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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben)

UNO oder Alleingang

Bärdel

Schon seit geraumer Zeit waren Bärdel und Kulle bei ihrem Morgenspaziergang nur noch selten zu zweit. Manfred schloss sich ihnen an, wenn er sich aus dem Gewirr seiner Computerkabel befreien konnte, und mischte sich manchmal ins Gespräch ein. Del, der sehr junge Bär, war sehr wissbegierig und trabte mit, hörte aber lieber zu. Und oft tollten Na und Nuk, die Eisbärenzwillinge, in ihrem unbändigen Bewegungsdrang um sie herum, was die Kinder nicht davon abhielt, sich eifrig am Gespräch zu beteiligen. Da alle selbstverständlich bereits einen Blick in die wichtigsten nationalen und internationalen Zeitungen geworfen hatten, diskutierten sie oft aktuelle Ereignisse.

Kulle

So auch heute.

Nanuk

Die vorlaute Na konnte natürlich nicht abwarten, bis die Erwachsenen ein Thema angesprochen hatten. Sie platzte heraus:

„Also ich finde Onkel Barack ganz toll. 3000 Soldaten schickt er nach Liberia, um die böse Ebola-Seuche zu bekämpfen. Und den komischen Islamischen Staat will er auch besiegen, in Syrien und im Irak. Das macht er aber nicht mit Soldaten, sondern mit Flugzeugen.“

Da Nuk natürlich nicht erlauben konnte, dass nur ihre ein paar Minuten nach ihr geborene Schwester sich äußerte, gab sie ihren Kommentar dazu:

„Gegen die IS gehen die USA nicht allein vor. Auch Frankreich und Großbritannien machen mit, sogar Dehland!“

Da weder Bärdel noch Kulle den Anschein erweckten, dazu Stellung nehmen zu wollen, bohrte Del kaum merklich nach: „Ich habe das auch alles gelesen, aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Del

„Ist doch ganz einfach zu bewerten,“ knurrte Kulle. „Es war schon immer die ureigenste Bestimmung von Soldaten, Krankheiten zu besiegen. Ärzte wären dabei völlig fehl am Platz. Wie man weiß, ist es deren Beruf, feindliche Ärzte zu töten.“

Bärdel knuffte Kulle in die Seite, aber es war schon zu spät. Na schaute erst verdutzt, aber dann ließ sie den Kopf hängen. Nuk war sofort an ihrer Seite. Zwar stellte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre eigene Überlegenheit zur Schau, aber wenn Na traurig war, kam sie sofort, um sie zu trösten.

„Du musst das nicht so tragisch nehmen, kleine Na!“ Bärdel versuchte es mit Worten. „Du kennst doch Deinen Onkel Kulle! Manchmal hat er Messer im Mund anstatt von Zähnen. Seine Worte können dann sehr verletzen.“

„Aber…“ Na versuchte, sich zu fassen. „Aber ich habe nicht nur die Meldungen in der Zeitung gelesen, sondern auch die Kommentare dazu. Alle Journalisten finden es gut, dass der amerikanische Präsident energisch geben Ebola vorgehen will.“

„Kein Wunder! Vor Seuchen haben alle Menschen Schiss. Bei Epidemien begrüßen sie jeden Aktionismus dagegen, auch wenn die Aktionen ungeeignet sind. Sogar die Djihadisten vom Islamischen Staat finden das vermutlich gut, auch wenn sie es nie laut sagen würden. Außerdem ist jeder GI, der gegen Ebola eingesetzt wird, ein GI weniger, der gegen sie kämpfen kann.“ Kulle hatte sich beruhigt und war für seine Verhältnisse jetzt richtig sanft.

„Aber gegen den IS werden doch keine Soldaten eingesetzt!“ Obwohl Na zum Heulen war, gab sie nicht auf.

Kulle, der selbst den dicksten Bärenschädel hatte, den man sich denken kann, imponierte ein nicht allzu dummer Dickkopf bei anderen. „Ah ja, keine Soldaten, sondern Flugzeuge. Und wer steuert die? Wer wirft die Bomben ab? Und die Raketen?“

Wieder sprang Nuk ihrer Schwester zur Seite: „Onkel Kulle, ich haben gelesen, die USA kämpfen mit Drohnen. Da sind keine Soldaten drin.“

„Stimmt! Aber Soldaten spielen schon eine Rolle: Die Drohnen müssen ferngesteuert werden. Die Soldaten, die das tun, sitzen übrigens oft in Ramstein in Dehland. Sie steuern die Drohnen gegen Menschen, die vermutlich Terroristen sind. Bewiesen ist das aber nicht, und oft kommen Unschuldige dabei um. Wenn man darüber nachdenkt, stellt man fest, dass es sich um Mord handelt.“

Manfred

„Mord?“ Jetzt mische sich Manfred ein. „Mord? Ist das nicht zu streng geurteilt? Im Krieg…“

Bevor Kulle wieder explodieren konnte – und Bärdel sah ihm an, dass er kurz davor war – lenkte er ab: „Seht mal, hier sind noch Brombeeren! Ja, Krieg – früher hatten die Menschen dafür Regeln, selbst für den Krieg, in dem alle Regeln des normalen Lebens außer Kraft gesetzt werden. Kriege wurden zwischen Staaten geführt, und die Staaten erklärten einander den Krieg. Heute ist alles durcheinander. Die Amerikaner behaupten, sie seien im Krieg gegen den Terrorismus, also ist es gerechtfertigt, Feinde zu töten. Kulle sieht das anders, wie wir gehört haben. Man kann lange darüber streiten, wer Recht hat.“

Kulle murrte leise. beließ es aber dabei. Alle machten sich über die Brombeeren her, sogar die Eisbären.

„Wer darf denn bei den Menschen darüber urteilen, ob andere Menschen getötet werden dürfen?“

Nuk wollte das wissen.

Manfred schluckte eine leckere Brombeere herunter, räusperte sich und erklärte: „Wie Ihr wisst, bin ich mal in eine Menschenschule gegangen. Dort habe ich gelernt, dass kein Mensch einem anderen Menschen das Leben nehmen darf. Das ist jedenfalls in Dehland die offizielle Meinung. Es ist allerdings merkwürdig, dass Dehland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist. Irgendwas passt da nicht zusammen. Außerdem gibt es angeblich „gerechte Kriege“. Wenn ein Land angegriffen wird, darf es sich verteidigen, das gilt als gerechtfertigt. Eigentlich soll aber kein Land ein anderes angreifen, und um das zu verhindern, gibt es die Vereinten Nationen. Das ist eine internationale Organisation, in der fast alle Staaten Mitglieder sind. Das höchste Ziel dieser Organisation ist die Wahrung des Weltfriedens. Wenn es nicht anders geht, dürfen die Vereinten Nationen den Weltfrieden mit militärischen Mitteln wiederherzustellen versuchen. “

„Aha!“ kommentierte Nuk trocken. Bärdel freute sich über ihre Reaktion, aber Manfred hatte nicht verstanden, was sie sagen wollte.

„Wieso ‚aha‘?“

„Bei Tante Atti habe ich gelernt, dass ‚aha‘ eine Interjektion des Triumphs, der Verwunderung, des Spotts, der Verachtung, der Ironie und noch manch anderer Bedeutung sein kann, je nach der Intonation des Sprechers. Mein ‚aha‘ war komplex und enthielt Spott, Verachtung und Ironie.“

Kulle wiegte anerkennend den Kopf, hielt sich aber hinter Manfreds Rücken.

„Ach so! Du wunderst Dich noch über die Menschen und ihre Schizophrenie. Ich nicht mehr. Vielleicht solltet Ihr auch mal eine Menschenschule besuchen…“

„Nein, danke, Onkel Manfred! Wir sind mit dem Unterricht von Tante Atti und Onkel Kulle sehr zufrieden,“ sagten Nanuk im Chor. Und Na fuhr fort: „Aber wenn die Menschen glauben, dass nur die Vereinten Nationen legitim Waffengewalt anwenden dürfen, warum sind dann so viele begeistert davon, dass Onkel Barack – also dass der amerikanische Präsident das macht?“

Bärdel dachte:

Weil Menschen immer Idolen nachlaufen.

Weil der Friedensnobelpreisträger Obama vielen immer noch eine Ikone ist.

Weil manche Menschen in der westlichen Welt Angst dafür haben, dass ehemalige IS-Kämpfer mit der eigenen Staatsbürgerschaft aus dem Krieg zurückkehren und im eigenen Land weiterbomben.

Del dachte:

Auf die Antwort bin ich gespannt.

Kulle dachte:

Weil die UN handlungsunfähig sind. Die Blockade im Sicherheitsrat ist schlimmer als zu Zeiten des Kalten Krieges.

Weil die Menschen die Schrift an der Wand nicht lesen können.

Weil die Geschichte der Menschen lehrt, dass sie die Menschen nichts lehrt.

Manfred dachte:

Weil die Türken schon zweimal vor Wien standen und das christliche Abendland bedroht haben.

Nuk dachte:

Weil die Menschen komisch sind.

Bärdel sagte: „Weil die Menschen den Glauben an das Gute nie verlieren, selbst wenn sie das Böse tun.“

Sprach’s und labte sich an der letzten Beere, die er in der Pranke hielt.

September 2014