{"id":450,"date":"2005-09-18T19:27:10","date_gmt":"2005-09-18T17:27:10","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=450"},"modified":"2018-07-30T10:25:09","modified_gmt":"2018-07-30T08:25:09","slug":"der-schon-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2005\/09\/der-schon-wieder\/","title":{"rendered":"Der schon wieder"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Der Kanzler war jetzt nicht mehr, wie schon lange, nur verzweifelt, er war superverzweifelt, ultraverzweifelt, hyperverzweifelt. Deshalb hatte er im Deutschen Bundestag die Vertrauensfrage gestellt und war wunschgem\u00e4\u00df gescheitert. Nun war es am Bundespr\u00e4sidenten, die Neuwahlen zu erlauben, die der Kanzler damit bezweckte. Aber was bezweckte er mit dem Zweck? Konnte er mit diesem Zweck-Mittel das Ziel erreichen, wiedergew\u00e4hlt zu werden, ja, wollte er \u00fcberhaupt wieder gew\u00e4hlt werden, da er doch klar gemacht hatte, dass er jetzt weder weiter regieren konnte noch wollte? Schlaflos w\u00e4lzte er ich nachts auf zerw\u00fchlten Bettlaken herum, bis er zumindest einen Entschluss fasste. Am n\u00e4chsten Morgen suchte er seinen alten zerschlissenen Rucksack, der alle Umz\u00fcge \u00fcberstanden hatte, aus einer Kellerecke hervor.<br \/>\n\u201eIch muss mal weg!\u201c erkl\u00e4rte er seiner Frau. Die Frau war nicht mehr dieselbe, und sie war verst\u00e4ndnisvoller als ihre Vorg\u00e4ngerin. Als ehemalige Journalistin wusste sie, dass es manchmal unabdingbar war, Geheimnisse zu bewahren, zumindest f\u00fcr eine gewisse Zeit. Aber als gelernte Journalistin wusste sie nat\u00fcrlich auch, dass ihr Mann nicht einfach so verschwinden konnte.<br \/>\n\u201eWohin gehst du?\u201c fragte sie.<br \/>\n\u201eTop secret, selbst f\u00fcr dich. Offiziell bin ich in Gleneagles, auf dem G-8- Gipfel. Da gibt es eh nichts Wichtiges zu entscheiden \u2013 es geht nur um ein bisschen Schuldenerlass f\u00fcr die \u00e4rmsten L\u00e4nder Afrikas. Allerdings sind die in gewisser Weise schon wichtig \u2013 Dehland braucht ihre Stimmen in der UN-Vollversammlung, damit wir endlich den uns zustehenden st\u00e4ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat kriegen. Endlich gleichauf mit George Dubbleyou sein \u2013 wie mir da der Kamm schwillt! F\u00fcr die als offiziell geltenden Filmeinspielungen in Schottland mit mir wird mein Freund Tony schon sorgen.\u201c<br \/>\n\u201eDu nimmst einen Rucksack mit?\u201c fragte sie ungl\u00e4ubig. \u201eDu hast keine Hotelreservierung, noch nicht mal eine Kreditkarte?\u201c<br \/>\n\u201eNein!\u201c antwortete er stolz. \u201eDie Freunde, die mich beherbergen, nehmen selbstverst\u00e4ndlich kein Geld. Sie leben recht einfach.\u201c Bei dem Wort \u201aFreunde\u2019 rieselte ihm ein Schauer den R\u00fccken herunter.<br \/>\nSie stellte keine Fragen. Sie schnallte ihm noch einen Schlafsack auf den Rucksack und schmierte ihm Brote, sie erinnerte ihn daran, dass nicht nur sie, sondern auch sein Hund und seine T\u00f6chter sehns\u00fcchtig auf seine R\u00fcckkehr warteten, was ihm gefiel, und sie erinnerte ihn nicht daran, dass er rechtzeitig zum Wiener Operball oder zu einem sonstigen wichtigen gesellschaftlichen Ereignis unbedingt zur\u00fcck sein musste, anders als ihre Vorg\u00e4ngerin, was ihm ebenfalls Vergn\u00fcgen bereite.<br \/>\nSo ging er dahin, und der Weg war nicht k\u00fcrzer und nicht weniger m\u00fchevoll als beim ersten Mal. Sp\u00e4t am Abend kam er in B\u00e4renleben an. Nat\u00fcrlich erkannte er das B\u00e4rental gleich wieder, aber es kam ihm merkw\u00fcrdig unbewohnt vor. Jetzt, mitten im Juli, waren die Brombeeren nat\u00fcrlich noch ungenie\u00dfbare gr\u00fcne Klumpen, aber die Himbeeren lockten, Winzball neben Winzball zu roten Kugeln geschlossen, und im Gras dufteten die w\u00fcrzigen Walderdbeeren. Aber niemand hatte von den leckeren Fr\u00fcchten genascht. Er war \u00e4u\u00dferst irritiert. Er war aber auch viel zu m\u00fcde und ersch\u00f6pft, um jetzt noch nach den B\u00e4ren zu rufen oder gar auf die Suche nach ihnen zu gehen. Er lie\u00df sich zu Boden fallen, wo er gerade stand, schaffte es noch nicht einmal, in den Schlafsack zu schl\u00fcpfen, und schlief zum ersten Mal nach langen Jahren wieder tief und traumlos.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd3.jpg\" alt=\"B\u00e4rdel\" width=\"320\" height=\"240\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>Er schlief lange, und al er erwachte, stand die Sonne schon hoch. Von rechts und links, von vorne und hinten nickte ihm eine \u00fcppige Himbeerernte zu, die noch immer von keinem gierigen B\u00e4ren eingefahren worden war. Er blinzelte kurz, \u00f6ffnete wieder die Augen \u2013 und pl\u00f6tzlich hatte sich die Welt verwandelt. Vor ihm sa\u00df der gro\u00dfe Braune \u2013 B\u00e4rdel -, neben ihm der Kleine mit der Fliege \u2013 Kulle.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle5.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"440\" height=\"330\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>Die B\u00e4renfrau, die ihn beim letzten Mal als erste begr\u00fc\u00dft hatte, war auch dabei \u2013 Tumu, erinnerte er sich. Ein vierter, bisher unbekannter B\u00e4r hatte sich dazugesellt.<br \/>\n\u201eGuten Morgen! Uns kennst du ja schon. Das da ist Manfred \u2013 mein Sohn.\u201c Wieder sprach Tumu als erste.<br \/>\n\u201eGuten Morgen!\u201c sagte der Kanzler, verwirrt ob des pl\u00f6tzlichen Auftritts. \u201eWo kommt ihr denn so pl\u00f6tzlich her?\u201c<br \/>\n\u201eWir sind gar nicht hergekommen!\u201c kicherte Tumu. \u201eDies ist eine virtuelle Konferenz.\u201c<br \/>\nAbrupt setzte sich der Kanzler auf und lachte. \u201eAch so, ihr seid gar nicht richtig da? Immer zu Scherzen aufgelegt, wie?\u201c Er streckte mutig eine Hand aus, machte den Zeigefinger lang und piekste damit B\u00e4rdel an, der ihm am n\u00e4chsten sa\u00df. Der Finger verschwand tief in B\u00e4rdels Fell, und der Kanzler sp\u00fcrte gar nichts.<br \/>\n\u201eOh!\u201c sagte er.<br \/>\n\u201eDas ist noch gar nichts!\u201c kommentierte Manfred. \u201eDarf ich mal?\u201c fragte er, ohne die Antwort abzuwarten. Er kniff den Kanzler in den Arm, und dem tat das schrecklich weh.<br \/>\n\u201eAu!\u201c schrie der folglich.<br \/>\nDie B\u00e4ren brummten zufrieden.<br \/>\n\u201eDas geht so gar nicht!\u201c erkl\u00e4rte der Kanzler. Er hatte seine Misere v\u00f6llig vergessen, verdr\u00e4ngt, weswegen er hergekommen war. Ihn interessierten jetzt nur noch technische Details. \u201eDas geht so gar nicht!\u201c wiederholte er. \u201eWenn ihr wirklich virtuell seid, k\u00f6nnt ihr Virtuelles als real empfinden, nicht aber Reales. Und das auch nur mit hohem technischem Aufwand und bis heute nur teilweise in Echtzeit.\u201c<br \/>\n\u201eWirklich?\u201c erkundigte Kulle sich scheinheilig unschuldig.<br \/>\n\u201eWir haben die Technik ein wenig weiterentwickelt,\u201c erkl\u00e4rte Manfred kurz und b\u00fcndig.<br \/>\n\u201eUnd wie funktioniert das? Wie habt ihr das geschafft? Wo lebt ihr jetzt? Warum seid ihr weggezogen? Wie&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eJetzt h\u00f6r endlich auf, Fragen zu stellen, die dich \u00fcberhaupt nicht interessieren!\u201c knurrte B\u00e4rdel. \u201eIch habe genug Menschenpsychologie studiert, um zu wissen, dass du nur Antworten auf eine Frage haben m\u00f6chtest, und das ist nicht die, die du eben gestellt hast. Als du herkamst, hattest du noch andere Fragen, aber das ist vorbei. Jetzt willst du nur noch wissen: \u201aK\u00f6nnt ihr mir diese Technik geben?\u2019 Die Antwort ist: Nein.\u201c<br \/>\n\u201eNein!\u201c jaulte der Kanzler auf. \u201eAber&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eAber diese Technik ist revolution\u00e4r! Niemand verf\u00fcgt \u00fcber sie, niemand von den Menschen. Wenn ihr sie mir zur Verf\u00fcgung stelltet, k\u00f6nntet ihr den Standort Dehland retten. Wir w\u00fcrden den Export noch mehr ankurbeln, Arbeitspl\u00e4tze in Millionenh\u00f6he w\u00fcrden geschaffen, ich w\u00fcrde wiedergew\u00e4hlt!\u201c Es zeigte sich, dass Manfred den Kanzler gr\u00fcndlich studiert haben musste. Jedenfalls konnte er ihn hervorragend imitieren<span class=\"datum\"> (Es ist allerdings fraglich, ob auch der Kanzler wei\u00df, dass \u201eWenn-S\u00e4tze\u201c w\u00fcrde-los sind und folglich des korrekten Konjunktivs Pr\u00e4teritum bed\u00fcrfen. (die Sekret\u00e4rin))<\/span> .<br \/>\n\u201eGenau!\u201c best\u00e4tigte der Kanzler irritiert.<br \/>\n\u201eCui bono?\u201c wollte Kulle wissen. \u201eErstens willst du gar nicht wiedergew\u00e4hlt werden, um mit dem unwichtigsten Punkt anzufangen. Deutlich weniger als dein Exgenosse Oskar. Der hat den Ausstieg so gew\u00e4hlt, dass ihm eine Wiedereinstiegsoption offen blieb. Der hat deutlich gemacht, dass ihm deine politische Richtung nicht passt. Und du? Du sagst: meine politische Richtung passt mir, liebe Leute, aber euch offensichtlich nicht, und deshalb lasse ich mir jetzt von meinen engsten Mitstreitern best\u00e4tigen, dass sie meiner Richtung nicht mehr folgen wollen, damit ihr alle die Chance habt, mich ein paar Wochen sp\u00e4ter wiederzuw\u00e4hlen. Wenn das eine nachvollziehbare Logik ist, fresse ich meine Fliege, und ich darf dir sagen, ohne eitel zu erscheinen, dass ich ziemlich viel von Logik verstehe. Soweit zum ersten Punkt.\u201c<br \/>\nKulle holte Luft. \u201eNun zum zweiten. Ja, bestimmt w\u00fcrden Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Nicht so viele, wie du denkst. Manfred ist Minimalist und erreicht mit geringsten Mitteln verbl\u00fcffende Ergebnisse. Nicht unbedingt dort, wo du denkst. Spitzenkr\u00e4fte sind n\u00f6tig, um die Bedingungen f\u00fcr Manfreds VR zu schaffen \u2013 die gibt es unter den Menschen gegenw\u00e4rtig haupts\u00e4chlich in China, Indien und Brasilien. Einige andere L\u00e4nder sind im Kommen. \u00dcber das dehl\u00e4ndische Bildungssystem, die Bereitschaft und das Interesse der Dehl\u00e4nder, sich im Bereich der Naturwissenschaften und der Technik zu qualifizieren, schweigt des B\u00e4ren H\u00f6flichkeit \u2013 deine Ministerin f\u00fcr Bildung kann in dieser Hinsicht bestimmt mit Zahlen aufwarten, falls dir gerade die Unterlagen fehlen.<br \/>\nZum dritten. Du hast ein strukturelles Arbeitslosigkeitsproblem. Du hast versucht, dem Problem beizukommen, nicht, indem du es gel\u00f6st hast, sondern indem du den Betroffenen auferlegt hast nachzuweisen, dass sie ihre Lage selbst verschuldet haben und sich selbst daraus befreien k\u00f6nnen. Dieser Ansatz ist gescheitert, weil er scheitern musste, und nicht, wie die Dehl\u00e4nder aufgrund der ver\u00f6ffentlichten Meinung gerade zu glauben gehalten sind, weil Peter Hartz irgendwo zusammen mit Belegschaftsvertretern von VW von willigen Damen unterhalten worden ist. Richtig?\u201c<br \/>\nDer Kanzler nickte betr\u00fcbt.<br \/>\n\u201eKopf hoch, Kanzler! Manfreds geniale technische Entwicklung k\u00f6nnte dieses Problem l\u00f6sen&#8230;\u201c Kulle hielt seine Stimme in einer verhei\u00dfungsvollen Schwebe. B\u00e4rdel und Manfred grinsten. Tumu kicherte verhalten. Aber davon bemerkte der Kanzler nichts. Eine Welle der Hoffnung hatte ihn \u00fcberschwemmt, eine schon lange nicht mehr gef\u00fchlte W\u00e4rme.<br \/>\n\u201eWie denn?\u201c presste er hervor, voller Angst, Kulles vage Andeutung eines Versprechens k\u00f6nnte sich als Trug erweisen. B\u00e4rdels dezidiertes \u201eNein!\u201c hatte er l\u00e4ngst vergessen, weil er es vergessen wollte.<br \/>\n\u201eIhr produziert das Equipment, meinetwegen unter dehl\u00e4ndischem Patent, mit dehl\u00e4ndischer Lizenz. Ihr verkauft es weltweit, f\u00fcr wenig Geld. Das Equipment hat mehr M\u00f6glichkeiten, als wir dir hier gezeigt haben. Jeder, der es besitzt, kann sich jede Welt generieren, die er will. Die meisten, die das tun, werden der Verf\u00fchrung erliegen und nie wieder aus ihren Phantasien auftauchen. Das Problem der \u00fcberfl\u00fcssigen Menschheit erledigt sich so von selbst.&#8220; <span class=\"datum\">(Kulle bittet R. Sieferle um Verzeihung, weil er diese Idee von ihm geklaut hat.)<\/span><br \/>\n\u201ePhantastisch!\u201c fl\u00fcsterte der Kanzler.<br \/>\n\u201eJa, phantastisch!\u201c pflichtete Kulle bei. Dann wurde er sehr ernst. \u201e\u00dcbrigens \u2013 wir werden dir das Know-how nicht zur Verf\u00fcgung stellen. Als B\u00e4ren f\u00fchlen wir uns verpflichtet, zum \u00dcberleben jeder Spezies auf diese Erde beizutragen, wie widerlich sie auch sei.\u201c<br \/>\nEr machte eine effektvolle Pause.<br \/>\n\u201eKanzler, warum bist du eigentlich hergekommen?\u201c<br \/>\n\u201eIch wollte&#8230;\u201c Dem Kanzler fiel keine Antwort ein, weil er die Antworten auf die Fragen, die er hatte stellen wollen, inzwischen bekommen hatte. Es waren allerdings nicht die Antworten, die er hatte haben wollen.<br \/>\n\u201eJa?\u201c fragte Tumu.<br \/>\n\u201eIch wollte Hilfe,\u201c sagte der Kanzler hilflos.<br \/>\n\u201eDie hast du doch bekommen, oder?\u201c antworteten die Vier im Chor. Und waren verschwunden.<br \/>\nDer Kanzler tat das einzig Richtige, das ihm zu tun blieb. Er pl\u00fcnderte die Himbeerstr\u00e4ucher, suchte die Walderdbeerenstauden nach ihren winzigen Fr\u00fcchten ab und stillte so seinen Hunger. Dann r\u00e4umte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen und machte sich auf den Heimweg.<br \/>\nIn ihrem neuen Zuhause irgendwo in Dehland am\u00fcsierten sich B\u00e4rdel, Kulle , Manfred und Tumu noch kurze Zeit \u00fcber den dummen Menschen, der einmal wieder nichts von ihnen gelernt hatte. Da war sein <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/01\/der-kanzler\/\">Vorg\u00e4nger<\/a> doch von anderem Kaliber! Dann gingen sie ihrer Wege. B\u00e4rdels Familie machte sich auf Beerensuche. Kulle allerdings bediente sich ein zweites Mal der genialen Technik Manfreds und stellte eine Verbindung zu Oskar Lafontaine und Gregor Gysi her. Nicht, dass er sich allzu viel davon versprach. Aber man konnte ja nie wissen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kanzler war jetzt nicht mehr, wie schon lange, nur verzweifelt, er war superverzweifelt, ultraverzweifelt, hyperverzweifelt. 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