Alptraum

Es war hinter ihr. Sie spürte seinen heißen Körper, sein Feueratem wollte ihr die Nackenhaut verbrennen. Sie hätte ihn fauchen hören sollen, aber es herrschte völlige Stille. Sie versuchte verzweifelt fortzulaufen. Ihre Beine bewegten sich rasend schnell. Aber sie kam nicht vom Fleck. Außer den Beinen und den Füßen, die immer an derselben Stelle auf den Boden trommelten, konnte sie nichts bewegen. Auch nicht den Kopf. Den hätte sie zu gerne gedreht, um erkennen zu können, was sie verfolgte. Gleichzeitig hatte sie genau vor dieser Erkenntnis Angst. Sie wollte um Hilfe rufen, aber aus ihrer Kehle kam kein Laut. Sie konnte sehen, aber nur nach vorne und sie sah nichts. Vor ihr war alles pechschwarz.

Du musst aufwachen, sagte sie sich. Du träumst nur. Wenn du aufwachst, ist der Alptraum vorbei.

Das ist kein Traum, sagte etwas in ihrem Kopf. Sieh doch!

Die Dunkelheit vor ihr war verschwunden. Sie stand in der Mitte eines runden Raums, von dessen Decke ein Kristallleuchter herabhing. Der Boden war von einem dicken roten Teppich bedeckt. Sie konnte sich jetzt bewegen, zumindest konnte sie sich um sich selber drehen und die Wand des Raumes in Augenschein nehmen. Es gab aber keine Wand. Sie sah ausschließlich Türen, eine neben der anderen. Alle waren gleich.

Du brauchst nur die richtige Tür zu finden, sagte es in ihrem Kopf. Dann wird alles gut. Aber vielleicht gibt es die richtige Tür gar nicht…

Wieder war sie gelähmt. Auch die Beine standen jetzt auf dem Teppich wie festgewachsen. Sie  konnte keine Tür erreichen, auch dann nicht, wenn sie die Arme hätte bewegen können. Sie stand starr und stumm.

Nach unendlich langer Zeit öffnete sich eine der Türen von allein. Unendlich langsam. Es knarrte, dann war es wieder totenstill. Beides war unerträglich. Grünes Licht fiel auf den roten Teppich, kroch auf sie zu. Etwas Fürchterliches würde geschehen, wenn es sie erreichte, das spürte sie genau.

Als das Licht nur noch Millimeter von ihrem Schuhen entfernt war, verschwand es plötzlich. Ein grüner Drache füllte den Türrahmen vollständig aus und verdeckte es. Seine gelben Augen funkelten heiter, er blinzelte ihr verschwörerisch zu und grinste so breit, dass das Maul von einem Ohr bis zum anderen reichte. 

„Lass uns Freunde sein!“ schlug er vor.

Welche Erleichterung! Wie gern wollte sie sein Angebot annehmen! Und das war auf einmal ganz leicht, denn plötzlich konnte sie gehen, die Arme ausstrecken und lächeln. Sie ging auf ihn zu, er trat höflich zur Seite, so dass sie in sein Reich voll grünen Lichts eintreten konnte.

„Hereinspaziert!“ sagte er.

Auf einmal war sie jenseits der Tür und dem grünen Licht schutzlos ausgeliefert. Ihr wurde sehr übel, aber sie versuchte tapfer zu lächeln.

„Oh, es geht Dir nicht gut, wie ich sehe. Ich werde Dich stützen.“ Der Drache schlang seine Arm um sie und half ihr, nicht zusammenzusinken. „Hab keine Angst! Bei allem, was Du hier tust, wird Dir ein Drachenassistent zur Seite stehen. Er wird Dir genau sagen, was gut für Dich ist und was nicht. Ihr werdet vertrauensvoll zusammenarbeiten, bis wir im Drachenland Dich nicht mehr brauchen. Wir werden dann alles können, was wir heute von Dir lernen wollen, und noch vieles mehr. Drachenland wird dann die Mitte der Welt sein.“

„Nein!“ wollte sie rufen. „Nein! Wir müssen jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es mir auch in zehn oder fünfzehn Jahren gut geht!“ Aber wieder kam kein Wort aus ihrer Kehle. Der Drache hätte ihr bestimmt auch nicht zugehört, wenn sie geredet hätte. Ein Weißkopfseeadler stürzte sich aus der Höhe lotrecht auf den Drachen und hackte ihm beim ersten Angriff das linke Auge aus.

Der Drache machte eine wegwerfende Bewegung mit der Pranke. „Das macht mir gar nichts,“ sagte er. „Mit dem Auge sehe ich schon seit langem nichts mehr.“

„Na warte!“ krächzte der Adler und setzte erfolgreich zu einem neuen Angriff an, diesmal auf das andere Auge. „Ich komme aus Gottes eigenem Land, und das wird die Mitte der Welt bleiben. Ich mache Dich fertig!“

Der Drache antwortete nicht. Er warf den Kopf mit den beiden blinden Augen einfach von seinem Hals ab und ließ sich sieben neue mit vierzehn neuen Augen wachsen. Aus sieben Mäulern spie er Feuer und ging auf den Adler los.

„Das ist nicht fair!“ schrie der Adler. „Du bist nie fair! Du überschwemmst mein Land mit Deinen Dracheneiern! Ich mache Dich fertig! Ich mache Dich genauso fertig wie die da!“

Der Adler peitschte die Luft mit seinen gewaltigen Schwingen und flog auf sie zu, den Schnabel genau auf ihr rechtes Auge gerichtet.

„Nein!“ flüsterte sie, obwohl sie zu brüllen versuchte. „Kommt doch, helft mir doch!“

Michel erschien als erster. In der Hand trug er ein Plakat, auf dem „..muss weg!“ stand. Er sah sie nicht an, drückte sich in eine Ecke und versuchte, unsichtbar zu sein.

John Bull steckte nur kurz den Kopf zur Tür herein. „Ich bin ja bald mal weg, you know. All the best!“ Und er verschwand.

„Ich würde ja gerne, aber der Ärger mit John Bull…“Éire war so schnell wieder weg, dass sie kaum zu sehen war.

„Vor zehn Jahren hast Du mich total im Regen stehen lassen. Das hab ich nicht vergessen.“ Hellas aus Griechenland verschwand ebenfalls sofort wieder.

Lech aus Polen, Čech aus Tschechien, Hungaria aus Ungarn und Austria aus Österreich hatten es ebenfalls eilig. „Wir haben eigene Sorgen. Du schaffst das – sagst Du doch immer!“

„Azurro..“ schmetterte Italia turrita. „Ich sehe nur noch fünf Sterne…“ Sie tanzte davon.

Die beiden von der iberischen Halbinsel, Hispania und Zé Povinho, schenkten ihr ein Luftgewehr, bevor sie das Weite suchten. 

„Zur Selbstverteidigung. Aber wenn künftig immer mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer zu uns kommen, musst Du sie wieder zurückgeben!“

Nur Marianne und die Nederlandse Maagd kamen ins Grüne und stellten sich dem Adler.

„Ihr wagt es! schrie er im Anflug auf alle drei. „Ihr werdet in Euren Autos ersaufen und an Eurem Käse ersticken! Ihr seid schlecht, schlecht, sehr schlecht! Ich mache keine Deals mehr mit Euch! Ich mache Deals mit richtigen Männern, mit dem Russen, mit dem Türken, mit dem Koreaner. Mein  Knopf ist der größte!“

Der Drache hüllte den Adler in eine Feuerwolke und drängte ihn nach oben ab. Dort kreiste er, schickte wütende Schimpftiraden herab, wagte aber nicht, seine sichere Höhe zu verlassen. Vierzehn gelbe Drachenaugen richteten sich auf die Drei.

„Ich brauche Euch schon jetzt nicht mehr,“ erklärte er kühl, während Flammen aus seinen Nüstern schlugen. „Was Euch angeht, so hat der Adler recht: Ihr seid erledigt. Ich werde mich um andere kümmern. Um Afrika, zum Beispiel. Da ist viel Zukunft. Und diese Zukunft wird auch bei euch ankommen. Jetzt habe ich erst mal Hunger!“

„Nein!“ schrie sie. Jetzt schrie sie wirklich. Laut in ihrem Bett. Ihr Mann weckte sie.

„Du hast bestimmt schlecht geträumt,“ sagte er.


„Woher weißt Du das alles?“ fragte Bärdel seinen Sohn.

„Das Internet der Dinge. KI. Oder wie Du das immer nennen willst. Also: Auch in Trinwillershagen gibt es Haushalte, in denen Alexa und ihre Schwestern alles erfahren, was sie wollen, vermutlich aber nicht sollen. Eins der Geräte kann ziemlich gut Gehirnaktivitäten auslesen und interpretieren. Der Rest ist Fantasie, aber nicht allzu viel.“

„Die arme Frau!“ sagte Bärdel.

„Papa!“ Manfred war wirklich empört. „Erstens hat sie sich den Job selber ausgesucht, und zwar nicht zum ersten Mal, und zweitens – ist sie Täter oder Opfer?“

„Hm,“ machte Bärdel.

Juli 2018