{"id":463,"date":"2006-06-17T17:07:31","date_gmt":"2006-06-17T15:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=463"},"modified":"2017-03-14T17:12:00","modified_gmt":"2017-03-14T15:12:00","slug":"dehlandkopfschmerzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2006\/06\/dehlandkopfschmerzen\/","title":{"rendered":"Dehlandkopfschmerzen"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" width=\"536\" height=\"573\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>\nAls B&auml;rdel an einem k&uuml;hlen, aber sonnigen Maimorgen seinen &uuml;blichen Spaziergang zu Tagesbeginn unternahm, allein, ohne Kulle, seinen gewohnten Begleiter, denn der hatte schon am Abend zuvor &uuml;ber heftige Kopfschmerzen geklagt, Dehlandkopfschmerzen, wie er geheimnisvoll, aber nicht erhellend erkl&auml;rte, als B&auml;rdel also allein kontemplierend unterwegs war, h&ouml;rte er auf einmal aus einem Busch am Wegesrand ein kl&auml;gliches Schluchzen. Die Stimme kam ihm bekannt vor, er bef&uuml;rchtete eine Verwundung, er st&uuml;rzte sich ins Geb&uuml;sch.\n<\/p>\n<p>\nIn der Tat: Wie er vermutet hatte war es Del, der weinte. Allerdings war der kleine B&auml;r nicht verletzt, zumindest nicht &auml;u&szlig;erlich. B&auml;rdel brummte beruhigend, nahm ihn in den Arm und streichelte ihn sanft. Allm&auml;hlich verebbte der Krampf, wenn auch die Tr&auml;nen weiter flossen. Nach einer Weile hatte Del genug Kraft gesammelt, um sich die Augen zu wischen und sich zu r&auml;uspern.\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/del.jpg\" width=\"400\" height=\"300\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>\n\t&#8222;Entschuldige!&#8220; presste er m&uuml;hsam hervor. &#8222;Ich wei&szlig;, dass B&auml;ren nicht weinen. Aber ich habe heute fr&uuml;h schon Zeitung gelesen, und da&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tB&auml;rdel h&ouml;rte nicht auf zu streicheln.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Wer hat dir denn gesagt, dass B&auml;ren nicht weinen? Nein, du brauchst nicht zu antworten. Ich will es gar nicht wissen. Aber wer auch immer es war, er hat dir etwas Dummes gesagt. Wir haben Tr&auml;nen, damit wir sie weinen. Weinen erleichtert uns. Also lass sie ruhig flie&szlig;en. Was stand denn in der Zeitung?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Ein B&auml;r ist in Dehland, ein wilder B&auml;r, der erste seit 135 Jahren, und die Menschen wollen ihn erschie&szlig;en, nur weil er bei einem Bienenvolk ein bisschen Honig gestohlen und ein paar Schafe von der Weide geholt hat.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tAch ja, dachte B&auml;rdel, Erkenntnis und Interesse. Aber Del war noch jung. Er brauchte zun&auml;chst viel P&auml;dagogik, und vielleicht konnte er danach noch ein wenig Philosophie vertragen.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Hm&#8220;, sagte er. &#8222;Ein paar Schafe hat der B&auml;r von der Weide geholt, ja? Die Weide hat einem Menschen geh&ouml;rt, und die Schafe darauf auch, nicht wahr? Also hat der B&auml;r gestohlen, vielleicht sogar geraubt, wenn er sich mit Gewalt Zugang zu der Weide verschafft hat. Und was hat er mit den Schafen gemacht? Er hat sie sich nicht nur geholt, wie du gesagt hast, er hat sie gefressen. Nat&uuml;rlich werden Schafe gefressen, vor allem von Menschen, aber die holen sich vorher die Erlaubnis daf&uuml;r, indem sie  f&uuml;r das Fleisch bezahlen. Das hat der B&auml;r nicht getan.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tUm Tussis Willen, dachte B&auml;rdel, dem der Satz Eigentum ist Diebstahl&#8216; durch den Kopf schoss, was rede ich da eigentlich? Aber da er nun einmal angefangen hatte, musste er die Sache auch zu Ende bringen.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Der B&auml;r hat also Gesetze verletzt&#8220;, fuhr er deshalb fort. &#8222;Das alleine st&ouml;rt die Menschen noch nicht, sie halten wilde Tiere f&uuml;r unintelligent und verzeihen ihnen viele Verst&ouml;&szlig;e gegen ihre Regeln. Dieser B&auml;r aber hat sich anscheinend angew&ouml;hnt, seine Nahrung mit Vorliebe dort zu suchen, wo die Menschen leben &#8211; und das nehmen sie ihm &uuml;bel, denn sie haben Angst vor ihm. Deshalb bezeichnen sie ihn als Risikob&auml;ren&#8216; und wollen ihn loswerden, und dazu sehen sie zwei M&ouml;glichkeiten, nicht nur eine, wie du behauptest: erschie&szlig;en oder einsperren, also in einen Zoo bringen.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tDel hatte sich w&auml;hrend seiner Ausf&uuml;hrungen ein wenig beruhigt und schniefte nur noch leise.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;B&auml;rdel, darf ich etwas fragen?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Selbstverst&auml;ndlich!&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8220;Eigentlich habe ich zwei Fragen.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Frag nur zu!&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Sind wir auch wilde B&auml;ren?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nAu weia! B&auml;rdel konnte sich gut vorstellen, diese gar nicht einfache Frage ausf&uuml;hrlich mit Kulle zu er&ouml;rtern und dabei in Hitze zu geraten, aber was sollte er Del antworten? Er beschloss, sich kurz zu fassen.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Ja. Wir sind wilde B&auml;ren, aber wir halten uns an die Regeln der Menschen, weil wir mitten unter Menschen leben und sonst nicht &uuml;berleben k&ouml;nnten.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nWenn Del jetzt fragt, wie ich Wildheit definiere, behaupte ich auch wie Kulle, schreckliche Kopfschmerzen zu haben, dachte B&auml;rdel, aber die Nachfrage blieb aus.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Wie lautet die zweite Frage?&#8220; wollte B&auml;rdel wissen.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Wieso interessieren sich die Menschen f&uuml;r das Schicksal eines einzelnen wilden B&auml;ren? Ich meine, sie m&uuml;ssen sich daf&uuml;r interessieren, sonst st&auml;nde nichts &uuml;ber ihn in der Zeitung!&#8220;\n<\/p>\n<p>\nDer Kleine kann gut werden, schoss es B&auml;rdel durch den Kopf, vielleicht spezialisiert er sich mal in Soziologie oder Psychologie, aber bis zur Stunde hat er von beidem keine Ahnung. Vielleicht ist er mit einer Schlichterkl&auml;rung zufrieden&#8230;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Menschen sind nun mal tierlieb. Besonders&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\nDel wusste sehr genau, wie unh&ouml;flich es war, in der B&auml;rengesellschaft, die das Seniorit&auml;tsprinzip hoch hielt, einen &Auml;lteren zu unterbrechen. Er tat es trotzdem.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Menschen sind &uuml;berhaupt nicht tierlieb. Menschen betreiben Massentierhaltung. Menschen z&uuml;chten also Tiere, um sie zu vernichten und zu verwerten. Gegen&uuml;ber manchen Tieren entwickeln Menschen allerdings ein ungew&ouml;hnliches Ma&szlig; an Empathie: dazu geh&ouml;ren Eisb&auml;ren, Wale, vielleicht auch einzelne verirrte Braunb&auml;ren. Mir ist nicht klar, warum das so ist!&#8220;\n<\/p>\n<p>\nB&auml;rdel beschloss, ehrlich zu sein.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Menschen sind hoch entwickelte Tiere und haben entsprechende Bed&uuml;rfnisse. Hast du dich schon einmal mit der Hierarchie von Bed&uuml;rfnissen besch&auml;ftigt?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nDel sch&uuml;ttelte den Kopf und schaute besch&auml;mt zu Boden. In der gebildeten B&auml;rengesellschaft war es eine Schande, etwas nicht zu wissen.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Das macht doch nichts!&#8220; tr&ouml;stete B&auml;rdel. &#8222;Du bist ja noch jung. Ich kann dir die Sache erkl&auml;ren. Jedes Tier hat Grundbed&uuml;rfnisse, braucht Essen und Trinken, muss schlafen und Sex haben k&ouml;nnen. Solange diese unmittelbaren Bed&uuml;rfnisse nicht befriedigt sind, k&ouml;nnen wir an nichts anderes denken. Erst danach entwickeln wir W&uuml;nsche, die auf die Zukunft und das Zusammenleben mit anderen Tieren gerichtet sind: Wir wollen zum Beispiel Gerechtigkeit, Zuwendung, Sicherheit und Freundschaft oder Liebe. Wir wollen, dass andere uns respektieren, und wollen Achtung vor uns selbst haben k&ouml;nnen. Der Wunsch nach Bed&uuml;rfnisbefriedigung bezieht sich prim&auml;r auf die eigene Spezies. Hast du mich verstanden?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Ja&#8220;, sagte Del und sch&uuml;ttelte dabei den Kopf.\n<\/p>\n<p>\nEr ist wirklich ein kluger kleiner Kerl, dachte B&auml;rdel und wartete.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Nein, doch nicht!&#8220; murmelte Del betreten. &#8222;Denn &#8211; wenn Menschen Zuwendung von Menschen erhoffen und sich Menschen zuwenden, wenn aber andererseits Menschen Mitleid mit B&auml;ren und Walen empfinden, dann&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Genau!&#8220; best&auml;tigte B&auml;rdel.\n<\/p>\n<p>\nDel schwieg lange Zeit, und B&auml;rdel st&ouml;rte ihn nicht in seinen Gedanken.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Ich h&auml;tte nicht gedacht, dass es so schlimm ist&#8220;, sagte Del schlie&szlig;lich. &#8222;Dass die Menschen einander gar nicht m&ouml;gen und ihre so genannte Liebe stattdessen Tieren schenken, die sie &uuml;berhaupt nicht verstehen. Was ist los mit den Menschen, B&auml;rdel?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nSchon wieder so eine Frage, dachte B&auml;rdel. Laut sagte er:\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Plautus war ein r&ouml;mischer Kom&ouml;diendichter im 3. und 2. Jahrhundert vor der menschlichen westlichen Zeitrechnung, aber manche Dinge meinte er bitterernst. So hat er gesagt: &#8218;<i>Lupus est homo homini, non homo<\/i>&#8218;. Besser bekannt ist der Spruch in der Form &#8218;<i>Homo homini lupus<\/i>&#8218;. Thomas Hobbes &#8211; den musst du unbedingt mal lesen &#8211; hat das Zitat aufgegriffen und benutzt, um den Naturzustand des Menschen zu beschreiben. Er dachte, dieser Naturzustand sei durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem ein vern&uuml;nftiges Zusammenleben festgeschrieben ist, zu &uuml;berwinden&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Aber die Menschen haben es nicht geschafft?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nGraduell schon. Die Sicherheit davor, get&ouml;tet zu werden, ist in Dehland zweifellos gr&ouml;&szlig;er als zum Beispiel im Kongo. Aber es gibt auch hier keine Sicherheit vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, im Gegenteil, die Bedrohung, gek&uuml;ndigt zu werden und danach gar keinen oder nur einen prek&auml;ren Arbeitsplatz zu finden, w&auml;chst st&auml;ndig. Ebenso w&auml;chst die Angst vor der Zukunft.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Das verstehe ich alles. Nicht klar ist mir, warum die Menschen deshalb einen wilden B&auml;ren lieben, der sich nach Bayern verirrt hat.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nB&auml;rdel seufzte, aber lautlos. Ganz so clever, wie er gedacht hatte, war der Kleine doch nicht.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Weil es Menschen sind, die Menschen verletzen. Wir so genannten wilden Tiere k&ouml;nnen es ja nicht mehr &#8211; wir sind, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t, ausgerottet. Irgendjemanden m&uuml;ssen hoch entwickelte Tiere, deren Grundbed&uuml;rfnisse wenigstens weitgehend befriedigt sind, aber lieben oder zumindest m&ouml;gen. Sich selbst k&ouml;nnen sie nicht lieben. Also?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Oh!&#8220; machte Del. &#8222;Danke, B&auml;rdel. Aber ich habe jetzt schreckliche Kopfschmerzen.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Ich auch&#8220;, sagte B&auml;rdel.\n<\/p>\n<p>\nDehlandkopfschmerzen, dachte er. Aber das dachte er nur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als B&auml;rdel an einem k&uuml;hlen, aber sonnigen Maimorgen seinen &uuml;blichen Spaziergang zu Tagesbeginn unternahm, allein, ohne Kulle, seinen gewohnten Begleiter, denn der hatte schon am Abend zuvor &uuml;ber heftige Kopfschmerzen geklagt, Dehlandkopfschmerzen, wie er geheimnisvoll, aber nicht erhellend erkl&auml;rte, als B&auml;rdel also allein kontemplierend unterwegs war, h&ouml;rte er auf einmal aus einem Busch am Wegesrand&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2006\/06\/dehlandkopfschmerzen\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Dehlandkopfschmerzen<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":464,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,5],"tags":[],"class_list":["post-463","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-baerdel","category-baerdel3","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=463"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/463\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":465,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/463\/revisions\/465"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media\/464"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}