{"id":526,"date":"2009-02-07T18:35:45","date_gmt":"2009-02-07T16:35:45","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=526"},"modified":"2017-03-26T18:38:27","modified_gmt":"2017-03-26T16:38:27","slug":"kulle-traeumt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2009\/02\/kulle-traeumt-2\/","title":{"rendered":"Kulle tr\u00e4umt"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle3.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/div>\n<p>Kulle w\u00e4lzte sich unruhig im Schlaf hin und her. Es war Februar, die Tage waren schon merklich l\u00e4nger geworden, die Meisen k\u00e4mpften um Reviere, Schneegl\u00f6ckchen hatten sich aus dem frostigen Boden gek\u00e4mpft &#8211; kurz, der Fr\u00fchling k\u00fcndigte sich an. Und mit ihm wurde der Schlaf der B\u00e4ren flacher, traumanf\u00e4lliger.<\/p>\n<p>Er durchstreifte eine Ebene mit sattem jungem Gras, Blumenwiesen und bl\u00fchenden Obstb\u00e4umen und trottete auf ein gro\u00dfes Objekt zu, unverkennbar ein Artefakt, denn es war rechteckig, vielleicht sogar quadratisch. Beim N\u00e4herkommen erkannte er, wie riesig es war. Er braucht eine Ewigkeit, um es zu erreichen. Die Begrenzung bildete ein hohe Umz\u00e4unung. Er konnte nicht hineinschauen, was haupts\u00e4chlich an der Werbung lag, die die Einhegung fl\u00e4chendeckend zierte. &#8222;Bei uns ist es fein, kommt doch herein!&#8220; hie\u00df es da; auch &#8222;Komm ins Team!&#8220; und &#8222;Spa\u00df und Erfolg? Hier bist Du richtig!&#8220; Es gab aber nicht nur Spr\u00fcche, sondern auch verlockende Zeichnungen und Fotos: von Golfpl\u00e4tzen, Tennispl\u00e4tzen, ber\u00fchmten europ\u00e4ischen Wahrzeichen und immer wieder von lachenden Kindern und Jugendlichen.<\/p>\n<p>Kulle bemerkte, dass er direkt auf einen Eingang zusteuerte, obwohl es hier weder Weg noch Steg gab. Aber auch als er unmittelbar vor dem Zugang stand, war ihm der Blick nach innen immer noch verwehrt, denn die Dreht\u00fcr hatte undurchsichtige W\u00e4nde. Die T\u00fcr kommunizierte mit ihm, als er sich n\u00e4herte &#8211; sie begann sich zu bewegen, im Uhrzeigersinn wie alle Dreht\u00fcren, dann aber ein kleines St\u00fcckchen zur\u00fcck und wieder ein gr\u00f6\u00dferes vor. Sie schien ihn locken zu wollen.<\/p>\n<p>Kulle lie\u00df sich verf\u00fchren. Er trat ein. Die Dreht\u00fcr stand still und lie\u00df sich auch mit Gewalt nicht mehr zur kleinsten Bewegung bringen. Er war gefangen.<\/p>\n<p>Kulle sah Tretm\u00fchlen vor sich, nichts als Tretm\u00fchlen, alle in Rotation gehalten von Menschen, die ihre letzen Kr\u00e4fte aufbrachten, um sie zu bewegen. Sie hatten nicht nur gegen die Tr\u00e4gheit der Maschinen zu k\u00e4mpfen, sondern auch mit vielerlei Widerst\u00e4nden: B\u00fccher und Hefte flogen in ihren Hamsterr\u00e4dern herum, verursachten ihnen blaue Flecken und Schmerzen, und immer wieder steckten Bretter oder andere feste Gegenst\u00e4nde irgendwo im Getriebe und blockierten die Arbeit.<\/p>\n<p>Die Zwangsarbeiter st\u00f6hnten, schrieen und baten um Gnade, aber das stie\u00df nur auf Spott bei der Vorsteherin des &#8211; Lagers &#8211; Kulle fand daf\u00fcr kein anderes Wort -, die pl\u00f6tzlich erschien.<\/p>\n<p>&#8222;Durchhalten! schrie sie. &#8222;Ich halte schlie\u00dflich auch durch, jetzt schon ein Jahr lang. Was sind dagegen eure l\u00e4ppischen 30 oder 35 J\u00e4hrchen? Lasst uns zusammenhalten, noch mehr als bisher. Die n\u00e4chsten beiden Jahre werden die schlimmsten, die wir durchstehen m\u00fcssen. Und deshalb m\u00fcssen wir alle unser bestes geben, auch die Weicheier &#8211; \u00e4h, die nicht so Belastbaren.&#8220;<\/p>\n<p>Erst jetzt bemerkte Kulle, dass es neben den riesigen ungeschlachten tr\u00e4gen Tretm\u00fchlen auch kleinere gab, leichtere, in denen weniger Widerst\u00e4nde die Arbeit behinderten. Aber das \u00e4nderte sich schlagartig.<\/p>\n<p>&#8222;Simsalabim!&#8220; rief die Vorsteherin, und sofort waren auch die kleinen Tretm\u00fchlen gro\u00dfe Hamsterr\u00e4der.<\/p>\n<p>&#8222;Seht ihr,&#8220; schrie sie triumphierend, &#8222;so schaffen wir es!&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich &#8211; f\u00fcr eine kleine Weile schien das System besser zu funktionieren als vorher, aber dann stand ein Rad nach dem anderen still.<\/p>\n<p>&#8222;ICH KANN ES NUN NICHT MEHR!&#8220; hauchte eine k\u00f6rperlose Stimme \u00fcber das Gel\u00e4nde, und dann trat Stille ein. Lautlos fiel die gesamte Anlage in sich zusammen, und zum Schluss brach auch die Umfriedung nieder. Die Gegend war wieder unber\u00fchrt, als h\u00e4tte es dort nie etwas anderes gegeben als sattes junges Gras, Blumenwiesen und bl\u00fchende Obstb\u00e4ume.<\/p>\n<p>Kulle wachte auf und rieb sich die Augen. Wie immer war er emp\u00f6rt dar\u00fcber, dass er seine Tr\u00e4ume nicht steuern und oft nicht erkl\u00e4ren konnte. So ging es ihm auch diesmal. Aber dieser Traum, da war er sich sicher, hatte etwas zu bedeuten. Irgend etwas. Er w\u00fcrde es herausfinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulle w\u00e4lzte sich unruhig im Schlaf hin und her. Es war Februar, die Tage waren schon merklich l\u00e4nger geworden, die Meisen k\u00e4mpften um Reviere, Schneegl\u00f6ckchen hatten sich aus dem frostigen Boden gek\u00e4mpft &#8211; kurz, der Fr\u00fchling k\u00fcndigte sich an. Und mit ihm wurde der Schlaf der B\u00e4ren flacher, traumanf\u00e4lliger. 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