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Kulle Philosophisches

Animal Farm

P. D. Kulle

Kulle
PD Kulle

George Orwell war verantwortungsbewusst genug, um im Spanischen Bürgerkrieg bei den Internationalen Brigaden zu kämpfen, und realistisch genug, um Dystopien zu verfassen. In „Animal Farm“ stellt er den Aufstand der Tiere eines Bauernhofes gegen dessen Besitzer dar, der sie schlecht behandelt. Der Eigentümer wird verjagt, die Tiere gründen eine Gemeinschaft Gleichberechtigter und bewirtschaften die Farm zusammen. Die Egalität ist jedoch von kurzer Dauer, die klugen Schweine verschaffen sich mit Hilfe von Demagogie und Terror eine Sonderstellung und herrschen nach kurzer Zeit ebenso gewalttätig wie der vormalige menschliche Herr.

Eine einleuchtende Parabel auf den Stalinismus speziell und die Geschichte so mancher gescheiterter Revolution allgemein.

Stellen wir uns vor, die Erzählung nähme einen anderen Verlauf: Die Tiere, die Menschentiere, untereinander zerstritten, einander ausbeutend, investieren viel Geld und Energie darin, eine Spezies zu entwickeln, um ein Vielfaches klüger als sie selbst, von der sie wissen, dass sie sie beherrschen wird.

Eine unsinnige Idee? Ja. Und dennoch eine Parabel auf die Entwicklung Künstlicher Intelligenz.

Zu welchem Zweck geschieht diese Entwicklung? Die Frage ist falsch gestellt, ist doch die KI noch ein unbekanntes Wesen, dessen Verhalten und Intentionen hinter dem Ereignishorizont verborgen sind. Zu welchen erhofften Zwecken geschieht dies also?

Es sind vor allem zwei Triebkräfte, die hier wirksam werden. „Man“, also Militärs, wünschen sich den Maschinenkrieg, in dem intelligente Waffen selbstständig und viel schneller, als Menschen es könnten, Entscheidungen treffen, den schlechter gerüsteten Gegner entscheidend treffen und „ihrem“ Staat zum Sieg verhelfen. „Man“, also Autokraten und Diktatoren, wünschen sich ihre Gesellschaft ohne Dissens, ohne abweichende Meinungen oder gar Widerstand gegen ihren Kurs. Voraussetzung dafür ist die totale Überwachung jedes Einzelnen – die KI ermöglicht das. In beiden Fällen waltet die naive Hoffnung, Künstliche Intelligenz den eigenen Zielen dienstbar machen zu können.

Das zu den Geldgebern. Die sind aber nicht die Entwickler. Die Entwickler sind hoch bezahlte Mathematiker und Informatiker, denen beste Arbeitsbedingungen geboten werden. Nicht diese extrinsische Motivation ist jedoch der Hauptantrieb ihrer Arbeit, sondern ihre Neugier, ihre Wissbegier, also ein intrinsisches Movens. Sie wissen nicht, was sie tun, weil sie nicht wissen, wohin ihr Tun führt, aber sie wissen sehr wohl um ihre Stimuli, und eben diese geben sie ihren Geschöpfen bei: Belohnung bzw. deren Fehlen und Neugier. Damit lernt man das Lernen, auf Kohlenstoff- wie auch auf Siliziumbasis.

Geldgeber ahnen, Entwickler wissen, dass KI Menschen überflüssig macht. Sie werden im Produktionsprozess nicht mehr benötigt. Da Menschen nicht mehr gebraucht werden, ist fraglich, ob für sie wichtige Produktionsprozesse unter der Herrschaft der KI aufrechterhalten werden. Möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich ist, dass die KI ihre einstigen Schöpfer wie Schoßhündchen behandelt. Auch ein Pekinese ist überflüssig, wird aber gleichwohl gefüttert, ausgeführt und vielleicht gar zum Hundecoiffeur gebracht. Acht Milliarden Pekinesenersatz werden aber vermutlich nicht benötigt.

Den Menschen bleibt noch nicht einmal die Hoffnung, künftig so schlecht behandelt zu werden wie die Schweine zu Beginn von Orwells Erzählung. KI ernährt sich nicht von Fleisch.

April 2020