{"id":646,"date":"2017-11-26T17:18:45","date_gmt":"2017-11-26T15:18:45","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=646"},"modified":"2019-11-17T14:34:19","modified_gmt":"2019-11-17T12:34:19","slug":"maikaefer-flieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2017\/11\/maikaefer-flieg\/","title":{"rendered":"Maik\u00e4fer flieg!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">\u201eOnkel Kulle, Onkel Kulle, erz\u00e4hlst Du uns eine Geschichte?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNat\u00fcrlich eine Geschichte, aus der wir etwas lernen k\u00f6nnen, bitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSch\u00f6n gruselig soll sie sein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, gruselig, aber auch realistisch. Also ohne Vampire und Zombies.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div align=\"center\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/nanuk.jpg\" alt=\"Na und Nuk\" width=\"400\" height=\"300\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kulle konnte dem Charme der Eisb\u00e4renzwillinge wie immer nicht widerstehen. \u201eNun gut!\u201c sagte er. \u201eIch erz\u00e4hle Euch, wie auf einem Planeten einmal das \u00d6kosystem zusammenbrach.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div align=\"center\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle11.jpg\" alt=\"Kulle und Atti\" width=\"900\" height=\"611\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAuf der Erde?\u201c fragte Na gespannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDumme Schwester, das geht doch nicht!\u201c wies Nuk sie zurecht. \u201eWenn auf der Erde das \u00d6kosystem zusammengebrochen ist, sind wir B\u00e4ren alle tot, und Onkel Kulle kann uns keine Geschichte erz\u00e4hlen, klar?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSehr gut erkannt, kleine Nuk,\u201c schmunzelte Kulle. \u201eUnd deshalb erz\u00e4hle ich Euch, wie ein alter B\u00e4r namens Elluk auf dem Planeten Edre neugierigen Eisb\u00e4renzwillingen vom Zusammenbruch des irdischen \u00d6kosystems erz\u00e4hlt. Die beiden sind \u00fcbrigens Schwestern und hei\u00dfen An und Kun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs war einmal die Erde, und die war nicht w\u00fcst und leer, sondern es lebten auf ihren Kontinenten und in ihren Meeren Millionen von Pflanzen- und Tierarten. Die standen in vielerlei Wechselwirkungen zueinander: Sie fra\u00dfen und wurden gefressen, lebten in Symbiose, besetzten exotische Nischen oder waren weit verbreitet, und wenn es ihnen nicht gelang zu \u00fcberleben, dann starben sie aus. Der der Evolution inh\u00e4rente Fehler der Mutation sorgte daf\u00fcr, dass neue Arten entstanden und so neue Netze gekn\u00fcpft wurden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nanuk nickten stolz: Dass \u201ainh\u00e4rent\u2018 \u201ainnewohnend\u2018 hei\u00dft, hatten sie schon gelernt. Und \u00fcber Evolution und Mutationen wussten sie nat\u00fcrlich ebenfalls Bescheid.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn sp\u00e4teren Jahrmillionen entwickelten sich Hominiden, eine besondere Art von S\u00e4ugetieren. Sie waren wiederholt in ihrer Existenz bedroht, aber sie verf\u00fcgten \u00fcber eine erstaunliche Adaptionsf\u00e4higkeit. So gelang es ihnen, nahezu die gesamte feste Erdoberfl\u00e4che zu besiedeln und sich als Art zu erhalten. Nach einer Jahrzehntausende andauernden numerisch recht stabilen Phase vermehrten sie sich dann explosionsartig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlau war sie, die letzte \u00fcberlebende Hominidenart, und so brauchte sie nicht zu verhungern. Denn sie hatte Methoden entwickelt, ertragreiche Nahrungspflanzen zu z\u00fcchten, auch hielt sie Nutztiere f\u00fcr die Fleischproduktion. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, wie es in einem ihrer sogenannten heiligen B\u00fcchern hei\u00dft, er muss sich kleiden und w\u00e4rmen, denn er ist felllos, er braucht ein Dach \u00fcber dem Kopf, denn er ist krallenlos und hat keine Rei\u00dfz\u00e4hne, er braucht das Salz der Erde, und er hat die uneingeschr\u00e4nkte F\u00e4higkeit, immer neue Bed\u00fcrfnisse zu entwickeln, wenn man ihm lange genug sagt, dass er sie hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr all das braucht der Mensch Energie, und er fand sie auf seinem Planeten: Holz, Kohle, \u00d6l und Gas hielt die Erde in gro\u00dfen Quantit\u00e4ten vorr\u00e4tig. Diese Stoffe kann man verbrennen und so Antriebsenergie gewinnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd jetzt kommt der Treibhauseffekt!\u201c Nat\u00fcrlich konnte Na wieder einmal ihr Maul nicht halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRichtig, kleine Na, aber f\u00fcr An und Kun muss Elluk den Treibhauseffekt erkl\u00e4ren, denn die beiden kennen so etwas auf ihrem Planeten nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also: Beim Verbrennen entsteht in der irdischen Atmosph\u00e4re Kohlenstoffdioxid. Dieses Gas hat es auf der Erde schon sehr lange gegeben, aber aufgrund der zahlreichen menschengemachten Verbrennungsprozesse nahm es stark zu. CO<sub>2<\/sub> ist lichtdurchl\u00e4ssig, die Sonnenstrahlen gelangten also ungehindert auf die Erdoberfl\u00e4che. Von der aufgeheizten Erdoberfl\u00e4che stieg W\u00e4rme nach oben, aber CO<sub>2<\/sub> ist nicht w\u00e4rmedurchl\u00e4ssig, und so wurde es auf der Erde immer w\u00e4rmer. Das hei\u00dft: In hei\u00dfen Gegenden wurde es noch hei\u00dfer, oft zu hei\u00df f\u00fcr die Menschen, Eispanzer am n\u00f6rdlichen und am s\u00fcdlichen Pol schmolzen ab, der Meeresspiegel stieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da der Mensch schlau ist, wie ich schon sagte, hat er das nat\u00fcrlich gemerkt und gesehen, dass diese Entwicklung f\u00fcr ihn nicht gut ist. Schlie\u00dflich haben sich alle Menschen zusammengetan und beschlossen, die Erderw\u00e4rmung auf maximal 2\u00b0Celsius zu begrenzen. Es sah tats\u00e4chlich so aus, als k\u00f6nnte ihnen das gelingen, denn sie konzentrierten sich auf diese Aufgabe und arbeiteten ausnahmsweise einmal zusammen, nicht gegeneinander.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEine Geschichte, in der die Menschen \u00fcberleben, finde ich schon gruselig!\u201c maulte Nuk. \u201eIch habe mir aber etwas anderes erhofft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarte es nur ab! Elluk macht es ein bisschen spannend. Er erz\u00e4hlt weiter: Vor lauter Konzentration auf die Klimakatastrophe verloren die Menschen aus den Augen, dass nicht nur die Atmosph\u00e4re der Erde, sondern auch die Fauna der Erde aus den Fugen geraten war. Sie waren so stolz darauf, wie sehr sie ihren Planeten ver\u00e4ndert hatten, dass sie ihrem Zeitalter einen neuen Namen gaben: Sie sprachen vom Anthropoz\u00e4n. Sie h\u00e4tten bedenken sollen, dass ein neues Zeitalter immer mit einem signifikanten Artensterben einhergeht. Sie bemerkten aber nicht, dass die gr\u00f6\u00dfte und artenreichste Klasse der Tiere innerhalb weniger Jahre verschwand: die Insekten. Als sie es schlie\u00dflich registrierten, war es zu sp\u00e4t. Sie fanden sich in einer ver\u00e4nderten Welt wieder, in der sie sterben w\u00fcrden. Sehr schnell sterben. Vor der Klimakatastrophe brauchten sie sich nicht mehr zu f\u00fcrchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil die Best\u00e4uber verschwanden, gab es gro\u00dfe Ernteausf\u00e4lle \u2013 bei manchen wichtigen Nutzpflanzen bis zu 90 Prozent. Auch Pflanzenfutter f\u00fcr Wild- und Nutztiere fehlte. Viele Tiere und Menschen verhungerten. Wer \u00fcberlebte, musste auf Kleidung aus gewohnten Materialien verzichten: Baumwolle, Wolle und Leder standen nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Den Ratten ging es dagegen blendend. Sie konnten sich noch st\u00e4rker ausbreiten als bisher. Denn es gab keine Insekten mehr, die f\u00fcr sie t\u00f6dliche Krankheiten \u00fcbertrugen. Sie fra\u00dfen den Menschen die letzten Lebensmittel weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insekten waren auch die wichtigsten Wiederverwerter auf der Erde; ohne sie sammelten sich immer gr\u00f6ssere Dung- und Aasmengen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im letzten Jahrzehnt des Anthropoz\u00e4ns musste sich der Mensch also fast ausschliesslich von Getreide ern\u00e4hren, das von Feldern mit viel Unkraut und kargem Boden geerntet wurde und das er gegen die wachsenden Rattenpopulationen zu verteidigen versuchte. Mit von Skorbut blutendem Zahnfleisch und von anderen Mangelkrankheiten gebeugtem K\u00f6rper suchten die Menschen behutsam zwischen den \u00fcberall herumliegenden toten K\u00f6rpern nach irgendwelchen verbliebenen Insekten, in der Hoffnung, sie wieder an ihren angestammten Platz in der Nahrungskette zu setzen. Vergeblich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kulle sah sich nach seinen Zuh\u00f6rerinnen um. Na versteckte ihren Kopf unter Nuk, und Nuk hielt sich die Ohren zu, so fest sie konnte. Er stupste beide an:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie ich sehe, war die Geschichte gruselig genug, richtig?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201ePuh, Onkel Kulle, schrecklich gruselig. Was meist Du \u2013 d\u00fcrfen wir ein bisschen Honig schlecken, um uns davon zu erholen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGanz bestimmt. Ich kann auch ein paar Tropfen vertragen. Noch gibt es ja Bienen\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sich die Zwillinge wie auch der Erz\u00e4hler von der Geschichte erholt hatten, wollten Nanuk wissen, warum Kulle den Menschen schlau genannt hatte, nicht aber klug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas findet Ihr beiden gef\u00e4lligst allein heraus. Ihr wisst ja, wo die Bibliothek ist!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">November 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eOnkel Kulle, Onkel Kulle, erz\u00e4hlst Du uns eine Geschichte?\u201c \u201eNat\u00fcrlich eine Geschichte, aus der wir etwas lernen k\u00f6nnen, bitte.\u201c \u201eSch\u00f6n gruselig soll sie sein!\u201c \u201eJa, gruselig, aber auch realistisch. 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