Kategorien
Kulle Ökonomische Werke Philosophisches

Klima und Nationalstaat

von P. D. Kulle

Inhalt:

1. Vorwort

2. Die Entstehung des Nationalstaats

3. Nationalstaat und Nationalstaaten

4. Die Klimakatastrophe

5. Conclusio

6. Nachwort

PD Kulle

1. Vorwort

Ich überlasse es dem geschätzten Kollegen Erich Kästner, die Präambel, die zugleich den Charakter eines vorläufigen Epilogs hat, zu formulieren.

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

 

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.

 

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

mit sehr viel Wasserspülung.

 

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.

 

Was ihre Verdauung übrigläßt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,

daß Cäsar Plattfüße hatte.

 

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

 

2. Die Entstehung des Nationalstaats

Schon damals, als „die Kerls“ noch „auf den Bäumen“ „hockten“, im prähominiden Zustand also, bevor der aufrechte Gang (1)
sich als normale Fortbewegungsweise durchsetzte, gab es zweifellos Territorialkämpfe: Kämpfe um den höchsten Baum mit optimaler Lichteinstrahlung, um den Baum mit den nahrhaftesten Früchten, um den mit den größten Blättern für den Nestbau und so fort.

Allerdings hat sich dieser Kampf nicht, wie Kästner in dichterischer Freiheit behauptet, unmittelbar danach in zentralbeheizten Räumen fortgesetzt. Dergleichen gab es erstmals im sogenannten alten Rom (2) und danach nach langer Unterbrechung erst wieder im 20. Jahrhundert. Auf den Baum folgt nicht das wohltemperierte 30. Stockwerk, sondern die dunkle Höhle, die, wie auch die luftige Behausung, erobert und verteidigt werden muss: Mitmenschen, Bären und Wölfe (3) sind die häufigsten Feinde.

Ärgerlich, dass eine einmal eroberte Höhle kein sicherer Besitz des Eroberers ist: Er kann seinen Wohnort durch kein Gesetz garantieren lassen, er kann nur versuchen, ihn gegen das Recht des Stärkeren zu verteidigen.

Was tun? Eine sich anbietende Möglichkeit ist, sich mit den Nachbarn auf guten Fuß zu stellen. Das ist in der Geschichte der Menschen einmal mehr, einmal weniger gelungen. Die sardische Nuraghenkultur, in der ein Wehrturm keine zwei Kilometer vom nächsten entfernt stand, ist ein Beispiel für das Misslingen dieser Strategie, die griechischen Poleis, die, wenn sie prosperierten, sich von Stadtstaaten zu Städtebündnissen entwickelten, stehen für den Erfolg.

Schon diese beiden Beispiele zeigen: Es gilt, Raum zu gewinnen. Eigener Raum begrenzt das Territorium des vermeintlichen oder tatsächlichen, jedenfalls immer potentiellen Feindes, Raum schafft die Möglichkeit der Verteidigung, denn er bietet gegebenenfalls Platz zurückzuweichen, Raum produziert Nahrungsmittel etcetera.

Allerdings nützt der größte Raum nichts, wenn er nicht gesichert werden kann. Zur Sicherung großer Territorien braucht man bewaffnete Menschen, die entweder aus aktuellem Anlass zusammengerufen oder für den äußerst wahrscheinlichen Fall des Falles präemptiv bereitgehalten werden.

Es ist evident, dass dergleichen großräumige Aktivitäten nicht von einem höhlenbewohnenden Clan bewerkstelligt werden können, der völlig damit ausgelastet ist, die Nahrungsmittel für den täglichen Bedarf jagend und sammelnd herbeizuschaffen. Ein gesellschaftliches Mehrprodukt auf der Basis landwirtschaftlicher Produktion ist dafür erforderlich, das so groß ist, dass eine das Verteidigungshandwerk ausübende Schicht, Klasse oder Kaste von der Handarbeit freigestellt werden kann.

Wes bedarf es noch, um den Raum zu sichern? Die Bewohner angrenzender Räume müssen wissen, dass dieser Raum existiert. Man muss den Raum also wenn auch nicht mathematisch, so doch politisch-geografisch definieren. Eine solche Definition wird als Grenzziehung bezeichnet. Als Grenzen bieten sich sogenannte naturräumliche Gegebenheiten wie Flüsse oder Gebirge an, die es an sich (4) ähnlich bewaffneten Menschen aus angrenzenden Räumen erschweren, den eigenen Raum zu betreten. Es bedarf zusätzlich auch der Verständigung darüber, wo die Grenze verläuft; es bedarf also der Sprache, der Sprachgemeinschaft. Wer „Grenze“ sagt, grenzt sich gegenüber dem ab, der von der „frontière“ parliert.

Voilà, l‘état, c‘est moi (5) ; oder auch: Der Nationalstaat ist entstanden (6).

3. Nationalstaat und Nationalstaaten

Viele Nationalstaaten sind entstanden, viele Horden bewaffneter Männer (7). Innerhalb der Staaten ist der Umgang miteinander meist recht genau definiert: Es ist klar festgelegt, wer herrscht, ob zum Beispiel ein Rechtsstaat etabliert ist oder ob die herrschende Gruppe die nicht herrschende nach Gutdünken unterdrücken darf, welche Freiheiten, vor allem Freiheiten wirtschaftlicher Natur, die Bewohner (8) sich herausnehmen dürfen.

Das Recht, das zwischen Nationalstaaten herrscht, war und ist fragilerer Natur. Obwohl es euphemistisch als Völkerrecht (9) bezeichnet wird, gleicht es eher den Strukturen, die die gesellschaftlichen Beziehungen in „failed States“ kennzeichnen. Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen sind die Regel, nicht die Ausnahme, verursacht durch „nationale Interessen“. Immerhin gibt es internationale Abkommen, in denen detailliert geregelt ist, unter welchen Voraussetzungen Menschen andere Menschen legal töten dürfen und was mit den nicht ganz Toten, also nur Verwundeten, zu geschehen hat (10). Man sieht: Manchmal reden Menschen sogar miteinander und kommen zu Ergebnissen.

4. Die Klimakatastrophe

Die Notwendigkeit, miteinander zu verhandeln und dabei zu Ergebnissen zu kommen, hat im Lauf der menschlichen Geschichte zugenommen. Das erklärt sich auch, aber nicht nur rein quantitativ: Für die beängstigend zunehmende Weltbevölkerung wird es immer schwerer, Konflikte zu vermeiden.

Nun basiert die Ökonomie dieser Weltbevölkerung seit der Industriellen Revolution auf der Vernutzung (11) fossiler Energieträger, was die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre auf gegenwärtig (12)
388 ppm gegenüber 270 ppm vor der IR hat ansteigen lassen. Aufgrund dessen hat bereits ein weltweiter Temperaturanstieg begonnen, der, falls keine effektiven Gegenmaßnahmen ergriffen werden, die Existenz der menschlichen Rasse gefährden dürfte (13). Das ist sogar den Menschen aufgefallen. Seit dem sogenannten Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro hat es nicht weniger als 16 (sechzehn!) Umweltkonferenzen unter der Schirmherrschaft der UNO gegeben, ohne dass ein für alle Staaten rechtlich verbindliches Abkommen geschlossen worden wäre. Und warum nicht? Weil die Regierungen der Nationalstaaten um ihre kostbaren Standortvorteile fürchten!

5. Conclusio

Nun denn, bald wird es zwar noch Standorte geben, nicht aber Vorteile. Ich verweise nochmals auf die klugen Bewertungen des Kollegen Kästner und komme wie stets zu dem treffenden Schluss:

Pfffffffftt..........

6. Nachwort

Ich danke wie immer meiner Sekretärin. Möge Tussi (14) Wunder tun und uns alle kühle Zeiten genießen lassen!



Fußnoten:

1. Wir sprechen vom aufrechten Gang nur im physiologischen, nicht im metaphorischen Sinn.

2. mit dem Hypokaustensystem

3. nota bene: in dieser Reihenfolge

4. Ich bitte den Kollegen Kant wegen dieser Formulierung um Verzeihung.

5. Manchmal ist der Chef ein wenig größenwahnsinnig, finde ich. Die Sekretärin

6. Jedenfalls ist das der Regelfall. Wie es mehrsprachige Staaten wie zum Beispiel die viersprachige Schweiz geschafft haben, mehr als ein Jahrhundert zu überleben, muss noch untersucht werden. Unsere vorläufige Hypothese ist, dass die Schweizer über ein außerordentliches Intelligenzgen verfügen.

7. vgl. ähnliches vielerorts bei Marx und Engels

8. Es wäre wahrscheinlich korrekter, die Bewohner als Insassen zu bezeichnen, allerdings ist das nicht üblich. Zu meinem Bedauern ist auch die bärische Politologie noch nicht zu dem Schluss gekommen, dass sich die menschliche Gesellschaft nur mit einer Terminologie aus dem Bereich der Psychiatrie angemessen beschreiben lässt.

9. Wenn die politische Klasse eines Staates ihrem Volk alle Rechte nimmt und andere Menschen sich darüber empören, erklärt diese Klasse, es handele sich um „innere Angelegenheiten“.

10. vgl. die „Haager Landkriegsordnung“ und die „Genfer Konventionen“

11. Ich wollte dem Chef diesen Begriff ausreden, hatte aber keinen Erfolg. Er findet ihn so schön, weil Marx ihn häufig verwendet. Die Sekretärin

12. 2010

13. Wie meine Leser wissen, bedaure ich dergleichen nicht, aber leider ist auch das Leben der Bären gefährdet.

14. Gottheit des Chefs. Die Sekretärin