{"id":479,"date":"2007-01-31T17:41:11","date_gmt":"2007-01-31T15:41:11","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=479"},"modified":"2017-03-14T17:44:30","modified_gmt":"2017-03-14T15:44:30","slug":"es-ist-nicht-leicht-ein-gott-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2007\/01\/es-ist-nicht-leicht-ein-gott-zu-sein\/","title":{"rendered":"Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\u201eNein!\u201c<br \/>\n\u201eDoch!\u201c<br \/>\n\u201eNein!\u201c<br \/>\n\u201eDu musst!\u201c<br \/>\n\u201eKein Mensch muss m\u00fcssen \u2013 und ein Frosch schon gar nicht!\u201c<br \/>\n\u201eAber vielleicht eine Fr\u00f6schin?\u201c<br \/>\n\u201eWieso das?\u201c<br \/>\n\u201eGuck Dich doch um \u2013 Deine Art stirbt aus!\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df ich l\u00e4ngst.\u201c<br \/>\n\u201eUnd?\u201c<br \/>\n\u201eWas \u201aund\u2019?\u201c<br \/>\n\u201eUnd was f\u00fchlst Du?\u201c<br \/>\n\u201eWas geht Dich das an?\u201c<br \/>\n\u201eNichts. Aber&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eAber was?\u201c<br \/>\n\u201eAber Du k\u00f6nntest das \u00e4ndern.\u201c<br \/>\n\u201eAch ja?\u201c<br \/>\n\u201eJa. Du kannst alles.\u201c<br \/>\n\u201eIch mische mich nicht mehr ein.\u201c<br \/>\n\u201eSicher?\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eSchade.\u201c<br \/>\n&#8212; \u201eWarum?\u201c<br \/>\n\u201eDu wirst dich einsam f\u00fchlen.\u201c<br \/>\n\u201eIch f\u00fchle mich nur einsam, wenn Murkel nicht da ist.\u201c<br \/>\n&#8212; \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass Du mir hilfst.\u201c<br \/>\n\u201eViele M\u00e4rchen fangen an mit der Floskel: \u201aZu der Zeit, als das W\u00fcnschen noch geholfen hat&#8230;\u2019 Die Zeiten sind vorbei.\u201c<br \/>\n\u201eWarum willst Du mir nicht helfen?\u201c<br \/>\n\u201eWarum sollte ich?\u201c<br \/>\n\u201eWeil Du mich gemacht hast. Und die M\u00e4rchen. Und weil, auch wenn Du behauptest, dass es Dich nicht interessiert, ein Drittel von den 6158 bekannten Amphibienarten vom Aussterben bedroht ist. Die erkrankten Fr\u00f6sche und Kr\u00f6ten leiden an einem Hautpilz und ersticken qualvoll, denn sie atmen durch die Haut. Du k\u00f6nntest das \u00e4ndern.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe die Fr\u00f6sche und Kr\u00f6ten nicht gemacht und Dich nicht und M\u00e4rchen schon gar nicht. Ich habe ein Universum geschaffen, richtig. Der Rest war und ist Chemie und Physik und Biologie.\u201c<br \/>\n\u201eUnd Chemie und Physik und Biologie haben Leben und haben Bewusstsein hervorgebracht.\u201c<br \/>\n\u201eStimmt. Damit habe ich \u00fcbrigens nicht gerechnet.\u201c<br \/>\n\u201e Und Intelligenz.\u201c<br \/>\n\u201eFalsch.\u201c<br \/>\n\u201eDar\u00fcber wollen wir jetzt nicht streiten. Intelligenz setzt jedenfalls Bewusstheit voraus, und die streitest Du ja nicht ab.\u00a0 Ist denn seiner selbst bewusstes Leben nicht erhaltenswert?\u201c<br \/>\n\u201eN\u00f6.\u201c<br \/>\n\u201eNicht?\u201c<br \/>\n\u201eNein \u2013 warum sollte es das sein?\u201c<br \/>\n\u201eWeil&#8230;.\u201c<br \/>\n\u201eWeil?\u201c<br \/>\n\u201eWeil wir f\u00fchlen, die Fr\u00f6sche und die B\u00e4ren und Murkel und Du auch. Weil es wehtut, wenn wir aufh\u00f6ren zu existieren.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist kein Argument. Alles individuelle Leben ist dem Tod geweiht, der wiederum Lebensformen hervorbringt oder ern\u00e4hrt, welche auch immer. Jedes Lebewesen f\u00fchlt den Todesschmerz.\u201c<br \/>\n\u201eTussi?\u201c<br \/>\n\u201eJa?\u201c<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte B\u00e4renleben retten.\u201c<br \/>\n\u201eAch ja? Und Dich nicht?\u201c<br \/>\n\u201eDoch, zugegeben, mich auch. Aber ich bin doch verantwortlich&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eUnd weil Du verantwortlich zu sein glaubst f\u00fcr etwas, dessen Parameter du nicht beeinflussen kannst, unterstellst du mir, die Verantwortung zu tragen f\u00fcr das, was ich gemacht habe? Ein Seminar in formaler Logik hast Du nie besucht, oder?\u201c<br \/>\n\u201eNein&#8230;Aber&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eSchon gut. Was willst du?\u201c<br \/>\n\u201eDass Du die Welt rettest.\u201c<br \/>\n\u201eIch wiederhole mich ungern. Ich sagte bereits, dass ich mich nicht mehr einmische.\u201c<br \/>\n\u201eDann m\u00f6chte ich, dass irgendjemand sonst die Welt rettet.\u201c<br \/>\n\u201eDann viel Spa\u00df.\u201c<br \/>\n\u201eBitte?\u201c<br \/>\n\u201eIst doch ganz einfach: Ich will die Welt nicht retten, im Gegensatz zu Dir \u2013 also ist es Dein Job, das edle Werk zu tun.\u201c<br \/>\n\u201eIch?\u201c<br \/>\n\u201eWer sonst?\u201c<br \/>\n\u201eIch soll \u2013 Gott spielen?\u201c<br \/>\n\u201eNein \u2013 du sollst Gott sein.\u201c<br \/>\n\u201eMit allen Konsequenzen?\u201c<br \/>\n\u201eWelche Konsequenzen bringt es mit sich, Gott zu sein?\u201c<br \/>\n\u201eNa ja, die Welt geht vielleicht unter, und man muss \u00fcber seine Gesch\u00f6pfe zu Gericht sitzen \u2013 so was alles.\u201c<br \/>\n\u201eDie Welt kann vielleicht untergehen, aber der Rest ist Bullshit.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist immer noch ein ziemlich hohes Risiko. B\u00e4renleben&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eIhr B\u00e4ren seid entsetzlich sentimentale Wesen. B\u00e4renleben geht vielleicht unter, wenn ich nichts mache oder wenn Du versuchst, es zu retten. Oder auch nicht. Ich wei\u00df das nicht \u2013 ich kann n\u00e4mlich nicht in die Zukunft gucken. Aber sag das blo\u00df keinem weiter. Also \u2013 willst du nun oder nicht?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht.\u201c<br \/>\n\u201eSchisser!\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn ich alles falsch mache?\u201c<br \/>\n\u201eDoppelschisser!\u201c<br \/>\n\u201eIch habe fast den Eindruck, Du m\u00f6chtest, dass ich es mal versuche.\u201c<br \/>\n\u201eEs w\u00e4re mal was anderes.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn ich es nicht kann?\u201c<br \/>\n\u201eDu kennst ja meine Telefonnummer.\u201c<\/div>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/tussi1.jpg\" width=\"365\" height=\"264\" border=\"0\" \/><\/div>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<div align=\"left\">Vor der abendlichen Versammlung in B\u00e4renleben lie\u00df B\u00e4rdel sich nichts anmerken. Aber er schmiedete heimlich Pl\u00e4ne und stellte eine umfangreiche Tagesordnung zusammen, die ein wenig anspruchsvoller war als das, was sich die B\u00e4renlebener normalerweise zu entscheiden vornahmen.<br \/>\nWie gewohnt \u00fcbernahm B\u00e4rdel den Vorsitz und nannte den ersten Punkt, \u00fcber den zu reden sein w\u00fcrde. B\u00e4renleben war l\u00e4ngst dar\u00fcber hinaus, regelm\u00e4\u00dfig eigene Probleme reflektieren zu m\u00fcssen, denn es gab kaum mehr welche. Folgerichtig widmeten sich die B\u00e4ren den brennenden Menschenproblemen, aber bisher hatten sie weise darauf verzichtet, L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu formulieren \u2013 zu vertrackt erschien ihnen die Gemengelage. Deshalb war Unruhe sp\u00fcrbar, als B\u00e4rdel sagte: \u201eWir werden uns heute mit Aids besch\u00e4ftigen, und ich denke, wir werden die damit zusammenh\u00e4ngenden Fragen beantworten.\u201c<br \/>\nDie B\u00e4ren rutschten auf ihren dicken Hintern hin und her.<br \/>\n\u201eWie ihr nat\u00fcrlich alle wisst,\u00a0 ist HIV beziehungsweise Aids im s\u00fcdlichen Afrika besonders stark verbreitet. Etwa 26 Millionen Menschen sind dort infiziert, das sind mehr als 60 Prozent aller Erkrankungen weltweit. Besonders dramatisch ist die Todesrate unter den 15- bis 45-J\u00e4hrigen gestiegen, was gravierende wirtschaftliche und demografische Folgen hat. Die Ursachen daf\u00fcr&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eDie Ursachen daf\u00fcr,\u201c unterbrach Tumu hitzk\u00f6pfig ihren Mann, \u201eliegen haupts\u00e4chlich im Sexualverhalten der M\u00e4nner begr\u00fcndet. Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung, Polygamie ist weit verbreitet, ebenso wie Prostitution.\u201c<br \/>\n\u201eIch dachte immer, Prostitution sei \u00fcberwiegend ein Angebot von Seiten der Frauen,\u201c brummte Kulle vor sich hin. Tumu wischte seinen Einwand mit einer \u00e4rgerlichen Armbewegung beiseite.<br \/>\n\u201eProstitution ist ein Angebot, das aufgrund von Nachfrage entsteht, du Ignorant!\u201c fauchte sie. \u201eAufgrund von m\u00e4nnlicher Nachfrage! Insgesamt kann man in den Subsaharastaaten von verbreitetem promiskem Sexualverhalten sprechen, und das bedeutet, vor allem in einer armen Gesellschaft, \u00fcberproportional h\u00e4ufig Geschlechtskrankheiten, was wiederum Infektionen mit HIV beg\u00fcnstigt, weil geschlechtskranke Menschen h\u00e4ufig offene Wunden im Genitalbereich haben. Noch irgendwelche Fragen?\u201c<br \/>\n\u201eJa!\u201c Del meldete sich sch\u00fcchtern. \u201eWas hei\u00dft \u201apromisk\u2019?\u201c<br \/>\n\u201ePromisk bedeutet, dass jemand h\u00e4ufig seine Sexualpartner wechselt.\u201c Kulle war schneller als jeder andere B\u00e4r, wenn es darum ging,\u00a0 etwas zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nDel bedankte sich, was B\u00e4rdel Gelegenheit gab, sich wieder einzuschalten.<br \/>\n\u201eTrotz der emotionalen Kontroverse, die es gerade gegeben hat, sind die Ursachen der hohen Aids-Rate im s\u00fcdlichen Afrika insgesamt richtig dargestellt worden. Es bleibt die Frage, was zu tun ist. Eine Bek\u00e4mpfung der Krankheit ist schwierig, weil die Menschen arm sind, denn Kondome und Tests sind teuer. Au\u00dferdem wird Aids gesellschaftlich nicht akzeptiert, und wo Kranke wegen ihrer HIV-Infektion ausgegrenzt werden, haben die Menschen kein Interesse an der Kenntnis ihres HIV-Status. Weil sie nicht wissen, dass sie ansteckend sind, stecken sie andere weiter an. Eine einzige Strategie scheint bisher Erfolg zu versprechen: Aufkl\u00e4rung. In Ost- und Zentralafrika sind Pr\u00e4ventionskampagnen durchgef\u00fchrt worden, und man hat die Krankheit tats\u00e4chlich zum R\u00fcckzug gezwungen.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel holte tief Luft. Er hoffte, dass er nichts vergessen hatte. Er war gespannt auf die Antwort auf die entscheidende Frage. Er sagte: \u201eB\u00e4ren, wir k\u00f6nnen etwas tun. Also \u2013 was sollen wir tun?\u201c<br \/>\nDie Antworten hagelten auf ihn nieder.<br \/>\n\u201ePr\u00e4ventionskampagnen auch in West- und S\u00fcdafrika!\u201c<br \/>\n\u201eMonogamie verordnen!\u201c<br \/>\n\u201eAu\u00dferehelichen Geschlechtsverkehr verbieten!\u201c<br \/>\n\u201eFrauenbeauftragte in jedem Dorf einsetzen!\u201c<br \/>\n\u201eM\u00e4nner abschaffen!\u201c<br \/>\n\u201eKondome verteilen!\u201c<br \/>\n\u201e\u00dcberall kostenlose Tests anbieten!\u201c<br \/>\n\u201eSchulungen anbieten, nat\u00fcrlich kostenlos, die die Empathie f\u00f6rdern, zum Beispiel: \u201aDein Freund k\u00f6nnte HIV-positiv sein&#8230;\u2019\u201c<br \/>\n\u201eDen Menschen Geld geben!\u201c<br \/>\n\u201eQuatsch, den Menschen Arbeit geben, damit sie Geld verdienen und es verantwortlich ausgeben!\u201c<br \/>\n\u201eDie Chance nutzen und das s\u00fcdliche Afrika evakuieren, um endlich den Tieren mehr Lebensraum zu lassen!\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel h\u00f6rte zu.<br \/>\nB\u00e4rdel nickte zu jedem Vorschlag.<br \/>\nUnd bei jedem Vorschlag wurde ihm deutlicher klar: Wenn du ein Gott zu sein versuchst, dann bist du allein. ALLEIN!<br \/>\nEr lie\u00df alle ausreden, und alle wollten etwas sagen. Er nickte weiter zu allem. Erst als niemand mehr sich zu Wort meldete, sagte er:\u201c Ich danke euch, B\u00e4renlebener. Ihr habt mir geholfen wie immer, wenn auch anders als immer. Den Rest der Tagesordnung behandeln wir besser sp\u00e4ter.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel war es gleichg\u00fcltig, dass die B\u00e4renlebener jetzt verwirrt sein mussten. Er hatte seine erste Lektion als G\u00f6tterlehrling gelernt.<\/div>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd3.jpg\" width=\"320\" height=\"240\" border=\"0\" \/><\/div>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<div align=\"left\">\n<p>Nach einer schlaflosen Nacht war ihm klar, dass viele der Vorschl\u00e4ge, der er gestern geh\u00f6rt hatte, ihm plausibel erschienen, dass er aber keinerlei Vorstellung davon hatte, welche Auswirkungen sie h\u00e4tten, wenn sie verwirklicht w\u00fcrden. Und schon gar nicht wusste er, welche Konsequenzen die Kombination von zwei oder mehr Ma\u00dfnahmen nach sich z\u00f6gen. Er kratzte sich ausgiebig den Kopf, seufzte und ging dann auf die Suche nach Papier und Stift, um sich ein paar Notizen zu machen. Noch lieber w\u00e4re er auf die Suche nach Kulle gegangen, aber das h\u00e4tte \u00fcber kurz oder lang bedeutet, dass Kulle \u00fcber B\u00e4rdels neue Rolle Bescheid w\u00fcsste. Welche Konsequenzen das h\u00e4tte, dar\u00fcber mochte B\u00e4rdel lieber nicht nachdenken.<br \/>\n\u201eNa, Stinker, wie schmeckt der neue Job? Am Anfang ist er ziemlich anstrengend, soweit ich mich erinnern kann. Ich dachte, ich schaue mal nach Dir. Das mit der Vernetzung aller m\u00f6glichen Ph\u00e4nomene hast Du inzwischen kapiert, wie ich merke. Mit Papier und Stift wirst Du nicht weit kommen. Hier, das Spielzeug wird Dir helfen. Es zeigt Dir keinen kompletten \u00dcberblick, aber ein paar Strukturelemente werden doch deutlich. Ich habe die Aids-Geschichte eingegeben, damit Du siehst, wie es funktioniert. Du wirst schon damit zurechtkommen \u2013 die Bedienung funktioniert intuitiv.\u201c Tussi dr\u00fcckte ihm einen kleinen flachen Gegenstand in die Pfote und verschwand ebenso blitzartig und lautlos, wie sie erschienen war.<br \/>\nB\u00e4rdel sah sich das unerwartete Geschenk n\u00e4her an. Er hatte eine Art Computer bekommen, der aber \u00fcber keine Tastatur verf\u00fcgte, sondern nur \u00fcber ein Display. Auf dem Bildschirm stand: AIDS \u2013 Subsaharastaaten. Darunter pulsierte ein Icon: Optionen. Er legte seinen dicken Daumen darauf und las: Pr\u00e4ventionskampagnen auch in West- und S\u00fcdafrika! Das war der erste Vorschlag, der gestern Abend gemacht worden war, daran erinnerte er sich gut. Noch einmal ber\u00fchrte er den Bildschirm, und der wurde lebendig. Ein Film wurde abgespielt, der \u00fcberwiegend menschliche Aktivit\u00e4ten zeigte. M\u00e4nner zeigten M\u00e4nnern Kondome, Frauen zeigten Frauen Kondome. M\u00e4nner und Frauen hatten Geschlechtsverkehr und benutzen dabei Kondome. Diese Sequenz lief \u00fcber l\u00e4ngere Zeit. Danach waren Friedh\u00f6fe zu sehen, auf denen sich immer weniger Menschen aufhielten: Die Zahl der Bestattungen nahm ab.<br \/>\nDie Projektionsfl\u00e4che wurde dunkel, und als sie wieder hell wurde, hatte sich der Bildschirm geteilt. Auf beiden H\u00e4lften waren kopulierende Menschen zu sehen, die keine Kondome benutzten. Rechts tauchten nach einer Weile wieder Friedh\u00f6fe auf mit mehr und mehr Menschen. Links dagegen sah man Familien, kinderreiche Familien. Die Kinder hatten Hungerb\u00e4uche, der Gesichtsausdruck der Erwachsenen zeigte Hoffnungslosigkeit. Die bewegten Bilder wurden durch statistisches Material erg\u00e4nzt. So beobachtete B\u00e4rdel, wie die Bev\u00f6lkerungszahl in S\u00fcdafrika sich in beiden F\u00e4llen stabilisierte, im ersten Fall danach wieder schrumpfte, w\u00e4hrend sie im zweiten stieg. Er sah Arbeitslosenzahlen, Zahlen \u00fcber Hilfsprogramme, Zahlen, Zahlen, Zahlen.<br \/>\nAufkl\u00e4rung allein fruchtet nichts, erkannte B\u00e4rdel. Wenn eine Bedrohung nicht mehr akut ist, denken die Menschen, es g\u00e4be sie nicht mehr. Und wenn die Bedrohung tats\u00e4chlich verschwunden ist, weil zum Beispiel ein Impfstoff gegen eine schwere Krankheit entwickelt werden konnte, dann verelenden die Menschen, zumindest die im s\u00fcdlichen Afrika, weil sie sich wieder ungebremst vermehren k\u00f6nnen. Aber vielleicht hilft es, wenn ich Aufkl\u00e4rung mit einem zweiten Vorschlag kombiniere? Er erinnerte sich an den gestrigen Abend. \u201e Den Menschen Arbeit geben, damit sie Geld verdienen und es verantwortlich ausgeben!\u201c Das war\u2019s. Das erste Szenario konnte er damit zwar nicht verhindern, aber das zweite w\u00fcrde sich gewiss zum Positiven ver\u00e4ndern.<br \/>\n\u201eEr suchte wieder unter \u201aOptionen\u2019, konnte den Vorschlag aber nicht finden. Intuitiv fragte er den Apparat in seiner Pfote: \u201eVerstehst Du mich?\u201c Buchstaben erschienen auf dem Bildschirm: \u201eJa.\u201c \u201e Gut, dann untersuche bitte die Auswirkungen der folgenden Ma\u00dfnahme!\u201c Und B\u00e4rdel wiederholte den Vorschlag.<br \/>\nEr hatte erwartet, dass jetzt eine gewisse Zeit vergehen w\u00fcrde, aber er bekam sofort eine Antwort. \u201eDer Realismuswert der Idee liegt bei 0,00%.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel war entt\u00e4uscht. Die M\u00f6glichkeiten, die er einem Gott oder einer G\u00f6ttin unterstellt hatte, schrumpften immer mehr in sich zusammen. Nicht nur konnten G\u00f6tter nicht in die Zukunft sehen, sie waren auch keineswegs allm\u00e4chtig und hatten sich an bestehenden Realit\u00e4ten zu orientieren. \u201eGibt es denn weitere realistische Optionen?\u201c wollte er wissen. \u201eAu\u00dferehelichen Geschlechtsverkehr verbieten,\u201c las er. \u201eNa gut, dann machen wir das!\u201c sagte B\u00e4rdel forsch.<br \/>\nDer Bildschirm teilte sich zuerst in zwei, dann in vier, dann in neun, in sechzehn, f\u00fcnfundzwanzig Teile und immer weiter, bis auch das Raubtierauge eines B\u00e4ren nichts mehr darauf erkennen konnte. Aber solange die Bilder und Zahlen noch gro\u00df genug waren, hatte B\u00e4rdel genug gesehen. Die Konsequenz dieser Idee waren Diktaturen, h\u00e4ufig klerikaler Natur, die vor allem eines betrieben: Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung der Frauen.<br \/>\n\u201eH\u00f6r auf!\u201c sagte er, und der Bildschirm wurde sofort schwarz. \u201eEigentlich wollte ich sowieso was anderes. Sagt dir Klimawandel etwas? Klimakatastrophe? Treibhauseffekt?\u201c \u201eJa.\u201c \u201eGibt es zu dessen Beeinflussung, also Minderung, Optionen, die du akzeptierst?\u201c \u201eJa.\u201c B\u00e4rdel war gereizt, aber ein Tussi-Computer war eben kein B\u00e4r, sondern ein logisch denkender Apparat, der wirklich nur auf die Frage antwortete, die ihm gestellt worden war. \u201eWelche?\u201c<br \/>\n\u201eAtomkrieg; Ausbruch von H5N1 oder \u00e4hnlichem; Zusammenbruch der Weltwirtschaft&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eDanke,\u201c brummte B\u00e4rdel in sich hinein, \u201eKatastrophenszenarien kann ich mir alleine ausdenken.\u201c Laut sagte er: \u201eIch meinte Optionen, die auf dem vern\u00fcnftigen Handeln der Menschen aufbauen.\u201c<br \/>\n\u201eDer Realismuswert der Idee liegt bei 0,00%,\u201c sagte der Computer.<br \/>\nB\u00e4rdel holte aus und war gerade dabei, den Apparat m\u00f6glichst weit in die B\u00fcsche zu schleudern, als er Tussis befehlsgewohnte Stimme h\u00f6rte. \u201eStop!\u201c rief sie. \u201eSo billig sind die Dinger nun auch wieder nicht! Und inzwischen solltest Du begriffen haben, dass auch wir G\u00f6tter uns dem Realit\u00e4tsprinzip unterwerfen m\u00fcssen. Also keine Verschwendung von Ressourcen, bitte!\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel sp\u00fcrte, wie der Computer aus seiner Pranke verschwand.<br \/>\n\u201cDu kannst das Ding gerne wiederhaben, wenn Du m\u00f6chtest. Aber vielleicht willst Du erst mal mit mir reden.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel setzte sich. Aller Elan war aus ihm gewichen. \u201eNein, danke. Ja nat\u00fcrlich, gerne. Ich&#8230;\u201c<br \/>\nEr wusste nicht mehr weiter.<br \/>\nTussi patschte ihm mit der Pfote tr\u00f6stend auf die Schulter. \u201eSchon gut. Mir ist auch \u00fcbel geworden, als ich der Brut eine Weile lang zugeguckt habe und allm\u00e4hlich begriff, was mit ihr los ist. Das einzige Mittel, diese Spezies halbwegs im Zaum zu halten, besteht darin, sie leiden zu lassen und zahlenm\u00e4\u00dfig zu begrenzen. Sonst richtet sie sich und ihre sogenannte \u201aUmwelt\u2019 zugrunde. Das tut sie jetzt tendenziell auch, wie wir wissen, aber nach Ma\u00dfgabe der M\u00f6glichkeiten langsam. \u201aCollateral Damage\u2019 entsteht so weniger, glaub mir. \u2013 Willst Du weitermachen?\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel sch\u00fcttelte stumm den Kopf.<br \/>\n\u201eIch dachte es mir. Schade \u2013 war mal eine Abwechslung. Ist aber okay mit mir. Wirf mir blo\u00df nie wieder vor, dass ich mich nicht mehr einmische!\u201c<br \/>\nTussi warf ihm eine Kusshand zu. \u201eEigentlich mag ich Dich richtig gerne, Stinker!\u201c<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNein!\u201c \u201eDoch!\u201c \u201eNein!\u201c \u201eDu musst!\u201c \u201eKein Mensch muss m\u00fcssen \u2013 und ein Frosch schon gar nicht!\u201c \u201eAber vielleicht eine Fr\u00f6schin?\u201c \u201eWieso das?\u201c \u201eGuck Dich doch um \u2013 Deine Art stirbt aus!\u201c \u201eWei\u00df ich l\u00e4ngst.\u201c \u201eUnd?\u201c \u201eWas \u201aund\u2019?\u201c \u201eUnd was f\u00fchlst Du?\u201c \u201eWas geht Dich das an?\u201c \u201eNichts. Aber&#8230;\u201c \u201eAber was?\u201c \u201eAber Du k\u00f6nntest das \u00e4ndern.\u201c&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2007\/01\/es-ist-nicht-leicht-ein-gott-zu-sein\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":411,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,5,16],"tags":[],"class_list":["post-479","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-baerdel","category-baerdel3","category-philosophisches","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":480,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/479\/revisions\/480"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media\/411"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}