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Bärdel Bärdels Märchen (Mormonien)

Scheiße

SCHEISSE

Scheiße

Bären neigen, anders als viele Menschen, keineswegs zum Fluchen. Wenn sie ihrem Unmut Ausdruck verleihen wollen, hauen sie normalerweise ihre rechte Pranke in die linke – Linkshänder machen das natürlich andersherum. So belästigen sie niemanden mit ihren Emotionen, und gleichzeitig wissen sie aufgrund der Wucht des Schlages, den sie ausgeführt haben, wie sehr sie sich ärgern.
Um so verwunderlicher ist es, daß die Bären in ihrer neuen Heimat eine Gewohnheit entwickelten, die stark an menschliches Verhalten erinnert. Fast überall dort, wo sie sich aufhielten, konnte man in unregelmäßigen Abständen ein kräftiges „Scheiße“ vernehmen. Manche, die sich schon an die neue Sprache gewöhnt hatten, brummten oder riefen stattdessen „shit“, aber beides kommt auf das gleiche heraus. Ramses sitzt auf dem Hintern

Ramses und das Schwein verhielten sich übrigens ebenso, aber es ist ungewiß, ob das für sie ungewöhnlich ist – die Fluchgewohnheiten von Fröschen und Schweinen sind bisher noch nicht genau erforscht.
Eines Tages gingen Bärdel und Ramses einander entgegen, aber kurz bevor sie sich trafen, setzten sich beide gleichzeitig unvermittelt mit nach vorne gestreckten Beinen auf die Erde und sagten ebenso gleichzeitig: „Scheiße!“
Als hätten sie lange zusammen ein Ballett eingeübt, standen sie auch zusammen wieder auf und begannen, ihre Sitzflächen zu säubern. Bärdel hatte es leichter als Ramses: Der Kuhfladen, auf dem er ausgerutscht war, war schon ein paar Tage alt und ziemlich durchgetrocknet. Ramses dagegen mußte sich mit einem neueren, deutlich schmierigeren Produkt auseinandersetzen.
„Entschuldigung“, sagten beide, immer noch gleichzeitig, und sagen einander dabei nicht an. Die Angelegenheit schien ihnen peinlich zu sein. Bärdel begann dennoch, darüber zu sprechen.
„Ramses“, sagte er, wir alle finden es sehr schön hier, und wir sind Tussi wirklich dankbar dafür, daß wir hier sein dürfen. Du darft ihr das gerne in unser aller Namen berichten. Aber es gibt da eine Kleinigkeit…“
Ramses nickte. Er nickte so entschlossen, daß ihm der große Froschkopf vom Hals zu fallen schien. „Ja, und das ist übehaupt keine Kleinigkeit. Diese Scheiße überall hier ist mehr, als meine empfindliche Froschnase ertragen kann, und euch Bären geht es vermutlich ebenso. Dazu kommt die Rutschgefahr. Und überall da, wo diese Fladen herumliegen, fehlen die schönsten Blumen. Es ist wirklich fürchterlich!“
„Aber wieso gibt es hier so viele Kuhfladen?“ wollte Bärdel wissen. „Dies hier ist ein National Forest, das…“
Bärdel unterbrach sich, weil auf einmal ganz in der Nähe jemand zu singen begann.

„This land is my land,
this land is your land,
from California
to the New York Island,
from the Redwood Forest
to the Gulfstream Waters
this land belongs to you and me.“

Ein wunderschöner Bariton sang, und Bärdel lauschte andächtig. Er genoß die Stimme, und er mochte das Lied,wenn es auch für seine europäischen Ohren ein wenig sentimental klang. Vergeblich sah er sich nach dem Sänger um – niemand schien hier zu sein.
„Schön, nicht?“ fragte er, und Ramses nickte. „Also, wir sind hier in einem National Forest…“ Diesmal kam Bärdel noch nicht einmal so weit, seinen Nebensatz zu beginnen. Schon bei dem „F“ von „Forest“ fing der unbekannte Musiker wieder an:
„This land is my land…“
Bärdel war Rechtshänder, und deshalb hieb er seine rechte Pranke in die linke.
„Schöön gesungen!“ rief er. „Aber ich möchte hier und jetzt etwas diskutieren, und dazu brauche ich Ruhe! Wer immer mit mir zusammen nachdenken möchte, ist herzlich eingeladen, aber bitte ohne Gesang!“
Ramses nickte zustimmend und schaute nach rechts. Dort raschelte jemand im Unterholz, kleinere Zweige brachen. Manfred, der wohl in der Nähe herumgelungert hatte, bahnte sich seinen Weg durch die Büsche und sah seinen Vater fragend an. Bärdel schaute ebenfalls nach rechts, weil er meinte, daß der Gesang von dort gekommen war. Athabasca schlängelte sich aus dem dichten Gebüsch.
„Atti?“ fragten Bärdel und Manfred gleichzeitig.
„Wer sonst?“ war die ungnädige Antwort. „Und bevor ihr fragt: Ja, ich habe gesungen. Ja, ich singe Bariton. Und ja: Wenn jemand ‚National Forest‘ sagt, dann muß ich singen… Meine Mutter wurde erschossen, als ich ein Jahr alt war. Ein Ranger fand mich und zog mich auf. Das war gegen das Gesetz der Menschen, aber er wurde nicht erwischt. Er ließ mir alle Freiheiten, die ich brauchte, und ich wurde eine richtige Bärin. Ganz nebenbei habe ich auch eine Menge über die Menschen gelernt. Er sang in jeder freien Minute immer dasselbe Lied, und ich fürchte, ich…“
Bärdel dachte nicht daran, daß es in dieser Situation angebracht gewesen wäre, Atti zu trösten. Er hätte ihr auch sagen sollen, daß es richtig ist, Traumata auszuleben, anstatt sie zu verdrängen, daß sie sich also völlig richtig verhielt. Er vergaß alle diese psychologischen Weisheiten, weil ihn eine ihrer Aussagen vollständig überrumpelt hatte.
„Deine Mutter wurde erschossen? Aber wir sind hier doch in einem Na…“ Immerhin war er noch überlegt genug, um das Schlüsselwort zu vermeiden, das Attis Zwangshandlung auslöste. „Ich meine, wir sind hier in einem Gebiet, das der amerikanischen Föderation gehört, also allen. ‚Land of many uses‘, damit machen sie doch Reklame. Wieso wurde deine Mutter dann…“ Bärdel brach ab, weil er es nicht übers Herz brachte, das brutale Verb zu wiederholen.
„Das Land gehört allen – richtig!“ sagte Atti. „Allen Menschen – zumindest vom Anspruch her. Und zu den zahlreichen Möglichkeiten, die ihnen hier geboten werden, gehört auch die Jagd auf Bären und auf andere nette Zeitgenossen. Aber ihr braucht keine Angst zu haben!“ Sie hatte bemerkt, daß Bärdel und Manfred unruhig wurden und sich ängstlich umsahen. „Euch, uns allen wird nichts passieren. Meine Mutter konnte nicht lesen, und das ist ihr zum Verhängnis geworden. Die Forstverwaltung hier ist so ordentlich, daß sie überall plakatiert, welche Tierart wann und wo geschossen werden darf. Wir können den Mördern einfach aus dem Weg gehen.“
„Na ja“, brummte Bärdel. Er war keineswegs beruhigt. Da er aber das Thema jetzt nicht weiter verfolgen wollte und auch nicht wußte, wie er auf die Enthüllung von Attis unglücklicher Jugend reagieren sollte, wiederholte er einfach die Frage, die er schon einmal vergeblich gestellt hatte: „Und wieso gibt es hier so viele Kuhfladen?“
Athabasca zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich auch nicht. Die waren schon immer da.“
„Die Kuhfladen“, erklärte Ramses wichtig, „stammen von Rindern.“
„Ach was!“ murmelte Manfred ironisch, schwieg aber angesichts eines strafenden Blickes seines Vaters.
„Viele Rancher aus der Gegend hier haben das Recht, ihr Vieh in den Sommermonaten in den Bergen grasen zu lassen. Wäre das anders, müßten sie zufüttern – weiter unten wächst in den heißen, trockenen Monaten praktisch nichts. Da die Zahl der Rinder nicht begrenzt ist, kommt es zu überweidung. Deshalb liegen überall Fäkalien herum, und deshalb vermissen wir so viele Pflanzen, die es hier eigentlich geben sollte. Sie wurden einfach aufgefressen.“
„Was können wir dagegen machen?“ wollte Manfred wissen.
Ramses wackelte mit dem Kopf. „Dafür hat Tussi mir keine Instruktionen gegeben.“
„Dann müssen wir selber versuchen, das Problem zu lösen“, stellte Bärdel fest. Entschlossenheit blitzte aus seinen Augen. „Heute Abend ist Bärenrat!“

Nachdem Bärdel, Ramses und Atti der Versammlung das Problem erklärt hatten, herrschte zunächst nachdenkliche Stille. Dina meldete sich als erste zu Wort.
„Ganz prinzipiell sehe ich zwei Möglichkeiten“, konstatierte sie. „Entweder leben wir weiter mit und in der Scheiße, oder wir versuchen, etwas dagegen zu tun!“
Die Reaktion des Rates war einhellig: Alle wünschten sich eine Verbesserung, und so mußte über die Vor- und Nachteile dieser Alternative nicht diskutiert werden.
„Gut!“ sagte Dina zufrieden. „Dann müssen wir uns darüber einigen, wie wir die Rinder loswerden, oder ihre Besitzer, oder die Waldverwaltung, die die Weidenutzung erlaubt, oder alle drei!“
Ganz selbstverständlich sprach Dina von der Waldverwaltung, und ebenso wie sie würde am heutigen Abend kein Sprecher den Begriff „National Forest“ in den Mund nehmen. Tratsch verbreitet sich unter Bären noch schneller als früher im dehländischen Bundestag in Bonn.
Nach Dinas Rede herrschte zunächst die bei Bären übliche nachdenkliche Stille, wenn es galt, mit schwierigen Problemen fertig zu werden, aber dann hagelte es mehr oder weniger vernünftige Vorschläge so schnell, daß es schwerfiel zu folgen.
„Wir könnten den Wald kaufen!“
„Oder wir bestechen die Waldverwaltung!“
„Wir vergiften die Rinder!“
„Vergiften ist gemein! Wir jagen ihnen einfach so viel Angst ein, daß sie davonrennen. Schließlich sind wir angeblich wilde Raubtiere!“
„Zur Abschreckung können wir ja so tun, als hätten wir eine Kuh gefressen!“
„Noch abschreckender wäre es, wenn wir einen Rancher fressen!“
„Das ist mir alles zu blutig! Bauen wir doch eine Rutschbahn aus Kuhscheiße an einem steilen Hang – dann rutschen ein paar Rinder aus und brechen sich die Knochen, und alle anderen werden bestimmt an einen anderen Ort verlegt, weil es hier zu gefährlich ist.“
„Wir können auch eine künstliche Eisbahn anlegen, das ist genauso schlüpfrig – ihr kennt doch den Spruch: ‚Die Kuh muß vom Eis‘?“
Tumu hielt sich die Ohren zu und versuchte gleichzeitig, sich zu Wort zu melden. Das war gar nicht so einfach, denn sie konnte mit den Fäusten auf den Ohren nur einen Signalfinger in die Luft strecken. Bevor Bärdel, der die Versammlung leitete, sie endlich bemerkte, hatte sie viel Zeit sich umzusehen. Die männlichen Jungbären reagierten entzückt auf die Vorschläge, Gewalt anzuwenden, und ihr eigener Sohn war offenbar fasziniert von der technischen Herausforderung, mitten in der Wildnis eine Kunsteisbahn zu installieren. Sie schüttelte den Kopf.
„Sagt mal“, schimpfte sie, als sie endlich an der Reihe war, „sagt mal, was werden die Menschen denken, wenn wir einen von euren Vorschlägen verwirklichen? Irgendeinen? Sie werden wissen wollen, wer dahintersteckt, richtig? Und sie werden uns finden, irgendwann. Wenn ich mich korrekt erinnere, sind wir aber hier, weil wir gerade nicht gefunden werden wollen. Auch richtig? Richtig! Also laßt euch bitte etwas Vernünftiges einfallen, bevor ihr hier dumm rumredet!“
Nach Tumus zornigem Beitrag herrschte Stille, und manche Bären senkten beschämt den Kopf. Bärdel ließ einige wirkungsvolle Sekunden verstreichen, ehe er sagte: „Damit ist wohl klar: Wir müssen versuchen, eine Methode zu finden, die die Rinder hier vertreibt, die aber keinen Rückschluß auf uns zuläßt.“
Diese ernüchternde Feststellung dämpfte den Elan der Versammlung erkennbar. Niemand meldete sich zu Wort. Deshalb machte Bärdel einen Beitrag zur inhaltlichen Diskussion: „Wenn die Rinder vertrieben werden, werden die Menschen immer nach der Ursache suchen. Es muß so aussehen, als würden sie aus eigenem Antrieb verschwinden. Ich habe allerdings keine Idee, wie…“
Kulle macht auf schlau!
„Aber ich!“ platzte Kulle dazwischen. „Danke für das Stichwort! Wir machen die Rinder einfach antriebslos, oder besser: trieblos. Wenn die Stiere nicht mehr auf die Kühe steigen, erledigt sich das Problem binnen kurzer Zeit von allein. Bei den Menschen wäre das genauso, wenn…“
„Kulle!“ mahnte Bärdel. Er wie alle anderen wußte natürlich, daß Kulle vor kurzem eine wissenschaftliche Arbeit über die menschliche Sexualität geschrieben hatte, auf die er mächtig stolz war.1 Er wollte bei jeder passenden und, wie man gerade feststellen mußte, unpassenden Gelegenheit darüber reden. Aber zumindest Manfred fand, daß seine Idee einen Kern enthielt, über den nachzudenken sich lohnte.
„Als ich damals bei den Menschen einen Job finden wollte,2 habe ich gesehen, daß sie den Stadttauben ein Mittel ins Futter getan haben, das sie unfruchtbar machte. Das könnten wir doch auch versuchen! Die Möglichkeiten dazu haben wir: In Moab liegen 13 Millionen Tonnen schwach radioaktiven Abfalls leicht zugänglich herum, und hier oben auf der Polar Mesa gibt es zahlreiche alte Schächte – alles Reste des Uranbooms in den fünfziger Jahren. Da sollten sich schon Wege finden lassen, um den Stieren zwar nicht die Lust zu nehmen, sie aber am Kälbchenzeugen zu hindern.“
„Oh nein!“ rief Bärdel. Er hatte völlig vergessen, daß er sich als Diskussionsleiter zurückzuhalten hatte. „Nein! Mit diesem radioaktiven Zeugs will ich nie wieder etwas zu tun haben. Ich habe noch genug von den Problemen, die wir damals in Dehland damit hatten.3 Damit zu spielen ist viel zu gefährlich. Und außerdem: Rinder sind keine Tauben, sie haben einen wesentlich längeren Reproduktionszyklus. Wenn wir unser Problem mit Hilfe deiner Methode lösen wollten, könnten sich vermutlich unsere Enkel über das Ergebnis freuen.“
Bärdels letzten Gedanken kommentierte Kulle mit einem gewichtigen zustimmenden Nicken.
Wieder herrschte Stille. Nach einer Weile murmelte das Schwein gedankenverloren vor sich hin: „Die Kuh, mit der ich am ersten Tag hier geredet habe, fand ich sehr nett. Wir sollten ihr nichts tun, das wäre gemein.“
„Was genau hat die Kuh gesagt?“ erkundigte sich Bärdel. Er fand eigentlich nicht, daß das wichtig war, aber da die Diskussion in einer Sackgasse steckte, fiel ihm nichts Besseres ein.
Das Schwein setzte sich aufrecht hin und sagte schlicht: „Ich zitiere.
‚Menschen?“ Kenn‘ ich nich…Hier gibs nur Mütter unn Kinner, unn Stiere natürlich. Wolln immer bloß das eine, die unverschämten Kerle. Unn Cowboys. Die sinn gefährlich, weil se dich nämlich verbrenn. Oder se machn dirn Loch ins Ohr ohne Betäubung, wie bei mir. Siehste?…Aba die komm nur ganz selten. Unn so ne halbe Portion wie du kümmert die bestimmt nich.‘ Zitat Ende.“4
„Die hat aber ein schlichtes Gemüt“, kommentierte Tumu. „Als hätte sie ihr Leben lang nur ‚WILD‘ gelesen.“
„Hierzulande liest man nicht“, korrigierte Dina. „Hierzulande sieht man fern!“
„Ja, natürlich. Hierzulande sieht man fern.“ Tumu wiederholte die Aussage, als dächte sie intensiv darüber nach. „Ramses, wie ist das hier, wenn die Menschen fernsehen?“
Allmählich, dachte Bärdel, entfernte sich die Diskussion so weit von ihrem Problem, daß sie es nie lösen würden. Zumindest nicht heute Abend. Aber er griff nicht ein, denn ein Gespräch über das falsche Thema war immer noch besser als unbehagliches Schweigen.
„Bei vielen läuft der Fernseher einfach nebenbei, wie in Dehland früher das Radio. Man sieht hin oder läßt es bleiben. Viele Menschen kleben allerdings viele Stunden täglich vor dem Bildschirm, als seien sie angeleimt. Sie stehen nur auf, um sich etwas zu essen zu holen oder um auf die Toilette zu gehen.“
Viele Bären, die von dergleichen absonderlichen menschlichen Gewohnheiten bisher nichts gewußt hatten, wandten sich ihren Nachbarn zu und wollten mit ihnen weiter in kleinen Gruppen darüber reden, aber Tumu schnitt das entstehende Gemurmel mit einer kurzen Handbewegung ab.
„Was essen sie?“
„Meist Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe, die man nur kurz in der Mikrowelle zu erhitzen braucht. Solche Mahlzeiten heißen auch ‚TV-Dinner‘“.
„Und wenn der Kühlschrank gerade mal leer ist, weil die Menschen vor lauter Fernsehen nicht zum Einkaufen gekommen sind?“ In Tumus interessierter Frage schwang Verachtung mit.
„In diesem Fall gibt es vermutlich irgendwo in der Wohnung noch größere Mengen Kartoffel- oder Maischips, Schokoriegel oder ähnliches. Und wenn auch das fehlen sollte – Softdrinks sind immer im Haus, und sie sind so süß, sie haben so viele Kalorien, daß sie den Hunger zumindest für eine Weile vergessen lassen.“
„Danke für die Auskunft“, sagte Tumu zu Ramses. An alle gewandt, fügte sie hinzu: „Ich denke, das ist die Lösung. Bei geschickter Programmauswahl sollte es nicht allzu lange dauern, bis wir hier nicht mehr ausrutschen – selbstverständlich ohne jemandem etwas getan zu haben.“ Sie nickte dem Schwein zu.
Aller Augen starrten sie groß und verwundert an. In ihrem blanken Unverständnis ähnelten sie Fernsehbildschirmen. Es gab nur zwei Ausnahmen. Manfred strahlte, nahm Tumu in die Arme und schwenkte sie durch die Luft. „Mama, du bist genial!“ rief er dabei.
Bären haben Fehler, wie alle Lebewesen auf dieser Erde. Ein typischer bärischer Charakterzug ist falscher Stolz. Wenn ein Artgenosse behauptet, etwas Wichtiges verstanden zu haben, würde ein Bär niemals eingestehen, daß er diesen Sachverhalt nicht begriffen hat. Deshalb fragte niemand nach, worin Tumus Idee bestand, aber die Neugier nagte an vielen, und deshalb wurde in der folgenden Nacht ein Rekord an unruhigen Träumen aufgestellt.

Dabei war doch alles ganz einfach.
An den Stellen, an denen die Rinder sich besonders gern aufhielten, vor allem an ihren Tränken, installierten die Bären große Fernsehbildschirme. Darauf überspielten sie drei Programme. Das eine hatte einen Fernsehprediger im Mittelpunkt, der jedem, ob Mensch oder Tier, das Himmelreich versprach, wenn er nur oft genug ‚Hallelujah‘ rief. Das zweite zeigte eine Reality-TV Show: Neun Kühe auf einer einsamen Insel. Im dritten lief eine Soap-Opera mit dem Titel: ‚Unsere Kuhweide‘. Die 524. Folge hatte als Plot: ‚Mein Stier geht fremd‘.
Wie Tumu es erwartet hatte, waren die Rinder von den Programmen fasziniert und vergaßen darüber zu fressen. Ihren Durst stillten sie an den gewohnten Wasserstellen. Da das Wasser mit Cola- und Pepsikonzentrat versetzt war, vergaßen sie nach den Trinken ihren Hunger und stellten sich wieder vor sie Glotze.
Die Rancher, die ihren Viehbestand ab und an kontrollierten, konnten sich den Rückgang der Fleischqualität ihrer Rinder in den LaSals nicht richtig erklären. Die Tiere verloren zwar kaum an Gewicht, aber ihre Muskelkonsistenz war wässrig-faserig. Schlechtes Fleisch brachte schlechtes Geld. Man vermutete, daß die Freisetzung von radioaktivem Material in den fünfziger Jahren auch nach Jahrzehnten noch auf Pflanzen wirkte. Man wollte kein Risiko eingehen.
Die Rancher beschlossen, ihre Weiderechte in den LaSals einfach ruhen zu lassen.

Bärdel und Ramses gingen einander entgegen. Sie freuten sich an den wunderschönen Blumen, die rechts und links des Weges wuchsen, umarmten einander und waren Tussi dankbar dafür, daß sie hier sein durften.


Fußnoten:

1 vgl. Kulle: Sexualität   To Top

2 vgl. Jobsuch e   To Top

3 vgl. Die Sägebande   To Top

4 vgl. Der erste Tag   To Top