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Religion

Bärdel

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“Du hast eine tolle Arbeit über das menschliche Zusammenleben geschrieben, denke ich!” begrüßte Bärdel Kulle, als sie einander auf ihrem Morgenspaziergang begegneten. “Ich finde es beeindruckend, wie du dich bei den Menschen auskennst. Du weißt über sie viel besser Bescheid als ich.”

“Danke!” erwiderte Kulle und rückte geschmeichelt an seiner Fliege. “Obwohl – über manches, was die Menschen ausmacht, weiß ich gar nichts. Über Religion zum Beispiel.”

Bärdel war überrascht. “Nanu? Krückstock, Opium des Volkes, Opium für das Volk…”

“Schön und gut”, brummte Kulle. “Die Funktion ist leicht zu beschreiben. Aber was ist mit der Ursache? Also: Warum haben die Menschen, präziser, die meisten Menschen, sogar die allermeisten, auch viele der wirklich intelligenten, eine Religion? Ist das genetisch bedingt? Und wenn es so wäre – warum ist uns Bären, die wir doch biologisch eng mit den Menschen verwandt sind, nicht nur der Gedanke eines mehr oder weniger persönlichen Gottes, sondern generell der Gedanke der Transzendenz so fremd?”

“Ich weiß nicht, woran man die Gründe für die menschliche Religiosität festmachen kann. Aber ich kenne mehrere.”

“Sogar mehrere?” Kulle hüpfte aufgeregt auf der Stelle. “Ich kenne noch nicht mal einen!” Und dann sagte Kulle etwas, was Bärdel noch nie von ihm gehört hatte: “Erklärst du es mir?”

“Gerne!” Bärdel schaute sich um. “Siehst du den Apfelbaum da? Es ist Frühling, die Knospen brechen auf, der Baum beginnt zu blühen. Wie erklärst du dir das?”

Kulle war irritiert. “Was soll ich da erklären? Es ist Frühling, die Säfte steigen nach der Winterruhe, Blütenpflanzen pflanzen sich geschlechtlich fort, also…”

“Du hast völlig recht”, unterbrach ihn Bärdel. “Du kennst die Gründe. Und wenn du sie nicht kenntest, würdest du einfach sagen: ‘Das weiß ich nicht’. Aber Menschen suchen immer nach Erklärungen, nach Begründungen. Und wenn sie keine rationalen wissen, erfinden sie irrationale. Wenn sie nicht wissen, dass der Baum blüht, weil es Frühling ist, dann behaupten sie, der Gott des Baumes sei erwacht. Oder ein Gott sei im Baum erwacht. Jedenfalls erfinden sie einen Gott anstelle der Ursachen, die ihnen unbekannt sind. Und so gibt es für sie einen Donnergott und einen Regengott und einen Wachstumsgott und immer so weiter, oft auch eine Göttin, denn was fruchtbringend und was vernichtend ist, das wissen die Menschen schon.”

“Na gut”, sagte Kulle, und es klang sehr nachsichtig. “Du beziehst dich auf die Phase der Naturreligion. Aber über die sind die Menschen inzwischen hinaus, denke ich.”

“Die Menschen nicht. Aber ich gebe dir recht: Die Menschen in den von ihnen so genannten industriell entwickelten Ländern glauben nicht mehr, dass in den Bäumen Götter leben, sonst würden sie die Bäume nicht brutal fällen. Aber ich beharre darauf, dass die Menschen auch heute an irrationale Erklärungen glauben, wenn ihnen rationale – noch – nicht zur Verfügung stehen. Darin sehe ich den ersten Grund für die menschliche Religiosität: den Erklärungswahn.”

“Bingo!” sagte Kulle. “Was noch?”

“Anders als wir Bären wollen die Menschen ständig etwas verändern. Dabei haben sie aber auch Angst vor ihrer eigenen Courage, denn sie wissen in den seltensten Fällen, wozu das, was sie anstellen, letztlich führt. Deshalb erfinden sie sozusagen einen Auftraggeber, und das ist Gott. Wie oft lassen die Menschen den in der Bibel sagen: “Macht euch die Erde untertan’? Ein halbes Dutzend Mal bestimmt. Sie brauchen eine legitimatorische Grundlage für all die Zerstörungen, die sie bewirken. So werden sogar Kriege zu notwendigen Aktionen im Namen einer höheren Macht.”

Kulle nickte. “Das leuchtet mir ebenfalls ein. Was hast du noch zu bieten?”

“Der dritte Grund liegt auf der Hand. Was sagt den Bären ihr Zukunftssinn?”

Kulle ließ sich auf das Spiel ein: “Dass morgen ein Tag ist, der auf heute folgt, so dass man sich heute so verhalten sollte, dass ein Morgen möglich ist. Und dass das Leben eines Individuums nach vielen Tagen vorbei ist, während das der Gattung länger währt.” Er schlug sich mit der flachen Hand vor sie Stirn: “Dass ich daran nicht gedacht habe! Natürlich, der Zukunftssinn der Menschen ist insofern fehlgeleitet, als sie den Tod nicht akzeptieren wollen! Und deshalb erfinden sie alles mögliche, um ihn wegzudenken: Seelenwanderung, das Nirwana, das Paradies…. Das Paradies – aber auch die Hölle. Warum eigentlich die Hölle?”

“Du machst es mir leicht”, grinste Bärdel. “Du führst uns direkt zu Grund Nummer vier. Bitte beantworte mir noch eine Frage: Wie viele Modalverben kennst du?”

“Dumme Frage, zwei natürlich!”

“Und die wären?”

Kulle warf Bärdel einen skeptischen Blick zu, das war nun tatsächlich unter seiner Würde. Aber er antwortete trotzdem, denn bisher hatten ihm Bärdels Erklärungen eingeleuchtet: “Wollen und können natürlich.”

“Natürlich!” bestätigte Bärdel. “Aber – wie viele Modalverben haben die Menschen?”

Wieder fiel bei Kulle ein Groschen. “Bei Tussi, bin ich dumm! Da wären noch ‘müssen’ und ‘sollen’ und ‘dürfen’; alles Ausdrucksformen des Über-Ichs, das sich natürlich hervorragend in religiöse Formen gießen lässt, weil es dann viel wirkmächtiger ist – und als ultimative Sanktion bei Verstößen droht die ewige Verdammnis.”

“Das”, erklärte Bärdel, “sind meiner Meinung nach die Gründe dafür, dass die meisten Menschen ohne Religion nicht auskommen können. Und jetzt habe ich noch eine Frage an dich, eine ernsthafte, keine rhetorisch-pädagogische. Beantwortest du sie mir?”

“Klar, wenn ich kann!”

“Du hast vorhin behauptet, uns Bären sei nicht nur der Gedanke eines mehr oder weniger persönlichen Gottes, sondern generell der Gedanke der Transzendenz fremd. Warum….” Bärdel machte eine Kunstpause. Er genoss es, dass Kulle sich erkennbar zu winden begann. “Warum glaubst du dann an Tussi?”

Kulle gab sich nach einer Sekunde der Schwäche wieder ganz souverän. “Nicht nur ich, sondern alle Bärenlebener glauben an Tussi. Tussi existiert nämlich wirklich!”