{"id":490,"date":"2007-12-30T17:13:50","date_gmt":"2007-12-30T15:13:50","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=490"},"modified":"2017-03-26T17:18:15","modified_gmt":"2017-03-26T15:18:15","slug":"was-ist-politik-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2007\/12\/was-ist-politik-ii\/","title":{"rendered":"Was ist Politik (II)"},"content":{"rendered":"<p>Wochenlang herrschte nach der Theaterauff\u00fchrung von B\u00e4rdel, Kulle und Manfred f\u00fcr das jugendliche Publikum B\u00e4renlebens scheinbare Ruhe. Niemand von den \u201cErwachsenen\u201d bekam mit, dass sich Ramses, Piggy, Del und Nanuk regelm\u00e4\u00dfig jeden Tag trafen und hitzig miteinander diskutierten. Vor ihren Treffen verbrachten sie in der Regel lange Stunden in der Bibliothek und vor den Computern, mit denen sie im Internet recherchierten. Sie suchten nach der Formel f\u00fcr ein ideales gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, wie B\u00e4rdel es ihnen aufgetragen hatte, aber sie hatten auch noch einen ehrgeizigen weiteren Plan.<\/p>\n<p>\u201cEs geht nicht!\u201d stellte Piggy schlie\u00dflich resigniert fest. \u201cEs geht einfach nicht! Wir sind gescheitert!\u201d<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schwein.jpg\" alt=\"Piggy\" width=\"341\" height=\"256\" \/><\/p>\n<p>\u201cNein, das sind wir nicht!\u201d widersprach Del. \u201cNicht wir sind gescheitert, sondern die Menschen. Und das und die Gr\u00fcnde daf\u00fcr kann man doch zeigen, oder?\u201d<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/del.jpg\" alt=\"Del\" width=\"400\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>Das sahen Piggy und die anderen ein. Sie fanden es jedoch langweilig, sich vorf\u00fchren zu lassen, was sie schon selbst herausgefunden hatten. Au\u00dferdem fanden Sie, dass B\u00e4rdel und Kulle eine Belohnung f\u00fcr ihre Polittheatershow verdient hatten. Manfred eigentlich auch, aber der w\u00fcrde arbeiten m\u00fcssen &#8211; sie brauchten seine Hilfe, wenn jetzt sie ein St\u00fcck inszenierten.<\/p>\n<p>Manfred half den \u201cKleinen\u201d gerne, und sie begannen heimlich mit den Proben. B\u00e4rdel war v\u00f6llig \u00fcberrascht, als er am Beginn einer Abendversammlung bestimmt, aber h\u00f6flich von Nuk unterbrochen wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/nanuk.jpg\" alt=\"Na Nuk\" width=\"400\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p>\u201cBitte entschuldige, Onkel B\u00e4rdel!\u201d piepste sie. \u201cIch wei\u00df, dass ich Dich eigentlich nicht st\u00f6ren darf. Aber heute Abend stehen keine wichtigen Entscheidungen auf der Tagesordnung, und wenn das nicht der Fall ist, erz\u00e4hlen wir uns sowieso nur M\u00e4rchen. Anstatt das zu tun, k\u00f6nnen wir auch ins Theater gehen &#8211; wir jungen B\u00e4renlebener haben ein kleines St\u00fcck einstudiert.\u201d<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren nahmen den Vorschlag begeistert an und gruppierten sich vor der B\u00fchne. Na \u00fcbernahm die Einf\u00fchrung und erkl\u00e4rte, worum es gehen sollte. Und dann erlosch das Licht auf dem Podium. Im Zuschauerraum war es schon lange dunkel, denn es war sp\u00e4ter Herbst.<\/p>\n<p>Als die Lichter auf der B\u00fchne wieder angingen, sahen die Zuschauer zun\u00e4chst einen Stummfilm, in dem warme Farben vorherrschten. Er zeigte Menschen in einfachen Verh\u00e4ltnissen, die gl\u00fccklich zu sein schienen, bei einfachen T\u00e4tigkeiten. Sie a\u00dfen, tranken, arbeiteten, lasen, diskutierten, schliefen, spielten mit ihren Kindern. Ab und zu diskutierten alle \u00fcber das gleiche. Dann wurde die entsprechende Frage eingeblendet. \u201cSollen wir eine Br\u00fccke \u00fcber den Fluss bauen oder darauf verzichten, weil wir damit den Lebensraum einer Fledermaus gef\u00e4hrdeten?\u201d \u201cWollen wir genmanipulierte Pflanzen anbauen und so die landwirtschaftlichen Ertr\u00e4ge steigern, obwohl dadurch vermutlich die Reproduktionsrate der Schmetterlinge verringert wird?\u201d \u201cWollen wir ein Fastfood-Restaurant er\u00f6ffnen oder eine zweite Bibliothek einrichten?\u201d<\/p>\n<p>Wann immer es galt, eine solche Frage zu beantworten, trafen sich alle Erwachsenen auf einem gro\u00dfen Platz. Es gab niemanden, der zu Hause blieb, au\u00dfer den ganz Kranken und Schwachen. Sie diskutierten nur kurz und entschieden sich schnell: F\u00fcr die Flederm\u00e4use, die Schmetterlinge und die Bibliothek. Und: Sie entschieden immer einstimmig.<\/p>\n<p>Der Film endete, und die B\u00e4ren wollen schon anfangen zu applaudieren, als ein freundlich aussehender Menschenmann in altmodischer Kleidung und mit einer Per\u00fccke auf dem Kopf auf der B\u00fchne erschien und eine Erkl\u00e4rung abgab:<\/p>\n<p>\u201cWie viele schwer zu vereinigende Dinge setzt diese Regierungsform \u00fcberhaupt voraus! Erstens einen sehr kleinen Staat, in dem das Volk leicht zu versammeln ist und jeder B\u00fcrger gen\u00fcgende Gelegenheit hat, alle anderen kennenzulernen; zweitens eine gro\u00dfe Einfachheit der Sitten, die keine Veranlassung zu vielen schwierigen Arbeiten und Verhandlungen gibt, sodann fast vollkommene Gleichheit in bezug auf Stand und Verm\u00f6gen, ohne die auch die Gleichheit der Rechte und der Macht keinen langen Bestand haben k\u00f6nnte; endlich wenig oder gar keinen Luxus, denn der Luxus ist entweder die Folge des Reichtums oder macht ihn n\u00f6tig; er verdirbt nicht nur den Reichen, sondern auch den Armen, jenen durch den Besitz, diesen durch die L\u00fcsternheit; er verwandelt das Vaterland in eine St\u00e4tte der Weichlichkeit und Eitelkeit; er entzieht dem Staate alle B\u00fcrger, um die einen zu Sklaven der anderen und alle zu Sklaven des Vorurteils zu machen.\u201d<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/ramssitz.jpg\" alt=\"Ramses\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/p>\n<p>Hier machte der freundliche Herr eine lange Pause, die ebenso wie seine lange Rede von gelegentlichem Kichern aus dem Publikum unterbrochen wurde. Trotz aller Verkleidungsk\u00fcnste und Schminkbem\u00fchungen lie\u00df sich nicht \u00fcbersehen, dass der Sprecher ein gr\u00fcnes Gesicht hatte. Und ein gr\u00fcnes Gesicht hatte in B\u00e4renleben nur einer: Ramses.<\/p>\n<p>Der verkleidete Frosch schloss: \u201cG\u00e4be es ein Volk von G\u00f6ttern, so w\u00fcrde es sich demokratisch regieren. Eine so vollkommene Regierung passt f\u00fcr Menschen nicht.\u201d<\/p>\n<p>Er verbeugte sich tief und ging ab.<\/p>\n<p>\u201cAber sehr wohl f\u00fcr B\u00e4ren!\u201d brummte ein sehr alter B\u00e4r, der sich sonst meist damit hervortat, dass er gegen alles war. Er begann, die Pranken ineinander zu schlagen, aber auch jetzt war die Vorstellung noch nicht zu Ende. Eine Melodie erklang, laut und k\u00e4mpferisch, die den meisten Anwesenden bekannt vorkam. Dazu marschierten auf der Leinwand Soldaten in einem nicht enden wollenden Zug. Die Filmaufnahme war diesmal schwarzwei\u00df. Den Text des Liedes hatte bisher niemand gekannt.<\/p>\n<p><b><br \/>\nAuf, Kinder des Vaterlands!<\/b><\/p>\n<p>Der Tag des Ruhms ist da.<\/p>\n<p>Gegen uns wurde der Tyrannei<\/p>\n<p>Blutiges Banner erhoben.<\/p>\n<p>H\u00f6rt Ihr auf den Feldern<\/p>\n<p>Das Br\u00fcllen der grausamen Krieger?<\/p>\n<p>Sie kommen bis in eure Arme<\/p>\n<p>Eure S\u00f6hne, eure Frauen zu erw\u00fcrgen!<\/p>\n<p>An die Waffen, B\u00fcrger!<\/p>\n<p>Schlie\u00dft die Reihen,<\/p>\n<p>Vorw\u00e4rts, marschieren wir!<\/p>\n<p>Damit ein unreines Blut<\/p>\n<p>Unsere \u00c4cker tr\u00e4nkt!<\/p>\n<p>\u201cIch wusste gar nicht, dass die Marseillaise so einen blutr\u00fcnstigen Text hat!\u201d seufzte Tumu, \u201cDas ist ja schrecklich!\u201d<\/p>\n<p>Wieder erschien Ramses auf der B\u00fchne, in \u00e4hnlichem, aber in erkennbar anderem Kost\u00fcm, auch mit anderer Per\u00fccke. Er setzte sich auf einen Louis-XVI.-Stuhl und begann zu h\u00e4keln, wobei er freundlich ins Publikum l\u00e4chelte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/ramses2.jpg\" alt=\"Ramses\" width=\"440\" height=\"330\" \/><\/p>\n<p>\u201cJa, schrecklich ist es, aber in revolution\u00e4ren Zeiten gibt es ohne Schrecken keine Tugend, und wir leben in revolution\u00e4ren Zeiten: Deshalb: Alle Verd\u00e4chtigen an die Laterne, wie es fr\u00fcher hie\u00df, bevor der gute Dr. Guillotin seinen humanen T\u00f6tungsapparat erfunden hat. Glauben Sie bitte nicht, dass ich mich an den Hinrichtungen berausche &#8211; ich war noch bei keiner einzigen dabei. Blut ist mir zutiefst zuwider. Aber unser Land ist entartet, und wenn diese Entartung beendet werden soll, wenn wieder Moral, Grunds\u00e4tze, Vernunft, Seelengr\u00f6\u00dfe und Wahrheit herrschen sollen, wie es Jean-Jacques Rousseau, der Prophet des \u201cH\u00f6chsten Wesens\u201d, gewollt hat, dann m\u00fcssen wir die Parasiten am Volksk\u00f6rper ausmerzen, ausmerzen, ausmerzen!\u201d<\/p>\n<p>Der Sprecher l\u00e4chelte jetzt nicht mehr, und er hatte auch aufgeh\u00f6rt zu h\u00e4keln. Seine Miene war verkl\u00e4rt, und zu den letzten drei Worten hatte er begonnen, den Takt zu klatschen.<\/p>\n<p>Das Licht auf der B\u00fchne wechselte, Ramses versank im Dunklen, und die Spielzeugguillotine, die B\u00e4rdel und Kulle f\u00fcr ihr vorhergehendes politisches Theaterst\u00fcck gebaut hatten, tauchte auf. Piggy trug eine schwarze Kapuze \u00fcber dem Kopf, war aber trotzdem am Ringelschw\u00e4nzchen gut zu erkennen. Das Schwein agierte als Henker. Na und Nuk hatten sich rote Streifen um den Hals gemalt und spielten die Opfer. Nacheinander legten sie sich auf das Schafott, und bei jedem H\u00e4ndeklatschen lie\u00df Piggy das Beil herabsausen, das aber auf halber Strecke stoppte. Die \u201cExekutierte\u201d verbarg den nicht abgeschlagenen Kopf in den Armen, lie\u00df sich von der Guillotine rollen und versteckte sich dahinter. Kaum war das geschehen, spielte der andere Eisb\u00e4renzwilling den n\u00e4chsten Verurteilten. Und immer so fort.<\/p>\n<p>Das wirkte so komisch, dass die Zuschauer, die zun\u00e4chst betreten dreingeschaut hatten, bald das Lachen nicht mehr unterdr\u00fccken konnten. Ein erstes versch\u00e4mtes L\u00e4cheln wurde zum unterdr\u00fcckten Gepruste, bis sich allgemein schallendes Gel\u00e4chter durchsetzte.<\/p>\n<p>Die Schauspieler schafften es eine Zeitlang, diese ungeb\u00fchrliche Reaktion zu ignorieren. Schlie\u00dflich aber platzte Nanuk der Kragen. Sie h\u00f6rten auf, sich exekutieren zu lassen, und stellten sich an die Rampe.<\/p>\n<p>\u201cIhr Ignoranten!\u201d<\/p>\n<p>\u201cIhr seid vielleicht bl\u00f6d!\u201d<\/p>\n<p>\u201cDas ist alles historisch verb\u00fcrgt!\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd komisch ist das \u00fcberhaupt nicht!\u201d<\/p>\n<p>\u201cWeil n\u00e4mlich Robbespierre auch ein dogmatischer Ignorant war.\u201d<\/p>\n<p>\u201cEr hat eine gute Idee pervertiert.\u201d<\/p>\n<p>\u201cEr hat sie nicht verstanden und hat trotzdem versucht, sie mit Gewalt durchzusetzen.\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd wir haben rausgefunden, dass das bei dem Menschen immer wieder passiert.\u201d<\/p>\n<p>\u201cZum Beispiel in der Religion.\u201d<\/p>\n<p>\u201cOder in der Politik.\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd ihr lacht dar\u00fcber!!!\u201d<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren im Publikum sahen einander unsicher an. Geh\u00f6rte das noch zum St\u00fcck? Nat\u00fcrlich waren sie alle kulturinteressiert und kannten Handkes \u201cPublikumsbeschimpfung\u201d. Oder war das jetzt ernst gemeint?<\/p>\n<p>Ein kleiner Kopf tauchte aus dem Souffleurkasten auf und wandte sich den Zuschauern zu. \u201cDas, liebe B\u00e4ren, ist sehr ernst gemeint!\u201d sagte Del.<\/p>\n<p>Sofort kehrte Ruhe ein.<\/p>\n<p>Nach wenigen Sekunden allerdings erhob sich donnernder Applaus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wochenlang herrschte nach der Theaterauff\u00fchrung von B\u00e4rdel, Kulle und Manfred f\u00fcr das jugendliche Publikum B\u00e4renlebens scheinbare Ruhe. Niemand von den \u201cErwachsenen\u201d bekam mit, dass sich Ramses, Piggy, Del und Nanuk regelm\u00e4\u00dfig jeden Tag trafen und hitzig miteinander diskutierten. 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