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Bärdel Bärdels Märchen (Mormonien)

11. September 2001

Bärdel, Kulle und Manfred saßen mitten auf dem Burro Pass.

Manfred war stolz darauf, dass er dabei sein durfte – seit ein paar Wochen tolerierten die beiden alten Bären seine Teilnahme an ihren Morgenspaziergängen, und er nutzte die Gelegenheit, wann immer er Zeit hatte. Es war Anfang Juli, hoch oben in den LaSals.
Um sie herum wuchs dichtes Gras, zwischen dem sich mutig kleine Blümchen hervorwagten. Dicke Hummeln brummten um sie herum, und ab und zu war auch das noch tiefere Flugsummen eines Kolibris zu hören. In der Nähe schien alles in Ordnung zu sein. Die gewohnte Fernsicht dagegen fehlte völlig. Im Westen hätten sie in der Ferne die San Juan Berge in Colorado sehen sollen und im Osten  das Tal von Moab, das von roten Felsen umrahmt war. Stattdessen gab es nur grauen Dunst.

„Ich finde, das sieht aus wie kalifornischer Smog!“ murrte Bärdel.

Kulle wiegte skeptisch den Kopf. Seine wissenschaftlichen Studien hatten ihn bisher nicht dazu verführt, sich mit dem Smog in Kalifornien zu beschäftigen, und so hielt er sich mit einem Kommentar ausnahmsweise vorsichtig zurück.

„Das hier wird hoffentlich schneller vorbeigehen als die Luftverschmutzung in Kalifornien“, meinte Manfred. „Beim nächsten Regen werden die Wald- und Buschbrände schwächer werden, vielleicht sogar ganz gelöscht werden. Dann haben wir hier wieder die klare Wüstenluft und den weiten Blick.“

Jetzt war Kulle hellwach. „Bein nächsten Regen, natürlich, beim nächsten Regen! Aber wann kommt der nächste Regen? Wir haben hier im Südwesten der USA die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten, falls das noch niemand bemerkt haben sollte!“

Manfreds Ohren stellten sich auf, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sehr erregt war. Ihm konnte nun wirklich niemand vorwerfen, nicht über aktuelle Ereignisse informiert zu sein, ihm nicht! Bevor er sich drohend aufrichten und damit gegen jegliche Bärenetikette verstoßen konnte, legte Bärdel ihm die Pranke auf die Schulter und drückte ihn sanft, aber sehr bestimmt in seine sitzende Position zurück.

„Wir haben das bemerkt, Kulle“, sagte Bärdel völlig beiläufig. „Wir wissen auch, dass die Flächenbrände zum Teil von den Menschen, die sie bekämpfen sollen, immer wieder angefacht und neu gelegt werden. Acht Dollar Stundenlohn als Feuerwehrmann oder –frau ist für manchen armen Ami offenbar ein sehr verführerischer Judaslohn. Solange das Feuer brennt, verdienen sie daran.“

„Welch treffende Metapher!“ brummte Kulle vor sich hin.

Bärdel sah Manfred an. Manfred sah Bärdel an. Beider Augenbrauen hoben sich und bildeten ein Fragezeichen. Seit wann drückte Kulle sich in literarischen Kategorien aus? Sie zuckten mit den Schultern, weil ihnen keine Antwort auf ihre Frage einfiel. Wahrscheinlich war die Frage auch nicht wichtig, beschlossen sie. Sie machten die Augen zu, um ein bisschen zu dösen.

In Bärdels Kopf wanderten die Gedanken und gingen ihre eigenen, ungesteuerten Wege. Natürlich – Kulle hatte schon einmal von Literatur gesprochen. Neruda hatte er erwähnt. Das war vor fast einem Jahr.

„Nichts wird mehr so sein, wie es war!“ murmelte er vor sich hin. Der Satz machte ihn hellwach, und er erinnerte sich. Der Satz war der wohl häufigste Kommentar zum 11. September des letzten Jahres.

 

Zum ersten Mal in seinem jungen Leben benutzte Manfred eine Fähigkeit, über die alle Bären verfügen, die sie aber nur im äußersten Notfall aktivieren. Er sendete einen telepathischen Befehl aus:

„Kommt alle her. Sofort!“

Die Bärengemeinde in den LaSals folgte der Aufforderung unverzüglich, und natürlich wussten alle, wohin sie zu gehen hatten. Der Subtext von Manfreds Botschaft war deutlich genug: Ich bin in der Höhle.

Manfred saß vor seinem Laptop, und er hatte den Beamer aktiviert, den er vor wenigen Tagen „akquiriert“ hatte, wie er formulierte. Alle, auch Bärdel, hatten es sich längst abgewöhnt, Manfreds ‚Akqusitionen’ genauer nachzuforschen. Mochten die Quellen seiner Erwerbungen auch dunkel bleiben, alles, was er anschaffte, war für die Gemeinschaft mehr als nützlich.

Auf der großen Leinwand lief eine kurze Filmsequenz, immer und immer wieder. Ein Flugzeug steuerte direkt auf einen riesigen weißen Hochhausturm zu und flog hinein, flog beinahe hindurch, ungefähr 15 Stockwerke unter der Spitze. Wenig später schoss eine zweite Machine heran und nahm sich den Zwillingsturm daneben vor. Auch der verwandelte sich in Sekundenbruchteilen in ein flammendes Inferno.

Den Ton hatte Manfred abgestellt.

„Wow!“ sagte Bärdel beeindruckt und ärgerlich zugleich. „Gut gemacht, diese Szenen! Aber, mein Sohn, ein perfekt gestalteter Katastrophenfilm ist kein Grund, unsere telepathischen Fähigkeiten zu missbrauchen! Ich spreche dir hiermit offiziell meine Missbilligung aus!“

„Das ist kein Katastrophenfilm, Papa. Das ist das World Trade Center in New York. Wir sehen eine Nachrichtensendung von CNN. Und wenn sie den Film noch einmal wiederholen, den sie gerade gezeigt haben, dann wirst du sehen, dass ein drittes Flugzeug in Washington D.C. auf das Pentagon gestürzt ist.“

Bärdel hatte Probleme, diese Information zu verdauen, wie alle anderen Bären auch, die inzwischen in der Höhle angekommen waren. Außerdem verspürte er das Bedürfnis, sich bei seinem Sohn wegen seines ungerechtfertigten Vorwurfs zu entschuldigen, aber er wusste nicht, ob eine Entschuldigung in Anbetracht der fürchterlichen Verwüstung, deren Zeuge er gerade war, überhaupt angebracht war und das Sterben, das er sah, nicht vielleicht relativieren würde. Also schwieg er  unsicher und legte Manfred die Pranke auf die Schulter. Sein Sohn neigte den Kopf zur Pfote seines Vaters – er hatte verstanden.

Es war sehr still in der Höhle. Immer und immer wieder ließen die Bären die lautlosen Bilder einer fürchterlichen Zerstörung über sich ergehen, sahen, wie sich dunkle Rauchwolken zusammenballten, wie sich Flammen entwickelten. Sahen Menschen, klein wie Voodoopuppen, in den Tod springen, weil sie ihr von Feuer bedrohtes Leben nicht mehr ertragen konnten. Sahen schließlich zwei riesige Türme in sich zusammensacken, als seien sie perfekt gesprengt worden.

„Wer macht denn so etwas?“

Del, der junge Bär, konnte sich nicht länger beherrschen. Natürlich war es gegen den Bärenkodex, dass die Jungen sprachen, bevor die erfahreneren Alten geredet hatten, aber seine Gefühle waren stärker als seine Erziehung.

Da ihm Schweigen antwortete, fragte er noch einmal: „Wer macht denn so etwas?“

„Dumme Menschen.“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Kommunisten?“

„Vielleicht waren die Piloten besoffen.“

„Pazifisten?“

„Quatsch!“

Auf einmal redeten alle Bären durcheinander, und ihrer Äußerungen zeigten, dass Bären manchmal auch nicht klüger sind als Menschen.

„Del hat eine wichtige Frage gestellt, aber vielleicht nicht die richtige Frage. Anstatt wissen zu wollen, wer so etwas macht, also eine Frage zu stellen, die wir und vermutlich auch kein anderer im Moment beantworten kann, sollten wir wissen wollen, wer  Gründe hätte, so etwas zu machen.“

Kulle äußerte sich klug wie immer, aber wie so oft ließ er auch eine gewisse leninistische Schulung durchblicken. Da kein anderer das Wort ergreifen wollte, konnte er ungehindert weitersprechen.

„Das World Trade Center und das Pentagon sind angegriffen worden. Zwei symbolische Ziele. Pentagon – das ist klar. Das US-amerikanische Verteidigungsministerium, das nie etwas anderes war als ein Kriegsministerium, ist wirklich wert, zerstört zu werden. In trauter Zusammenarbeit mit der CIA hat das Pentagon Menschenrechte und Demokratie mit Füßen getreten, nicht nur seit Jahrzehnten, sondern sogar seit Jahrhunderten. Nun gut, die CIA gibt es erst seit gut 50 Jahren, aber seitdem arbeiten Kriegsministerium und Geheimdienst perfekt zusammen. Nicht nur Kuba und Grenada und Panama und Nicaragua, alle mittelamerikanischen und viele lateinamerikanische Staaten können davon ein Lied singen. Nein, kein Lied, eine Elegie. Wie ihr wisst, halte ich viel von theoretischer Literatur und wenig von Dichtung, aber da ich gerade bei diesem Thema bin, muss ich doch zugeben, dass mich Nerudas ‚Canto general’ sehr beeindruckt hat. Dabei fällt mir ein – heute ist doch der 11. September, oder? Am 11. September 1973 hat Pinochet in Chile mit der Hilfe der CIA geputscht und Salvador Allende gestürzt – vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Attentate gerade heute verübt worden sind? Und das World Trade Center kann man interpretieren als das Symbol für die Übernahme der Weltmacht durch die kapitalistischen USA mit anderen Mitteln als militärischen. Freier Welthandel, angeblich freier Welthandel – das bedeutet Massenelend, Massenarbeitslosigkeit, vielleicht Zusammenbruch nationaler Ökonomien, auf jeden Fall das Ende des Sozialstaates. Und…“

„Jetzt hör doch mal auf!“ unterbrach Bärdel ärgerlich. „Wenn wir eine Ökonomievorlesung von dir wollen, werden wir dir rechtzeitig Bescheid sagen. Im Moment wollten wir eigentlich nur wissen, wer denn so etwas Schreckliches…“

„Nein! Jetzt hast du Unrecht!“ Tumu drängelte sich energisch aus dem Hintergrund nach vorne und nahm Kulle in den Arm. „Wenn wir wissen wollen, wer etwas gemacht hat oder hätte machen können, sollten wir zuerst wissen, wer oder was das war bzw. ist, gegen das sich die Angriffe richten. Und in dieser Beziehung haben mir Kulles Aussagen eben geholfen. In den letzten Wochen habe ich ein bisschen soziologische Literatur gelesen, und ich denke, der Begriff ‚Modernisierungsverlierer’, den ich da gelernt habe, trifft auf das zu, was Kulle meint. Wenn Modernisierung bedeutet, dass die Welt sich amerikanisiert, strukturell amerikanisch wird, dann ist jeder, der sich da nicht anpasst, ein Verlierer.“

„Genau!“ Das war Kulle.

„Das verstehe ich nicht!“ Das war Del.

„Ich auch nicht“, murmelte Bärdel, aber so leise, dass es außer ihm selbst niemand hören konnte.

„Du weißt doch, wie es hier rund um uns herum aussieht!“ sagte Tumu zu Del. „Du warst doch heimlich in Moab und in Grand Junction, wie wir alle. Die Menschen müssen arbeiten gehen, wie sie das nennen, sonst haben sie kein Geld und können sich nichts zu essen kaufen. Wenn sie also nichts gelernt haben oder in ihrem erlernten Beruf keinen Job finden, dann…“

„…dann verdienen sie ein bisschen Geld bei Mcdoof oder Burgerking, KFC oder Wendy’s.“

unterbrach sie Del. Sein Verhalten war zwar sehr unerzogen, aber sachlich stimmte seine Aussage. Tumu merkte, dass sie den Faden verloren hatte, und verzichtete verunsichert darauf, Del wegen seines Benehmens zu rügen. Kulle nutzte die Gesprächspause nur zu gerne.

„Diese Welt ist in Unordnung, ziemlich sogar, und wenn ihr verstehen wollt, warum das so ist, dann müsst ihr schon bereit sein, mir ein paar Minuten lang zuzuhören. Ganz ohne historischen Hintergrund geht das nämlich nicht. Wollt ihr, oder wollt ihr nicht?“

Wortlos rutschten alle Bären auf ihren herbstfetten Ärschen in eine bequemere Position als bisher und sahen danach Kulle erwartungsvoll an.

„Gut. Also, vor elf, zwölf Jahren hat sich die politische Großwetterlage auf der Welt entscheidend verändert. Vorher gab es jahrzehntelang den sogenannten Ost-West-Konflikt: Zwei Supermächte, die USA und die Sowjetunion, waren miteinander verfeindet und bedrohten sich gegenseitig mit einem tödlichen Arsenal von Atomwaffen. Und weil jede Supermacht wusste, dass sie einen Angriff der anderen nicht überleben würde, nicht nur, weil die Menschen getötet würden, sondern auch, weil dann alles kaputt und verseucht wäre, weil beide das wussten, haben sie große Anstrengungen unternommen, keinen Krieg zu führen. Sie haben sogar ihre Armeen darauf ausgerichtet, keinen Angriffskrieg zu führen, sondern einen eventuellen Angriff abzuwehren. Sie haben’s auch geschafft. Dass sie alles andere nicht geschafft haben, haben sie immer mit dieser Konfrontation begründet. Alles andere: Das sind der Hunger auf der Welt, die Armut, die Umweltverschmutzung, die Klimaveränderung. Wenn erst mal der sogenannte Kalte Krieg vorbei sei, hieß es damals, werde man diese wichtigen Probleme erfolgreich in Angriff nehmen.

Seit 1989/90 ist nur noch eine der beiden Supermächte übrig: die USA. Der Kalte Krieg ist vorbei. Und was hat sich geändert? Viel.

Leider viel.

Die Armeen der USA und der mit ihr verbündeten Staaten wie Dehland verfolgen als Ziel nicht mehr die Verteidigung des Landes und seiner Bevölkerung, sondern die Verteidigung sogenannter „nationaler strategischer Interessen“. Das heißt Angriffskrieg. Also darf man zum Beispiel den Irak angreifen, weil der kuwaitisches Öl für sich beansprucht. Man darf ihn bis zum heutigen Tage so am Boden halten, dass die Bevölkerung hungert, dass Kinder sterben.

Wann heutzutage militärisch eingegriffen wird, entscheiden die USA als Führungsmacht der NATO. Vereinte Nationen? Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa? Welche Rolle spielen die denn heute noch? Die USA versuchen ziemlich erfolgreich, diese internationalen Organisationen systematisch auszuhebeln.

Die Seychellen und die Malediven fallen demnächst als Urlaubsziele aus, weil sie vom Meer überspült sind, und vielleicht wachsen bald bei uns zu Hause in Norddehland tatsächlich Palmen. Die Klimaveränderung geht weiter, nicht zuletzt deshalb, weil die selbstherrlichen USA nicht geneigt sind, Verträge abzuschließen, die sie in ihrer falsch verstandenen Freiheit einschränken könnten. Das gilt nicht nur für den Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll, sondern auch für andere Bereiche: Die USA sind nicht gegen die Ächtung von Landminen, sie verzichten nicht auf biologische Waffen, sie sind nicht bereit zu Teststop-Vereinbarungen für Atomwaffen. Sie entwickeln sogar gerade eine neue Militärdoktrin, die den Ersteinsatz von Atomwaffen vorsieht. Und damit das nicht so auffällt, haben sie neuerdings Mini-Nukes, niedliche kleine Atombömbchen, die angeblich gar nicht so schlimm sind. Die Liste ist verlängerbar.“

Kulle wischte sich die Augen. „Hat jemand dazu eine Frage?“

Niemand meldete sich. Manfred hatte Kulle während seines improvisierten Vortrages nämlich unterstützt, darin war er inzwischen perfekt. Er entlockte dem Laptop auf seinem Schoß, übrigens immer noch demselben, den im letzten Jahr der radfahrende Tourist in Moab so unglücklich verloren hatte[1], Bilder und andere Informationen, die Kulles Aussagen unterfütterten.

„Ich habe keine Frage“, sagte Del. „Aber nach dem, was du jetzt erzählt hast, habe ich eine Vermutung. Eine Vermutung, wer Gründe gehabt hätte, diese Anschläge zu verüben.“

„Vorlaute Jugend! Unverschämte Jugend!“ empörte sich ein alter Bär. „Natürlich haben wir alle eine Vermutung, nach dem, was Kulle gesagt hat. Die Modernisierungsverlierer, wie Tumu sie genannt hat, haben Gründe, die USA anzugreifen. Sie nutzen die Tatsache, dass moderne Gesellschaften sehr verwundbar sind.“

Dels Schnauze verfärbte sich, das dunkle Braun verwandelte sich in Schwarz. Er schämte sich.

„Na ja…“ Bärdel wiegte nachdenklich den Kopf. „Immerhin dürfte dieses Unternehmen nicht ganz billig gewesen sein. Es ist doch logisch, dass die Terroristen und nicht die eigentlichen Piloten die Maschinen in die Ziele hineingesteuert haben, oder? Dazu mussten sie ausgebildet sein. In dem Unternehmen stecken viel Zeit und viel Logistik. Also viel Geld.“

„Natürlich. Aber es gibt Modernisierungsverlierer, die Geld haben. Manche von ihnen geben ihr Geld aus für den Kampf gegen die USA oder für den Kampf gegen den Feind irgend einer Religion, was letztlich auf das Gleiche hinausläuft.“ Tumu machte eine Pause, um nachzudenken. Schließlich sagte sie leise: „Irgend einer von beiden, die USA  oder die Terroristen, könnte es schaffen, den Dritten und letzten Weltkrieg loszutreten.“

 

Kulle und Manfred hatten Bärdels Satz wohl gehört und waren ebenso wach wie er.

„Man könnte  auch sagen, dass sich nichts geändert hat“, spöttelte Kulle. „Die internationalen Börsen funktionieren wieder, sogar besser als in den Jahren zuvor, weil viele Spekulationsblasen geplatzt sind. Und die Menschen sind so blöd wie eh und je.“

„Man könnte auch sagen, dass sich viel geändert hat“, erwiderte Manfred.

Bärdel nickte seinem Sohn anerkennend zu – Manfred fing augenscheinlich an, sich rhetorische Fähigkeiten anzueignen.

„Das, was Kulle uns am 11. September im letzten Jahr erzählt hat, ist viel konkreter geworden. Die USA sind auf dem Weg, zu einer imperialistischen Weltmacht zu werden. Man braucht doch nur die Nachrichten zu verfolgen, um das zu begreifen.“

Bärdel schaute skeptisch drein – er versuchte seit Monaten mit bewundernswerter Zähigkeit, sich durch Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’ zu beißen, und dabei hatte er so manches aktuelle Ereignis versäumt. Kulle dagegen nickte begeistert, und so redete Manfred weiter.

„Erstmal haben die USA in Afghanistan die Taliban und AlQuaeda plattgemacht – zumindest glauben sie das oder behaupten, das zu glauben. In Bonn hat danach die Petersberger Konferenz stattgefunden: Exotisch gewandete Warlords aus Afghanistan haben sich in Bonn getroffen und einen Präsidenten ausgeguckt, der keiner der ihren ist – clever von ihnen, denn einer, der kein Warlord ist, hat auch keine Macht. Richtig „demokratisch“ haben sie, nämlich dieselben und einige ihrer Vasallen, dann den politisch machtlosen, aber offensichtlich über Geld verfügenden Hamid Karsai in einer traditionellen Loya Jirga in Kabul bestätigt. Apropos Geld: Die Anzüge des Herrn Präsidenten sind wirklich Spitze!“

Manfred sah Bärdel und Kulle unsicher an. Es war das erste Mal, dass er sich an einer politischen Analyse versuchte, und er wusste sehr wohl, dass er einer jüngeren Generation angehörte als sie und dadurch in der bärischen Denkweise unterlegen war. Aber er konnte beruhigt weiterreden – sein Vater wiegte neutral den Kopf, und Kulle nickte immer noch begeistert.

„Hamid Karsai ‚regiert’ also in Kabul, und die Amerikaner kontrollieren das Land? Kaum: Als Reaktion darauf, dass US-Einheiten beschossen wurden, schickte  die US-Army vor ein paar Tagen[2] eine sogenannte  intelligente Bombe los, die so ‚intelligent’ war, als Ziel eine Hochzeitsgesellschaft zu finden und 200 Zivilisten zu killen. Die eigentlichen Herrscher in Afghanistan sind nach wie vor die Kriegsherren, und die brauchen Geld. Am schnellsten Geld machen können sie durch den Anbau von Mohn. Aufbau einer funktionsfähigen Infrastruktur? Fehlanzeige!

Und was machen die USA  mit denjenigen, die sie für Terroristen halten und die sie lebendig erwischen? Man bringt sie gefesselt nach Guantanamo und hält sie gefesselt auf Guantanamo in Käfigen fest wie Tiere, und man verweigert ihnen einen Prozess nach strafrechtlichen Kriterien. Stattdessen offeriert man ein Militärtribunal. Übrigens Prozess: Es gibt jetzt einen Internationalen Strafgerichtshof, eingerichtet und beschlossen von den UN, der  Kriegsverbrechen ahnden soll. Die USA fordern definitiv, dass Angehörige der US-Army nicht vor dieses Gericht gestellt werden dürfen. Falls das doch geschehe, drohen sie mit dem Rückzug aus UN-Missionen wie denen in Serbien und Mazedonien.“

Kulle sah aus, als könnte ihm gleich der Kopf abfallen, so begeistert nickte er unverdrossen immer noch. „Das war eine sehr gelungene Analyse. Aber: Die Philosophen haben die Welt immer nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern! Was folgt aus alledem?“

Manfred zögerte, aber dann wagte er doch zu antworten. Er hatte individuell gehandelt, also unbärisch. Aber er hatte dem Drang zu handeln nicht widerstehen können. Die Bemerkung seiner Mutter am 11. September des letzten Jahres hatte viel dazu beigetragen: ‚Irgend einer von beiden, die USA  oder die Terroristen, könnte es schaffen, den Dritten und letzten Weltkrieg loszutreten.’

„Aus alledem folgt, dass diese Welt Bewohner braucht, die sie verändern. 30000 Menschen in über 80 Ländern der Welt haben sich dazu bisher zusammengeschlossen. Seit ein paar Tagen gehört auch ein Bär dazu – aber das wissen die Menschen nicht. Ich bin Mitglied von Attac.“

 

 

 

 

 

 


[2] am 1.7. 2002