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Bärdel Bärdels Märchen (frühe Werke) Ökonomische Werke

Markt und Sozialstaat

Du sollst begehren Deines Nächsten Markt
„Papa, ich les‘ da gerade ein Buch…“

„Sehr gut, mein Sohn!“ Bärdel war hoch erfreut, daß sein in der Regel nichtsnutziger Sproß sich einmal einer sinnvollen Tätigkeit hingab. „Du mußt viele Bücher lesen, wie jeder von uns, damit wir die Menschen besser verstehen.“

„Das ist es ja“, seufzte Manfred, „ich versteh es nicht.“

„Worum geht’s denn?“

„Es heißt: ‚Markt und Sozialstaat‘. Und darin steht, daß der Sozialstaat am Ende ist, weil der Markt nicht behindert werden darf. Da ich aber weder weiß, was ‚Markt‘ noch was ‚Sozialstaat‘ ist, kapier ich überhaupt nichts.“

Bärdel lächelte nachsichtig. Da er stunden- und nächtelang mit Kulle diskutiert hatte, wußte er natürlich über alles Bescheid, was irgendwie mit Ökonomie zusammenhing.

„Das ist eigentlich ganz einfach,“ erklärte er deshalb. „Der Markt ist definiert als Ort der Austauschbeziehungen von Waren, die ihren Wert nur dort zu realisieren vermögen. Marktwirtschaft ist ergo immer anarchisch – was übrigens nichts mit wahrer Anarchie zu tun hat. Da der Kapitalismus die Tendenz hat, zu einem weltumfassenden System zu werden…“

Manfred unterbrach ihn. „Entschuldige, Papa, aber ich verstehe immer weniger. Vielleicht kannst Du mir das ja morgen erklären. Ich suche mir jetzt erst mal ein paar Brombeeren.“ Und er trollte sich.

Am nächsten Tag erklärte Bärdel seinem Sohn überhaupt nichts. Auch nicht am übernächsten und an den Folgetagen. Er erklärte nichts, weil ihm bewußt geworden war, daß er nichts erklären konnte. Und gleichzeitig hatte er erkannt, daß das, was Manfred wissen wollte, eigentlich die ganze Sippe wissen müßte. Er sann darüber nach, wie das zu bewerkstelligen war.

Endlich fiel ihm eine Lösung ein, aber er fühlte sich dabei nicht wohl in seiner Bärenhaut. Das Problem, um das es ging, konnte nicht einfach nur erklärt, es mußte erfahren werden. Und dabei wußte er zweierlei nicht: Würden alle Bären mitmachen, wie es erforderlich war? Und, viel gravierender: Wie würde das Experiment ausgehen?

Bärdel verzichtete darauf, eine außerordentliche Bärenversammlung einzuberufen, sondern wartete, äußerlich gelassen, das nächste ordentliche Treffen ab. Nur nicht den Anschein erwecken, daß etwas Besonderes vorging! Jede Nacht beobachtete er in langen schlaflosen Stunden den Himmel und zählte die Tage: bis zum Vollmond, dem traditionellen Datum aller Bärenmeetings.

Auch als es dann soweit war, ließ er sich nichts anmerken. Bei dem einzigen und immer behandelten Tagesordnungspunkt „Spiele“ meldete er sich als letzter.

„Ich möchte Euch ein Spiel vorschlagen!“

Zufrieden brummten die Alten, und die Jungen schlugen übermütige Purzelbäume. Genau das war es, was sie sich gewünscht hatten. Bären lieben nichts mehr, als Spiele zu spielen.

„Was ist es? Erzähl! Endlich mal wieder! Toll! Jetzt kommt Leben in die Bude! Wir werden unseren Spaß haben! Worum geht es?“

Alle riefen durcheinander.

„Das ist ein ganz besonderes Spiel“, erklärte Bärdel und fühlte, wie unter seinem Pelz eine Gänsehaut über ihn kroch. „Ein geheinmisvolles Spiel. Seine Besonderheit besteht darin, daß keiner von Euch die Spielregeln kennt. Erst am Schluß werdet Ihr sie erfahren. Macht Ihr trotzdem mit?“

Er hörte ein skeptisches Brummen aus der Frauenecke, aber das wurde schnell übertönt. Allgemein setzte sich Zustimmung, ja Begeisterung durch.

„Wann fangen wir an?“ „Ja, Wann?“ wurde Bärdel von allen Seiten gefragt.

„Morgen!“

Die erste Hürde war genommen.

Am nächsten Morgen brummten alle im Bärental durcheinander. Ungeduldig wurde Bärdel erwartet. Schließlich erschien er und wurde sofort wieder bedrängt: “Geht‘s jetzt endlich los?“

„Komm, fang schon an!“

Bärdel hob die Hand, und augenblicklich breitete sich erwartungsvolle Stille aus.

„Ich werde Euch in vier Gruppen einteilen. Wer zu welcher Gruppe gehört, wird das Los entscheiden, ich habe das vorbereitet. Die Mitglieder der Gruppe I werden die Höhlenbesitzer, wer in der zweiten Gruppe ist, verfügt über die Brombeeren. Gruppe III hat gar nichts, und Gruppe IV ist dafür verantwortlich, daß alles funktioniert.“

Ein Sturm der Entrüstung wollte losbrechen, aber noch einmal gelang es Bärdel, mit erhobenem Arm Stille herzustellen.

„Noch etwas: Ich habe Euch gestern gesagt, daß niemand von Euch die Regeln dieses Spiels kennen wird, bevor es zu Ende ist. Das iat auch richtig. Eine einzige Regel aber müßt Ihr vorher kennen und auch unbedingt beherzigen: Keiner von Euch darf ohne Gegenleistung auf etwas verzichten, das er hat.“

Jetzt waren die Bären wirklich nicht mehr zu bremsen.

„Wieso sollen einzelne Gruppen das alleinige Recht auf etwas haben?“

„Warum hat eine Gruppe gar nichts?“

„Es ist unbärisch, für alles eine Gegenleistung zu verlangen!“

Wild schrien sie durcheinander, und Bärdel ließ sie sich austoben. Als es etwas ruhiger geworden war, sagte er – und tat dabei, als sei er völlig desinteressiert: „Ich dachte, Ihr wolltet spielen! Ich zwinge Euch doch zu nichts. Wenn Ihr nicht wollt, lassen wir es…“

Die Taktik war klug gewählt. Zwar blieb ein unterschwelliges Brummen hörbar, aber darüber erhoben sich mehr und mehr fordernde Stimmen und Gelächter.

„Na klar, wir wollen spielen! Laßt uns losen! Wir werden schon unseren Spaß haben! Und wenn nicht – aufhören können wir immer!“

„Hoffentlich“, dachte Bärdel, doch er ließ sich nichts anmerken.

„Na gut, dann zieht Eure Lose!“

Niemand dachte sich etwas dabei, als sich herausstellte, daß die alten Bären durchweg zu Höhlenbesitzern geworden waren, während die Jungen sich als Habenichtse entpuppten. Auch Manfred gehörte zu dieser Gruppe. Bärdel hatte Fortuna ein wenig beeinflußt. Schließlich meinte er zu wissen, was kommen würde – kommen mußte.

„Na dann viel Spaß“, wünschte er allen, als die Rollen verteilt waren. Dabei lächelte er freundlich und unschuldig.

Nur Kulle sah, daß er sich das Lächeln aufzwang. Na klar – Kulle war natürlich eingeweiht. Bärdel hatte ihn als Berater für seine Planungen herangezogen, und er fürchtete auch, ihn zu brauchen, wenn sein Spiel aus dem Ruder lief – was fast zwangsläufig war. Offiziell aber war Kulle Mitspieler wie jeder andere – und er hatte, wen wird es überraschen, ein Los als Mitglied der Koordinatorengruppe gezogen.

„Vielen Dank, vielen Dank!“ riefen die Bären. „Aber – was sollen wir denn jetzt machen?“

„Das werdet Ihr schon merken!“ sagte Bärdel.

Diese verwünschte Gänsehaut – er wurde sie einfach nicht mehr los.

Die Bären trollten sich. Nach einiger Zeit des unkontrollierten Herumtobens wurden sich zumindest einige ihrer Spielrollen bewußt: Die Höhlenbesitzer fegten ihre Wohnungen, legten frisches Gras für ein Lager aus und begaben sich dann zur Ruhe, und die Herren der Brombeeren schlugen sich in ihren Hecken den Wanst voll, häuften noch einen Vorrat für später auf und pennten dann ebenfalls. Anders die Mitglieder der Gruppe III: Sie wußten eigentlich nicht, was sie tun sollten. Also spielten sie herum und wollten schließlich schlafen. Vorher aber wollten sie, was alle Bären wollen, bevor sie sich zur Nachtruhe begeben: essen.

Also machten sie sich auf in Richtung Brombeerhecken. Geschützt von ihrem dicken Bärenfell, ließen sie sich von den Dornen nicht stören. Die Zweige zerknackten, das Laub raschelte laut, als sie in das Dickicht eindrangen. Sie machten so viel Lärm, daß die Brombeerenbesitzer erwachten.

„He, was macht Ihr denn da?“

„Blöde Frage!“ schmatzten die „Diebe“. „Essen!“

„Aber das dürft Ihr nicht! Das sind unsere Brombeeren!“

„Wieso das denn? Ihr spinnt ja!“ grunzten und riefen die empörten Esser durcheinander.

Ja, wieso eigentlich? Das wußten die Brombeerenbesitzer auch nicht so genau. Aber sie konnten sich auf Formalitäten berufen: „Wir spielen doch Bärdels Spiel!“

„Blödes Spiel!“ rebellierten die andren. „Wir haben Hunger!“

Nachdenkliches und zum Teil auch zustimmendes Brummen erhob sich unter den Herren der Brombeeren, aber schließlich erinnerte sich einer von ihnen an die Regel, die Bärdel so bestimmt verkündet hatte: „Keiner von euch darf ohne Gegenleistung auf etwas verzichten, das er hat!“

Und er sagte: „Nein!“

„Was ‚Nein'“, fragten die anderen, die eben wieder zu fressen beginnen wollten.

„‘Nein‘ ist’Nein‘. Es ist mir egal, ob ihr Hunger habt oder nicht. Wenn ihr etwas von unseren Brombeeren haben wollt, müßt ihr uns etwas dafür geben.“

Es herrschte verblüfftes Schweigen. Hauptsächlich deshalb, weil zum ersten Mal, seit sie denken konnten, ein Bär einem anderen erklärt hatte, daß es ihm gleichgültig sei, wenn es ihm schlecht gehe. Aber auch, weil die Hungrigen nicht wußten, was sie jetzt tun sollten.

„Ja, und was sollen wir jetzt machen?“ fragte schließlich einer. „Was sollen wir denn tun, damit wir essen dürfen?“

Diese Frage überforderte die Brombeerbesitzer zunächst. Sie schwiegen und dachten nach, suchten nach Lösungen. Ja, was? Sie könnten die anderen Purzelbäume schlagen lassen, sich ein Brombeersoufflé bereiten lassen, sie zwingen, ihnen die Brombeeren zu pflücken und ins Maul zu schaufeln…alles Unsinn. Unsinn, und doch nicht. Denn als sie diese an sich nutzlosen Gedanken wälzten, wurde den Klügeren unter ihnen bewußt, daß sie etwas hatten, was sie bisher nicht kannten. Weil sie es nicht kannten, fehlte ihnen der Begriff dafür. Die Menschen nennen es Macht. Anderen etwas befehlen können, das ist Macht.

Endlich entdeckte einer einen praktischen Aspekt. „Besorgt uns einen Schlafplatz!“ sagte er. „Wir haben die Brombeeren, aber die erste Gruppe hat die Höhlen. Platz darin werden sie uns ohne Gegenleistung nicht geben. Wenn ihr das schafft, dürft ihr euch den Bauch vollschlagen.“

Wider Erwarten war es leicht, mit diesem Problem fertigzuwerden, zumindest prinzipiell. Zuerst hatten die Habenichtse vor, allesamt zu den Höhlen zu ziehen, um deren Besitzern ein Brombeerabendmahl anzubieten – gegen die Bereitstellung von Schlafplätzen. Dann aber kam der Älteste unter ihnen auf die Idee, daß die Höhlenbesitzer einen solchen massenhaften Aufmarsch als Angriff werten könnten – man sollte lieber eine Delegation schicken, schlug er vor. Sein entsprechender Vorschlag wurde einstimmig angenommen, und weil er den Einfall gehabt hatte, wurde er allein als Delegation bestimmt.

Also marschierte er zu den Höhlen, entbot einen höflichen Abendgruß und unterbreitete sein Angebot: „Ihr seid doch bestimmt hungrig nach diesem langen Tag. Ich mache Euch deshalb ein Angebot: Wir bringen Euch Brombeeren zum Essen, wenn ihr…“

Er stockte. Erst jetzt wurde ihm bewußt, daß er sich seine Strategie nicht gut genug überlegt hatte. (Wie sollte er auch? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Bären im Umgang mit Bären noch nie eine Strategie gebraucht.) Wenn… Wenn was? Was sollte er fordern? Schlafplätze für die Brombeerherren? Das wäre gerecht gewesen, denn sie waren diejenigen, die die Brombeeren zur Verfügung stellten. Andererseits: Stellte nicht Tussi die Brombeeren zur Verfügung? Und: Auch seine Spielgruppe, die Habenichtse, brauchte einen geschützten und warmen Schlafplatz. Aber – konnten sie ein Anrecht darauf geltend machen? Vielleicht, weil er den – das – die – vermittelt hatte?

Die Vokabel, nach der er vergeblich suchte, hieß: Handel. Den Menschen war sie völlig geläufig. Die Bären würden sie rasch lernen.

„Brombeeren sind keine schlechte Idee,“ brummte die Höhlenälteste. „Aber du hast deinen Satz nicht zu Ende geführt. Wenn was?“

„Wenn ihr uns Schlafplätze zur Verfügung stellt!“

Er hatte Glück. Die alte Bärin war gutgläubig und naiv und dachte nicht über seine vage Formulierung nach. „Einverstanden – kommt ruhig!“

Als er zufrieden zu den Brombeerhecken zurücktrottete, merkte er, daß er vielleicht zu viel Erfolg gehabt hatte.

Die Brombeerherren würden Brombeeren abgeben und einen Schlafplatz dafür bekommen.

Die Höhlenbesitzer würden Höhlenplatz abgeben und dafür Brombeeren bekommen.

Die Habenichtse würden nichts abgeben – logisch, sie hatten ja auch nichts -, aber dafür sowohl einen Schlafplatz als auch Essen erhalten.

Ob das auf die Dauer gutgehen konnte?

Er hatte recht mit seinen Befürchtungen. An diesem und an drei weiteren Abenden hielten sich Brombeerherren, Höhlenbesitzer und natürlich die glücklichen Habenichtse an die von ihm getroffene Vereinbarung.

Am vierten Morgen brachte ein Gespräch zwischen der Höhlenältesten und einem Brombeerenbesitzer, der sich in der Höhle vertrödelt hatte, die Wende.

„Ach,“ stöhnte die Älteste, während sie mit gebücktem Rücken den Schmutz der Nacht auskehrte, „für die paar Beeren jeden Abend müssen wir ganz schön viele Gäste beherbergen! Ich komme gar nicht an gegen all den Dreck!“

Stimmt! schoß es dem Brombeerherren durch den Kopf. Nicht nur wir schlafen hier, sondern auch die Horde dieser an sich nutzlosen Habenichtse. Und nicht nur die Höhlenbesitzer leiden unter ihnen, sondern auch wir. Wir müssen sie schließlich mit unseren Beeren durchfüttern.

„Paß auf,“ sagte er langsam, während er noch überlegte. „Ich habe eine Idee. Ab heute Abend schlafen nur noch wir, die Brombeerherren, bei euch. Du wirst also weniger Arbeit haben. Und ihr Höhlenbesitzer habt davon noch einen Vorteil: Wir werden euch mehr Brombeeren bringen als bisher.“ Er hatte blitzschnell gerechnet: Es gab doppelt so viele Habenichtse wie Höhlenbesitzer, es kostete ihn also nichts, großzügig zu sein. „Einverstanden?“

Natürlich war die alte Bärin einverstanden. Bärdels Spiel war ihr als äußerst dumm erschienen, und sie hatte sich nicht sonderlich um die Regeln gekümmert. So war ihr nicht klar, welche Konsequenzen diese Vereinbarung für die Habenichtse hatte: Sie saßen auf der Straße. Ohne Nahrung, ohne Obdach.

Als die Habenichtse am Abend zu den Brombeerhecken kamen, wurde ihnen die neue Lage mitgeteilt. Ohne zu zögern, hatten alle Brombeerherren die neue Idee gutgeheißen. Niedergeschlagen zogen die Habenichtse von dannen. Ihr Ältester aber, ihr ehemaliger Delegierter, schäumte vor Wut. Brüllend rannte er in den Wald und hinterließ eine Spur geknickter Büsche, abgerissener Zweige und zerquetschter Blätter.

Wut ist gut, um sich abzureagieren, allein – sie führt nicht zu Lösungen. Das merkte auch unser Delegierter, als er erschöpft auf einer Lichtung zusammensank, um wieder zu Puste zu kommen. Was tun? Da er einerseits bärisch sozialisiert war und andererseits Lenin nicht kannte, kam er nicht auf die Idee, die Revolution auszurufen. Wieder zu den Habenichtsen zurückkehren? Was sollte er mit denen anderes tun, als gemeinsam zu hungern und zu frieren! Bei den Brombeerherren oder den Höhlenbesitzern betteln gehen? Das mußte vergeblich sein, denn da gab es Bärdels Spielregel. Wen gab es denn noch?

Plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: Wo war eigentlich die Gruppe IV geblieben? Die, die alles koordinieren sollte? Dieses sogenannte Spiel lief jetzt schon seit vier Tagen, aber von dieser Gruppe hatte sich noch kein Mitglied blicken lassen. Er beschloß, sie zu suchen – für irgendetwas mußten sie schließlich nutze sein.

Aber wo sollte er suchen? In Richtung Mittag oder Mitternacht, Morgen oder Abend? Da er erschöpft war und sich nicht entscheiden konnte, beschloß er, erst mal ein Nickerchen zu machen – vielleicht würde ihm ein Traum eine Idee eingeben.

Wenn Bären zu schlafen beschließen, pennen sie sofort ein. Und wenn sie träumen wollen, dann klappt das auch immer. Unser Delegierter träumte von einer kleinen Blumenwiese inmitten von grünen Birken und Buchen (das war die Lichtung, auf der er eingeschlafen war) und von einem Wind, der sich plötzlich erhob und ihn kräftig zauste. Der Sturm war so stark, daß er davon erwachte.

Als er sich auf den Rücken wälzte und sich die Sandmännchenscheiße aus den Augen rieb, merkte er, daß der Sturm kein Sturm gewesen war. Noch immer hatte eine mächtige Pranke seine Schulter gepackt und rüttelte ihn ordentlich durch.

Die Pranke gehörte zu Kulle.

„Meinen brüderlichen Bärengruß!“ sagte er. „Gehe ich recht in der Annahme, daß du Hunger und Durst hast? Da, bedien dich!“ Dabei wies er auf ein nett arrangiertes Mahl aus saftigen Äpfeln, Wurzeln und Pilzen. Zum Dessert gab es sogar eine halbe Honigwabe.

Sein Gegenüber vergaß für ein paar Minuten alle eigentlich selbstverständliche Bärenhöflichkeit und aß erst mal. Um ganz ehrlich zu sein: Er fraß. In Sekundenschnelle verschwanden alle Leckereien in seinem Schlund. Erst als er sich danach die Schnauze wischte, erinnerte er sich wieder an seine Erziehung. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, daß Kulle Bärdels Spielregel verletzt hatte – sonst hätte er nämlich nichts zu futtern bekommen.

„Entschuldigung. Danke. Ich hatte wirklich Hunger. Woher hast du das alles?“

Kulle schmunzelte. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure kleine Brombeer- und Höhlenwelt sich träumen läßt…Aber lassen wir das. Wir haben uns nur ein bißchen umgetan. Komm mit zu uns, dann kriegst du noch mehr!“

„Gerne!“ sagte der Habenichts. Aber dann zögerte er. „Die…die anderen Habenichtse haben bestimmt genausoviel Hunger wie ich. Könntest du nicht auch sie…?“

Kulle weigerte sich. „Zwei oder drei Tage werden sie auch allein durchhalten. Und danach ist das Spiel, so wie es jetzt läuft, ohnehin zu Ende.“

Obwohl er die Antwort nicht verstand, gab der Habenichts-Delegierte sich damit zufrieden. Kulles Aussagte lockte: „…dann kriegst du noch mehr!“

Die Koordinatoren-Gruppe hatte sich unmittelbar nach Spielbeginn weit von den anderen entfernt. Sie suchte ihre eigene Nahrungsbasis- und hatte sie gefunden, wie das Menu, das Kulle auftischte, beweist. Zwei Dinge hatte sie allerdings nicht, und die Bären vermißten sie schmerzlich: Brombeeren, ihre Lieblingsspeise, fehlten. Noch schlimmer aber war, daß sie nicht über einen warmen und trockenen Schlafplatz verfügten. Nachts kuschelten sie sich unter dichten Büschen aneinander und versuchten sich gegenseitig Wärme zu spenden.

Ohne Kulle hätten sie sich vermutlich anders verhalten, wahrscheinlich ähnlich wie die Habenichtse. Als er ihnen aber klargemacht hatte, daß die Brombeerherren und die Höhlenbesitzer bald meinen würden, ohne die Habenichtse auszukommen, waren sie seinem Vorschlag gefolgt. Sie waren zwar nicht zufrieden mit ihrem augenblicklichen Leben, aber Kulle hatte ihnen versprochen, daß es nur wenige Tage andauern würde.

Die Bären hatten ihre Erfahrungen mit Kulle: Er konnte stundenlang reden, ohne gefragt worden zu sein. Wenn er aber nichts oder nichts Genaueres sagen wollte, dann war auch nichts aus ihm herauszuholen. Und: Meistens hatte er recht.

Also fügten sie sich und warteten ab.

Auch diesmal bestätigte sich Kulles Prognose. Sieben Tage lang führten die Bären der Gruppen I und II ein Leben in Brombeersaus und Höhlenschmaus, aber dann verbreitete sich Unmut. Langweilig und gleichförmig war ihr Leben, und ungesund dazu: Die eintönige Kost begann sie krank zu machen, der Bärendurchfall, verursacht durch Beerendiät, grassierte. Außerdem vermißten viele von ihen Freunde und Verwandte.

Deshalb berief die Höhlenälteste eine Versammlung ein.

„Ich habe euch einen Vorschlag zu machen,“ begann sie. „Am liebsten würde ich sagen: Wir suchen jetzt die anderen, und dann ist Schluß mit diesem dämlichen Spiel, vor allem mit Bärdels blöder Regel! Da wir uns aber darauf eingelassen haben, müssen wir wohl weitermachen. Also: Wir malen jetzt große Reklametafeln. Darauf schreiben wir: Wir tauschen!“

Verständnisloses Gemurmel antwortete ihr. Tauschen? Was sollte das denn bedeuten? Sie kannten das Wort nicht.

Geduldig erklärte die Alte: „Wir dürfen doch nicht ohne Gegenleistung auf das verzichten, was wir haben. Also werden wir für Brombeeren und warme Schlafplätze von den anderen etwas verlangen. Dafür habe ich mir gerade das Wort ‚tauschen‘ ausgedacht.“ (Wie gut, daß sie gerade auf diese acht Buchstaben gekommen war, denn so haben die menschlichen Leser dieses Märchens sofort verstanden, was sie meinte.) Jetzt begriffen auch die Bären.

„Gar keine schlechte Idee.“ „Endlich Schluß mit dem flüssigen Bärendreck.“ „Ich habe schon lange Appetit auf Pilze.“ „Und ich auf Honig!“ „Hmmm, Honig!!“

Die Zustimmung war einhellig, und alle machten sich auch gleich an die Arbeit. Die Idee mit den großen Reklametafeln verwarfen sie allerdings schnell, soviel Aufwand wollten sie nicht treiben. Es war doch viel einfacher, das Angebot mit ihren scharfen Klauen in die Baumrinde einzuritzen. Sie verteilten sich im gesamten Bärental, und bald stand unübersehbar in Augenhöhe an allen dicken Bäumen: WIR TAUSCHEN!

Nach dieser anstrengenden Arbeit zogen sie sich zu Brombeerhecken und Höhle zurück und warteten. Dabei träumten sie von den Genüssen, in denen sie bald schwelgen würden.

Sie mußten lange träumen. Es passierte nämlich nichts. Falsch, natürlich geschah etwas: Hummeln und Bienen summten und besorgten die herbstliche Honigernte, Fliegen schwirrten um die Bären herum und kitzelten sie, Libellen zickzackten in der Spätseptembersonne über den Teich, in verwelkten Blüten wuchsen Früchte und bildeten Samen. Aber niemand passierte. Niemand kam vorbei und wollte tauschen.

„Ich will Honig!“ begann ein Bär schließlich zu jammern. „Warum kommt niemand und bringt welchen zum Eintauschen, zum Beispiel gegen einen Schlafplatz?“

„Weiß ich auch nicht!“ „Vielleicht sind sie woanders.“ Unwilliges Gebrumm von allen Seiten. Einer probierte sogar einen müden Scherz: „Vielleicht haben sie das Lesen verlernt.“

Bei diesem Satz setzte sich einer der Brombeerherren kerzengerade auf und schlug sich so schallend vor die Stirn, daß auch alle anderen aus ihrem Dämmerzustand erwachten.

„Natürlich!“ rief er. „Sie können zwar lesen, aber sie verstehen nicht. Wir haben es zuerst doch auch nicht verstanden. ‚T-a-u-s-c-h-e-n‘ – was bedeutet das denn?“

Jetzt ging allen ein Licht auf. Sie mußten ihre Botschaft deutlicher gestalten. Seufzend erhoben sie sich – das bedeutete noch einmal Arbeit.

Jeder Bär trottete zu den Bäumen, die er bereits bearbeitet hatte, und schrieb unter die allgemeine Botschaft, was seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprach.

Und so war der Wald nach einiger Zeit voll von unterschiedlichen Angeboten, zum Beispiel:

GEBE SCHLAFPLATZ GEGEN HONIG.

 BIETE BROMBEEREN, SUCHE NÜSSE

ICH WILL PILZE, GEBE BROMBEEREN.

SUCHE NÜSSE, BIETE SCHLAFPLATZ.

 

Kurze Zeit später war es vorbei mit der Ruhe am Rastplatz der Brombeerherren und Höhlenbesitzer. Von allen Seiten strömten die Habenichtse herbei, beladen mit Köstlichkeiten. Ein wildes Durcheinander begann.

„Welcher Bär hat Brombeeren und sucht Nüsse?“

„Ich suche Nüsse, ich biete aber einen Schlafplatz.“

„Das interessiert mich im Moment nicht.“

Ich habe Brombeeren, hat jemand Nüsse?“

„Ich will Brombeeren, ich habe aber Pilze.“

„Ich möchte aber Nüsse.“

„Und ich möchte keine Brombeeren, sondern einen Schlafplatz.“

So ging es endlos weiter. Jeder Bär hatte etwas und wollte etwas, aber kaum einer fand den entsprechenden Partner.

Wieder war es die Alte, die Höhlenälteste, die eine Lösung fand. Energisch klatschte sie so lange in die Pranken, bis das Stimmengewirr verstummte und sie sich Gehör verschaffen konnte.

„Bären,“ brummte sie, „so geht es offenbar nicht. Wenn wir denn schon tauschen müssen – sowieso eine bescheuerte Idee -, dann brauchen wir dazu Regeln, so wie es aussieht. Zum Beispiel muß jeder einen Tauschpartner finden können. Am besten wäre es, wenn jeder mit jedem tauschen könnte. Dazu müssen wir irgendetwas finden, was wir gegen alles tauschen können. Das kann dann als Vermittler dienen, um das nächste Ding einzutauschen, das wir wirklich brauchen.“

Die Bären waren durch diese Ausführungen intellektuell sichtlich überfordert, und sogar unter ihren dichten Pelzen war zu erkennen, daß sie die Stirnen krausten. Kulle aber, der sich heimlich angeschlichen hatte und die Versammlung belauschte, rieb sich erfreut die Pranken: Im Prinzip war soeben im Bärental die allgemeine Warenform erfunden woden. Er würde Bärdel umgehend informieren. (Seit Beginn des Spiels hatte Bärdel sich mit heftiger Migräne in den hintersten Winkel von Bärental verzogen.)

Die Alte erklärte weiter, und allmählich begriff die Versammlung. Man mußte einen Platzhalter finden, der jederzeit gegen jedes andere Gut eintauschbar war.

„Gute Idee!“ lobten sie. „Aber was nehmen wir?“

„Ich schlage das Anrecht auf einen Höhlenschlafplatz vor,“ antwortete die Alte. „Jeder will nämlich in der Höhle schlafen, man muß den Schlafplatz nicht mit sich herumschleppen, und er verdirbt nicht. Was haben wir Praktischeres?“

Da niemandem etwas Besseres einfiel, wurde der Vorschlag angenommen.

Sie verabredeten, daß eine oder mehrere Handvoll Nahrungsmittel dem Anrecht auf einen Schlafplatz entsprechen sollte.

Da es eine annähernd gleich große Zahl von Brombeerherren und Höhlenbesitzern und eine doppelt so große Anzahl von Habenichtsen gab, rechneten sie sich schnell aus, daß jeder von ihnen satt werden und einen Schlafplatz haben würde, wenn Brombeerherren und Habenichtse pro Tag zwei Hände voll Nahrungsmittel und die Höhlenbesitzer eine Handvoll sammelten und dann tauschten.

Zufrieden gingen sie auseinander.

Ein paar Tage lang funktionierte das Abkommen, dann aber fingen einige Höhlenbesitzer an zu maulen.

„Schließlich haben wir das Monopol auf die Höhlen!“

„Das was?“

„Na ja, niemand außer uns kann das wichtigste im Bärenleben zur Verfügung stellen: einen gemütlichen, warmen Schlafplatz.

„Und?“

„Dafür sollten wir uns besser bezahlen lassen!“

„Was heißt: bezahlen?“

„Wir sollten mehr dafür verlangen!“

Auf der nächsten Versammlung der Höhlenbesitzer wurde hitzig über dieses Thema diskutiert. Die Höhlenälteste argumentierte heftig gegen eine ‚Preiserhöhung‘, wie das neuerdings genannt wurde, aber sie unterlag. Im Laufe von Bärdels Spiel hatte sich die Mehrheitsmeinung gegen die Weisheit durchgesetzt. Nichts gegen Demokratie, aber wenn sie von egoistischen Interessen geleitet wird, kann manches schiefgehen.

Die Höhlenbesitzeregoisten setzten sich also durch und verkündeten: „Ab sofort hat nur Anrecht auf einen Schlafplatz, wer drei Hände voll Nahrungsmittel abliefert.“ Daß die Höhlenbesitzer von dieser Regelung ausgenommen waren, veröffentlichten sie vorsichtshalber nicht.

Zähneknirschend unterwarfen sich Brombeerherren und Habenichtse ihrem Diktat. Den Brombeerherren fiel das noch vergleichsweise leicht: Sie brauchten nur ihre Hecken abzugrasen. Schaudernd aber dachten einige von ihnen an den nahenden Winter: Was sollte werden, wenn sie keine Früchte mehr zur Verfügung hätten? Schon sahen sie sich als Habenichtse, den ganzen Tag auf Achse, immer auf der Suche nach Nahrung.

So ging es den Habenichtsen in der Tat: Sie machten sich die Pfoten schmutzig beim Durchwühlen der Erde nach Wurzeln, sie riskierten, sich beim Pilzesammeln zu vergiften, sie rissen sich die Tatzen auf beim Nüsseknacken, und immer wieder mußten sie sich von wütenden Bienen und Hornissen beim Honigsammeln zerstechen lassen.

Aber noch ertrugen sie die neuen Bedingungen.

Noch. Denn die neuen schlechten Bedingungen galten nicht lange. Die Höhlenbesitzer, oder zumindest deren Mehrheit, schienen unersättlich. Plötzlich verkündeten sie, für einen Schlafplatz seien künftig vier Hände voll Nahrungsmittel erforderlich. Brombeerherren wie Habenichtse saßen auf einmal in einem Boot: Das konnten sie nicht schaffen.

Auch verstanden sie die Höhlenbesitzer nicht: „Was wollen die denn mit dem ganzen Zeug? Soviel kann man doch gar nicht fressen!“

Aber sie hielten sich nicht mit der Analyse eines kranken Verstandes auf. Es galt, ihr eigenes Problem zu lösen. Was sollten sie tun?

Lethargisch lagen sie im Bärenwald herum, knabberten an ihrem Honig, ihren Wurzeln oder Pilzen, ihren letzten Brombeeren. Schaudernd dachten sie an die bevorstehende kalte Nacht. Ihnen fiel kein Ausweg ein. Manche versuchten einzuschlummern, um der bösen Welt zu entkommen.

Aber alle schreckten auf, als der Wald plötzlich lebendig zu werden schien. Eine Horde näherte sich und stampfte rüchsichtslos durchs Unterholz. Dazu brummte etwas, und das klang sogar melodisch. Wortfetzen ließen sich vernehmen: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit…“

Die Koordinatorengruppe kam!

Sie brachte nicht nur Gesang mit, sondern auch das beste Honigsoufflé, ausreichend für alle, das Habenichtse und Brombeerherren jemals gegessen hatten.

Lange schmatzte und schmauste die Gruppe, und als sich auch der letzte den allerletzten süßen Tropfen vom Maul geleckt hatte, richteten sich aller Augen erwartungsvoll auf Kulle. Der verstand die stumme Aufforderung und ließ sich nicht lange bitten.

„Brüder Bären,“ rief er, während er seine Fliege zurechtzupfte und kämpferisch den rechten Arm hob, „Brüder Bären, was ist aus uns geworden? Unsere Gemeinschaft ist zerbrochen, nur der Besitz zählt noch. Wo ist unsere sprichwörtliche Bärensolidarität geblieben? Sie ist dahin! Was hat sie zerstört? Ihr denkt jetzt sicher, daß die Höhlenbesitzer in ihrer unersättlichen Gier nach unseren Pilzen, Wurzeln, Beeren und unserem Honig die Schuldigen sind.“

„Klar sind sie das!“ „Sie beuten uns aus!“ „Schau dir meine kaputten Pfoten an!“ „Nieder mit den Höhlenbesitzern!“

Die Zurufe kamen von allen Seiten. Kulle hatte Mühe, wieder Ruhe herzustellen.

„Ich kann euren Zorn gut verstehen, Brüder, aber die Höhlenbesitzer sind nicht schuld.“

Um einem neuen Sturm der Entrüstung vorzubeugen, sprach Kulle schnell weiter: „Was ist wirklich schuld? Ich will es euch sagen. Eigentlich ist es auch ganz klar. Schuld sind nicht die Höhlenbesitzer, schuld ist Bärdels Spielregel.“

Er erntete verblüfftes Schweigen. Aber er wußte, sie würden ihm recht geben. Der Redestil Stalins, gespickt mit rhetorischen Fragen, auf die der Redner immer selbst gleich die Antwort gab, war erprobt und wirkungsvoll. Außerdem stimmte der Inhalt seiner Aussagen.

Es gab noch nicht einmal eine Diskussion. Irgendwo hinten brummte jemand: „Scheiß Regel.“

Aus einer anderen Ecke wurde ihm geantwortet: „Scheiß Bärdel!“ Und zuerst murmelnd, dann laut und immer lauter bildete sich ein Sprechchor:

NIEDER MIT BÄRDEL! NIEDER MIT BÄRDEL! NIEDER MIT BÄRDEL!

Schreck durchzuckte Manfred, aber er wußte, jetzt hatte es keinen Zweck, sich zu wehren, Er konnte nur hoffen, daß Kulle alles in den Griff bekam.

Dieses war der gefährlichste Moment des ganzen Spiels, vor dem auch Kulle gewaltige Angst gehabt hatte. Es gelang ihm jedoch, seine Unsicherheit zu überspielen. Er wartete einfach ab, bis sich die Versammlung genügend heiser gebrüllt hatte.

Scheinbar beiläufig sagte er: „Brüder Bären, ihr verwechselt da etwas. Nicht Bärdel ist schuld, sondern die Regel, die er uns gegeben hat. Und, genaugenommen sind wir alle schuld, weil wir diese Regel akzeptiert haben. Das Ergebnis ist, daß wir jetzt in der Tinte sitzen und die Höhlenbesitzer im Warmen.“

Sofort schlug die Stimmung um.

NIEDER MIT DEN HÖHLENBESITZERN! schallte es jetzt. Und schnell pflanzte sich ein Ruf fort, den Manfred gefunden hatte:

VERTREIBEN WIR SIE! VERTREIBEN WIR SIE!

Wieder wartete Kulle ab, bis der Bärenzorn sich ausgetobt hatte. Genau im richtigen Moment aber, als die Versammlung gerade aufbrechen wollte, um ihre Forderung in die Tat umzusetzen, hielt er sie zurück.

„Halt! Wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten?“ Er haßte diese Jesus-Christus-Attitüde, und wäre das hier kein Spiel gewesen, wenn auch ein sehr riskantes, hätte er anders gesprochen. Aber man durfte die Dinge nicht so weit auf die Spitze treiben, daß ein bärisches Leben im Bärental hinterher nicht mehr möglich sein würde. Außerdem war jetzt nach Bärdels Anliegen der zweite Teil des Spiels an der Reihe: der Sozialstaat. Ihre Lektion in Sachen Freier Markt‘ konnte als abgeschlossen betrachtet werden. Aber es tat ihm in der Seele weh, daß er eine revolutionäre Situation nicht ausnutzen konnte.

Die Bären waren stehengeblieben.

Kulle wiederholte seine Frage: „Wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten? Wollt ihr die Höhlenbesitzer in die Kälte hinaustreiben, unter der ihr seit Tagen gelitten habt? Nein, sie sollen ihren warmen Schlafplatz behalten können. Aber wir wollen auch einen Platz in der Höhle!“

Die Bären murrten, weniger, weil sie rachsüchtig waren, sondern weil sie nicht wußten, wie das erreicht werden könnte. Sie bombardierten Kulle mit Fragen.

„Wir gehen zu den Höhlen und belagern sie,“ erklärte Kulle. „Kein Höhlenbesitzer darf rein oder raus. Und zu essen bekommen sie natürlich auch nichts. Jedenfalls solange nicht, wie sie unsere Forderungen nicht erfüllen.“

Jubel brach los. Ohne weitere Diskussion trotteten die Bären davon, Richtung Höhle. Aber am Anfang des Demonstrationszuges gab es einen Tumult, der Zug stockte. Manfred war die Ursache, er stand wie ein Fels in der Brandung mitten im Weg. Knüffe und Püffe der anderen störten ihn nicht.

„Wartet doch mal!“ sagte er. „Wir belagern die Höhlen, bis unsere Forderungen erfüllt sind. Schön. Aber – was sind denn unsere Forderungen?“

Seufzend kehrten die Bären wieder um. Schade, sie hatten sich so darauf gefreut, den Bären loszumachen. Aber Manfred hatte recht – vorher mußten sie klären, was sie eigentlich wollten.

Ein langes Palaver begann. Habenichtse, Brombeerherren und auch die meisten Mitglieder der Korrdinatorengruppe spürten, daß sich das Machtgleichgewicht in den letzten Stunden zu ihren Gunsten verschoben hatte, und das wollten viele von ihnen ausnutzen. Sollten doch künftig die Höhlenbesitzer täglich vier Handvoll Nahrung beschaffen! Deshalb mußte Kulle immer wieder geduldig seine Jesusfrage stellen.

Schließlich einigten sie sich auf Folgendes:

Alle sammeln Nahrung. Die Höhlenbesitzer brauchen aber nur halb so viel zu arbeiten wie die anderen und bekommen dennoch doppelte Rationen. Dafür werden die Höhlenbesitzer verpflichtet, Kranke und Alte mit durchzufüttern und ihnen natürlich auch einen Schlafplatz zu gewähren.

Mit diesen Forderungen zogen sie schließlich davon und begannen ihre Belagerung.

Für sie war die Besetzung des Eingangs ein fröhliches Fest, das drei Tage dauerte. Die Nächte allerdings wurden immer unangenehmer – der Winter nahte. Aber sie ließen sich gegenüber den Höhlenbesitzern nichts anmerken und fraßen in Sicht der Höhleneingänge ununterbrochen die herrlichsten Bärenleckereien. Wenn drinnen ein Knurren ertönte, lachten sie einfach nur. Das Knurren wurde immer lauter – es kam aus den leeren Mägen der Höhlenbesitzer.

Am Morgen des vierten Tages wankte die Alte heraus. Sie überbrachte die Kapitulation. Alle Bedingungen wurden angenommen.

Sie beschränkte sich auf das Nötigste. Daß die Höhlenbesitzeregoisten zu feige gewesen waren, selbst mit den Besatzern zu verhandeln, verschwieg sie. Sie war eine anständige Bärin. Aber Kulle dachte sich sein Teil und nahm sie schweigend in den Arm.

Obwohl die anderen den Grund dafür nicht kannten, war das das Signal für eine allgemeine Versöhnung.

Sie lebten jetzt friedlich zusammen. Aber eines störte sie doch erheblich: Immer noch mußten sie dieses fürchterlich umständliche Tauschritual vollziehen. Manchmal hatten sie das Gefühl, daß ihnen kein anderer Bär gegenüberstand, sondern daß sie es mit einer Handvoll Nüsse oder Pilze zu tun hatten.

Kulle, der den Ausweg aus dem großen Streit gewiesen hatte, genoß bei ihnen hohen Respekt. Sie fragten ihn, was sie tun könnten, um diese Regel loszuwerden.

Kulle zuckte die Schultern: „Schafft sie doch einfach ab! Es ist genug Nahrung und genug Schlafplatz für alle da. Warum also tauschen?“

„Aber Bärdel hat doch…“

„Bärdel hin, Bärdel her. An sinnlose Regeln sollte man sich nicht halten. Wir sollten auf unserer nächsten Versammlung beschließen, das Spiel zu beenden.“

Und so geschah es. Alle waren damit zufrieden, am meisten aber die ehemaligen Höhlenbesitzer – sie hatten soviel Nahrungsmittel bekommen, daß manche von ihnen vor lauter Fett schon richtig kurzatmig geworden waren.

Als der Beschluß gefaßt war, erhob sich die alte Bärin.

„Bären,“ rief sie, „ihr wißt, daß Reden nicht meine Stärke ist. Aber jetzt muß ich etwas sagen. Ihr habt alle gehört, wie ich während dieses Spiels immer wieder auf Bärdel und seine bescheuerte Regel geschimpft habe. Und das aus vollem Herzen. Dazu stehe ich auch heute noch. Aber ich habe aus dieser Regel viel gelernt. Ihr bestimmt auch. Daß man nämlich nicht bärisch miteinander umgehen kann, wenn einigen etwas gehört, was andere nicht haben. Daß dann Habsucht und Gier entstehen. Und Haß und Neid. Und Gleichgültigkeit. Dann sieht man nicht mehr den Bären im anderen, sondern sieht nur noch auf das, was er in der Pranke hält. Auch, wenn verhindert wird, daß manche Bären zu stark ausgenutzt werden.“

„Vielleicht sollten wir das ja lernen…“ murmelte Manfred vor sich hin. Plötzlich kam ihm die Erleuchtung. Natürlich!

Unter den erstaunten Blicken aller Anwesenden stürmte er los, hinaus in den dunklen, schwigenden Nachtwald.

„Papa!“ brüllte er, so laut, daß die Käuzchen und Eulen glaubten, taub werden zu müssen. „Papa!!!“

Bärdel hatte nach wie vor Migräne, und so zersprang ihm fast der Kopf von dem Geschrei. Sich zu stellen war immer noch besser, als diesen Lärm länger auszuhalten, und so kam er aus seinem Versteck.

Ungestüm umarmte ihn Manfred und keuchte, völlig außer Atem: „Papa, komm nach Hause. Ich glaube, keiner ist dir mehr böse. Alle haben viel gelernt. Ich auch: Ich glaube, ich weiß jetzt, was mit Marktwirtschaft‘ und mit Sozialstaat‘ gemeint ist. Aber warum der Sozialstaat angeblich am Ende ist und die freie Marktwirtschaft wieder eingeführt werden muß, weiß ich noch nicht. Spielen wir das im nächsten Spiel?“

„Um Tussis Willen, nein!“ stöhnte Bärdel und hielt sich seinen schmerzenden Kopf. „Dieses Spiel hat mir völlig genügt. Laß dir das alles in einer stillen Stunde von Kulle erklären. Aber ich komme jetzt nach Hause. Tumu hat sicher ein paar Aspirin für mich und kann mir den Rücken kraulen. Ich habe ihr viel zu erzählen…“

Bevor Vater und Sohn einträchtig nach Bärenleben zurückwanderten, holte Bärdel noch schnell eine besonders leckere Honigwabe aus einem Versteck. Die war für Kulle.

Nicht als Tauschobjekt, sondern als Dank.