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Kulle Soziologische Werke

Kulle über das Reisen

Über das Reisen

P. D. Kulle

Kulle

»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
»Was machst du da?« sagte der kleine Prinz.
»Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen«, sagte der Weichensteller. »Ich schicke die Züge, die sie fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.«
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der Donner, machte das Weichenstellerhäuschen erzittern.
»Sie haben es sehr eilig«, sagte der kleine Prinz. »Wohin wollen sie?«
»Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst nicht«, sagte der Weichensteller.
Und ein zweiter blitzender Schnellzug donnerte vorbei, in entgegengesetzter Richtung.
»Sie kommen schon zurück?« fragte der kleine Prinz…
»Das sind nicht die gleichen«, sagte der Weichensteller. »das wechselt.«
»Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?«
»Man ist nie zufrieden dort, wo man ist«, sagte der Weichensteller.
(aus: Antoine de Saint-Exupéry, Der Kleine Prinz, Kap.22)

Inhalt:

  • Vorwort
  • 1. Die Großen Reisen
  • 1.1. Die Reise zur Eroberung der Landmasse
  • 1.2. Die Reise zur Eroberung fremden Territoriums
  • 1.3 Was kennzeichnet Große Reisen?
  • 2. Was kennzeichnet dem gegenüber Kleine Reisen?
  • 2.1. Geschäfts- und Bildungsreise
  • 2.2. Entdeckungs- und Eroberungsreise
  • 2.3. Die Pendelreise
  • 2.4. Die Urlaubsreise
  • Conclusio

Vorwort

Reisen ist eine Tätigkeit, die von Homo sapiens sapiens (im Folgenden auch: HSS) so umfassend und aus so unterschiedlichen Gründen ausgeübt wird wie von keiner anderen Spezies. Deshalb behalten wir die Bezeichnung „Reisen“ ihm vor, während wir bei anderen Tieren von „Wandern“ sprechen. Wanderungen ermöglichen Fortpflanzung und Zugang zu Nahrung, andere Triebkräfte dafür existieren nicht. Das Motiv der Nahrungssuche haben Reisende und Wanderer mitunter gemein, wie wir sehen werden.

1. Die Großen Reisen

1.1. Die Reise zur Eroberung der Landmasse

Fossile Zeugnisse von unterschiedlich entwickelten Hominiden sind sowohl in Asien wie in Europa und Afrika nachgewiesen worden, es ist jedoch nach gegenwärtigem Wissenstand unbestritten, dass die „Wiege der Menschheit“ 1 im nordöstlichen Afrika zu suchen ist. Von dort reiste der Mensch los und durchstreifte die „Alte Welt“ zu Fuß, erst als er die Fähigkeit entwickelt hatte, die Meere zu befahren, machte er Australien zu seinem Lebensraum. Die Bereisung des amerikanischen Doppelkontinents erfolgte noch später als die der Terra australis und fand wiederum auf dem Landweg, über die zu jener Zeit trocken gefallene Beringstraße, statt. So war schließlich auch die gesamte „Neue Welt“ 2 zum Reiseterritorium des Menschen geworden.

Das Motivbündel für diese Jahrhunderttausende währende Reise wohl überwiegend kleiner Gruppen ist zweifellos vielfältiger Natur. Die allenthalben verbreitete nomadisierende Lebensweise, die sich aus der Jäger- und Sammlertätigkeit zur Nahrungsbeschaffung zwangsweise ergab, ist schon an sich eine Reisebetätigung. Regionale Erschöpfung von Ressourcen, kurzfristige Wetterunbilden, Naturkatastrophen und einschneidende klimatische Veränderungen gaben ebenfalls Anlass, einen anderen Lebensraum in der Hoffnung auf bessere Bedingungen zu suchen. Und gewiss spielte die Bedrohung durch Artgenossen eine Rolle, und zwar um so mehr, je weiter HSS sich verbreitete. Und damit kommen wir zur zweiten Form der großen Reisen.

1.2. Die Reise zur Eroberung fremden Territoriums 3

Verteidigung, Bekehrung der Heiden, Lebensraum in welcher Himmelsrichtung auch immer schaffen, Kreuzzug, präventives oder präemptives Handeln – der Mensch war schon immer sehr phantasievoll, wenn es galt, das brutale, organisierte Töten eigener Artgenossen durch speziell dafür geschulte Kämpfer und mit speziell dafür hergestellten Waffen zu beschönigen: den Krieg.

Krieg besteht darin, dass eine Armee in ein von einer anderen Armee kontrolliertes Territorium reist; kann sie es erobern, erweitert sie ihren Kontrollbereich, und die gegnerische Gruppe verliert die Kontrolle über diese Region. Die nicht kämpfende Bevölkerung flieht vor den Kampfhandlungen, reist also fort, oder wird nach deren Beendigung entweder vertrieben, unterdrückt oder assimiliert.

Flüchtlinge oder Vertriebene versuchen, sich ein neues Territorium zu suchen, das aber ist in der Regel menschlich besiedelt, so dass sie entweder abgewiesen werden oder, falls sie akzeptiert werden, zumindest für einen gewissen Zeitraum einen Störfaktor darstellen, da sie wertvolle Ressourcen verbrauchen und enkulturiert werden müssen.

Warum werden Kriege geführt? Auch hier finden wir vielfältige Gründe, die sich aber letztlich auf einen Begriff bringen lassen: Ressourcen. Ob Land, Bodenschätze, landwirtschaftliche und /oder industrielle Produkte, Arbeitskraft, Know-how oder Sexualobjekte der eigenen Verwertung unterworfen werden können: Die Macht des Eroberers wird gesteigert und so seine Herrschaft gesichert. 4

1.3. Was kennzeichnet Große Reisen?

Die Antwort hat der intelligente Leser gewiss bereits gefunden, für den nicht so begabten einen oder anderen menschlichen Interessierten sei sie explizit formuliert: Große Reisen werden unternommen, um zu bleiben.

2. Was kennzeichnet dem gegenüber Kleine Reisen?

Auch diese Antwort liegt antithetisch auf der Hand: Kleine Reisen werden nicht unternommen, um am Reiseziel zu bleiben. Nach kürzerer oder längerer Zeit kehrt der Reisende in seine Ausgangsregion zurück. Was Zwecke und Motive anbetrifft, so ist bei den Kleinen Reisen die Vielfalt erheblich größer als bei den Großen. Wir werden einen Überblick über die wichtigsten geben.

2.1. Geschäfts- und Bildungsreise

Die Geschäfts- und die Bildungsreise sind die ältesten Kleinen Reisen und zudem eng miteinander verwandt, gilt es doch bei beiden, Güter zu erwerben, im ersten Fall materielle, im zweiten immaterielle. In einer Welt knapper und regional unterschiedlich verteilter Güter liegt es nahe, gegen Tausch von Waren oder allgemeinen Warenäquivalenten eine bessere Versorgung in allen Gebieten zu erreichen. Diese Aufgabe übernahmen die Fernkaufleute, aber auch die Höker, die kleinräumig agierten.

Wo sich mit dem Beginn von Zentren unterschiedliche Kulturen entwickelten, entsandten die Herrschenden junge Menschen, oft Angehörige des eigenen Geschlechts, um fremde Sitten und Gebräuche kennenzulernen und die heimische Polis 5 davon profitieren zu lassen 6. Diese Art des Informationserwerbs setzte sich nach der Gründung von Hochschulen bis zum heutigen Tag fort.

Das Motiv derartiger Reisen ist zum einen Gewinnstreben, das, in abgewandelter Form, als Suche nach Vorteilen auch Großen Reisen inhärent ist. Bei Bildungsreisen aber finden wir eine neue, bisher unbekannte Triebkraft: Neugier 7 .

2.2. Entdeckungs- und Eroberungsreise

Ebenfalls eng miteinander verknüpft sind die Entdeckungs- und die Eroberungsreise. Solange die Erde für eine Scheibe gehalten wurde, von deren Rand man ins Nichts herunterfallen konnte, hielt sich die menschliche Lust auf Unbekanntes in Grenzen, aber neue, wenn auch falsche Weltkarten, denen zufolge Terra eine Kugel ist und denen zufolge man Profit versprechende Territorien 8 auf dem Seeweg erreichen zu können glaubte, veranlasste HSS zum Besegeln der bisher gefürchteten Ozeane9.

Ausgestattet mit der richtigen Ideologie, also der Überzeugung, der wahren Religion teilhaftig zu sein und alle menschlichen Wesen, die man „entdeckte“, zu dieser bekehren zu müssen, sorgten die unreinlichen Europäer für ein doppeltes Massaker: die Bestrafung der „Heiden“, die sich dem „Heil“ widersetzten, mit dem Tode, und den Seuchentod.

Mindestens ebenso wie an überirdischen Gütern waren die Entdecker und ihre Geldgeber 10 an irdischen Werten interessiert. Jeder jagte dem „Dorado“ hinterher und fand es in mancherlei Gestalt: im Gold und Silber Lateinamerikas, in der Arbeit der aus Afrika entführen Sklaven auf den Baumwollfeldern der Amerikas und letztlich auch in den Weiten des scheinbar leeren Südkontinents, in denen sich Straftäter entsorgen und so Kosten sparen ließen.

2.3. Die Pendelreise

Eine neue Quantität und auch Qualität des Reisens entstand mit der Industriellen Produktionsweise, zerstörte doch die Fabrik die lokale Einheit von Wohnen und Arbeiten, wo sie sich entwickelte. Diese Zerstörung erheischte eine Beschleunigung und eine quantitative Ausweitung des Reisens, die beide durch die Entwicklung des Lokomobils und einige Jahrzehnte später des Automobils möglich wurden. Die Notwendigkeit des „Pendelns“ von Berufstätigen und Waren ist die Grundlage einiger wichtiger Wirtschaftszweige und zugleich ein Faktor, der die Ökonomie negativ beeinflusst, führt doch die zunehmende Überlastung der Verkehrswege und -mittel zur Vergeudung von toter wie lebendiger Arbeit.

2.4. Die Urlaubsreise

Diese Überlastung beeinträchtigt jene Art der Kleinen Reise, die sich bei den Reisenden höchster Beliebtheit erfreut. In allen sogenannten Industrie- wie auch in vielen Schwellenländern 11 haben beruflich tätige Menschen Anspruch auf eine mehr oder minder lange Spanne arbeitsfreier Tage, und wer über die Mittel dazu verfügt, verbringt diesen „Urlaub“ gerne an einem anderen Ort als dem gewohnten. Es versteht sich von selbst, dass auch diese Kleinen Reisen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind: Transportmittel, Unterkünfte und Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme müssen bereitgestellt werden.

Conclusio

Wie sich gezeigt hat, ist das Reisen zwar kein ontogenetisches, wohl aber ein phylogenetisches Merkmal von Homo sapiens sapiens. Er muss also danach trachten, dieses Verhalten zu perpetuieren, was ihm aber zusehends schwerer fällt, verhindert doch die schiere „Masse Mensch“ 12 das Fortkommen und, was die Urlaubsreise angeht, den Genuss.

Also auch hierbei: Pfffffffffffff…


Fußnoten: („<“ führt zum text zurück)

  1. Die euphemistische Formulierung stammt von menschlichen Anthropologen, nicht von bärischen.
  2. Dem Menschen, der die Amerikas nach deren „Entdeckung“ durch den Italiener Colombo 1492 als „Neue Welt“ bezeichnete, scheint bis heute nicht aufgefallen zu sein, dass er mit diesem Namen den Nagel auf den Kopf getroffenen hatte.
  3. Gemeint ist natürlich fremdes menschliches Territorium. Anderen Tieren den Lebensraum zu nehmen hat dem Menschen selten Probleme bereitet.
  4. Bei der ersten Fassung des Manuskripts hat der Chef formuliert: „Der Usurpator hat bewiesen, dass er den längsten hat.“ Das musste ich leider streichen. Die Sekretärin
  5. Wir beziehen diesen Begriff nicht nur auf griechische Poleis, sondern auf Stadtstaaten allgemein.
  6. Dass diese Reisen nicht immer von Erfolg gekrönt waren, zeigt zum Beispiel die Geschichte von Ödipus.
  7. Gewinnstreben, kombiniert mit Neugier, sind übrigens die Triebkräfte, die dazu geführt haben, dass die Erde sich inzwischen im Elend des Anthropozän befindet – aber das ist eine andere Geschichte.
  8. Indien
  9. Nicht belegte, sondern nur behauptete Entdeckungsfahrten wie die der Wikinger haben vielleicht ebenfalls stattgefunden. Seekarten eines Torricelli-Vorfahren hatte Erik der Rote aber gewiss nicht zur Verfügung.
  10. Wir denken hier an die „katholischen“ spanischen Könige, die dringend Mittel für die Reconquista benötigten.
  11. Der Begriff nährt die Illusion, die etablierten Industrieländer würden ein Überschreiten der „Schwelle“ auf ihr Niveau durch andere Länder tolerieren.
  12. Ernst Toller konnte 1919 noch keine Ahnung haben, wie massenhaft seine Gattung binnen kurzem präsent sein würde: Damals lebten weniger als 2 Milliarden Menschen auf dem Globus.

September 15