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Bärdel Bärdels Märchen (Mormonien)

Anasazi

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„Das darfst du nicht!“
Bärdel duckte sich instinktiv, als er die ärgerliche Stimme hörte. Er steckte mitten im Unterholz am Rande des Waldes unten in den Bergen, und dichtbelaubte Eichenbüsche, undurchdringlich für die Augen, trennten ihn von dem Sprecher, der sich anscheinend in offenem Gelände aufhielt. Da er nicht entdeckt werden wollte, verzichtete er darauf, sich näher heranzuschleichen. Das Rascheln der Blätter hätte ihn verraten können. Er vertraute allein auf seine Ohren, hockte sich nieder und schloß die Augen, um sich besser auf sein Gehör zu konzentrieren.
„Das darfst du nicht!“ wiederholte die Stimme. Sie gehörte einem Menschenmann, urteilte Bärdel, und er hatte den Eindruck, daß der Mann noch jung war. Er sprach Englisch mit einem Akzent, den Bärdel keinem Land und keiner Region zuzuordnen vermochte, weil er ihn noch nie zuvor gehört hatte.
„Du spinnst ja!“ antwortete ein zweiter Sprecher, ebenfalls menschlich, ebenfalls männlich, und hörbar ärgerlich. Nach allem, was Bärdel bisher über amerikanische Dialekte gelernt hatte, stammte er hier aus der Gegend. „Und ob ich das darf! Unglaublich – kommt der Kerl einfach hier hereingeschneit und will mir Vorschriften machen! Weißt du eigentlich, wo du gerade bist? Du stehst auf meinem Grundstück, und wenn ich wollte, könnte ich dich sogar erschießen. Oder hast du etwa die Schilder nicht gelesen? ‚Private property, no trespassing!‘ Keine Sorge – ich hab‘ heute meinen netten Tag. Aber die Bewässerung stelle ich jetzt an, ob es dir paßt oder nicht. Die Wasserrechte hier hat schon mein Urgroßvater erworben. Ist alles völlig legal, falls es dich tröstet.“
„Du darfst das nicht!“ Der Sprecher zögerte. Seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: „Schlange hat es verboten!“
„Na, das hat mir gerade noch gefehlt – ein New Age Jünger will mir die Welt erklären! Paß bloß auf, daß ich nicht die Geduld verliere… Wahrscheinlich willst du mir jetzt gleich was vom Wassermann erzählen, stimmt‘s?“
„Nein.“ Das klang so verwundert, daß Bärdel zu sehen meinte, wie der unsichtbare Sprecher den Kopf schüttelte. „Ich kenne niemanden, der der Wassermann genannt wird. Ich würde ihn aber gerne kennenlernen. Jemand, der diesen Namen trägt, muß sehr mächtig sein.“
„Du willst mich wohl verarschen, was?“ Trotz des verbalen Angriffs war die Frage von einem friedlichen Unterton getragen. „Na ja, schon gut. Macht nichts. Ich bin heute wirklich gut gelaunt. Mein Alfalfa habe ich in der Stadt für einen deutlich besseren Preis verkauft als erwartet. Komm, hilf mir mal – wir müssen das Rad da aufdrehen. Ja – so ist‘s gut! Na – sieht doch gut aus, wenn das Wasser über das Land sprenkelt, oder? Da hinten gibt es sogar einen Regenbogen!“
Für ein paar Sekunden, die Bärdel sehr lang erschienen, war es still.
Endlich sprach der junge Mann. „Schlange wird nicht wiederkommen.“ Seine Stimme war tonlos und niedergeschlagen. „Nie mehr.“
„Schön wär‘s ja. Bin in dieserm Jahr schon zweimal einem Rattler unangenehm nahe gekommen. Ging Zwei zu Null für mich aus: zwei tote Klapperschlangen. Waren aber zwei überflüssige Aufregungen zu viel. Von mir aus können die Biester in Zukunft wirklich wegbleiben. Oder bist du anderer Meinung?“
„Ja.“
Die schlichte Bejahung brachte den zweiten Sprecher außer Fassung. „Warum das?“
„Schlange bringt das Wasser.“ In Bärdels Ohren klang dieser Satz so selbstverständlich wie die Aussage: ‚Morgen wird die Sonne wieder aufgehen‘.
Dennoch war die Gegenfrage ungläubig, ja sarkastisch. „Ach ja! Und welcher Guru behauptet das?“
Der junge Mann schien den Zweifel nicht zu bemerken. „Ich kenne keinen Gott, der Guru heißt. Aber Vielhorn, der in den Himmel lauscht, und Dreikopf, der weiß, was unter der Erde, auf der Erde und über der Erde geschieht, und Falschfarbe, der in der Nacht schaut und für den der Tag dunkel ist, sie alle sagen, daß Schlange das Wasser bringt. Wenn Schlange nicht kommt, dann fällt kein Regen. Dann ist trockener Sand im Fluß, kein Wasser. Dann können der Mais, die Bohnen und die Melonen nicht keimen, die Schafe verdursten, und wir alle werden sterben.“
„Quatsch! Kompletter Quatsch! Schau dich doch bloß mal um – ist nicht alles grün hier? Nein? Du schüttelst den Kopf? Dumm bist du, einfach dumm!“
Nach einer Pause fuhr er ruhiger fort: „Schon gut, schon gut – Entschuldigung! Wir leben ein einem freien Land, und jeder kann hier glauben, denken und sagen, was er will. Von deinem Verein habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Ist aber auch egal – alle 2500 Kirchen in den USA kann schließlich niemand kennen. Also sag schon – wieso kommt deine Schlange ausgerechnet jetzt nicht mehr?“
„Du vergeudest das Wasser.“
„Unsinn, mein Lieber, kompletter Unsinn!“ Die Stimme war jetzt so überzeugt, als ob der neugewählte Präsident seine erste Erklärung zur Lage der Nation abgab. „Ich nutze das Wasser, das mir gehört, und lasse damit wunderschönes Alfalfa wachsen. Das ist nahrhaftes Viehfutter, also sind das letztlich wunderschöne Steaks für uns alle, in der Rohform sozusagen, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn ich nicht bewässern würde, hätte ich kein Geld, um mir Steaks zu kaufen, und meine Wasserrechte würden verfallen, weil ich das Wasser ja offenbar nicht brauche. DANN würde ich Wasser vergeuden, und DANN würde ich sterben! Kapito?“
„Nein.“ Eine Pause ging der folgenden Frage voran: „Was sind Steaks?“
Bärdel hörte das Geräusch ausgeblasenen Nasenschleims. Er hörte es zwei Mal. Er vermutete, daß das rechts und links wiederholte Zuhalten eines Nasenlochs bei gleichzeitigem Ausblasen von Popeln auf der jeweils anderen Seite nicht nur der physischen Erleichterung diente, sondern auch Ausdruck einer bestimmten Haltung war.
„Also jetzt schlägt‘s dreizehn. Hau ab, aber subito! Eine dümmere Frage ist in diesem Land seit der Unabhängigkeitserklärung sicherlich nie gestellt worden!“ Bärdel erwartete nach dieser Äußerung eigentlich den einseitigen Beginn einer körperlichen Auseinandersetzung, und die gutmütige Fortsetzung der Kommunikation überraschte ihn zutiefst. „Ach – warte mal, ich glaube, jetzt begreife ich! Du hast Hunger! Na gut, du komischer Heiliger, das ist kein Problem – ich habe genug Steaks, um meine Familie zu ernähren, und die ist nicht gerade klein – das hier ist das fruchtbare Utah, verstehst du? Ach was, Familie – ich habe genug für das ganze County. Komm mit, wir gehen zum Haus. Meine Ribeyes sind hervorragend. Ich schlage ‚rare‘ vor, oder höchstens, falls du kein Blut sehen kannst, ‚medium rare‘. Einverstanden?“
Der junge Mann antwortete zurückhaltend. „Ich danke für die Gastfreundschaft. Ja, ich bin hungrig. Alle Wanderer sind immer hungrig.“ Er zögerte, bevor er fortfuhr. „Aber bevor wir zu dem gehen, was du dein Haus nennst, sollten wir zusammen noch einmal an diesem Rad drehen.“
„Die Bewässerung abstellen? Wieso?“
„Weil du genügend Vorräte hast, um dich und deine Familie zu ernähren. Du selbst hast das gesagt.“
„Aber für wie lange, du Klugscheißer? Außerdem – essen ist nicht alles, wie du wissen solltest. Maschinen, Hypotheken, von Klamotten und und und zu schweigen – das kostet eben. Keine Diskussion – die Bewässerung bleibt an!“
Eine Zeitlang war es still. Keiner sprach. Nur eine Elster strich vorbei und beäugte die Heuschreckenpopulation auf dem bewässerten Feld. Die Ernte war gut, stellte sie fest.
„Na, ist schon recht!“ meinte der zweite Sprecher schließlich. Gutmütigkeit schwang wieder in seiner Stimme mit. „Du siehst wirklich ziemlich verhungert aus. Ein ordentliches Essen wird dir guttun. Woher kommst du eigentlich?“
Zum ersten Mal, seit er das Gespräch belauschte, empfand Bärdel eine Spur von Sympathie gegenüber dem zweiten Sprecher. Genau das hatte er von Anfang an wissen wollen.
„Wir wohnen drei Tagesmärsche nordwärts von hier. Wir hungern. Seit drei Jahren hat der Bach in unserem Canyon immer weniger Wasser geführt, und jetzt ist er versiegt. Der Wasserzauber, den wir in die Felsen gemeißelt haben, hat versagt. Die Schafe mit den großen Doppelhörnern haben uns verlassen, und die Maisjungfrauen sind in die hohen Berge gezogen. Unser Pollenopfer hat ihnen in diesem Jahr nicht gefallen.“
Der Sprecher zögerte, bevor er fortfuhr: „Vielleicht haben wir falsch gelebt. Ich habe Angst.“
Nach einer noch längeren Pause sagte er: “Ich fühle, daß wir auch diese Welt wieder verlassen müssen, wie die Welten zuvor. Ich bin ausgeschickt worden, um Hilfe zu suchen. Ich rief den Raben, den Dachs, den Falken, den Coyoten, den Frosch und den Adler, ich rief Nordwind, Westwind, Ostwind und Südwind, ich rief Sonne und Mond, und ich rief die Frau, die alles verwandelt, aber niemand antwortet mir. Niemand ist da, um nach einem Weg in die nächste Welt zu suchen. Ich bin allein.“
„Hast Du‘s auch mal mit 911 versucht?“ Die Stimme klang überraschenderweise so, als meinte der Sprecher es ehrlich. Und als sei er völlig verblüfft und verwirrt.
„Was ist 911?“ Der junge Mann sprasch die Zahl so mühsam aus, als sei sie ein unbekanntes Fremdwort.
„Die kostenlose Notrufnummer. Die zentrale Nummer für Polizei, Feuerwehr und ärztlichen Notdienst. Sie kommen, so schnell sie können.“ Die Erklärung war so geduldig wie gegenüber einem vierjährigen Kind, das noch nichts über die besonderen Funktionen eines Telefons weiß. Trotzdem war sie nicht von Erfolg gekrönt.
„Ich kenne den Gott 911 Notrufnummer nicht.“ Der junge Mann sprach jetzt leiser, er wirkte erschöpft. „Ich spüre, daß auch du mir nicht helfen kannst. Meine Sippe und ich, wir werden sterben. Aber vielleicht kann ich dir helfen.
Komm, laß uns an diesem Rad drehen!“
„Nein, verdammt noch mal! Ich dachte, ich hätte dir das erklärt! Mein Alfalfa…“
Obwohl der Sprecher jetzt wieder wütend war und dementsprechnd laut redete, hörte Bärdel den jungen Mann, viel deutlicher. Dessen Stimme wurde immer leiser und gerann schließlich zu einem kaum hörbaren Flüstern.
„Du willst dir nicht helfen lassen… Dir wird es ergehen wie mir – du erfreust dich an der Frucht deiner Lenden und denkst, du allein seist der, auf den es ankommt. Du denkst, du zähmst Schlange, aber erst dann, wenn sie dir ihre gespaltene Zunge nicht mehr zeigt, fängst du an zu beten. Aber dann wird es zu spät sein. Von dir werden deine in den Felsen geritzten Gebete bleiben, wie auch von mir, falls du an die Götter glaubst wie ich. Ich bin traurig. Ich hatte gehofft, daß du mir helfen könntest, oder ich dir…“
„He,he, he, wo bist du?“ Der Farmer begann auf der Suche nach seinem Gesprächspartner die Büsche zu durchsuchen, was Bärdel veranlaßte, sich schleunigst, aber geräuschlos zurückzuziehen.
Der junge Mann aus einer anderen Zeit schien verschwunden zu sein, und Bärdel hatte kein Interesse daran, sich statt seiner entdecken zu lassen. Während er in die Sicherheit der hohen Berge zurücktappte, spürte er, wie sich sein Fell sträubte. Er war zwar angetan davon, einen ersten Zugang zu den zahlreichen Felszeichnungen gefunden zu haben, die die Menschen hinterlassen hatten, die hier vor Jahrhunderten lebten. Aber die Art und Weise der Konfrontation fand er äußerst beunruhigend. Er hatte sich darauf eingestellt, ab und zu die zeitgenössischen Amerikaner zu treffen. Daß auch die Toten hier noch zu leben schienen, verunsicherte ihn zutiefst. Noch beunruhigender war die Prophezeiung des jungen Mannes. Hatte Tussi sie alle in eine Gegend gebracht, die bald ebenso trocken sein würde wie die Sahara?