Anmerkungen zu Theorie und Realität des Freihandels

P. D. Kulle

Zu Zeiten, als freier Handel zwischen Ländern verpönt war, leistete der geschätzte Kollege David Ricardo 1817 Bahnbrechendes, um ihm zu Ehren zu verhelfen. Er entwickelte eine Theorie, bekannt geworden unter dem Namen der Theorie der komparativen Kosten, in der er bewies, dass sich freier Handel immer lohne, selbst dann, wenn die Produktionskosten in einem Land höher sind als in dem anderen.

Er bewies diese erstaunliche Behauptung tatsächlich, allerdings unter Annahmen, die einfache Bedingungen setzten: Er nahm zwei Länder an, die jeweils ein Produkt herstellten, das als Ware getauscht wird, Länder, in denen gleiche Arbeitskosten existierten und deren Kapital national gebunden war. Stellten sich beim Warenaustausch Verwerfungen ein, wurde ggf. eine Währung abgewertet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Jahr 2016 war Freihandel dagegen offiziell das Credo der kapitalistischen Wirtschaftswelt – bis der designierte US-Präsident Trump andere Prioritäten ankündigte. Mit diesem Clash of Priorities werden wir uns im Folgenden auseinandersetzen.

Auf der Erde gibt es knapp 200 sehr verschiedene Staaten, die meisten davon mit kapitalistischem Wirtschaftssystem, und alle treiben Handel mit anderen, wenn auch sehr unterschiedlich intensiv. Es existieren Ländergruppen, die zu Freihandelszonen, zu Zollunionen oder zu Staatenbünden zusammengeschlossen sind, dort ist der Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kommunikation besonders intensiv. Zwischen verfeindeten Staaten(gruppen) findet dagegen kaum Handel statt
(1).

Ricardo konnte am Beginn des 19.Jahrhunderts zu Recht davon ausgehen, dass eine Ware komplett in einem Land gefertigt wird, in seinem Beispiel sind das Wein in Portugal und Wolltuche in England. Eine solche Art der Produktion stellt heute allerdings eher die Ausnahme als die Regel dar. Die zahllosen, oft nutzlosen (2) Produkte, mit denen der Weltmarkt überschwemmt wird, werden zumeist international im Auftrag supranationaler Unternehmen arbeitsteilig gefertigt: Die Rohstoffe stammen vielleicht aus dem Kongo, wie seltene Erden (3), oder aus Ägypten, wie Baumwolle (4), sie werden weiter verarbeitet zu High-Tech-Geräten in China oder zu Kleidungsstücken in Vietnam oder Bangladesh (5), und von dort finden sie ihren Weg zu Endverbrauchern in den USA oder der Europäischen Union.

Diese Art der Produktion bedarf natürlich eines funktionierenden, billigen Transportsystems, das auf der Langstrecke“ durch Frachtschiffe und Flugzeuge, über kürzere Distanzen durch LKWs realisiert wird (6).

Solch parzellierte Produktion, solch konzertierte Distribution bedarf der permanenten Kommunikation, der Planung und Überwachung. Mit der klassischen Briefpost ließe sich hier nichts ausrichten, auch nicht mit den modernen Mitteln der Telekommunikation wie etwa dem Telegrafen oder dem Fernschreiber: Zu groß sind die Datenmengen, zu dringend ist die Notwendigkeit der Verständigung ohne jeden Zeitverzug. Das Internet macht das möglich (7).

Es versteht sich von selbst, dass unter derartigen Bedingungen Kapital frei flottieren kann und muss: Als Investitionskapital allemal, aber auch als Spekulationssubjekt, trachtet es doch immer nach Profit und ist kühn genug, sich dem Glücksspiel anheim zu geben. (8)

1948 wurde das GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) gegründet, 46 Jahre später ersetzte die WTO (World Trade Organization) dieses Abkommen. Über 160 Unterzeichnerstaaten des WTO-Vertrages sind sich offiziell einig in dem Bemühen, tarifäre (9) und nicht tarifäre (10) Handelshemmnisse zu verringern und gegen Null zu reduzieren. De facto wird jedoch häufig versucht, die eigenen Produzenten vor Konkurrenz-Importen zu schützen. Dabei kommt es oft zu Ungleichgewichten (11). Auch ist es offiziell nicht gestattet, die Produktion oder den Export der eigenen“ Wirtschaft zu subventionieren. Diese Regel wird ebenfalls gern missachtet. (12)

Überschüsse und Defizite eines Staates bei Export und Import werden bilanziert. Auch hier muss zwischen einer offiziellen und einer tatsächlichen Zielsetzung unterschieden werden: Eine ausgeglichene Leistungsbilanz, also eine wertmäßige Gleichheit von importierten und exportierten Waren und Dienstleistungen, wäre in der Tat für alle Volkswirtschaften am vorteilhaftesten, aber unter dem Aspekt des nationalen Egoismus wünscht man natürlich einen Exportüberschuss, denn die Steuern aus dem Verkaufserlös der Im Inland produzierten Güter werden im Inland gezahlt. (13)

Die Defizite bzw. Überschüsse einiger Staaten beim Warenhandel stechen auffallend hervor. Nehmen wir das Jahr 2016: Das Handelsbilanzdefizit der USA betrug knapp 800 Milliarden US-Dollar, während die Volksrepublik China einen entsprechenden Überschuss von 510 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Der Überschuss Deutschlands belief sich auf 250 Milliarden Euro (14). Alle drei Staaten pflegen intensive Handelsbeziehungen miteinander. Ein Grundschulkind könnte auf die Idee kommen, dass das Defizit und die Überschüsse einander in etwa decken. Trump, der Amerika“ wieder groß machen möchte, kam auf die Idee, gegen die Importflut Strafzollmauern zu errichten (15). Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen?

Das Handelsbilanzdefizit beruht zum großen Teil auf dem Import von Konsumgütern aus der VR China. Der Import von Rohöl, in früheren Jahren weitgehend aus dem Nahen Osten, ist dagegen zurückgegangen (16). Das ist dem Fracking zu verdanken, einer Horizontalborungmethode, die unter Zuhilfenahme von Wasser und chemischen Zusatzstoffen Gesteinsschichten aufbricht und so Öl und Gas gewinnen kann. (17) Dennoch wächst das Handelsbilanzdefizit, denn der Wert aller Exportwaren aus den USA nimmt beständig ab.

Das war bisher kein Grund zur Besorgnis. Die USA sind ein sogenannter Konsumentenmarkt, das heißt, dass das volkswirtschaftliche Wohl und Wehe primär vom binnenwirtschaftlichen Konsum abhängt, nicht vom Außenhandel. Und: Die monetären Verluste aufgrund der negativen Außenhandelsbilanz werden beständig kompensiert: Die VR China hält US-Staatsanleihen im Wert von mehr als einer Billion Dollar, allerdings ist die Tendenz rückläufig. Und die Petrodollars, die die Staaten des Nahen Ostens eingenommen haben, wurden gern wieder in den USA investiert. (18)

Richtig ist jedoch, dass in den USA in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Strukturwandels zahlreiche Arbeitsplätze verloren gingen, so in der Automobilindustrie, in der Kohlgewinnung und Verarbeitung und in der Holzindustrie. Der sekundäre Sektor trägt nur noch 20% zum BIP bei, nahezu 80% werden im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. (19)

Was könnte getan werden, um das US-Handelsbilanzdefizit zu verringern und im eigenen Land Arbeitsplätze zu schaffen?

Eine Abwertung des Dollars hätte keine Auswirkungen auf den Binnenmarkt, wohl aber auf den Außenhandel, denn amerikanische Produkte würden sich verbilligen. Eine derartige Maßnahme steht aber nur autoritären Regimes zu Gebote. Der Dollarkurs dagegen ist allein der Willkür der Devisenmärkte ausgesetzt und kann von der US-Notenbank nur indirekt durch die Höhe des Zinssatzes, zu dem sich Banken Geld leihen können, beeinflusst werden.

Also bietet sich die Möglichkeit an, die Trump ins Auge gefasst hat: (20) Schutzzölle auf Importwaren erheben.

Die Folgen einer solchen Maßnahme sind zahlreich. Aufgrund von Schutzzöllen steigen die Preise für Importwaren, was den Absatz dieser Waren und damit Importe verringert. Sollten die bisherige Importeure keine neuen Märkte erschließen können, führt das in ihren Ländern zu erhöhter Arbeitslosigkeit. Dagegen dürfte in den USA die Inlandsproduktion für den Eigenbedarf steigen. Die Produktion für den Export dürfte sich aber eher rückläufig entwickeln, denn die Geschichte (21) zeigt, dass die Staaten, deren Volkswirtschaften von Schutzzöllen betroffen sind, ihrerseits Zollmauern errichten (22). Werden immer mehr Staaten in diesen Strudel hineingezogen, nehmen die Weltproduktion und der Welthandel ab, damit werden Arbeitsplätze vernichtet, die Kaufkraft sinkt, und es entwickelt sich eine internationale Rezession.

Um den politischen Zustand der Welt ist es nicht sonderlich gut bestellt (23), um den sozialen ebenfalls nicht, aber die brummende Weltkonjunktur hat das Elend des Lebens immerhin für Millionen Bewohner der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer erträglicher gemacht. Fallen die gegenwärtigen Erwerbsmöglichkeiten fort, so sind soziale Verwerfungen, soziale Unruhen, politische Instabilität absehbar. In einer Phase, in der die Menschheit sich weiterhin unkontrolliert vermehrt und in der der Klimawandel sich auszuwirken beginnt, sind deren Folgen kaum abzusehen.

Für die Natur, für die Umwelt“, wie die Menschen abschätzig zu sagen pflegen, wäre eine solche Entwicklung allerdings eine gute Nachricht. Die Übernutzung der irdischen Ressourcen könnte zumindest verlangsamt werden – gestoppt werden wird sie vermutlich nicht. (24)

April 2018


Fußnoten

Wenn Sie mit der Maus über der Fußnote verharren, wird diese angezeigt. Ein Klick bringt Sie zu dieser Position. Mit der Zurücktaste des Browsers oder dem Link hinter der Fußnote geht es wieder in den Text.

(1) Wäre es anders, brauchten die Menschen z.B.im Gaza-Streifen keinen Mangel zu leiden.

(2) Um diese Bewertung nachzuvollziehen, genügt es, das Sortiment eines beliebigen Billigkaufhauses in Augenschein zu nehmen, falls man es wagt, sich den olfaktorischen Attacken der Weichmacher der angepriesenen Waren auszusetzen.

(3) Rohstoffe aus dem Kongo, sei es Blut-Koltan oder seien es Blut-Diamanten, werden unter unsäglichen Bedingungen geschürft und finanzieren oft die Budgets von Warlords.

(4) Die Baumwollpflanze benötigt sehr viel Wasser – ein Gut, das in Ägypten nicht gerade im Überfluss vorhanden ist.

(5) Arbeiterrechte sind in den drei genannten Ländern unbekannt.

(6) Ob es sich um Tanker, Schüttgutfrachter oder Containerschiffe handelt: Sie alle werden mit „Bunker“, also mit Bitumen, betrieben. Flugzeuge vieler Staaten fliegen mit subventioniertem Kerosin. LKWs fahren mit Benzin oder Diesel. Alle Transportmittel befördern den Treibhauseffekt in hohem Maße.

(7) Ob es wirklich nur ein Zufall ist, dass das Internet seine Existenz der militärischen Kommunikation verdankt?.

(8) So muss Apple die Firma Foxconn in beiden Chinas finanzieren können und vorgeben, ein irisches Unternehmen zu sein, um im Heimatland USA kaum Steuern zu zahlen. So hat die Deutsche Bank sich von ihren Kleinanlegern verabschiedet und sich auf das Investmentgeschäft verlegt, um mindestens 25% Profit zu machen, das wollte zumindest der weiland Vorstandsvorsitzende Ackermann. Dass das Glücksspiel sich in ein Unglücksspiel verkehren kann, zeigt der gegenwärtige desolate Zustand des ehemaligen deutschen Bankenflaggschiffs.

(9) Zölle betreffend.

(10) nationale Bestimmungen betreffend, z. B. Vorschriften im Lebensmittelrecht. Besonders aktiv ist in diesem Bereich die Volksrepublik China, die ausländisches Kapital nur in Form von Beteiligungen an chinesischen Unternehmen gestattet.

(11) Die EU geht hier keineswegs mit leuchtendem Beispiel voran. Für Autos aus den USA müssen z. B. 10% Zoll gezahlt werden, während die USA im Gegenzug nur 2,5% erheben.

(12) Auch hier spielt zum Beispiel die Europäische Union eine unrühmliche Rolle. Die Massen-Geflügelhaltung dort generiert eine Überproduktion minderwertiger Fleischteile der Tiere, da auf dem europäischen Markt oft nur die Brustfilets nachgefragt werden. Flügel und Keulen werden zum großen Teil auf afrikanische Märkte verbracht, wo sie die nicht konkurrenzfähigen einheimischen Produzenten längst verdrängt haben. Die ihrerseits sehen keinen anderen „Ausweg“, als in der vergeblichen Hoffnung auf ein besseres Auskommen die städtischen Slums zu vergrößern.

(13) ein Mindestmaß an Steuerehrlichkeit vorausgesetzt

(14) alle Zahlen wurden großzügig gerundet.

(15) Der Unternehmer Trump, der, wie inzwischen offensichtlich ist, weder vom politischen Geschäft noch von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen Ahnung, geschweige denn Kenntnisse hat, denkt rein betriebswirtschaftlich. Und unter betriebswirtschaftlichen Aspekten sind rote Zahlen schlecht, sie müssen in schwarze verwandelt werden. Im Rahmen seines beschränkten Denkhorizonts handelt Trump also folgerichtig. ⤾)

(16) Diese Entwicklung beruht nicht auf der vernünftigen Entscheidung der amerikanischen Autofahrer, das Fahrrad zu nutzen (was, zugegeben, bei manchen Entfernungen in den USA an naturräumliche Grenzen stößt) oder wenigstens auf weniger spritschluckende Modelle umzusteigen – ganz im Gegenteil.

(17) Dabei wird häufig das Grundwasser geschädigt, was Brunnen kontaminieren kann, und es entstehen Erdbeben.

(18) Das schafft übrigens Arbeitsplätze, und sei es nur für die Putzkolonnen in überwiegend ungenutzten Edelimmobilien in der Fifth Avenue, NYC.

(19) Im Dienstleistungsbereich sind etliche „personennahe“ Tätigkeiten vereint, die als gemeinsames Merkmal schlechte Bezahlung aufweisen und sich in Ballungszentren konzentrieren. Arbeitslose Bergleute im ländlichen Kentucky oder entlassene Logger in Washington werden sich darauf kaum vermitteln lassen. Es stellt sich auch die Frage, ob der „White Trash“, den eine skrupellose Medizinindustrie opioidabhängig gemacht hat, überhaupt noch fähig ist, Fast-Food-Burger zu braten.

(20) Oder zumindest ab und zu ins Auge fasst, wenn er nicht völlig Widersprüchliches verlautbart.

(21) Aus der die Menschen angeblich unbedingt lernen sollen, aber noch nie etwas gelernt haben.

(22) Man handelt also Zug um Zug, oder besser, Mauer um Mauer,wie es sich für einen richtigen Deal gehört. Hat Trump sich möglicherweise inzwischen auf diese Art von Mauern eingetwittert, weil er mit dem Bollwerk gegen Mexiko bisher gescheitert ist?

(23) Die Zahl der Staaten mit demokratischen Systemen nimmt seit einigen Jahren ab.

(24) Es sei, denn, Trump trifft sich nicht mit Kim Jong-Un zur friedlichen Teezeremonie, sondern beweist dem Nordkoreaner, dass sein Atomknopf größer ist. Dann beginnt das Spiel des Lebens von vorn. Auch kein Grund zur Aufregung: Im Laufe der irdischen Evolution, sagen die menschlichen Biologen, sind 98 Prozent aller Arten wieder ausgestorben.