die Nacht verbringen sollte. Im nächsten Städtchen, in dem es Hotels gab, würde sie erst lange nach Mitternacht ankommen, falls sie sich nicht vorher heillos verirrte. Auch wenn sie Glück hatte, würde sie vor geschlossenen Türen stehen. Sie verwünschte sich dafür, dass sie nicht daran gedacht hatte, ein Zelt mitzunehmen. Oder wenigstens einen Schlafsack.

Plötzlich standen sie vor ihr. Es waren sieben Große und sieben Kleine, genauso wie beim Altkanzler. Aber war da nicht auch noch ein Frosch? Die Gruppe war in ein fahles Licht getaucht, das sie von der abendlichen Dunkelheit abhob. Sie rieb sich die Augen, aber das Bild blieb unverändert.

„Das wird ja chronisch mit Euch! Ich bin Tumu, mal wieder abgestellt als Empfangskomitee. Guten Abend.“ Tumu hatte zwei Schritte ich vorne gemacht und war so als Sprecherin erkennbar.

„Gu..Guten Abend,“ stotterte die Kanzlerin. Eigentlich verschlug es ihr nicht leicht die Sprache, aber das hier… „Ihr wisst, wer ich bin?“

„Man sieht Dein Bild oft genug in den Medien.“

„Wisst Ihr auch, dass ich Euch gesucht habe? Und was ich von Euch will?“

„Es ist uns nicht entgangen, dass Du das Beerental hast absuchen lassen. Wir haben elektronisches Überwachungsgerät dort gelassen. Und Du erhoffst Dir unseren Rat. Du denkst, dass er Dir gefallen wird, weil Du nur die Darstellung des dicken Kanzlers kennst. Dass auch der nächste bei uns war, der Kotzbrocken, das weißt Du nicht. Der ist sehr unzufrieden abgehauen.“

„Oh!“ machte die Kanzlerin.

„Unsere Analyse Deiner Lage lassen wir Dich gerne wissen. Wir sind gespannt, welche Schlussfolgerungen Du daraus ziehen wirst. Einen Rat werden wir Dir nicht geben.“

Tumu zog sich wieder zu den anderen zurück, und alle Bären begannen zu reden. Es war nicht erkennbar, wer gerade sprach. Dazu war es zu dunkel, und alle hatten die gleichen tiefen brummigen Stimmen.

„Du hast da einen schönen Satz gesagt: ‚Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.‘“

„‚Ich muss ganz ehrlich sagen…‘ hast Du das selbst geglaubt? Vermutlich ja. Politiker sind die Menschen, die sich nach unseren Erkenntnissen am häufigsten und am effektivsten selbst belügen. Wären sie dazu nicht imstande, könnten sie ihren Beruf nicht ausüben.“

„Wir machen Dir das jetzt mal am Beispiel Deiner ‚Notsituation‘ klar.“

„Dehlands komfortable Lage im Zentrum der Europäischen Union hat das Land in den letzten Jahren weitgehend von Asylsuchenden verschont, denn seit 1997 gilt die Regel: Wer Asyl sucht, stellt den Antrag in dem Land der EU, das er als erstes betritt. Also hatten Griechenland, Italien und Spanien die Arschkarte.“

„Anstatt diesen Ländern zu helfen, den Zustrom zu organisieren, hast Du sie allein gelassen, und Dein Finanzminister hat ungeheuren wirtschaftlichen Druck auf sie ausgeübt, damit sie ihren Etat sanieren und die Kredite aus dem ‚Europäischen Rettungsschirm“ nach der Finanzkrise 1998 vielleicht in sehr ferner Zukunft zurückzahlen können. In allen drei Ländern, vor allem in Griechenland, hat das große Teile der Bevölkerung pauperisiert.“

„Es ist also kein Wunder, dass die Infrastruktur der Peripherie irgendwann zusammengebrochen ist, denn die Flüchtlingszahlen stiegen.“

„Die Menschen fliehen aus Afghanistan, wo die Bundeswehr 13 Jahre lang vergeblich versucht hat, einer von Clanstrukturen dominierten Stammesgesellschaft nahezubringen, dass sie wie eine westliche Gesellschaft funktionieren sollte. Inzwischen gewinnen die Taliban Terrain zurück. Die Bundesrepublik ist nicht bereit, all die Afghanen, die den Einsatz ihrer Armee ermöglicht haben, als Dolmetscher etwa oder als Fahrer, vor den Islamisten in Sicherheit zu bringen. Hat jemand dabei ein schlechtes Gewissen? Dein Innenminister jedenfalls nicht: Er möchte Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklären lassen.“

„Die Menschen fliehen aus Syrien. Dort tobt seit 2011 ein Krieg. Ob es um die Durchsetzung russischer Interessen, die regionale Hegemonie von Irak bzw. Saudi-Arabien, konfessionelle Religionskämpfe innerhalb des Islam oder um einen ‚Pipelinekrieg‘ geht, spielt hier keine Rolle. Wichtig ist aber, dass ein solcher Krieg ohne den internationalen Waffenhandel nicht geführt werden könnte. Dehland ist ein Großexporteur. Dehländische Firmen verdienen damit viel Geld und verursachen große Flüchtlingsströme. Die Bundesregierung muss jeden Waffenexport genehmigen. DU musst jeden Waffenexport genehmigen!“

„Die Menschen fliehen aus vielen Ländern Afrikas. Ich will Dich jetzt nicht mit der gesamten Kolonialgeschichte langweilen, die wirst Du kennen. Die dortigen Verhältnisse verantworten zum großen Teil Europäer und erst in zweiter Linie die berühmt-berüchtigten
afrikanischen Diktatoren mit den goldenen Wasserhähnen an ihren Badewannen.“

„Die Menschen fliehen aus Libyen. Jahrzehnte lang hat Dehland mit dem selbst ernannten ‚Revolutionsführer“ Muammar al-Gaddafi freundschaftliche Beziehungen unterhalten, auch wenn er wahrscheinlich dafür verantwortlich war, dass 1988 eine Pan Am-Maschine über Lockerbie abstürzte. 2011 ist er dann selbst gestürzt worden – und danach tat sich ein Vakuum auf, in dem sich Warlords austoben konnten.“

„Das ist ein typisches Muster europäischer nachkolonialer Politik: Europäer machen Geschäfte mit Diktatoren, jubeln offiziell, wenn diese gestürzt werden, aber haben kein Konzept für das ‚Danach‘. Du spielst da in der ersten Liga. Wahrscheinlich wachst Du nachts oft schweißgebadet auf, weil Du geträumt hast. dass in China die KP die Macht verloren hat.“

„Du hast noch einen anderen Satz gesagt: ‚Es liegt nicht in meiner Macht, wie viele zu uns kommen‘. Ach ja? Wer hat denn das Dublin-Abkommen ‚ausgesetzt‘, wie Du so schön sagst? Dein alter ego?“

„Jetzt geht Dir der Arsch auf Grundeis. Wir kennen Deine Motive nicht für Deine ‚Willkommenskultur‘. Vielleicht hat Dein evangelisches Pfarr-Elternhaus moralische Spuren hinterlassen, vielleicht leitete Dich ökonomisches Kalkül, weil Du den aktuellen Demografie-Bericht mit seinen Klagen über den Facharbeiter-Mangel studiert hast, vielleicht wolltest Du ein Gegengewicht zu einer EU setzen, in der immer mehr Länder nationale Werte betonen. Oder was auch immer.“

„Wir wissen nur eins: Was Du getan hast, war dumm. Sehr dumm.“

„Es ist nicht das erste Mal, dass wir Dein Verhalten so bewerten. Der Atomausstieg als Folge von Fukushima war eine Volte, die Dir nur deshalb nicht zum Verhängnis wurde, weil es in der dehländischen Bevölkerung auch schon vor der Reaktor-Katastrophe starke Vorbehalte gegen die Nutzung von Kernenergie gab. Die Energiewende ist noch längst nicht vollzogen, sich damit herumzuschlagen, gehört zu Deinem täglichen Brot. Das hätte Dir eine Lehre sein sollen.“

„Machst Du Deinen Job eigentlich gerne?“

„Im Moment nicht.“

Die Kanzlerin hockte zusammengesunken auf der Erde und traute sich nicht, den Kopf zu heben.

„Es ist nicht so, dass Ihr mir etwas wirklich Neues gesagt habt. Aber Ihr habt ein Puzzle zusammengesetzt, das ich bisher nicht sehen wollte. Obwohl ich es gesehen habe. Nachts, in den frühen Morgenstunden, in den Nächten, in denen ich mal hätte schlafen können.“

„Du hast Dich also selbst belogen?“

„Na klar.“

„Und wie geht es jetzt weiter?“

„Ich weiß es nicht. Da ich Euch so schnell gefunden habe – oder Ihr mich – kann ich jetzt doch noch mit Joachim wandern gehen. Ich kann nachdenken. Aber dabei werde ich weiter Albträume haben: Donald Trump, Marine LePen, Viktor Orban und Beata Szydlo werden mir erscheinen. Die sind noch schlimmer als ich. Vielleicht wählt man in der Politik doch immer das kleinere Übel.“

„Ich möchte, dass Du auch von mir träumst!“

Die Stimme war heller als alle bisherigen.

„Ich bin ein Frosch: Ich heiße Ramses, aber der Name ist nur für mich wichtig, nicht für Dich. Du bist für Glyphosat, und das bringt mich um, beziehungsweise meinen Laich. Euch Menschen interessiert nur, ob das Zeug bei Euch vielleicht Krebs erregt, tussinochmal! Wichtig it die Artenvielfalt, stupid, falls Du Ossi-Tante genug Englisch verstehst, um zu kapieren, was ich meine! Ich bin wirklich ein höflicher Frosch, aber ich verfolge jeden Tag die Diskrepanzen zwischen Deinen Absichtserklärungen und Deinen Handlungen, und deshalb bin ich jetzt etwas echauffiert. Sorg dafür, dass das Zeug verboten wird, alle Bienen und Frösche werden es Dir danken!“

„Ich werde auch von Dir träumen. Von Euch allen. Darf ich noch eine letzte Frage stellen?“

„Na klar.“ Das war erkennbar wieder eine Bärenstimme.

„Ihr seid doch nicht wirklich, oder?“

„Wie meinst Du das?“

„Euch gibt es doch nicht!“

„Doch, uns gibt es. Dir hier gegenüber sind wir nur ein Hologramm. Aber in unserem Dorf sind wir aus Fleisch und Blut. Und intellektuell arbeiten wir daran, beachtet zu werden.“

Bärdel

Juni 2016

Die Besuche der vorhergehenden Kanzler in Bärenleben findet ihr hier und hier.