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Bärdel Bärdels Märchen (frühe Werke)

Weihnachtsmärchen

„Papa„, sagte Manfred an einem Herbstabend, als die Bärensippe wie üblich in der Dämmerung zum Geschichtenhören zusammengekommen war, „erzähl uns heute doch das Märchen von Weihnachten!“
Aber Bärdel weigerte sich.
„Das ist kein schönes Märchen. Das ist eine Kriminalstory und ein Politthriller. Dabei kann man nur eine Gänsehaut kriegen. Nein, das mag ich Euch nicht erzählen.“

Manfred hatte zwar einigen Respekt vor seinem Vater, aber er wagte dennoch, ihm zu widersprechen.

„Weihnachten muß aber doch was Schönes sein! Du hast mir selbst erzählt, daß die Menschen sich auf Weihnachten freuen. Für viele ist es das schönste Fest des Jahres. Also kann es doch nichts Grausames sein. Bitte, erzähl doch!“

Auch die anderen waren jetzt neugierig geworden und drängten Bärdel zu beginnen.

„Also gut,“ seufzte er, „aber macht mich nicht dafür verantwortlich, wenn Ihr heute Nacht Albträume habt!“

„Es war einmal ein kleines Land, das von einer Großmacht besetzt war. Diese Macht wollte ganz genau wissen, was in ihrem Reich los war, und ordnete deshalb eine Volkszählung an. Das Ganze ist schon ziemlich lange her, und deshalb ist das Verfahren auch anders, als es in Dehland vor ein paar Jahren war. Man bekam nicht einfach einen Fragebogen, den man zu Hause ausfüllte und dann zum Amt für Statistik zurückschickte. Nein, man mußte sich persönlich an seinem Geburtsort melden.“

„Ganz schön umständlich!“ warf Tumu ein.

„Ja, umständlich und lästig. Und beschwerlich. Stell Dir mal vor, Tumu, Du solltest im neunten Monat zu Deinem Geburtsort trotten! Solche armen Frauen gab es natürlich auch – sie mußten allerdings nicht zu ihrem eigenen Geburtsort, sondern zu dem ihres Mannes. Schließlich galten sie als sein Eigentum.“

Bärdel sah, daß Tumu tief Luft holte, um eine geharnischte feministische Erklärung abzugeben. Deshalb fuhr er schnell fort – das Märchen von Weihnachten war schrecklich lang, und er wollte sich nicht schon am Anfang dauernd unterbrechen lassen.

„Das war damals halt so. Manche Orte waren wegen der Volkszählung hoffnungslos überfüllt, Hotels und Fremdenzimmer waren ausgebucht, und viele Menschen, auch hochschwangere Frauen, fanden nur notdürftig Unterkunft. Von einer, Maria hieß sie, wird erzählt, daß sie in Bethlehem ihr Kind in einem Viehstall zur Welt bringen mußte.“

„Das ist ganz schön traurig und zeugt nicht gerade von bärenmäßigem Umgang der Menschen miteinander, aber wo ist dabei der Krimi?“

Die Frage kam aus dem Hintergrund der Höhle, von daher, wo die ganz alten Bären lagerten.

„Der Krimi kommt gleich. Oder besser: der Politthriller. Die Großmacht hatte in den von ihr besetzten Gebieten Marionettenherrscher eingesetzt. Die hatten natürlich politisch nichts zu sagen, aber sie lebten in Reichtum und machten deshalb, was die Besatzer verlangten. Zu dem König‘ unseres kleinen Landes kamen in den Tagen der Volkszählung drei Besucher. Da sie von hohem Rang zu sein schienen, wurden sie sofort empfangen und bewirtet. Was sie wollten, erzählten sie sofort: Sie suchten den neuen König des Landes und fragten, wo er zu finden sei. Sie behaupteten, eine Vision gehabt zu haben – das müssen wohl Gurus oder Sektenführer gewesen sein.“

„Jetzt wird’s spannend!“ sagte Manfred und griff sich einen Zweig Holunderbeeren, von dem er genüßlich eine nach der anderen abzupfte.

„Ja, jetzt wird’s spannend. Aber paß bloß auf, daß Dir der Appetit nicht vergeht. Der König‘ hatte noch nie etwas von einem neuen König‘ gehört, aber er spürte sofort die Bedrohung. Vorsichtig horchte er seine Besucher aus, und die erzählten ihm, daß sie nach einem Neugeborenen suchten. Daraufhin befahl er kurzerhand, alle Säuglinge in seinem Land umzubringen.“

„Das muß die Volkszählung aber heftig durcheinander gebracht haben,“ murmelte Manfred und futterte die nächste Beere.

„Verrohte Jugend!“ schimpfte Tumu. „Kann Dich denn nichts erschüttern? Das waren doch Kinder!“

„Menschenkinder.“ Mehr sagte Manfred nicht.

Tumu beherrschte sich. Ein pädagogisches Gespräch mit ihrem Sohn war unbedingt notwendig, konnte aber warten. Jetzt sollte Bärdel weitererzählen.

„Und was passierte mit Marias Kind?“ fragte sie.

„Das wurde natürlich gerettet. Sonst wüßten wir ja auch nichts von ihm. Die Eltern des kleinen Jesus bekamen Wind von der Mordaktion und konnten ins Nachbarland fliehen. Dort blieben sie, bis sich alles wieder beruhigt hatte.“

„Bekamen sie politisches Asyl?“ wollte Manfred wissen. Offenbar hatte er sich vorgenommen, den heutigen Erzählabend nach Kräften in die Länge zu ziehen.

„Nein, so etwas gab es damals noch nicht. Sie müssen Geld gehabt und als Touristen gereist sein. Die Überlieferung ist da übrigens widersprüchlich: Jesus‘ Vater soll ein einfacher Handwerker gewesen sein und konnte sich bestimmt keine Urlaubsreise leisten. Wie dem auch sei: Angeblich wurde das Kind geboren und als einziges seines Landes gerettet. Das ist das Märchen von Weihnachten.“

Von allen Seiten erhob sich Protest.
„Das kann doch nicht alles sein!“

„Und deshalb feiern die Menschen Weihnachten?“

„Den Menschen ist ein einzelnes Kind doch völlig egal!“

Bärdel seufzte. Er hatte es geahnt. Sein Versuch, die Sache einfach darzustellen, mußte scheitern.
„Es war so, wie ich es erzählt habe. Es gibt da nur noch eine Kleinigkeit: Manche Menschen glauben, daß dieses Kind Jesus der Sohn Gottes war – oder ist.“

Geburt Jesu - Stundenbuch des Duc de Berry
Ein noch lauterer Sturm der Entrüstung brach los.

„Welcher Unsinn!“

„Wie kann ein Gott einen Sohn haben?“

„Wen hat er denn gefickt?“ Das war Manfred, zum Glück so leise, daß selbst Tumu es nicht hörte.

Energisch wehrte Bärdel ab.
„Nein, nein und nochmals nein. Wenn Ihr eine theologische Diskussion führen wollt – bitte, ohne mich. Hier interessiert nicht, ob die Menschen etwas Vernünftiges glauben, sondern daß sie es glauben. Basta!“

Jetzt brummten alle zustimmend. Als Märchenerzähler hatte Bärdel recht.

„Und?“ fragte Manfred. „Wie geht die Story weiter?“

„Wieso?“ antwortete Bärdel möglichst unschuldig. „Das Märchen von Weihnachten ist zu Ende.“
„Papa!“ sagte Manfred. „Kann ja sein, daß das Weihnachtsmärchen zu Ende ist. Aber Du kannst uns doch nicht hier sitzen lassen mit einem frisch geborenen Gottessohn! Da muß doch noch was kommen – Wunder, Seelenwanderung, Nirvana…“

Obwohl Manfred noch ein junger Bär war, stimmten ihm jetzt auch die ganz alten zu.
„Erzähl weiter!“ tönte es von allen Seiten.

„Also gut.“ Bärdel atmete tief durch. „Jesus war ein ziemlich normales Kind: Er hatte Freunde, er spielte mit Matsch, er spielte mit Tieren, er ärgerte seine Eltern ziemlich kräftig, und er riß ihnen auch aus, als er zwölf war. Seine Eltern erwischten ihn auf der Trebe, als er gerade ernsthaft mit Intellektuellen diskutierte – er muß entweder sehr intelligent oder altklug gewesen sein. Später aber lernte er brav von seinem Vater dessen Handwerk. Man weiß nichts Besonderes von ihm, bis er ungefähr dreißig Jahre alt war.
Da flippte er aus. Er radikalisierte sich und begann zu agitieren. Ein paar Leute brachte er auf seine Seite, während er sich von seinen Eltern entfremdete. Er hatte keine richtige Ideologie, aber worauf er hinauswollte, das war irgendwas zwischen Anarchie und Kommunismus. Er muß viel Charisma gehabt haben, denn es wird tatsächlich davon berichtet, daß er Wunder vollbracht habe.“

„Bestimmt hat er aus Brombeeren Brombeerwein gemacht!“ Natürlich war das Manfred.

„Nein, Du Naseweis, aber angeblich aus Wasser Wein. Allerdings war die Gesellschaft, die das behauptet hat, schon vor dem Wunder‘ ziemlich besoffen…
So verrückt und harmlos das Ganze eigentlich war, für die Mächtigen im Lande war er eine explosive Mischung aus Karl Marx und Ron L. Hubbard. Er mußte weg. Man engagierte einen V- Mann, der ihn ans Messer lieferte, machte ihm einen Schauprozeß, der Hitler oder Stalin alle Ehre gemacht hätte, und verurteilte ihn zu einer grausamen Todesstrafe. Unmittelbar nach dem Urteil wurde er exekutiert.“

Bosch-Der Kreuzgang
„Das ist aber eine fürchterliche Geschichte,“ meinte Tumu. „Erst sterben alle anderen seinetwegen, und dann stirbt er auch noch!“

„Und was ist jetzt mit Gottes Sohn?“ wollte eine dicke Bärin wissen.

Bärdel hatte geahnt, daß ihm an diesem Abend nichts erspart bleiben würde.

„Jesus ist gestorben, aber angeblich wieder auferstanden. Sein Grab soll leer gewesen sein, und frühere Bekannte von ihm behaupteten, ihn nach seinem Tod quicklebendig auf der Straße getroffen zu haben.“

„Was soll denn der ganze Zirkus?“ Dem alten Bären, der diese Frage stellte, war anzuhören, daß er in seinem langen Leben noch nie so viel Unsinn gehört hatte.

„Manche Menschen behaupten, alles sei Gottes Plan gewesen. Gott habe seinen Sohn auf die Erde geschickt, damit die Menschen, also Gottes Geschöpfe, ihn töten. Durch seinen Tod habe Jesus die Menschen von ihrer Sünde erlöst, die sie von der Urmutter der Menschen geerbt hätten.“

Die Bärenhöhle erzitterte. Kein Erdbeben war die Ursache, sondern homerisches Gelächter. Sie brauchten lange, um sich zu beruhigen. Immer wieder fing einer von neuem an zu kichern oder zu prusten, und er wirkte ansteckend wie ein Lachsack.
Auch nachdem die Lachorgie verebbt war, kehrte nicht die gewohnte Ruhe ein.
Statt ruhiger Schnarchgeräusche erfüllten Seufzer, Angstschreie oder Heiterkeitsausbrüche die Schlafhöhle.
Bärdel hatte recht gehabt: Das Märchen von Weihnachten ist eine Garantie für Albträume.