{"id":473,"date":"2006-12-07T17:30:39","date_gmt":"2006-12-07T15:30:39","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=473"},"modified":"2017-03-14T17:33:51","modified_gmt":"2017-03-14T15:33:51","slug":"religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2006\/12\/religion\/","title":{"rendered":"Religion"},"content":{"rendered":"<h2>B\u00e4rdel<\/h2>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" width=\"536\" height=\"573\" border=\"0\" \/><\/div>\n<h1>Religion<\/h1>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle2.jpg\" width=\"663\" height=\"556\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>\u201cDu hast eine tolle <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2006\/12\/kulle-ueber-gruppensoziologie\/\">Arbeit \u00fcber das menschliche Zusammenleben geschrieben<\/a>, denke ich!\u201d begr\u00fc\u00dfte B\u00e4rdel Kulle, als sie einander auf ihrem Morgenspaziergang begegneten. \u201cIch finde es beeindruckend, wie du dich bei den Menschen auskennst. Du wei\u00dft \u00fcber sie viel besser Bescheid als ich.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDanke!\u201d erwiderte Kulle und r\u00fcckte geschmeichelt an seiner Fliege. \u201cObwohl &#8211; \u00fcber manches, was die Menschen ausmacht, wei\u00df ich gar nichts. \u00dcber Religion zum Beispiel.\u201d<\/p>\n<p>B\u00e4rdel war \u00fcberrascht. \u201cNanu? Kr\u00fcckstock, Opium des Volkes, Opium f\u00fcr das Volk&#8230;\u201d<\/p>\n<p>\u201cSch\u00f6n und gut\u201d, brummte Kulle. \u201cDie Funktion ist leicht zu beschreiben. Aber was ist mit der Ursache? Also: Warum haben die Menschen, pr\u00e4ziser, die meisten Menschen, sogar die allermeisten, auch viele der wirklich intelligenten, eine Religion? Ist das genetisch bedingt? Und wenn es so w\u00e4re &#8211; warum ist uns B\u00e4ren, die wir doch biologisch eng mit den Menschen verwandt sind, nicht nur der Gedanke eines mehr oder weniger pers\u00f6nlichen Gottes, sondern generell der Gedanke der Transzendenz so fremd?\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch wei\u00df nicht, woran man die Gr\u00fcnde f\u00fcr die menschliche Religiosit\u00e4t festmachen kann. Aber ich kenne mehrere.\u201d<\/p>\n<p>\u201cSogar mehrere?\u201d Kulle h\u00fcpfte aufgeregt auf der Stelle. \u201cIch kenne noch nicht mal einen!\u201d Und dann sagte Kulle etwas, was B\u00e4rdel noch nie von ihm geh\u00f6rt hatte: \u201cErkl\u00e4rst du es mir?\u201d<\/p>\n<p>\u201cGerne!\u201d B\u00e4rdel schaute sich um. \u201cSiehst du den Apfelbaum da? Es ist Fr\u00fchling, die Knospen brechen auf, der Baum beginnt zu bl\u00fchen. Wie erkl\u00e4rst du dir das?\u201d<\/p>\n<p>Kulle war irritiert. \u201cWas soll ich da erkl\u00e4ren? Es ist Fr\u00fchling, die S\u00e4fte steigen nach der Winterruhe, Bl\u00fctenpflanzen pflanzen sich geschlechtlich fort, also&#8230;\u201d<\/p>\n<p>\u201cDu hast v\u00f6llig recht\u201d, unterbrach ihn B\u00e4rdel. \u201cDu kennst die Gr\u00fcnde. Und wenn du sie nicht kenntest, w\u00fcrdest du einfach sagen: \u2018Das wei\u00df ich nicht\u2019. Aber Menschen suchen immer nach Erkl\u00e4rungen, nach Begr\u00fcndungen. Und wenn sie keine rationalen wissen, erfinden sie irrationale. Wenn sie nicht wissen, dass der Baum bl\u00fcht, weil es Fr\u00fchling ist, dann behaupten sie, der Gott des Baumes sei erwacht. Oder ein Gott sei im Baum erwacht. Jedenfalls erfinden sie einen Gott anstelle der Ursachen, die ihnen unbekannt sind. Und so gibt es f\u00fcr sie einen Donnergott und einen Regengott und einen Wachstumsgott und immer so weiter, oft auch eine G\u00f6ttin, denn was fruchtbringend und was vernichtend ist, das wissen die Menschen schon.\u201d<\/p>\n<p>\u201cNa gut\u201d, sagte Kulle, und es klang sehr nachsichtig. \u201cDu beziehst dich auf die Phase der Naturreligion. Aber \u00fcber die sind die Menschen inzwischen hinaus, denke ich.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDie Menschen nicht. Aber ich gebe dir recht: Die Menschen in den von ihnen so genannten industriell entwickelten L\u00e4ndern glauben nicht mehr, dass in den B\u00e4umen G\u00f6tter leben, sonst w\u00fcrden sie die B\u00e4ume nicht brutal f\u00e4llen. Aber ich beharre darauf, dass die Menschen auch heute an irrationale Erkl\u00e4rungen glauben, wenn ihnen rationale &#8211; noch &#8211; nicht zur Verf\u00fcgung stehen. Darin sehe ich den ersten Grund f\u00fcr die menschliche Religiosit\u00e4t: den Erkl\u00e4rungswahn.\u201d<\/p>\n<p>\u201cBingo!\u201d sagte Kulle. \u201cWas noch?\u201d<\/p>\n<p>\u201cAnders als wir B\u00e4ren wollen die Menschen st\u00e4ndig etwas ver\u00e4ndern. Dabei haben sie aber auch Angst vor ihrer eigenen Courage, denn sie wissen in den seltensten F\u00e4llen, wozu das, was sie anstellen, letztlich f\u00fchrt. Deshalb erfinden sie sozusagen einen Auftraggeber, und das ist Gott. Wie oft lassen die Menschen den in der Bibel sagen: \u201cMacht euch die Erde untertan\u2019? Ein halbes Dutzend Mal bestimmt. Sie brauchen eine legitimatorische Grundlage f\u00fcr all die Zerst\u00f6rungen, die sie bewirken. So werden sogar Kriege zu notwendigen Aktionen im Namen einer h\u00f6heren Macht.\u201d<\/p>\n<p>Kulle nickte. \u201cDas leuchtet mir ebenfalls ein. Was hast du noch zu bieten?\u201d<\/p>\n<p>\u201cDer dritte Grund liegt auf der Hand. Was sagt den B\u00e4ren ihr Zukunftssinn?\u201d<\/p>\n<p>Kulle lie\u00df sich auf das Spiel ein: \u201cDass morgen ein Tag ist, der auf heute folgt, so dass man sich heute so verhalten sollte, dass ein Morgen m\u00f6glich ist. Und dass das Leben eines Individuums nach vielen Tagen vorbei ist, w\u00e4hrend das der Gattung l\u00e4nger w\u00e4hrt.\u201d Er schlug sich mit der flachen Hand vor sie Stirn: \u201cDass ich daran nicht gedacht habe! Nat\u00fcrlich, der Zukunftssinn der Menschen ist insofern fehlgeleitet, als sie den Tod nicht akzeptieren wollen! Und deshalb erfinden sie alles m\u00f6gliche, um ihn wegzudenken: Seelenwanderung, das Nirwana, das Paradies&#8230;. Das Paradies &#8211; aber auch die H\u00f6lle. Warum eigentlich die H\u00f6lle?\u201d<\/p>\n<p>\u201cDu machst es mir leicht\u201d, grinste B\u00e4rdel. \u201cDu f\u00fchrst uns direkt zu Grund Nummer vier. Bitte beantworte mir noch eine Frage: Wie viele Modalverben kennst du?\u201d<\/p>\n<p>\u201cDumme Frage, zwei nat\u00fcrlich!\u201d<\/p>\n<p>\u201cUnd die w\u00e4ren?\u201d<\/p>\n<p>Kulle warf B\u00e4rdel einen skeptischen Blick zu, das war nun tats\u00e4chlich unter seiner W\u00fcrde. Aber er antwortete trotzdem, denn bisher hatten ihm B\u00e4rdels Erkl\u00e4rungen eingeleuchtet: \u201cWollen und k\u00f6nnen nat\u00fcrlich.\u201d<\/p>\n<p>\u201cNat\u00fcrlich!\u201d best\u00e4tigte B\u00e4rdel. \u201cAber &#8211; wie viele Modalverben haben die Menschen?\u201d<\/p>\n<p>Wieder fiel bei Kulle ein Groschen. \u201cBei Tussi, bin ich dumm! Da w\u00e4ren noch \u2018m\u00fcssen\u2019 und \u2018sollen\u2019 und \u2018d\u00fcrfen\u2019; alles Ausdrucksformen des \u00dcber-Ichs, das sich nat\u00fcrlich hervorragend in religi\u00f6se Formen gie\u00dfen l\u00e4sst, weil es dann viel wirkm\u00e4chtiger ist &#8211; und als ultimative Sanktion bei Verst\u00f6\u00dfen droht die ewige Verdammnis.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDas\u201d, erkl\u00e4rte B\u00e4rdel, \u201csind meiner Meinung nach die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die meisten Menschen ohne Religion nicht auskommen k\u00f6nnen. Und jetzt habe ich noch eine Frage an dich, eine ernsthafte, keine rhetorisch-p\u00e4dagogische. Beantwortest du sie mir?\u201d<\/p>\n<p>\u201cKlar, wenn ich kann!\u201d<\/p>\n<p>\u201cDu hast vorhin behauptet, uns B\u00e4ren sei nicht nur der Gedanke eines mehr oder weniger pers\u00f6nlichen Gottes, sondern generell der Gedanke der Transzendenz fremd. Warum&#8230;.\u201d B\u00e4rdel machte eine Kunstpause. Er genoss es, dass Kulle sich erkennbar zu winden begann. \u201cWarum glaubst du dann an Tussi?\u201d<\/p>\n<p>Kulle gab sich nach einer Sekunde der Schw\u00e4che wieder ganz souver\u00e4n. \u201cNicht nur ich, sondern alle B\u00e4renlebener glauben an Tussi. Tussi existiert n\u00e4mlich wirklich!\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00e4rdel Religion \u201cDu hast eine tolle Arbeit \u00fcber das menschliche Zusammenleben geschrieben, denke ich!\u201d begr\u00fc\u00dfte B\u00e4rdel Kulle, als sie einander auf ihrem Morgenspaziergang begegneten. \u201cIch finde es beeindruckend, wie du dich bei den Menschen auskennst. 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