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Kulle Politische Marginalien

Kulles Grußwort zum Jahr 2006

Liebe Mitlebewesen, insbesondere Menschen, ganz speziell Deutsche!

Der Autor

Natürlich weiß ich, dass ihr satt seid – satt von der Weihnachtsgans, dem Silvesterkarpfen und vielerlei Nuss- und Mandelkern, also den massenhaft unappetitlich gezüchteten Muskeln und Fettablagerungen von bedauernswerten Tieren und den saisonalen Produkten, die sich Schokolade nennen, wenngleich sie hauptsächlich aus Zucker bestehen. Satt vom Sekt, den mensch zur Jahreswendezeit hierzulande eben zu trinken hat und dessen Konsum ihm, dem Geiz Geilheit bedeutet, durch den Verkaufspreis unterhalb der Produktionskosten schmackhaft gemacht wird – der Profit an anderer Stelle wird es richten. Satt auch von offiziellen Grußworten Offizieller, die euch gesagt haben, dass ihr alle alles könnt, wenn ihr nur wollt, und dass ihr alle solltet, aber nicht müsst, nämlich Weltmeister werden. Papst seid ihr ja schon. Satt seid ihr natürlich auch deshalb, weil das Modalverb “dürfen“ in diesen Reden nicht vorkam.

Natürlich weiß ich, dass ihr satt seid, und das nicht erst seit ein paar Tagen. Schließlich hat das Menschenbashing schon vor Jahrhunderten angefangen. In drei Jahren feiern wir den fünfhundertsten Jahrestag der Vertreibung des Menschen aus dem Mittelpunkt des Kosmos – ich bin gespannt, wer dazu die Festrede halten wird. Niemand nahm damals, 1509, Nikolaus Kopernikus im abgelegenen ostpreußischen Thorn wirklich ernst, aber er hat bewiesen, dass die Erde samt ihrem Mond und den anderen seinerzeit bekannten Planeten um die Sonne rotiert, nicht andersherum. Seitdem torkelt die Menschheit betrunken durch das All, mal kopfüber, mal kopfunter, immerhin aber noch Menschheit, geschaffen am sechsten Tage, belebt mit Gottes Odem, beseelt von seinem Geist, von ihm auserwählt, seinen Garten Eden zu bestellen und zu bewahren oder sich gar die Erde untertan zu machen.

Das änderte sich allerdings 350 Jahre später. 1859 erschien die Kurzfassung eines Buches, das ein bisher auf sehr verschiedenen akademischen Feldern wie Theologie und Medizin nicht gerade erfolgreicher, dafür aber weit gereister Mann veröffentlichte und das binnen Stunden vergriffen war. Der Autor hieß Charles Darwin, und sein Werk trug den Titel “On the Origin of Species“. Darwin entkleidete euch Menschen eurer Gottähnlichkeit, ihr wurdet Tiere wie wir Bären, aber ihr wolltet es nicht wissen, nicht akzeptieren, ihr kämpft dagegen an bis zum heutigen Tage, denn ihr habt nicht begriffen, welch ungeheures Kompliment in der Darwinschen Erkenntnis steckt, dass das Geheimnis des Überlebens einer Spezies die Anpassung ist, das Fitsein. Anstatt stolz zu sein, rennt ihr in Fitnesstudios und versucht, den alten einzigartigen Status mit Hilfe eines als unabdingbar behaupteten intelligenten Designers wiederzuerlangen. Ihr solltet euch schämen!

Scham scheint ein in der Menschheit tief verwurzeltes Gefühl zu sein, Scham geht mit Erkenntnis einher, wie schon frühe menschliche Mythen lehren, denn erst als die erste Frau dem ersten Mann zu Erkenntnis verholfen hatte, schämte er sich. Aber wie sie funktionieren, die Scham und die Erkenntnis, das wisst ihr Menschen nicht – und ihr könnt es auch nicht wissen. Das immerhin wisst ihr seit Sigmund Freud, dem ihr die Erkenntnis verdankt, dass etwa 90 % eures Verhaltens nicht bewusst gesteuert werden, dass das, was ihr das Ich nennt, ein fragiler, ständig von Es und Über-Ich bedrohter, mühsam am Leben erhaltener Winzling ist, dessen Existenz aber notwendig ist, damit ihr den Begriff “Vernunft“ wenigstens ab und zu denken könnt. Freuds “Das Ich und das Es“ erschien zwar erst 1923, war aber bereits, wie unsere Forschungen ergeben haben, 1919 fertiggestellt – 60 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins bahnbrechenden Erkenntnissen, 410 Jahre nach der kopernikanischen Wende.

Also, liebe Mitlebewesen, liebe deutsche Menschen, das vor euch liegende Jahr 2006 ist, erkenntnistheoretisch betrachtet, völlig unbedeutend. Ihr dürft euch entspannen. Das entscheidende Jubiläumsjahr ist nicht 2006, allen anderen Behauptungen, die da Mozart, Heine, den armen B.B. und Dutzende andere Namen durch die Gebetsmühle der Medien drehen, zum Trotz. Das entscheidende Gedenkjahr ist 2009. DAS geht euch an.

Also, deutsche Menschen:

Macht ruhig weiter wie bisher, bleibt Exportweltmeister, werdet vielleicht sogar männlicher Fußballweltmeister, falls euch das freut.

Haltet euch weiterhin für etwas Besseres, falls ihr dieses Gefühl braucht. Lasst euch nicht dadurch stören, dass euch ein kleiner Bär schon heute die Leviten liest.

Ihr habt noch drei Jahre Zeit – genießt sie!