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Bärdel Bärdels Märchen (frühe Werke) Philosophisches

Wahrnehmung

In der sanft gewellten norddehländischen Endmoränenlandschaft gaben sich Bärdel und Kulle einer eigentlich sehr unbärischen Beschäftigung hin: Sie gingen spazieren. Lange trotteten sie schweigend nebeneinander her und setzten nur Fuß vor Fuß.

Endlich sagte Bärdel in einem Tonfall, der sich zwischen Brummen und wohligem Seufzen nicht entscheiden konnte: „Ist es nicht schön?“

Das war eine rhetorische Frage, und Bärdel hätte darauf keine Antwort erwarten dürfen. Er wünschte sich aber eine Bestätigung und war deshalb beleidigt, als Kulle nicht reagierte. Etwas schärfer wiederholte er: „Ist es nicht schön?“

Trotz seines aggressiven Tones dauerte es eine Weile, bis Kulle sich regte. Und die Antwort befriedigte Bärdel überhaupt nicht.

Kulle murmelte nämlich unverbindlich und unbestimmt: „Ich weiß nicht…“

„Du weißt nicht?“ Bärdel war selbst nicht klar, wieso seine Stimmung so jäh umschlug. Eben noch war er friedlich durch die Hügel gewandert und hatte den Sommer genossen, und plötzlich war er wütend.

„Wieso weißt du nicht? Du brauchst dich doch bloß umzusehen!“

Kulle war sehr sensibel, und Bärdels Stimmung übertrug sich sofort auf ihn. Aber er beherrschte sich mit Mühe: „Du hast recht, ich brauche mich bloß umzusehen. Ich sehe eine für Norddehland typische Julilandschaft. Das Wintergetreide ist schon abgeerntet, das Sommergetreide braucht noch eine oder zwei Wochen. Auf Hügelkuppen oder in zu feuchten Niederungen wächst Wald oder Buschwerk. Am Feldrain blühen Kamille und die zweite Margueritengeneration zwischen etlichen grünen Wildkräutern. In 500 Metern Entfernung verläuft eine wenig befahrene Landstraße, der Verkehr ist kaum zu hören.“

Die akribische Beschreibung machte Bärdel nur zorniger.

Bevor er explodieren konnte, winkte Kulle ab.

„Werd jetzt bloß nicht wütend. Ich weiß, das ist nicht das, was du willst. Ich hab das alles auch nur gesagt, um mich selbst zu vergewissern. Um mir klar zu machen, was ich sehe. Aber: Ich weiß nicht, ob das, was ich sehe, ist. Und deshalb kann ich nicht einfach sagen, daß ich’s schön finde.“

Das reichte, um Bärdel eine Weile zu beschäftigen. Erst nach hundertundsieben weiteren Metern konnte er fragen: „Du weißt nicht, ob es das gibt, was du siehst?“

„Ungenaue Rückfrage,“ replizierte Kulle. „Vielleicht hast du Recht: Es gibt das nicht, was ich sehe. Oder was wir sehen. Allerdings halte ich Solipsismus für eine blöde Theorie.“

Bärdel öffnete dem Mund, um sich nach der Bedeutung des schwierigen Fremdworts zu erkundigen, aber Kulle redete ohne Pause weiter: „Möglicherweise sehen wir aber etwas, das ist, auch falsch.“

Bärdel merkte, das lief auf eine ernsthafte Diskussion hinaus, und deshalb löste sich seine Aggression in Luft auf.

„Wieso?“ fragte er ernsthaft interessiert.

„Wieviele Sinne hast du?“

Die Gegenfrage hätte Bärdel beinahe wieder in Rage gebracht, aber er beherrschte sich und antwortete brav.

„Ich kann riechen, sehen, hören, fühlen und schmecken. Apropos schmecken und sehen – komm, da vorne sind noch ein paar späte Himbeeren!“

Kulle ließ sich verführen. Natürlich schmeckten die sonnenwarmen Beeren hervorrragend, und bevor er sie mit der Zunge zu süßem duftendem Brei zerdrückte, liebkoste er im Mund jede einzelne Frucht und ertastete die samtig weiche Oberfläche. Das überzeugende sensorische Erlebnis verbesserte seine argumentative Situation nicht gerade. Bärdel spürte, daß er an Boden gewonnen hatte.

„Siehste!“ sagte er nur.

Aber so schnell gab Kulle sich nicht geschlagen, zumal die gerade genossene Portion Fruchtzucker seinem Gehirn zu rascherer Aktivität verhalf.

„Was?“ fragte er nur und schmunzelte.

Bärdel war verwirrt: „Na, ist doch klar. Die Himbeeren haben prima geschmeckt, also gibt es sie, und es gibt sie so, wie wir sie wahrnehmen.“

„Vermutlich gibt es sie,“ gab Kulle zu. „Wenn nicht, lebten wir in einem ziemlich komischen Wahrnehmungsuniversum. Schließlich scheißen wir als Ergebnis unseres Konsums irgendwann den Bärendreck wieder aus, und die Doppelillusion von Nahrungsaufnahme und Defäkation wäre in der Tat ziemlich starker Tobak. Stärker als die beste Zigarre.. „Aber woher wissen wir, daß die Himbeeren gut schmecken?“

Wieder spürte Bärdel, daß sein Geduldsfaden sich spannte und zu reißen drohte. Seine bemüht ruhige Antwort wurde durch einen grollenden Unterton beherrscht. Er beschränkte sich auf einen Nebensatz:

„Weil ich sie gerade gegessen habe!“

„Wo ist der Himmel?“ fragte Kulle.

Das warf Bärdel völlig aus dem Gleis. Was sollte das denn jetzt wieder? Wollte Kulle eine theologische Argumentation? Oder eine astronomische? Er schaute hoch und beobachtete eine Weile die Gebirge weißer Cumuli, die majestätisch langsam gen Osten segelten.

Eine Wolke grinste ihn an wie ein Clownsgesicht. Bärdel beschloß zum zweiten Mal an diesem Nachmittag, sich nicht aufzuregen.

„Oben,“ sagte er knapp.

„Das sehe ich auch so“, meinte Kulle.

Bärdel entspannte sich – endlich fand dieses Gespräch wieder vernünftige Bahmen.

„Aber das war nicht immer so,“ fuhr Kulle fort.

Bärdel spürte, wie sich seine Nackenmuskeln gegen seinen Willen verhärteten.

Zum Glück sprach Kulle sofort weiter: „Als wir geboren wurden, waren unsere Augen und unser Sehnerv noch nicht an diese Welt angepaßt. Wir sahen alles auf dem Kopf. Das Empfinden der Schwerkraft bringt Babys dazu, ihre visuellen Sinne auf eine praktischere Norm umzustellen. Das dauert nur ein paar Stunden. Aber Fakt ist: Ursprünglich sehen Babybären die Welt so, wie es erwachsene Bären als verkehrt bezeichnen würden. Was ist denn nun „verkehrt“? Unser physiologisch ausgebildeter Sinn oder die pragmatische Anpassung an die Umwelt?“

Weil Bärdel durch diese Ausführungen völlig überrumpelt war, konnte Kulle ungestört weiterreden.

„Und jetzt nimm die Himbeeren. Wir lieben sie, sie schmecken uns. Sie duften herrlich, ihr Geschmack kitzelt unseren Gaumen. Das ist das subjektive Bärenempfinden. Beeren allgemein scheinen unserem Metabolismus gut zu bekommen. Das ist, soweit ich das beurteilen kann, die objektive Gegebenheit. Also ist folgender Sachverhalt denkbar: Himbeeren stinken entsetzlich und schmecken scheußlich. Weil wir sie aber aus physiologischen Gründen brauchen, haben wir ihren Geruch und Geschmack pragmatisch umdefiniert. Genauso, wie wir unseren Gesichtssinn vom Kopf auf die Füße gestellt haben. Und deshalb sage ich: Ich weiß nicht, ob das, was ich sehe, höre, schmecke, fühle und rieche, überhaupt ist oder so ist, wie ich es wahrnehme.“

Bärdel war weiterhin baff und brauchte eine lange Pause, um sich zu sammeln. Schließlich fragte er, und sein sonst so sonorer Bärenbaß wackelte dabei hörbar:

„Willst du damit sagen daß Tumu möglicherweise nicht schön ist, wie sie mir erschent, sondern häßlich?`Daß ich ihr Äußeres nur ‚pragmatisch umdefiniert‘ habe?“

„Genau!“ bestätigte Kulle fröhlich, denn Bärdel hatte seinen Gedanken erfaßt.

Seine Freude sollte nicht lange dauern. Auf Bärdels Stirn schwoll eine Ader, die nur äußerst selten sichtbar wurde. Mit erhobenen Pranken stürzte er auf Kulle los.

Kulle machte sich dünn, und so sausten Bärdels geballte Fäuste wirkungslos rechts und links an ihm vorbei. Verblüfft starrte Bärdel auf seine in der Luft baumelnden Tatzen.

„Siehst du, auch das bestätigt meine Theorie. Vielleicht nehmen wir die Wirklichkeit nicht so wahr, wie sie ist; aber auf jeden Fall mit Verzögerung. Unsere Sinne sind ganz schön träge.“ Kulle war furchtlos stehengeblieben, denn er wußte, daß Bärdel einem neuen interessanten Gedanken nicht widerstehen konnte.

„Stimmt!“ gab der denn auch zu. Seine Aggression war verflogen.

In stillschweigender Übereinkunft setzten beide endlich ihren Spaziergang fort. Irgendwann sagte Bärdel bittend:

„Meine Äußerung über Tumu bleibt aber unter uns, oder?“

„Klar!“ lächelte Kulle. Er wußte, wie unangenehm die sonst so umgängliche Bärenfrau werden konnte.

Wieder folgte eine lange Pause.

Kurz bevor sie an der Kreuzung wieder nach Bärenleben abbiegen wollten, stellte Bärdel seine letzte Frage: „Ist es wirklich unmöglich zu wissen, was ist?“

„Das ist eine hochinteressante Frage. Ich lese gerade eine Menge Menschenbücher darüber. Die Marxisten waren lange Zeit der Meinung, unsere Wahrnehmung entspreche der Wirklichkeit. ‚Widerspiegelung‘ nannten sie das. Aber das waren Menschen der Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts, optimistisch wie alle damals. Auch die Physiker haben sich lange dagegen gesträubt, daß sie manche Dinge nicht erkennen und dementsprechend auch nicht berechnen können. ‚Gott würfelt nicht‘, hat Albert Einstein geschimpft. Und Sartre hat Jahre später behauptet, die Wahrheit sei ein Objekt unendlicher Annäherung. Er dachte also, man könne ihr näher kommen, werde sie aber nie erreichen.“

„Menschenbücher! Menschengeschwätz!“ grollte Bärdel. „Soll ich dir sagen, worin die Wahrheit und die Wahrnehmung der Menschen bestehen? Sie machen kaputt, was sie wahrnehmen, sie zerstören alles – auch sich selbst, Tussi sei Dank! Sie behaupten, sie schützten das Leben, und bringen allen den Tod. Ihre Physiker spielen mit der Natur und legen mit ihren Forschungen die Grundlage für Technologien, die Menschen nicht beherrschen können. Und was deinen Sartre angeht: Die Menschen, die das Sagen haben, haben ihre Wahrheit längst gefunden. Sogar zwei Wahrheiten: Macht und Profit!“

Sie hatten Bärenleben erreicht. Bärdel beschleunigte seinen Schritt und lief auf Tumu zu, die ihm von ferne zugewinkt hatte. Zweifellos war sie die schönste Bärenfrau der Welt.

Kulle beobachtete, wie er sie in die Arme schloß. Er schmunzelte und wandte sich nach links, seiner Höhle zu. Viele Menschenbücher warteten dort auf ihn.