{"id":440,"date":"2005-10-13T19:01:09","date_gmt":"2005-10-13T17:01:09","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=440"},"modified":"2017-04-01T13:13:50","modified_gmt":"2017-04-01T11:13:50","slug":"brummbaer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2005\/10\/brummbaer\/","title":{"rendered":"Brummb\u00e4r"},"content":{"rendered":"<style type=\"text\/css\">\n<!-- BODY, P { background-image: url(http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel4.jpg); background-repeat: no repeat; background-attachment: fixed;} --><br \/><\/style>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd3.jpg\" alt=\"B\u00e4rdel\" width=\"320\" height=\"240\" border=\"0\" \/><\/div>\n<h3>Die klandestine Zeitung f\u00fcr alle europ\u00e4ischen B\u00e4ren erscheint monatlich in franz\u00f6sischer, baskischer, spanischer, serbischer, kroatischer, mazedonischer, litauischer, estnischer, lettischer, russischer, polnischer, ukrainischer und seit heute auch wieder in deutscher Sprache<\/h3>\n<h4>Ausgabe M\u00e4rz 2005<\/h4>\n<p>Interview mit B\u00e4rdel<\/p>\n<p><i>Brummb\u00e4r:<\/i> B\u00e4rdel, seit wann bist du wieder in Dehland?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Seit ein paar Stunden.<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Warum bist du zur\u00fcckgekommen?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Es ist mir nicht leicht gefallen. Meine Familie ist noch dr\u00fcben in den USA. Die ganze Sippe auch. Ich konnte sie noch nicht mitbringen. Es war Gl\u00fcck, dass ich mich als B\u00e4renschinken getarnt in ein Frachtflugzeug einschmuggeln konnte. Eigentlich mehr als Gl\u00fcck, eher ein Wunder, wenn man bedenkt, wie die Sicherheitsvorkehrungen seit 9\/11 versch\u00e4rft worden sind.<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Sehr interessant, B\u00e4rdel, aber du hast unsere Frage nicht beantwortet.<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Entschuldigung. Was war die Frage?<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Warum bist du zur\u00fcckgekommen?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Wohin?<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Nach Dehland nat\u00fcrlich.<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Nat\u00fcrlich finde ich das keineswegs. Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob ich das Richtige getan habe.<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> B\u00e4rdel, bist du m\u00fcde?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Ja, schrecklich!<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Dann musst du gleich schlafen. Aber erz\u00e4hl uns doch bitte vorher die Geschichte der letzten Tage&#8230;<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Gerne. Aber es geht nicht nur um die Geschichte der letzten Tage, sondern um die vergangenen Wochen und Monate. Es gelang uns nicht mehr, uns zu tarnen. Ihr habt doch bestimmt auch hier vom Patriot Act geh\u00f6rt, oder? Nein? Also, der so genannte Patriot Act ist eine hervorragende Idee der Bush-Regierung, die B\u00fcrger zu bespitzeln und die Meinungsfreiheit drastisch einzuschr\u00e4nken. Buchhandlungen m\u00fcssen melden, wer welche B\u00fccher gekauft hat, Bibliotheken m\u00fcssen Auskunft dar\u00fcber geben, wer sich was ausleiht. Das ist uns zum Verh\u00e4ngnis geworden. Kulle mit seinem Hang zu revolution\u00e4ren politischen Theorien und Manfred, der vor allem technische Literatur liest, waren in der Public Library und im Buchladen im kleinen friedlichen Moab zu auff\u00e4llig. Au\u00dferdem muss Manfred zu sorglos mit seinen zahllosen Kreditkarten umgegangen sein, die er sich auf Wegen besorgt, die ich nie recht durchschaut habe. Nein, das Letzte ist gestrichen. Das d\u00fcrft ihr nicht drucken. Jedenfalls sind wir aufgefallen. Die <a href=\"http:\/\/www.moabtimes.com\" target=\"_blank\">Moab Times<\/a>, das lokale Wochenblatt, munkelte von dunklen Umtrieben und einer Verschw\u00f6rung von marxistisch motivierten Bombenbastlern. Dar\u00fcber konnten wir noch lachen. Aber dann stand im <a href=\"http:\/\/www.canyoncountryzephyr.com\/\" target=\"_blank\">Canyon Country Zephyr<\/a>, die Attent\u00e4ter oder Putschisten h\u00e4tten sich bestimmt in den Bergen versteckt. Das Blatt ist eigentlich progressiv und dem Naturschutz verpflichtet, der Artikel war ironisch gemeint, aber die braven Mormonen und vor allem der Sheriff von Grand County haben alles f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen. Der Sheriff hat die Geheimdienste alarmiert. Ich wei\u00df nicht, welche von den 15, wahrscheinlich alle, denn seit einiger Zeit wimmeln die LaSals von Menschen, die behaupten, Touristen zu sein, aber erkennbar keine sind. Wir sind nicht mehr sicher. Deshalb werden wir alle zur\u00fcckkommen. Ich bin deshalb hier, weil ich ein neues Quartier f\u00fcr uns finden soll.<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Das tut uns leid, B\u00e4rdel. Aber zwei Dinge haben wir nicht verstanden: Wie wollt ihr alle zur\u00fcckkommen, wenn du allein es nur unter Lebensgefahr geschafft hast? Und warum geht ihr nicht nach B\u00e4renleben zur\u00fcck?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Was den Transport angeht, so haben wir in dieser Beziehung spezielle Kontakte, die ich gef\u00e4hrden w\u00fcrde, wenn ich hier dar\u00fcber Auskunft g\u00e4be. Entschuldigung, ich bin wirklich entsetzlich m\u00fcde. Was war die zweite Frage?<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Warum geht ihr nicht nach B\u00e4renleben zur\u00fcck?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Ja, warum eigentlich nicht? Nun &#8211; &#8211; &#8211; also, die Vollversammlung hat beschlossen, dass wir &#8211; &#8211; &#8211; das wir etwas Neues ausprobieren wollen. Eine Neuorientierung gewisserma\u00dfen &#8211; &#8211; nach Osten. Die Erweiterung der Europ\u00e4ischen Union im Mai 2004 war schlie\u00dflich de facto eine Osterweiterung, und auch wir B\u00e4ren sollten&#8230;<br \/>\nBrummb\u00e4r: B\u00e4rdel, wir unterbrechen dich \u00e4u\u00dferst ungern und wir sind auch ungern unh\u00f6flich, aber wir haben das Gef\u00fchl, dass du uns nicht die Wahrheit sagst.<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Ich bin auch nicht gerne unh\u00f6flich, aber Journalisten sollten sich auf ihren Verstand verlassen und nicht auf ihr Gef\u00fchl!<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Nun ja, aber trotzdem&#8230;<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Manchmal allerdings zeigen Gef\u00fchle den richtigen Weg&#8230; Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich vor einigen Jahren vielen armen Menschen mit ziemlich viel Geld aus der Patsche geholfen habe. Die Aktion lief zwar anonym, aber das dehl\u00e4ndische Finanzamt hat trotzdem einen sehr unangenehmen <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2000\/03\/exodus\/\">Steuerbescheid<\/a> nach B\u00e4renleben geschickt. Kurz und gut, wir m\u00fcssen uns eine andere Bleibe suchen und werden das auch tun. Wir haben an Meckpomm gedacht.<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Mac Pom?<br \/>\n<i>B\u00e4rdel:<\/i> Nein, nicht Mac Pom, Meckpomm! Mecklenburg-Vorpommern! Viele W\u00e4lder, Seen mit leckeren Fischen und immer weniger Menschen. Dort werden wir unsere Ruhe haben. Ich werde das entsprechende Fleckchen f\u00fcr uns finden, und dann sage ich Tussi &#8211; &#8211; &#8211; \u00e4h, unserem Transportkontakt Bescheid, und dann siedeln wir uns dort an. Und jetzt muss ich ins Bett. Ich habe schon genug unvorsichtige Bemerkungen gemacht.<br \/>\n<i>Brummb\u00e4r:<\/i> Schlaf sch\u00f6n. Und vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>\u201cB\u00e4rdel\u201c, fragte der Journalist, autorisierst du das Interview, abgesehen von der Sache mit Manfreds Kreditkartenbeschaffung, versteht sich?\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel wackelte mit seinem dicken Kopf. Auf einmal war er hellwach. Er erinnerte sich an manche intensive Diskussion mit Kulle. Und weil er dessen Argumente zum Teil \u00fcbernahm, formulierte er auch wie Kulle, ohne es zu merken.<br \/>\n\u201cNein\u201c, sagte er. Ich muss erst mal nachdenken. Denken kann ich am besten laut, ich hoffe, du verzeihst mir das. Also &#8211; in welchem Zustand ist Dehland? Verglichen mit den Zust\u00e4nden in den republikanischen Staaten der USA genie\u00dfen die Dehl\u00e4nder die Freiheit einer gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Lebensgestaltung. Aber falsch &#8211; sie genie\u00dfen diese Freiheit nicht. Stattdessen verlangen sie nach gesetzlichen Regelungen f\u00fcr private Lebensentw\u00fcrfe &#8211; ich sage nur Schwulenehe und Antidiskriminierungsgesetz. Wahrscheinlich vertragen die Dehl\u00e4nder die Freiheit nicht. So rufen sie wie fr\u00fcher nach Vater Staat, der es regeln soll &#8211; diesmal aber nicht die \u00f6ffentlichen Angelegenheiten, sondern die privaten. Es gibt nur einen Bereich, in dem die meisten Zeter und Mordio schrien, w\u00fcrde er angetastet: die Freiheit des Habens. Der Staat, momentan in Gestalt des sozialdemokratischen Innenministers Schily, kommt diesem Verunsicherungs- und Sicherheitsbed\u00fcrfnis zur zu gern nach und zuvor und bietet Hilfe an: Mit einer DNA-Analyse findet mach Verbrecher &#8211; warum also nicht gleich das Erbgut aller katalogisieren? Warum sollen die Banken nicht den Blick in die Konten ihrer Kunden erm\u00f6glichen, um Steuers\u00fcnder zu fangen? Warum nicht alle Telefone \u00fcberwachen, alle Emails \u00fcberpr\u00fcfen, alle \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze mit Kameras \u00fcberwachen? Biometrische Ausweise &#8211; Wunderdinge, die Sicherheit bieten. Sie bieten mehr als das &#8211; geschickt genutzt, produzieren sie ein l\u00fcckenloses Bewegungsprofil.<br \/>\nWenn ich mir das so genau \u00fcberlege, ist Dehland auch nicht viel besser als die USA.\u201c<br \/>\n\u201cHei\u00dft das\u201c, fragte der Journalist entt\u00e4uscht, \u201cdass wir das Interview noch zur\u00fcckhalten m\u00fcssen?\u201c<br \/>\n\u201cIch f\u00fcrchte, das hei\u00dft es!\u201c seufzte B\u00e4rdel. \u201cIch bin noch unentschlossen, was wir tun werden. Ich muss mich in Europa erst mal umsehen. Aber wenn du im \u201cBrummb\u00e4r\u201c jetzt eine unvorhergesehene L\u00fccke f\u00fcllen musst, dann habe ich etwas f\u00fcr dich.\u201c<br \/>\n<b>\u201cDurch eine zu ausgedehnte Sorgfalt des Staates leidet die Energie des Handelns \u00fcberhaupt und der moralische Charakter. Wer oft und viel geleitet wird, kommt oft dahin, den \u00dcberrest seiner Selbstt\u00e4tigkeit gleichsam freiwillig zu opfern. Er glaubt sich der Sorge \u00fcberhoben, die er in fremden H\u00e4nden sieht, und genug zu tun, wenn er ihre Leitung erwartet und ihr folgt (&#8230;) Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt f\u00fcr den positiven Wohlstand der B\u00fcrger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherheit gegen sich selber und gegen ausw\u00e4rtige Feinde notwendig ist; und zu keinem anderen Endzweck beschr\u00e4nke er ihre Freiheit.\u201c <\/b><br \/>\n<span class=\"datum\">(B\u00e4rdel bittet &#8222;Die Zeit\u201c um Verzeihung, dass er sich ihrer Ausgabe 10\/2005 sch\u00f6pferisch bedient hat.)<\/span><\/p>\n<p>\u201cDas ist aber ein bisschen komisch und auch ein bisschen kurz\u201c, meinte der Journalist entt\u00e4uscht.<br \/>\n\u201cIch hoffe, du meinst mit &#8218;komisch&#8216; nicht den Inhalt\u201c, erwiderte B\u00e4rdel. \u201cVielleicht ist die Sprache ein wenig ungew\u00f6hnlich. Der Text ist schon \u00e4lter, er stammt von Wilhelm von Humboldt aus dem Jahre 1851. Und was die K\u00fcrze angeht &#8211; nehmt einfach eine gro\u00dfe Schrifttype. Diesen Text kann man gar nicht gro\u00df genug drucken!\u201c<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd.jpg\" alt=\"B\u00e4rdel\" width=\"262\" height=\"250\" border=\"0\" \/><\/div>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die klandestine Zeitung f\u00fcr alle europ\u00e4ischen B\u00e4ren erscheint monatlich in franz\u00f6sischer, baskischer, spanischer, serbischer, kroatischer, mazedonischer, litauischer, estnischer, lettischer, russischer, polnischer, ukrainischer und seit heute auch wieder in deutscher Sprache Ausgabe M\u00e4rz 2005 Interview mit B\u00e4rdel Brummb\u00e4r: B\u00e4rdel, seit wann bist du wieder in Dehland? B\u00e4rdel: Seit ein paar Stunden. 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