Kategorien
Bärdel Bärdels Märchen (Mormonien)

Identitätsdiebstahl

 

Versammlungsplatz
Manfred war glücklich. So glücklich, daß er in infantile Gewohnheiten zurückfiel und sich ertappte, wie er ein dummes altes Kinderlied vor sich hinbrummte: „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum.“ Dabei drückte er seinen neuen Laptop fest an sich. Die größte Hürde war genommen.
„Wo hast du das Ding denn her?“ wollte Bärdel mißtrauisch wissen, als er den flachen schwarzen Kasten zum ersten Mal zu Gesicht bekam.
„Den habe ich geschenkt bekommen“, sagte Manfred mit der unschuldvollsten Miene, zu der er fähig war. Das war fast gar nicht gelogen,1 Bärdel hatte dennoch das Gefühl, daß hier irgend etwas nicht stimmte, aber er war klug genug, vorsichtshalber nicht genauer nachzufragen.
Mit Hilfe des Laptops und seines „Text to Speach“-  Programms lernten die Bären Englisch. Ihre hauptsächliche Hilfe dabei war allerdings Athabasca, die unermüdlich ihre Aussprache korrigierte und ihnen half, auch das kleinste Detail ihrer neuen Umgebung richtig zu benennen. Dabei lernte sie selbst übrigens ausgezeichnet Deutsch.
Natürlich hatten Manfred und seine Freunde den Computer nicht hauptsächlich deshalb „organisiert“, wie sie das nannten, um Englischlektionen abzuhalten. Er war der erste Baustein für den umfassenden Kontakt zur Außenwelt, den die Bären in Dehland gehabt hatten und den sie sich hier wieder wünschten. Einige Besuche in den umliegenden Siedlungen hatten die technische Ausrüstung um elektrische Leitungen, Glühbirnen und Steckdosen ergänzt, und Manfred hatte den nächstgelegenen Transformator angezapft.

Auch in Dehland war das die gängige Methode gewesen, Bedarfsartikel von geringem Wert zu besorgen, aber hier galt es, wesentlich vorsichtiger zu sein, das bemerkten die Bären bald. Die wenigen Menschen, die hier lebten, hatten zwar alle eine gut ausgestattete Werkstatt, aber das gesamte Inventar darin war so sorgfältig sortiert, daß jeder fehlende Gegenstand schnell auffallen mußte. Wer so ordentlich war, war entweder ein analer Charakter oder arm – für die Bären kam beides auf das gleiche heraus. Deshalb rief Manfred eines Nachmittags seine Freunde zusammen. Er kündigte an, es gebe Wichtiges zu besprechen, und so kamen alle. Auch Athabasca gesellte sich neugierig dazu.
„Das hier wird uns helfen, unsere Probleme zu lösen!“ verkündete Manfred der Versammlung. „Das hier“ war eine Büroklammer, eine verbogene Büroklammer, die er für alle sichtbar hochhielt.
Unwilliges Brummen und auch amüsiertes Kichern wurden laut. Da Manfred dergleichen erwartet hatte, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Das soll kein Witz sein“, erklärte er geduldig. „Mit so einem kleinen Ding kann man hervorragend einfache Schlösser öffnen, ohne daß sie Schaden nehmen. Ich werde es euch zeigen!“
Kulle

„Das brauchst du uns nicht zu zeigen, das weiß doch nun wirklich jeder!“ knurrte es unwillig aus einer Ecke. Manfred suchte den Sprecher, der erst jetzt den Kopf in die Höhe reckte, und entdeckte Kulle. Er seufzte. Kulle, der immer besserwisserische Kulle, würde seine Aufgabe nicht gerade erleichtern.
„Also ich weiß zum Beispiel nicht, wie man das macht!“ Athabasca kam Manfred zu Hilfe. Aber der freute sich zu früh, denn sie fuhr fort: „Man braucht das auch nicht zu wissen. Niemand hier schließt sein Haus ab, das sollte euch inzwischen aufgefallen sein. Warum also soll man Schlösser knacken?“
Überall in der Runde nickten die Bären mit dem Kopf. Atti hatte völlig recht – sie hatten ihre kleinen Diebstähle begehen können, ohne durch irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen behindert worden zu sein.
Manfred unterdrückte seinen aufkommenden Unwillen. „Schön und gut“, sagte er. „Aber, Atti, hast du schon mal einen Briefkasten aufgemacht?“
„Natürlich nicht. Warum sollte ich auch? Papier kann man nicht essen, oder ist das in Dehland anders?“ Wieder hatte sie die Lacher auf ihrer Seite.

Wortlos holte Manfred einen Stapel Papier hinter seinem Rücken hervor und warf ihn schwungvoll in die Versammlung. Briefe, Karten, Hefte und Faltblätter lösten sich voneinander und flatterten durch die Luft. Die wenigsten fielen zur Erde, denn die meistern wurden von den neugierigen Bären aufgefangen. „Das ist der typische Inhalt eines Briefkastens hier in der Gegend“, erklärte er. „Essen kann man den selbstverständlich nicht. Aber seht ihn euch doch mal an – vielleicht ist etwas Interessantes dabei!“
Eine Weile lang war nur noch das Rascheln von Papier zu hören. Dann mischte sich das eine oder andere unterdrückte Kichern darunter. Noch nie zuvor hatten die Bären Post gesehen, die zu über neunzig Prozent aus Überflüssigem bestand, nämlich aus Werbung. Besonders bunt und umfangreich stachen die Gartenkataloge hervor, aber auch die Hersteller von Werkzeugen und elektronischen Artikeln priesen ihre Produkte prahlerisch an. Daneben warben die regionalen Geschäfte mit ihren Sonderangeboten, von denen eines angeblich immer sensationeller und günstiger war als das andere. Wesentlich seriöser gab sich dagegen die Finanzwelt: Versicherungen gegen und für alles wie auch Geld machten das Leben angeblich kalkulierbar, angenehm und sorgenfrei.
„Guck mal hier, ein Plastikbär als Dekoration für den Garten!“
„Toll – auf diesen Fernseher für 69$ gibt es 99$ Rabatt!“
„Hmm, eine Platinum-Kreditkarte, für die man ein Jahr lang keine Gebühren zu zahlen braucht – die hätte ich gerne!“
„Ich auch“, erklärte Manfred. Und deshalb brauchen wir die da!“ Jetzt hielt er nicht nur eine, sondern mehrere verbogene Büroklammern hoch.
Kulle schüttelte enttäuscht den Kopf. Mit Manfred hatte er sich viel Mühe gegeben, sehr viel Mühe sogar. Er war ja auch ein intelligenter Bursche. Aber mit der Logik haperte es bei ihm, wie sich auch jetzt wieder zeigte. „Manfred“, sagte Kulle und legte all die Geduld in seine Stimme, zu der er fähig war – also gar keine. „Manfred, dieses Kreditkartenangebot ist nicht für dich, sondern für…“ Er griff nach dem Briefumschlag. „…für Michael A. Pratt in Castle Valley.“
Wortlos nahm Manfred ihm das Papier aus der Hand, zog einen Kugelschreiber hinter dem Ohr hervor und füllte einige Spalten aus. Dann gab er Kulle alles zurück, immer noch schweigend. Während Kulle las, murmelte er vor sich hin.
„Ja! Ich, Michael A. Pratt, will…Angebot annehmen…keine weiteren Verpflichtungen…keine Jahresgebühr…Castle Valley…Michael Pratt.“ Er holte tief Luft. „Urkundenfälschung!“ brummte er empört.
„Genau: Urkundenfälschung! Na und?“ Manfred ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
„Ich verstehe das alles nicht“, beschwerte sich ein Jungbär, der sich gerade erst von seiner Mutter getrennt hatte – genau genommen, hatte sie ihn weggejagt, weil er ihr lange genug am Fell gehangen hatte. Er hieß Del. Jetzt war er zum ersten Mal bei einer Erwachsenenversammlung, worauf er mächtig stolz war. Er hatte sich vorgenommen, sich ganz cool zu geben, und bis eben hatte das auch geklappt.

Als Del sich auf einmal im Mittelpunkt des Interesses bemerkte, wurde er blaß um die Schnauzenspitze, aber er sprach tapfer weiter. „Dieser Michael Pratt bekommt aufgrund von Manfreds Urkundenfälschung demnächst eine Kreditkarte zugeschickt – und was haben wir davon?“
„Manfred hielt seine Büroklammer zum dritten Mal hoch. „Wir klauen ihm die Kreditkarte, und dann haben wir sie, und dann können wir damit einkaufen.“ Er lächelte und war erkennbar stolz auf sich.
„Erst Urkundenfälschung und dann noch Betrug! Schwerer Betrug! Junge, wer hat dir das eigentlich beigebracht?“ Kulle war aufgesprungen, gestikulierte wild und zupfte an seiner Fliege. Er bot ein Bild reinster Empörung.
„Du“, antwortete Manfred seelenruhig. „Nein, natürlich nicht diese Aktion hier konkret.“ Er streckte vorbeugend den Arm aus, um Kulle notfalls abwehren zu können, falls der sich auf ihn stürzen wollte. „Aber abstrakt schon. Wer hat mir denn beigebracht, daß die Expropriateure expropriiert werden müssen? Genau das mache ich hier. Mr. Pratt passiert gar nichts. Wenn er seine erste Kreditkartenabrechnung bekommt, wird er der Firma mitteilen, daß er die entsprechende Karte gar nicht besitzt. Das war‘s. Geschädigt ist die Bank, und die hat nichts Besseres verdient. ‚Was ist der überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank‘, sagt Brecht. Und wer hat mich den Spruch gelehrt? Kulle!“
Kulle sank in sich zusammen und wieder auf den Boden zurück. Widerstreitende Gefühle spiegelten sich in seinem Gesicht. Zwar fühlte er sich gedemütigt, aber er war auch mächtig stolz auf seinen Schüler Manfred.
„Aber…“, begann Del schüchtern.
„Ja?“ fragte Manfred geduldig.
„Wenn dieser Mr. Pratt der Bank geschrieben hat, dann ist die Karte bestimmt ungültig oder steht auf einer schwarzen Liste, und wer damit einkauft, wird verhaftet. Oder täusche ich mich?“
„Du hast völlig recht. Diese eine Karte können wir nur für kurze Zeit gebrauchen, dann müssen wir sie wegwerfen. Aber es gibt hier viele Briefkästen und viele Kreditkartenangebote. Wir müssen sie nur nutzen. Und dafür brauchen wir diese Büroklammern. Kulle wird euch zeigen, wie man sie ansetzen muß. Er hat vorhin ja gesagt, daß er Experte darin ist.“
„Nun, Experte nicht gerade“, knurrte Kulle, ob des Lobes schon wieder ein wenig mit Manfred versöhnt. „Aber selbstverständlich kann ich…“ Er griff mit der rechten Pfote nach dem Drahtstück, ohne den Satz zu beenden, und faßte mit der anderen das einfache Schloß, das Manfred ihm hinreichte. Aller Augen folgten ihm gebannt, als er die Klammer ins Schlüsselloch einführte, ruckartig hin- und herbewegte – und abbrach. „Das…das ist…ein unbekannter Mechanismus, der…“
Athabaska

Athabasca erlöste ihn aus der peinlichen Situation. Mit spitzen Zähnen zog sie das eingeklemmte Drahtstück aus dem Schloß heraus, bog sich den Rest der Büroklammer zurecht, stocherte ein bißchen – und das Schloß war entriegelt. „Geht wirklich ganz leicht, wenn man die entsprechenden geschickten Finger hat“, kommentierte sie und lächelte spitzbübisch. „Frauenfinger. übrigens Frauen – ich nehme an dieser Versammlung im Auftrag aller jungen Bärinnen teil, um euch zu sagen, daß wir beim nächsten Mal ebenfalls alle kommen werden. Ich bin authorisiert zu sagen, daß wir auch die halbe Wache an den Briefkästen übernehmen und die Hälfte aller Unterschriften fälschen. Und wir fordern einen Computerkurs. Langfristig wollen wir programmieren lernen, zunächst aber werden wir uns mit einer Einführung ins Internet zufriedengeben. Dann können wir nämlich ebenfalls mit ‚unseren‘ Kreditkarten einkaufen.“
Das Brummen der Bären, das jetzt laut wurde, übertönte so manches Zähneknirschen. Aber die Ablehnung blieb versteckt, denn Athabascas Forderungen waren nur gerecht, und Bären geben Fairneß immer den Vorzug, auch wenn eigene Privilegien dadurch gefährdet werden. Kulles und Manfreds Zustimmung waren dagegen uneingeschränkt.
Kulle beschloß, Atti ein wenig theoretisch zu unterweisen, und hatte dabei ‚Die Entstehung der Familie, des Privateigentums und des Staates‘ von Engels und ‚Die Frau und der Sozialismus‘ von Bebel im Sinn. Manfred grinste übers ganze Gesicht und freute sich darauf, Athabasca zu unterrichten. Er war so begeistert von der Idee, daß er völlig vergaß, daß sie nicht allein sein würden.