{"id":466,"date":"2006-07-20T17:12:39","date_gmt":"2006-07-20T15:12:39","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=466"},"modified":"2017-03-14T17:15:27","modified_gmt":"2017-03-14T15:15:27","slug":"baerenabitur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2006\/07\/baerenabitur\/","title":{"rendered":"B\u00e4renabitur"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" width=\"536\" height=\"573\" border=\"0\" \/><\/div>\n<h3>B\u00e4renabitur<\/h3>\n<p>Wenn in B\u00e4renleben ein junger Mann oder eine junge Frau alt genug wurde, um k\u00fcnftig zum Kreis der Erwachsenen gez\u00e4hlt zu werden, musste er oder sie eine Pr\u00fcfung bestehen &#8211; daran f\u00fchrte kein Weg vorbei, denn in dieser Beziehung war die Sippe traditionell. Allerdings bestand die Probe, anders als in fr\u00fcheren Zeiten, nicht mehr darin, k\u00f6rperliche \u00dcberlegenheit oder hauswirtschaftliche F\u00e4higkeiten unter Beweis zu stellen. Stattdessen war Denken gefordert. Das konnte vielerlei bedeuten, und sich darauf vorzubereiten war deshalb nahezu unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Heute war Dels gro\u00dfer Tag. Gestern noch hatten ihm alle viel Gl\u00fcck gew\u00fcnscht, aber er hatte trotzdem herzlich schlecht geschlafen und trottete so nach seinem Honigwabenfr\u00fchst\u00fcck ziemlich m\u00fcde zu B\u00e4rdel, der daf\u00fcr verantwortlich war, die Aufgaben zu stellen. B\u00e4rdel dr\u00fcckte ihm einen verschlossenen Umschlag, einen Stift und viel Papier in die Pranke.<\/p>\n<p>\u201cViel Gl\u00fcck!\u201c sagte er. \u201cSuch dir ein ruhiges Pl\u00e4tzchen und lass dir Zeit!\u201c<\/p>\n<p>Unter Zeitdruck stehe ich also offenbar nicht, dachte Del. Er bek\u00e4mpfte seine Neugier und suchte seinen Lieblingsplatz auf, von dem niemand au\u00dfer ihm etwas wusste &#8211; eine winzige Lichtung inmitten von Haselb\u00fcschen. Dort lie\u00df er sich auf seinen noch nicht sehr dicken Hintern plumpsen, seufzte tief und riss den Brief auf. Und las. Und las noch einmal. Und ein drittes Mal. Er wollte es einfach nicht glauben.<\/p>\n<div align=\"center\"><i> \u201cDialektischer Besinnungsaufsatz: Der Mann lebt f\u00fcr das Werk, die Frau wirkt f\u00fcr das Leben&#8217;\u201c stand da.<\/i><\/div>\n<p>Er zwinkerte. Er rieb sich die Augen. Die Worte standen immer noch da, so oft er auch blinzeln mochte.<\/p>\n<p>Die wollen mich verarschen! schoss es ihm durch den Kopf. Das war durchaus m\u00f6glich. Manche Aufgaben waren so gestellt, dass der Proband erkennen sollte, dass sie nicht ernst gemeint waren. Trotzdem sollte er sie l\u00f6sen &#8211; gefordert war dann eine kreative, unorthodoxe Bearbeitung. Aber war das hier auch der Fall? Wollte jemand vielleicht ernsthaft eine Verifizierung oder Falsifizierung der Aussage, oder m\u00f6glicherweise eine Synthese?<\/p>\n<p>Quatsch! schalt sich Del. Hier will niemand etwas Bestimmtes, ich bin schlie\u00dflich nicht in der Menschenschule. Hier sind meine Denkf\u00e4higkeit und mein Humor gefragt, und die Inhalte sind nebens\u00e4chlich, wenn ich sie nur intelligent und logisch verpacke. Also los!<\/p>\n<p>Und er schrieb:<\/p>\n<div align=\"center\"><b>Der Mann lebt f\u00fcr das Werk, die Frau wirkt f\u00fcr das Leben<\/b><\/div>\n<p>Der gegebene Aphorismus \u00fcberzeugt formal durchaus, zeigt er doch rhetorische Meisterschaft. Der als Chiasmus angelegte Buchstabenreim (lebt &#8211; Werk; wirkt &#8211; Leben) betont die Antithetik der Geschlechter, weist aber auch auf ihr Zusammenwirken hin. Betrachtet man den Sinnspruch unter inhaltlichen Aspekten, ist dagegen Skepsis angebracht.<\/p>\n<p>Mann und Frau in ihrer Heterosexualit\u00e4t sind zweifellos in ihrem Zueinander- Hingezogen-Sein unabdingbar f\u00fcr den Fortbestand der (menschlichen) Art und anderer Spezies, die sich sexuell vermehren, wobei mit dieser Aussage homosexuelle Lebensgemeinschaften keineswegs diskriminiert werden sollen. Beide wirken f\u00fcr das Leben in einem genau zu definierenden Moment: Der Mann schickt seine Spermien in die Genitalregion der Frau, in der sie ein Ei finden und es befruchten, wenn die Frau gerade empf\u00e4ngnisf\u00e4hig ist, ein Ei, das die Frau dann austr\u00e4gt, falls sie ihre Leibesfrucht nicht abtreibt. Treibt sie ab, wirkt sie nicht f\u00fcr das Leben. Benutzt der Mann ein Pr\u00e4servativ, tut er es ebenso wenig.<\/p>\n<p>Nehmen wir eine Frau an, die ein oder mehrere Kinder geboren hat. Nehmen wir weiterhin an, sie sei eine \u201cgute\u201c Mutter &#8211; in Dehland hie\u00dfe das, auf Menschen bezogen, sie bringt ihre Tochter nachmittags mit dem Auto zum Reiten und den Sohn zum &#8211; nein, den Sohn braucht sie nirgendwohin zu bringen, er sitzt in seinem Zimmer vor dem Computer, und sie hat es l\u00e4ngst aufgegeben, ihn davon wegzuholen. In, sagen wir, Angola, prostituiert sich die \u201cgute\u201c Mutter und ist deshalb HIV-positiv &#8211; nur indem sie ihren K\u00f6rper verkauft, kann sie ihre Kinder ern\u00e4hren. Diese Frauen wirken f\u00fcr das Leben, indem sie f\u00fcr das \u00dcberleben und zum Teil den Spa\u00df k\u00fcnftiger Spermientr\u00e4ger und Eitr\u00e4gerinnen sorgen.<\/p>\n<p>Nehmen wir einen Mann an, der ein \u201cguter\u201c Vater ist &#8211; er kann in einem Pueblo in New Mexico seinen Sohn K\u00f6rbe flechten lehren oder in Dehland ein Jahr oder l\u00e4nger aus seinem Beruf aussteigen, um sich der Erziehung des Nachwuchses zu widmen &#8211; auch er wirkt f\u00fcr das \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Quod erat demonstrandum: Das \u201cWirken f\u00fcr das Leben\u201c l\u00e4sst sich letztlich nur am Zeugungsakt selbst festmachen, f\u00fcr den die Aufzucht der Nachkommen unabdingbar ist, und daran sind Mann wie Frau gleicherma\u00dfen beteiligt.<\/p>\n<p>Kommen wir nun zum Leben f\u00fcr das Werk.&#8216;<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss definiert werden, welches Werk&#8216; gemeint ist. \u00dcbersetzt man den Begriff zum Beispiel mit VW-Werk&#8216;, k\u00f6nnte der zu analysierende Satz bestenfalls auf Ferdinand Piech und au\u00dferdem einige Dutzend VW-Angestellte zutreffen, die seit Jahrzehnten dort malochen und immer noch nicht verstanden haben, dass sie nichts anderes als Verf\u00fcgungsmasse im gro\u00dfen Spiel um den Shareholder-Value sind &#8211; sie haben bisher nur das Gl\u00fcck gehabt, nicht freigesetzt&#8216; worden zu sein, wie es im W\u00f6rterbuch des kapitalistischen Unmenschen so sch\u00f6n hei\u00dft. Da die Aussage jedoch allgemeiner Art ist, verbietet sich eine solche Interpretation.<\/p>\n<p>Der Mann allgemein, der t\u00e4tige, die Natur ver\u00e4ndernde, der schaffende Mann ist gemeint, der, den die Lateiner homo faber&#8216; nennen. Dieser Menschenmann hat wahrhaft viele Werke vollbracht. In archaischer Zeit tobte er noch durch die Wildnis auf der Jagd nach Beute, mitleidig und zugleich nachsichtig bel\u00e4chelt von den Matriarchinnen, die ihnen den Spa\u00df nicht verderben wollten, aber sehr wohl wussten, dass ihre Sammlert\u00e4tigkeit die eigentlich verl\u00e4ssliche Grundlage einer halbwegs gesicherten Versorgung mit Nahrungsmitteln war. Seit der neolithischen Revolution jedoch entwickelte er sich aufgrund seiner ver\u00e4nderten \u00f6konomischen Stellung zum Haus- und Staatstyrannen, der alles und alle seiner Machtwillk\u00fcr unterwarf. Auch uns B\u00e4ren hat er nahezu ausgerottet, aber das nur am Rande.<\/p>\n<p>Dass der Mann Werke vollbringt, ist unbenommen. Aber &#8211; lebt er f\u00fcr das Werk? Nein, prim\u00e4r stirbt er daf\u00fcr! Die Vorstellung, die Menschenm\u00e4nner vom richtigen Leben haben, setzten und setzen sie gegen konkurrierende Vorstellungen prim\u00e4r mit kriegerischen Mitteln durch.<\/p>\n<p>Lebt dagegen die Frau f\u00fcr das Werk? Was ist das Werk der Frau? Seit einigen Jahrzehnten gibt es auch Managerinnen, aber von deren Werk&#8216; auszugehen w\u00e4re ebenso wenig repr\u00e4sentativ wie das des Ferdinand Piech. Menschenfrauen haben im Allgemeinen wesentlich weniger Interesse daran, die Welt zu ver\u00e4ndern, als ihre m\u00e4nnlichen Artgenossen. Das Werk&#8216; der Frau ist die Erhaltung des Status quo, also die Erhaltung der Art, also die Erhaltung des Lebens.<\/p>\n<p>Fazit: Mann und Frau wirken f\u00fcr das Leben beim Zeugungsakt, wie oben erl\u00e4utert. Mann und Frau definieren den Begriff Werk&#8216; als eine bestimmte Qualit\u00e4t des menschlichen Lebens, wobei der Menschenmann auf Ver\u00e4nderung aus ist, die er Fortschritt nennt, die Menschenfrau dagegen auf Lebenserhaltung. Zur Durchsetzung ihrer Ziele bedienen sich die Angeh\u00f6rigen der beiden Geschlechter unterschiedlicher Strategien: Gewaltanwendung bzw. Kooperation. Die Aussage des gegebenen Aphorismus ist folglich nicht haltbar.<\/p>\n<p>\u201cUff!\u201c sagte Del, streckte sich, legte sich ein paar Minuten auf den R\u00fccken und dachte gar nichts, bis er sich sein Werk ein zweites und ein drittes Mal durchlas. Hatte er zu viele Gedankenspr\u00fcnge eingebaut? Lag er v\u00f6llig daneben? Er glaubte es nicht; eigentlich war er recht zufrieden.<\/p>\n<p>\u201cNa, endlich fertig?\u201c In die winzige Lichtung, von der Del angenommen hatte, dass sie nur ihm bekannt sei, brach ungest\u00fcm Kulle ein. \u201cIch bin dein Pr\u00fcfer, das wusstest du doch, oder?\u201c<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle6.jpg\" width=\"440\" height=\"330\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>Nein, das hatte Del nicht gewusst. Kulles Er\u00f6ffnung beunruhigte ihn zutiefst, denn Kulle galt als sehr kleinlich und sehr belesen &#8211; er erkannte jeden sachlichen Fehler.<\/p>\n<p>\u201cWenn dein Aufsatz nicht ausreichend sein sollte, machen wir beide noch eine m\u00fcndliche Pr\u00fcfung zusammen. Dann bestehst du bestimmt!\u201c<\/p>\n<p>Kulles Aussage war beruhigend gemeint, wirkte auf Del aber ganz anders.<\/p>\n<p>\u201cNun reg dich blo\u00df nicht auf!\u201c brummte Kulle. \u201cLass mich erst mal lesen!\u201c<\/p>\n<p>Und er las. Del sa\u00df w\u00e4hrenddessen auf gl\u00fchenden Kohlen, weil er beobachten musste, wie Kulle stockte, noch einmal las, die Stirn runzelte, den Kopf sch\u00fcttelte. Aber schlie\u00dflich nickte er.<\/p>\n<p>Die Haselstr\u00e4ucher wurden lebendig. B\u00e4rinnen und B\u00e4ren zw\u00e4ngten sich durch die eng stehenden Zweige, die ihnen nur m\u00fchsam Durchschlupf erlaubten, aber trotzdem schaffte es jede und jeder, einen Leckerbissen in der Pranke zu halten &#8211; und alle boten ihr Geschenk gleichzeitig Del dar.<\/p>\n<p>\u201cUnseren Gl\u00fcckwunsch!\u201c rief Kulle. \u201cUnseren Gl\u00fcckwunsch f\u00fcr ein ausgezeichnetes B\u00e4renabitur! Du hast den dummen Spruch geh\u00f6rig abgestraft und dabei historische und politische Kenntnisse wie auch Humor bewiesen. Ab heute geh\u00f6rst du zu den Erwachsenen!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00e4renabitur Wenn in B\u00e4renleben ein junger Mann oder eine junge Frau alt genug wurde, um k\u00fcnftig zum Kreis der Erwachsenen gez\u00e4hlt zu werden, musste er oder sie eine Pr\u00fcfung bestehen &#8211; daran f\u00fchrte kein Weg vorbei, denn in dieser Beziehung war die Sippe traditionell. 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