Völkerrecht

Der übliche Morgenspaziergang von Kulle und Bärdel führt im Februar über winterkahles Gelände. Immerhin gibt es Schneeglöckchen zu bewundern. Bärdel ist kalt, und das nicht nur wegen der niedrigen Temperatur. Die Welt ist in Unordnung. Sie war nie in Ordnung, das weiß er, aber er findet, ihr Zustand wird immer schlimmer.

„Kulle, sag mir was zum Völkerrecht!“

„Wen fragst du?“ will Kulle wissen.

„Na, dich natürlich!“

„Ich bin da dreigeteilt.“

„Wieso? Was soll das heißen?“

„Ich bin ein Bär.“

„Das überrascht mich aber.“

„Die Ironie kannst du dir sparen. Als Bär geht mir das Völkerrecht am Arsch vorbei. Bei Tieren gibt es keine Völker. Oder hast du schon mal davon gehört, dass Bären oder Hirsche oder wer auch immer sich als Völker organisieren?“

„Hm,“ schmunzelt Bärdel. Das hier ist einer der seltenen Fälle, in denen sein kluger Freund Unrecht hat. „Schon mal was von Ameisen, Bienen und Termiten gehört?“

“Das sind Insekten. Insekten interessieren hier nicht. Ich rede von Säugetieren.“

Bärdel verzichtet darauf, Kulle daran zu erinnern, dass er vor wenigen Sekunden noch von Tieren allgemein gesprochen hat. Wenn Kulle korrigiert wird, reagiert er eingeschnappt. Und Bärdel kann jetzt keinen eingeschnappten Kulle gebrauchen, sondern einen, der seine Fragen beantwortet.

„Völkerrecht ist also nichts für Säugetiere?“

„Nur für Menschen. Ein menschliches Konstrukt.“

„Ja, und?“

„Darauf habe ich zwei Antworten. Eine als Wissenschaftler und eine als Ethiker.“

„Was willst du denn damit sagen?“

„Als Wissenschaftler sage ich dir, das ist eine Erzählung. Als Ethiker sage ich dir, das ist eine sinnvolle Erzählung. Das sind zwei völlig verschiedene Antworten.“

Bärdel ist bekannt dafür, dass er selten die Geduld verliert, aber jetzt muss er sich große Mühe geben, diesem Ruf gerecht zu werden.

„Das musst du mir bitte erklären.“

Kulle seufzt. Er liebt Bärdel heiß und innig, aber manchmal ist seine  Begriffsstutzigkeit wirklich schwer zu ertragen.

„Gut. Wie wir wissen, haben Menschen durchaus Verstand. Sie benutzen ihn nicht immer, aber sie haben ihn. Dieser Verstand erlaubt ihnen, verschiedene Möglichkeiten zu ersinnen und zu erproben, wie sie miteinander leben. In der Familie. In der Gruppe. Mit dem Nachbarn hinterm Gartenzaun. Und mit weit entfernt lebenden Völkern. Soweit klar?“

„Natürlich,“ sagt Bärdel und verkneift sich die Nachbemerkung: „Ich bin ja nicht blöd.“

„Weil Menschen Verstand haben, ist es für sie notwendig, ihr Handeln zu begründen und damit zu rechtfertigen. Wenn Männer ihre Frauen vergewaltigen und verprügeln, dann erklären sie das damit, dass die Frauen das brauchen. Wenn weiße Amerikaner schwarze Afrikaner versklaven, dann erklären sie das damit, dass die Weißen den Schwarzen weit überlegen sind und ihre Herrschaft zu Recht ausüben.

Also: Menschen denken sich Geschichten aus. Sie verbreiten diese Geschichten und erzählen sie ihren Kindern und Enkeln und immer so weiter, damit das, was sie tun, als natürlich und richtig erscheint.

Auch klar?“

„Auch klar.“

„Die Geschichte der Menschen ist eine Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen. Es gibt allerdings marginale Ausnahmen. Das sage ich als Wissenschaftler.“

Bärdel ist inzwischen erschöpft. Aus dem erholsamen Morgenspaziergang mit der kontemplativen Freude an den ersten Frühlingsblumen ist eine deprimierende Totalabrechnung mit Homo sapiens geworden.

Aber er muss jetzt da durch, auch weil er weiß, dass Kulle das von ihm erwartet. „Also: Welches sind die marginalen Ausnahmen? Und was sagst du als Ethiker?“

„Aus Kriegserfahrungen resultiert die Bereitschaft, auf Gewalt zu verzichten. Nach dem 30jährigen Krieg und nach den immer fürchterlicheren Kriegen danach gab es vergleichsweise gute Zeiten für eine Politik des gegenseitigen Respekts. Für das Recht jedes Volkes, zu leben, wie es lebt. Die mächtigste Institution in der Moderne, die Vereinten Nationen, verkörpern das Prinzip des Völkerrechts: Jeder Staat ist Mitglied, jede Stimme hat gleich viel Gewicht, niemandem wird etwas aufgezwungen. Und das wichtigste: Alle Grenzen werden respektiert.

Als Ethiker kann ich das nur gutheißen und dem Kollegen Kant, einem der wenigen wirklich klugen Menschen, zustimmen: ‚Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.‘ 

Tja. Aber dann kam Putin. Und Trump. Und vielleicht kommt auch noch Xi. Alle Menschen gucken auf die Großen wie das Kaninchen auf die Schlange. Dabei gab es immer die Kleinen und die Mittelgroßen, die sich geholt haben, was sie wollten, ohne sich um das Völkerrecht zu scheren.

Der Mensch ist nicht für Ethik gemacht. Also ist das Völkerrecht nicht für ihn gemacht. Wolltest du das hören? Vermutlich nicht.“

Kulle setzt sich abrupt hin und besieht sich einen Schneeglöckchenbusch. Die Sonne scheint, die Blüten haben sich im wärmenden Licht weit geöffnet. Empfindliche Bärennasen können sogar den zarten Duft wahrnehmen.

„Schön, nicht wahr?“ sagt Kulle. Es ist eine rhetorische Frage.

„Ja,“ antwortet Bärdel.

2026 März