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Bärdel Bärdels Märchen (Bärenleben)

Lernkontrolle

Na und Nuk hatten sich nach ein paar Wochen in Bärenleben schon prima eingewöhnt, und es machte ihnen einen Riesenspaß, dass „Tante“ Atti und „Onkel“ Kulle – von dieser Namensgebung waren sie nicht abzubringen – ihnen viel über das Leben in ihrer neuen Umgebung beibrachten. Sie hatten auch nichts dagegen, ihre Lernerfolge überprüfen zu lassen; allerdings leuchtete ihnen überhaupt nicht ein, dass sie das getrennt machen sollten. Und so schrieben sie auch ihren ersten Aufsatz gemeinsam. Das vorgeschriebene Thema lautete: Der Mensch.

Eisbärenfamilie

Der Mensch

Der Mensch ist ein Säugetier wie wir auch, was er aber nicht wissen will, denn er hält sich für etwas Besseres. Deshalb, glaubt er, ist er auch später geschaffen worden als wir. Zu dem, der das angeblich geschafft hat, kommen wir später.

Weil der Mensch ein Säugetier ist, bringt er lebende Junge zur Welt, die vom Weibchen gesäugt werden. Sollte das nicht klappen, springt Milupa ein, ein Märchenwesen, das Kinder stark macht. Weil der Mensch viel Wert auf die Kraft seiner Lenden und wenig auf die Kraft seines Geistes legt, zeugt er viele Kinder. Das führt dazu, dass er wegen Überbevölkerung vom Aussterben bedroht ist, aber wir Bären auch, allerdings wegen Ausrottung.

Der Mensch bildet sich, wie oben schon gesagt, ziemlich viel auf sich ein. Deshalb hat er die Religion erfunden, die zum Beispiel in der Sixtinischen Kapelle zeigt, dass ein Mensch direkt mit dem Finger berührt wird. Auch der Papst ist angeblich direkt berührt, jedenfalls glaubt er, dass er auch ein Finger ist. Wenn der Mensch stirbt, verspricht ihm der Papst, dass er anschließend beim Finger wohnen und Halleluja singen wird. Von Onkel Kulle haben wir gelernt, dass Religion Unsinn ist, nämlich Crack für das Volk, weil Crack nämlich aggressiv macht, anders als Opium, das beruhigt.

Der Mensch betrachtet sich als höchstes Lebewesen, was ihn aber nicht daran hindert, andere höchste Lebewesen umzubringen, und er wird dabei immer besser. Er behauptet von sich, er sei das Maß aller Dinge, aber allmählich stellt er fest, dass er versäumt hat, den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre zu messen. Eigentlich interessiert sich der Mensch nur für sich selbst; deshalb bezeichnet er alles andere als Umwelt“. Er mag Hunde und manchmal Katzen, aber Eisbären nur, wenn sie vom Klimakollaps bedroht sind und er keinen direkten Kontakt mit ihnen hat.
Der Mensch, wie er hier beschrieben ist, ist ein Mann. Es gibt viele Männer, die behaupten, dass eine Frau kein Mensch ist.

Bekannte Menschen waren und sind Karl Marx und Michelangelo und Benedikt XVI. und…mehr kennen wir noch nicht. Der Finger ist kein Mensch, sondern etwas noch Besseres.

Kulle war geknickt, als er den Aufsatz las und sich dabei an seine eigene Arbeit über den Menschen erinnerte. Atti dagegen musste so lachen, dass sie hilflos durch die Höhle kugelte.

„Du schaffst das schon!“ kicherte sie. „Fraglos gelingt es dir, die richtige Auswahl von Menschen zu treffen – weiter so! Die Beiden kriegen doch eine Eins, oder?“

Kulle widersprach nicht.