{"id":436,"date":"2001-05-25T18:51:35","date_gmt":"2001-05-25T16:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=436"},"modified":"2017-03-30T17:24:23","modified_gmt":"2017-03-30T15:24:23","slug":"tierische-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2001\/05\/tierische-beziehungen\/","title":{"rendered":"Tierische Beziehungen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/hummi.jpg\" alt=\"Kolibri\" width=\"314\" height=\"497\" align=\"right\" \/><\/p>\n<p>In ihrer neuen Heimat waren die B\u00e4ren mindestens genauso neugierig wie in Dehland, und am neugierigsten sind B\u00e4ren auf neue Zeitgenossen. Deshalb war B\u00e4rdel freudig erregt, als er auf einem seiner Streifz\u00fcge jemandem begegnete, den er noch nicht kannte. Vorher war er eine Bergwiese hinuntergetrabt, hatte ein wenig herumgetr\u00f6delt, den Kolibris beim Nektarsaugen zugesehen und ein paar Serviceberries genascht. Nach seinen ersten Beobachtungen handelte es sich bei dem Fremdling vermutlich um ein S\u00e4ugetier. Es war deutlich kleiner als ein B\u00e4r und bewegte sich auf vier Extremit\u00e4ten voran. Sein Fell war dunkelgrau bis wei\u00df, und auff\u00e4llig war der breite, lange und buschige Schwanz. Als B\u00e4rdel sich dem Fremden n\u00e4herte, hob der den Schwanz lotrecht in die H\u00f6he und wandte ihm das Hinterteil zu, wobei er \u00fcber die Schulter schaute und jede Bewegung B\u00e4rdels aufmerksam verfolgte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/skunk.jpg\" alt=\"Skunk\" width=\"271\" height=\"260\" align=\"left\" \/><\/p>\n<p>Das war ein Begr\u00fc\u00dfungsritual, dem B\u00e4rdel bisher noch nie begegnet war. Recht elegant sah es aus, fand er, und deshalb versuchte er seinerseits, seine Ann\u00e4herung so \u00e4sthetisch wie m\u00f6glich zu gestalten. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, verbeugte sich, setzte, wie es Vorschrift war, immer abwechselnd den rechten und den linken Fu\u00df drei beziehungsweise viermal nach hinten und drehte sich anschlie\u00dfend einmal um sich selbst. Diese komplizierte Bewegung war seit undenklichen Zeiten das B\u00e4renzeichen f\u00fcr: &#8222;Ich komme als Freund!&#8220; Selbstverst\u00e4ndlich wu\u00dfte B\u00e4rdel, da\u00df eben jenes friedenbringende harmonische Schwingen seine Vorfahren in Europa jahrhundertelang zu Tanzb\u00e4ren degradiert hatte, weil die Menschen zu dumm waren, um speziell die Begr\u00fc\u00dfungsgeste der B\u00e4ren und allgemein B\u00e4ren \u00fcberhaupt zu verstehen. Aber das bereitete ihm jetzt keine Probleme. Hier, in Amerika, dachte er, w\u00fcrde er schon richtig verstanden werden.<\/p>\n<p>&#8222;Guten Tag!&#8220; sagte er. &#8222;Ich bin B\u00e4rdel. Nett, dich zu treffen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;SSSSSSS&#8220;, sagte der Fremde.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel dachte nach. Er hatte sich nach Kr\u00e4ften bem\u00fcht, so schnell wie m\u00f6glich die Sprache des fremden Landes zu lernen, und inzwischen hatte er normalerweise auch keine Probleme mehr mit der Verst\u00e4ndigung. Jetzt aber verstand er gar nichts. Ramses hatte ihm erz\u00e4hlt, da\u00df in den USA viele Dia-, Sozio- und sonstige -Lekte gesprochen werden, die zum Teil wie fremde Sprachen erscheinen. B\u00e4rdel nahm an, da\u00df er es mit einer solchen Subsprache zu tun zu hatte.<\/p>\n<p>&#8222;SSS &#8211; den Namen habe ich noch nie geh\u00f6rt. Aber ich bin auch neu hier.&#8220; Er \u00fcberlegte, ob er nochmals sagen sollte, da\u00df er B\u00e4rdel war, aber er beschlo\u00df, darauf zu verzichten. Die einmalige Erw\u00e4hnung sollte eigentlich f\u00fcr intelligente Wesen ausreichen.<\/p>\n<p>&#8222;ISSSOFFF!&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt,als B\u00e4rdel genauer hinh\u00f6rte, unterschied er zwei Vokale und zwei Konsonanten, aber er brauchte geraume Zeit, um einen Sinn in die Aussage zu bringen. Endlich aber wurde ihm klar: Der graue Fremde wolte, da\u00df er verschwand.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel setzte sich auf seinen dicken Hintern und dachte weiter nach. Der Fremde stand unver\u00e4ndert, den Schwanz hoch erhoben. Beide sahen einander erwartungsvoll an.<\/p>\n<p>&#8222;Warum m\u00f6chtest du, da\u00df ich weggehe? Bevor du \u00fcberhaupt wei\u00dft, wer ich bin?&#8220; fragte B\u00e4rdel schlie\u00dflich. &#8222;Ganz abgesehen davon, da\u00df ich auch nicht wei\u00df, wer du bist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ssssicherheit!&#8220; zischte der Fremde.<\/p>\n<p>Jetzt hatte B\u00e4rdel sofort verstanden. &#8222;Damit hast du zweifellos recht&#8220;, antwortete er und machte nach diesem kurzen Satz eine effektvolle Pause. &#8222;Aber auch wieder nicht!&#8220; f\u00fcgte er danach hinzu, als sei diese widerspr\u00fcchliche Aussage das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt.<\/p>\n<p>&#8222;Ssssoldasssheissssen?&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/atti1.jpg\" alt=\"Athabasca\" width=\"480\" height=\"360\" align=\"right\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Wenn du alle wegschickst, die zu dir kommen, kann dir niemand gef\u00e4hrlich werden. Aber wenn du niemandem gestattest, dir nahe zu kommen, dann kann dir auch keiner helfen, wenn du Hilfe brauchst. Dann bist du nicht sicher.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ssssstimmt.&#8220;<\/p>\n<p>Da der Graue einsilbig blieb, kam B\u00e4rdel auf die Idee, ihm eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Das geh\u00f6rt, wie wir wissen, ohnehin zu seinen Lieblingsbesch\u00e4ftigungen.<\/p>\n<p>&#8222;Kennst du Athabasca? Nein? Athabasca ist eine B\u00e4rin, die schon lange hier in den LaSals lebt, w\u00e4hrend ich erst vor kurzem angekommen bin. Aber das kann ich ein andermal erz\u00e4hlen. Von Athabasca kenne ich eine Story der Ute-Indianer. Sie hei\u00dft Kr\u00f6te und Frosch\u2018 und ist mir auch deshalb besonders sympathisch, weil eine Fr\u00f6schin darin vorkommt. Aber auch das sollte ich besser sp\u00e4ter mal erkl\u00e4ren. Willst du die Geschichte h\u00f6ren?&#8220;<\/p>\n<p>Der Fremde lie\u00df weder eine zustimmende noch eine ablehnende Reaktion erkennen, und so fing B\u00e4rdel einfach an.<\/p>\n<p>&#8222;Die Kr\u00f6te hatte Kinder. Die Fr\u00f6schin kam, um sie zu besuchen. Sie sagte: \u2018Ihr werdet ertrinken. Das Wasser wird steigen und euch ers\u00e4ufen.\u2018 Kr\u00f6te dachte dar\u00fcber nach und sagte dann: \u2018Wir ziehen besser um.\u2018 Sie wanderten hoch auf den H\u00fcgel. Es begann zu regnen, es regnete und regnete. Das Wasser stieg hoch. Oben auf dem H\u00fcgel gab es einen Teich. Fr\u00f6schin sa\u00df an seinem Ufer. Die kleinen Kr\u00f6ten sagten zu ihr: \u2018Wenn das Wasser zur\u00fcckgeht, wirst du austrocknen und deine Beine in die Luft strecken.\u2018<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd.jpg\" alt=\"Baerdel\" width=\"262\" height=\"250\" align=\"right\" \/><\/p>\n<p>Die Kr\u00f6te ging fort. Als sie nach einiger Zeit zur\u00fcckkam, lag die Fr\u00f6schin leblos da, genau so, wie die Kinder es vorausgesagt hatten. Kr\u00f6te ging zu ihr und spuckte ihr auf die Brust, was ihr Erfischung brachte. Sie \u00f6ffnete die Augen und sagte: \u2018Ich habe geschlafen.\u2018 So wurde sie ins Leben zur\u00fcckgebracht.&#8220;<\/p>\n<p>B\u00e4rdel war fertig und schaute den Unbekannten erwartungsvoll an.<\/p>\n<p>&#8222;Gesssschichten erzzzz\u00e4hlen kann ich auch!&#8220;, zischte der, und er trat ohne Z\u00f6gern den Beweis daf\u00fcr an.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Gessssellschaft Ssssstachelsssschweine dr\u00e4ngte sssich an einem kalten Wintertage recht nahe zussssammen, um durch die gegenssseitige W\u00e4rme sssich vor dem Erfrieren zzzu sssch\u00fctzzzen. Jedoch bald empfanden ssssie die gegenssseitigen Ssstacheln; welchesss sssie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun dasss Bed\u00fcrfnisss der Erw\u00e4rmung sssie wieder n\u00e4her zzzusssammenbrachte, wiederholte sssich jenesss zzzweite \u00dcbel, so da\u00df\u00df\u00df sssie zzzwissschen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bisss sssie eine m\u00e4\u00df\u00df\u00dfige Entfernung voneinander herausssgefunden hatten, in der sssie esss am besssten aussshalten konnten. -&#8220;<\/p>\n<p>Die zahllosen Zischlaute bereiteten B\u00e4rdel erhebliche M\u00fche, aber er verstand die Geschichte wohl, und dar\u00fcber hinaus meinte er, sie schon einmal geh\u00f6rt zu haben. Aber wo nur?<\/p>\n<p>&#8222;Na also!&#8220; rief er, &#8222;das best\u00e4tigt mich doch, oder? Auch Stachelschweine brauchen W\u00e4rme und Gesellschaft, sie haben nur Probleme, diese Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen!&#8220;<\/p>\n<p>Aber der Freme winkte nur herablassend ab und sprach weiter.<\/p>\n<p>&#8222;Ssso treibt dasss Bed\u00fcrfnisss der Gesssellschaft, ausss der Leere und Monotonie desss eignen Innnern entsssprungen, die Menssschen &#8211; und anssscheinend auch die B\u00e4ren, Fr\u00f6sssche und Kr\u00f6ten &#8211; zzzueinander; aber ihre vielen widerw\u00e4rtigen Eigenssssschaften und unertr\u00e4glichen Fehler sssto\u00df\u00df\u00dfen sssie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sssie endlich herausssfinden und bei welcher ein Beisssammensssein bessstehen kann, ist die H\u00f6flichkeit und feine Sssitte. Dem, der sssich nicht in diessser Entfernung h\u00e4lt, ruft man in England zzzu: Keep your dissstanccce. &#8211; Verm\u00f6ge derssselben wird zzzwar dasss Bed\u00fcrfnisss gegenssseitiger Erw\u00e4rmung nur unvollkommen befriedigt, daf\u00fcr aber der Ssstich der Ssstacheln nicht empfunden. -&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Hm&#8220;, ich k\u00f6nnte ja jetzt beleidigt sein, weil du mir innere Leere unterstellst, aber immerhin gibst du doch zu, da\u00df wir alle Gesellschaft brauchen und&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Der Graue unterbrach ihn mit einer gebieterischen Bewegung seines unver\u00e4ndert hoch erhobenen Schwanzes.<\/p>\n<p>&#8220; Wer jedoch viel eigene, innere W\u00e4rme hat, bleibt lieber ausss der Gesssellssschaft weg, um keine Bessschwerde zu geben noch zzzu empfangen.&#8220;<\/p>\n<p>Ohne eine Reaktion abzuwarten, gab er seine drohende Haltung auf und verschwand blitzschnell im n\u00e4chsten Graben.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel sch\u00fcttelte den Kopf. Das war aber ein merkw\u00fcrdiger Einzelg\u00e4nger! Nach dem anstrengenden Gespr\u00e4ch mit ihm hatte er das dringende Bed\u00fcrfnis, nach Hause zu gehen und Tumu und allen anderen davon zu erz\u00e4hlen. Am schnellsten aber wollte er mit Kulle sprechen, denn ihm selbst fiel einfach nicht ein, wessen Gedanken der Fremde gerade zitiert hatte. Sein gebildeter Freund w\u00fcrde das selbstverst\u00e4ndlich wissen. Und sie beide w\u00fcrden sich lange \u00fcber N\u00e4he und Distanz von B\u00e4ren unterhalten k\u00f6nnen &#8211; ganz ohne Beschwerde.<\/p>\n<p>Er erhob sich voller Vorfreude und trabte auf den Berg zu, in dem sich ihre H\u00f6hle befand.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/porcupine.jpg\" alt=\"Stachelschwein\" width=\"300\" height=\"232\" \/><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer neuen Heimat waren die B\u00e4ren mindestens genauso neugierig wie in Dehland, und am neugierigsten sind B\u00e4ren auf neue Zeitgenossen. Deshalb war B\u00e4rdel freudig erregt, als er auf einem seiner Streifz\u00fcge jemandem begegnete, den er noch nicht kannte. 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