{"id":433,"date":"2000-06-01T18:43:16","date_gmt":"2000-06-01T16:43:16","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=433"},"modified":"2017-04-01T16:12:36","modified_gmt":"2017-04-01T14:12:36","slug":"elternfuehrerschein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2000\/06\/elternfuehrerschein\/","title":{"rendered":"Elternf\u00fchrerschein"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/grizzy.jpg\" alt=\"Manfred und Grizzy\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/div>\n<p><span class=\"firstchar\">M<\/span>anfred unternahm seinen vorl\u00e4ufig letzten Inspektionsgang in der neuen B\u00e4renheimat. Es war Mitte November geworden, und vor allem in den Senken und den vor dem Wind gesch\u00fctzten Lagen der LaSals versank er schon bis zum Bauch im Schnee. H\u00f6chste Zeit also f\u00fcr den Winterschlaf!<br \/>\nEr stellte beruhigt fest, da\u00df alle getan hatten, was f\u00fcr das sichere \u00dcberstehen der n\u00e4chsten Monate notwendig war. Zuerst einmal hatten sie gefressen, was das Zeug hielt, achtzehn, manchmal auch neunzehn Stunden am Tag, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Ramses und das Schwein hatten sich dabei nat\u00fcrlich zur\u00fcckgehalten &#8211; der Frosch brauchte so gut wie keine Reserven f\u00fcr die kalte Jahreszeit, weil er seinen Metabolismus auf Sparflamme stellte, und das Schwein konnte nun einmal nicht mehrere Monate hintereinander schlafen; deshalb hatte es sich Vorr\u00e4te angelegt und haupts\u00e4chlich Eicheln gesammelt. Auch die B\u00e4ren lagerten kleine Berge von N\u00fcssen, Eicheln und getrockneten Fr\u00fcchten und Pilzen in den Ecken ihrer H\u00f6hle. Keiner von ihnen w\u00fcrde die ganze Zeit lang durchschlafen, sondern zwischendurch aufwachen, f\u00fcr kurze Zeit nur und ein bi\u00dfchen dumpf im Kopf, aber immer hungrig.<br \/>\nManfred war nicht unterwegs, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, wie sich die anderen vorbereitet hatten. Ihm ging es um Selbstkontrolle. Er r\u00fcttelte an den elektrischen Leitungen, die er verlegt hatte, untersuchte jeden einzelnen Schaltkreis in der Telefon- und Computerzentrale und warf zum Schlu\u00df einen Blick in die Bibliothek. Die Regale, die die B\u00e4ren selbst gezimmert hatten, waren schon recht gut gef\u00fcllt. Selbstverst\u00e4ndlich enthielten sie kaum noch Nachschlagewerke. Informationsbedarf lie\u00df sich heutzutage in der Regel schneller und aktueller elektronisch befriedigen als mit Hilfe von bedrucktem Papier. Dagegen waren die Abteilungen Literatur, Kunst und Philosophie schon zu beachtlicher Gr\u00f6\u00dfe angeschwollen. Wahrscheinlich, dachte Manfred, w\u00fcrden auch sie eines Tages verschwinden und durch das e-book ersetzt werden. Oder vielleicht auch nicht. Er konnte sich nur schwer vorstellen, da\u00df sein altmodischer Vater zum Beispiel Hegels Darlegungen auf einem Bildschirm mit Hilfe eines Leseger\u00e4tes zu verstehen versuchte, anstatt mit einem Buch in der Hand herumzuwandern und dabei leise vor sich hin zu schimpfen, weil er die komplizierten Gedankeng\u00e4nge nicht sofort begriff. Und auch Kulle w\u00fcrde wohl die Papierausgabe vorziehen &#8211; wie sollte er auch auf einem Bildschirm seine w\u00fctenden Anmerkungen unterbringen, die er an den Rand von Texten zu kritzeln pflegte? Er schmunzelte, weil er an die beiden B\u00e4ren dachte, die er am meisten liebte, abgesehen von seiner Mutter nat\u00fcrlich, und weil er mit seiner Arbeit zufrieden war. Er konnte sich beruhigt der \u00fcberwiegend traumlosen Winterruhe hingeben, ohne sich zu sorgen, da\u00df drau\u00dfen der Schnee unerm\u00fcdlich Zentimeter um Zentimeter h\u00f6her wuchs und alles Leben unter sich begrub.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/atti.jpg\" alt=\"Athabasca\" width=\"440\" height=\"376\" align=\"left\" \/><br \/>\nEr drehte sich um und fand den Weg zur\u00fcck zur H\u00f6hle versperrt. Athabasca stand dicht vor ihm. Er sp\u00fcrte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann, scheinbar direkt in seiner Kehle. Vergeblich versuchte er zu schlucken und sich zu beruhigen. Hatte er gerade wirklich an die drei B\u00e4ren gedacht, die er am meisten liebte? Er wollte Athabasca begr\u00fc\u00dfen, brachte aber keinen artikulierten Ton heraus.<br \/>\nAtti nickte, als w\u00fc\u00dfte sie Bescheid. \u201eHi, Manfred\u201c, sagte sie leichthin und begl\u00fcckte ihn mit einem charmanten L\u00e4cheln. \u201eAlles klar f\u00fcrs Hibernieren?\u201c<br \/>\nManfred nickte.<br \/>\n\u201eSch\u00f6n!\u201c kommentierte die junge B\u00e4rin. Und selbstverst\u00e4ndlich, als redete sie \u00fcber eine Nebens\u00e4chlichkeit, fuhr sie fort: \u201eWir beide m\u00fcssen uns \u00fcbrigens beeilen, wenn wir in diesem Jahr noch ein Kind machen wollen.\u201c<br \/>\nManfred verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall, der ihn hilflos r\u00f6cheln lie\u00df. Vielleicht h\u00e4tte er sich nie wieder davon erholt und w\u00e4re elendiglich erstickt, wenn Athabasca ihm nicht energisch auf den R\u00fccken gesprungen und ihm von diesem Sitz aus in die Flanken getreten h\u00e4tte. Ganz allm\u00e4hlich kam er so wieder zu Atem.<br \/>\n\u201eWas hast Du gesagt?\u201c japste er endlich.<br \/>\n\u201eDu hast mich ganz genau verstanden!\u201c entgegnete Atti seelenruhig. \u201eGlaubst Du, ich habe nicht gemerkt, da\u00df Du schon vom ersten Tag an um mich herumschleichst und mir zu imponieren versuchst? Kann das etwas anderes bedeuten, als da\u00df Du mit mir schlafen willst? Ich jedenfalls habe nicht angenommen, da\u00df Du mir das Angebot machen wirst, mich zur Hilfsmedientechnikerin auszubilden! Oder irre ich mich?\u201c<br \/>\n\u201eNnnein&#8230;ja&#8230;nein&#8230;\u201c Manfred konnte in seiner Verwirrung nur stammeln.<br \/>\n\u201eAlso habe ich recht\u201c, stellte Atti fest. \u201eDu hast Dich nur nicht getraut. Seid Ihr Europ\u00e4er immer so sch\u00fcchtern?\u201c<br \/>\n\u201eNur manchmal&#8230;\u201c Nur m\u00fchsam konnte Manfred sich sammeln. Ganz allm\u00e4hlich, wie ein kleines, vom Ausgehen bedrohtes Fl\u00e4mmchen, glimmte in seinem Bewu\u00dftsein der Gedanke auf: Sie mag mich! Sie will mit mir schlafen! Er war so begeistert von dieser Erkenntnis, da\u00df er sie laut \u00e4u\u00dfern mu\u00dfte.<br \/>\n\u201eDu willst mit mir schlafen!\u201c rief er.<br \/>\n\u201eDas habe ich nicht gesagt.\u201c Die B\u00e4rin war so ernsthaft, da\u00df Manfreds Freude in sich zusammenfiel.<br \/>\n\u201eZuerst m\u00fcssen wir kl\u00e4ren, ob Du als Vater meiner Kinder geeignet bist.\u201c Sie zog ein eng zusammengerolltes Blatt Papier aus ihrem dichten Nackenfell, das Manfred bisher nicht bemerkt hatte. Sie breitete es aus und hielt es Manfred hin.<br \/>\n\u201eDa, lies!\u201c<br \/>\nEr gehorchte.<b><br \/>\n<\/b><\/p>\n<h3>Fragebogen zum Mutterf\u00fchrerschein<\/h3>\n<p><b>1. Was mache ich, wenn ich schwanger bin?<\/b><br \/>\na) Jeden Tag m\u00f6glichst viel mit dem F\u00f6tus reden &#8211; das gibt ein kluges Kind.<br \/>\nb) Viel Honigwein trinken, damit das Kind gro\u00df und stark wird.<br \/>\nc) Fressen, fressen, fressen &#8211; nach der Geburt werde ich die Reserven brauchen.<\/p>\n<p><b>2. Wie verhalte ich mich bei der Geburt?<br \/>\n<\/b> a) Ich suche den besten B\u00e4renarzt, den ich finden kann, und wenn er am anderen Ende der Welt wohnte.<br \/>\nb) Ich bitte alte B\u00e4rinnen um Beistand.<br \/>\nc) Ich verlasse mich ganz auf meinen gesunden jungen K\u00f6rper.<\/p>\n<p><b>3. W\u00e4hrend der ersten Wochen<\/b><br \/>\na) weiche ich meinem Jungen nicht von der Seite.<br \/>\nb) mu\u00df ich viel schlafen und mich von der Geburt erholen.<br \/>\nc) lasse ich mein Junges seine ersten selbst\u00e4ndigen Erfahrungen machen.<\/p>\n<p><b>4. Auf den Vater meines Kindes<\/b><br \/>\na) kann ich mich verlassen, er hilft mir bei der Erziehung.<br \/>\nb) kann ich nicht bauen, er k\u00fcmmert sich nicht um das Kleine.<br \/>\nc) Vor dem Vater werde ich das Kleine in Sicherheit bringen, damit er es nicht auffri\u00dft.<sup><br \/>\n<\/sup><br \/>\n<b>5. Selbstverst\u00e4ndlich hat mein Junges seinen eigenen Kopf.<\/b><br \/>\na) Gut so &#8211; so entwickelt es seine Pers\u00f6nlichkeit.<br \/>\nb) Seinen eigenen Kopf kann es haben, nachdem ich meine Erziehung beendet habe, aber keinen Augenblick fr\u00fcher.<br \/>\nc) Wir werden Differenzen ausdiskutieren, falls sich welche ergeben sollten.<\/p>\n<p><b>6. Mein Kind hat viele W\u00fcnsche<\/b><br \/>\na) Mein Kind bekommt alles, was es haben m\u00f6chte &#8211; ich will schlie\u00dflich, da\u00df es ein gl\u00fccklicher B\u00e4r wird.<br \/>\nb) Mein Kind bekommt alles, was es sich erarbeitet hat.<br \/>\nc) Ich entscheide das nach Lust und Laune &#8211; es geht hier ja auch ums Lustprinzip!<\/p>\n<p><b>7. Was soll mein Kind lernen?<br \/>\n<\/b>a) Lernen darf kein Zwang sein &#8211; die Jungen wissen selbst am besten, was gut f\u00fcr sie ist.<br \/>\nb) Das Beste ist gerade gut genug! Mein Kind ist intelligent und schafft das schon, auch wenn es schwierig ist.<br \/>\nc) Denken.<\/p>\n<p><b>8. Was verbiete ich meinem Kind?<\/b><br \/>\na) Alles.<br \/>\nb) Gar nichts.<br \/>\nc) Das wei\u00df ich noch nicht &#8211; erst mal sehen, wer mein Kind ist.<\/p>\n<p>Manfred war verwirrt, als er die Lekt\u00fcre beendet hatte. \u201eJa&#8230;sehr interessant&#8230;\u201c murmelte er. \u201eUnd was soll ich jetzt tun?\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich die Fragen beantworten, du dummer B\u00e4r!\u201c forderte Atti ungeduldig.<br \/>\n\u201eWarum sollte ich? Das sind doch Fragen zu einem M\u00fctter- und nicht zu einem V\u00e4terf\u00fchrerschein\u201c, wehrte Manfred ab.<br \/>\n\u201eStimmt, aber jeder, der sie beantwortet, verr\u00e4t dabei, wie viel oder wie wenig er vom B\u00e4renleben versteht. Und genau das will ich von Dir wissen, bevor wir vielleicht zusammen ein Kind zeugen.\u201c<br \/>\nNa gut!\u201c brummte Manfred. Er wollte Athabasca, er mochte sie, vielleicht liebte er sie sogar, also kam er um den l\u00e4stigen Fragebogen wohl nicht herum.<br \/>\n\u201eW\u00e4hrend der Schwangerschaft fri\u00dft Du, so viel Du kannst, und meinetwegen kannst Du mit dem Foetus auch reden. Du wirst allerdings zu beidem wenig Gelegenheit haben, denn \u00fcberwiegend wirst Du Winterschlaf halten. Bei der Geburt solltest Du nicht leichtsinnig auf Dich selbst vertrauen, aber auch kein Gewicht verlieren, indem Du endlos weit zu einem ber\u00fchmten Arzt rennst. Vertraue Dich lieber erfahrenen Frauen an. Selbstverst\u00e4ndlich wirst Du in den ersten Wochen, ja sogar w\u00e4hrend der ersten Monate st\u00e4ndig um die Jungen sein, und ich &#8211; \u00e4h &#8211; also der Vater wird Dir dabei helfen. Ein guter Vater wird sich ab und zu auch alleine um die Kinder k\u00fcmmern. Es ist viel zu gef\u00e4hrlich, da\u00df B\u00e4renkinder schon fr\u00fch ihren eigenen Kopf durchsetzen, aber wenn sie sich M\u00fche geben, bekommen sie zur Belohnung auch, was sie sich w\u00fcnschen. Denken lernen ist meiner Meinung nach das wichtigste Erziehungsziel, und Ge- und Verbote h\u00e4ngen in der Tat stark von der jeweiligen Pers\u00f6nlichkeit ab.\u201c Nach dieser langen Rede sah er die junge B\u00e4rin erwartungsvoll an.<br \/>\nAthabasca reagierte v\u00f6llig anders, als er erwartet hatte. Sie sah ihn mit einem unendlich ver\u00e4chtlichen Blick an, w\u00fcrdigte ihn keines Wortes, drehte sich schnell wie ein Wirbelwind auf den Hinterpranken herum und war im selben Moment auch schon verschwunden. An ihre Gegenwart erinnerten nur noch einige gelbe welke Bl\u00e4tter, die zu Boden segelten \u2013 Atti hatte sie bei ihrem schnellen Abgang abgestreift. Und eine Spur im tiefen Schnee.<br \/>\nJetzt begriff Manfred gar nichts mehr. Er hatte ihr nach bestem Wissen und Gewissen geantwortet und hatte nicht die geringste Ahnung, was er falsch gemacht haben k\u00f6nnte. Aber nat\u00fcrlich wollte er es gerne wissen. Nur &#8211; wie sollte er das herausbekommen? Atti konnte er wohl kaum fragen, das hatte sie ihm nur allzu deutlich signalisiert. Seine Eltern wollte er nur ungern \u00fcber sein Problem informieren, und das ist gut verst\u00e4ndlich: Kein Kind auf dieser Welt will seinen Eltern offenbaren, da\u00df es Schwierigkeiten mit der Liebe hat. Also blieb nur Kulle \u00fcbrig.<br \/>\nManfred wu\u00dfte, wo er Kulle suchen mu\u00dfte; jetzt, da die Jahreszeit weite Streifz\u00fcge durch die Berge nicht mehr zulie\u00df. Nat\u00fcrlich in der Bibliothek.<br \/>\nKulle hatte sich in eine Ecke gerollt, die von einer tief h\u00e4ngenden Gl\u00fchbirne beleuchtet wurde. Er lag auf der Seite und hielt ein aufgeschlagenes d\u00fcnnes Buch in der Pfote. Als Manfred sich n\u00e4herte, registrierte er, da\u00df Kulle nur mit dem oberen Auge las. Das untere war geschlossen. Die eigentlich obligatorische Fliege war nicht um seinen Hals geschlungen. Kulle war kurz vor dem Einschlafen und hatte sich schon f\u00fcr den Winterschlaf ausgezogen.<br \/>\nDer junge B\u00e4r st\u00f6rte ihn dennoch. Zu dr\u00e4ngend war seine Frage, und er wollte nicht riskieren, ein Jahr zu verschenken oder Athabasca vielleicht sogar ganz zu verlieren. Kulle brummte anfangs zwar emp\u00f6rt, aber bald h\u00f6rte er interessiert zu.<br \/>\nAls Manfred seinen Bericht beendet hatte, sch\u00fcttelte er jedoch den Kopf. \u201eHmm. Ich verstehe das auch nicht. Soweit ich Dein Verhalten beurteilen kann, entspricht es v\u00f6llig der B\u00e4renetikette. Die Literatur ist hier, f\u00fcrchte ich, nur wenig hilfreich. Nietzsche empfiehlt, die Peitsche mitzunehmen, wenn man zum Weibe geht. Lange Zeit habe ich ihn wegen dieses Spruches f\u00fcr einen Masochisten gehalten, aber er hat den Rat anders gemeint. Schopenhauers Aussage \u00fcber die Dummheit der Frauen ist selbst so dumm, da\u00df er eines Kommentars unw\u00fcrdig ist. Die Klassiker haben sich zu Frauen wenig ge\u00e4u\u00dfert. Am ehesten kann ich mich noch an Marx\u2018 Brief an Engels erinnern, in dem er ihm kondoliert: \u201eDer Tod der Mary hat uns alle sehr ersch\u00fcttert&#8230;\u201c Aber gleich danach schreibt er auch schon wieder davon, da\u00df er pleite ist und dringend Geld braucht. Brief an die Kollontai? Falsch &#8211; dabei geht es um die M\u00f6glichkeit des direkten \u00fcbergangs zum Kommunismus im feudal gepr\u00e4gten Ru\u00dfland&#8230;Und Bebel sagt viel \u00fcber die Frau im Sozialismus, aber nichts \u00fcber einen M\u00fctterf\u00fchrerschein. Au\u00dferdem wei\u00df Du ja, da\u00df ich Junggeselle bin. Ich habe keine Erfahrung mit Frauen. Aber Dein Vater kann Dir da sicher weiterhelfen.\u201c<br \/>\nKulle legte sich wieder hin, ohne eine Reaktion Manfreds abzuwarten. Das Buch, das er die ganze Zeit lang festgehalten hatte, fiel ihm aus der Hand und klappte zu, so da\u00df der Titel lesbar wurde: James D. Doss. Shaman sings. Kulle las einen Krimi! Er mu\u00dfte wirklich sehr m\u00fcde sein.<br \/>\nOhne gro\u00dfe Hoffnungen machte Manfred sich auf die Suche nach B\u00e4rdel, wie Kulle es ihm empfohlen hatte. Er tat recht daran, keinerlei Erwartungen zu hegen: Sein Vater konnte an seinem Verhalten ebenfalls nichts Falsches finden.<br \/>\n\u201eFrag am besten Deine Mutter!\u201c riet B\u00e4rdel ihm und g\u00e4hnte dabei herzhaft. \u201eSie als Frau wei\u00df bestimmt, was Athabasca gest\u00f6rt hat.\u201c<br \/>\nSein Sohn befolgte den Rat nur ungern. Er wu\u00dfte nicht genau warum, aber er sch\u00e4mte sich sehr, seiner Mutter gegen\u00fcber seine Schwierigkeiten zuzugeben. Es war ihm wesentlich leichter gefallen, mit Kulle und B\u00e4rdel dar\u00fcber zu sprechen.<br \/>\nTumu schien, ebenso wie die anderen B\u00e4renfrauen, noch gar nicht m\u00fcde zu sein. Die Frauen schleppten ihre vom angefressenen Speck schweren K\u00f6rper durch die Schlafh\u00f6hle und ordneten alles f\u00fcr die lange Winterpause. Das machten sie bereits mindestens zum f\u00fcnften Mal, und eigentlich gab es nichts mehr zu r\u00e4umen, aber sie gaben sich dennoch den Anschein, als herrsche v\u00f6lliges Chaos. Nur m\u00fchsam konnte Manfred Tumu dazu bringen, das Neuarrangement der Wintervorr\u00e4te den anderen Frauen zu \u00fcberlassen und ihm zuzuh\u00f6ren. Dann aber lauschte sie konzentriert.<br \/>\n\u201eDu hast nichts falsch gemacht\u201c, kommentierte sie, als er fertig war. \u201eJedenfalls nicht nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben. Aber Atti ist wohl noch an archaische Formen des Zusammenlebens gew\u00f6hnt. Anders kann ich mir ihre Reaktion nicht erkl\u00e4ren.\u201c<br \/>\nMama\u201c, sagte Manfred und rutschte unruhig von einer gut gepolsterten Hinterbacke auf die andere, \u201eMama, ich finde nicht, da\u00df es gerade jetzt an der Zeit ist, in R\u00e4tseln zu sprechen!\u201c<br \/>\n\u201eDas kann ich nachvollziehen. Aber Du mu\u00dft mich auch verstehen: Ich bin gerade im Begriff, einen uralten Schwur zu brechen, den sich alle europ\u00e4ischen B\u00e4rinnen seit Jahrhunderten gegeben haben und noch heute geben. Ich mu\u00df mein Versprechen zu schweigen brechen, denn sonst kann ich Dir nicht helfen.\u201c<br \/>\nManfred sa\u00df jetzt ruhig und sehr aufrecht. Aufmerksam sah er seine Mutter an. Er wu\u00dfte, da\u00df sie nie \u00fcbertrieb. Was sie jetzt zu sagen hatte, mu\u00dfte wirklich wichtig sein.<br \/>\nTumu schluckte schwer, bevor sie fortfuhr: \u201eVor langer Zeit, als es in Europa noch wenige Menschen gab, war das Verh\u00e4ltnis von B\u00e4ren, also von m\u00e4nnlichen B\u00e4ren, zu ihren Kindern ein ganz anderes als heute. Die M\u00fctter mu\u00dften die Jungen vor den V\u00e4tern in Sicherheit bringen, damit &#8230; damit &#8230;\u201c Tumu mu\u00dfte dreimal Anlauf nehmen, bis sie das Furchtbare schlie\u00dflich erkl\u00e4ren konnte: \u201e&#8230;damit sie sie nicht auffra\u00dfen.\u201c<br \/>\nManfred sa\u00df ganz starr. Widerstandslos lie\u00df er es geschehen, da\u00df seine Mutter ihn wie ein kleines Kind in die Arme nahm und streichelte. In seinem Kopf tobte ein Wirbelsturm von Gedanken und Gef\u00fchlen.<br \/>\n\u201eAber warum&#8230;.\u201c fragte er nach einer langen, lastenden Pause. Er brach jedoch sofort wieder ab. Es gab zu viele Warums, und er wu\u00dfte nicht, welches er zuerst beantwortet haben wollte.<br \/>\nTumu verstand ihn auch ohne Worte. \u201eVielleicht gab es zu wenig Nahrung. Vielleicht erkannten die B\u00e4ren ihren eigenen Nachwuchs nicht. Damals lebten wir noch nicht in festen Beziehungen zusammen, sondern streiften einzeln umher. Erwachsene B\u00e4ren trafen sich oft nur zur Paarung und trennten sich dann wieder. Erst als die Menschen mehr wurden, als wir B\u00e4ren weniger wurden und n\u00e4her zusammenr\u00fcckten, weil wir nur so \u00fcberleben konnten, hat sich das ge\u00e4ndert. Heute sind B\u00e4ren liebevolle V\u00e4ter.\u201c<br \/>\n\u201eAber warum&#8230;\u201c fragte Manfred zum zweiten Mal. Eine Frage war noch immer nicht beantwortet.<br \/>\n\u201eAlle B\u00e4rinnen wissen davon. Alle m\u00fcssen es wissen, schon um der Vorsicht willen. Aber wir schw\u00f6ren, es keinem Mann zu erz\u00e4hlen. Wir wollen nicht, da\u00df ihr ein schlechtes Gewissen habt. Du bist der einzige B\u00e4r, der jetzt dieses Wissen hat, aber Du mu\u00dft mir versprechen, es keinem anderen Mann mitzuteilen.\u201c<br \/>\nManfred nickte. Er wu\u00dfte jetzt alles, aber es w\u00fcrde lange dauern, bis er es verdaut hatte. Die B\u00e4rinnen taten recht daran, dieses Wissen f\u00fcr sich behalten zu wollen.<br \/>\n\u201eMeinst Du, da\u00df Attis Reaktion bedeutet, da\u00df die B\u00e4ren hier in Amerika noch immer&#8230;\u201c Er schauderte und konnte auch diesen Satz nicht beenden.<br \/>\n\u201eIch nehme es an. Ich werde mit ihr reden. Wenn unsere Vermutung stimmt, dann wird sie Dir zun\u00e4chst bestimmt nicht glauben, wohl aber mir. La\u00df mich nur machen!\u201c Sie stand auf und klopfte ihrem Sohn derb auf den pelzigen R\u00fccken: \u201eIch finde, ihr pa\u00dft gut zueinander!\u201c Mit diesen Worten stapfte sie aus der H\u00f6hle.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/atti1.jpg\" alt=\"Athabasca\" width=\"480\" height=\"360\" align=\"right\" \/><br \/>\nManfred mu\u00dfte lange auf ihre R\u00fcckkehr warten. W\u00e4hrenddessen wurde es um ihn herum immer ruhiger. Ein schlaftrunkener B\u00e4r nach dem anderen kam herein, bahnte sich einen Weg m\u00f6glichst weit nach hinten, weil es da am w\u00e4rmsten war, und legte sich zum Schlafen. Allm\u00e4hlich wurde der Platz knapp, und Manfred wurde immer weiter zum k\u00fchlen H\u00f6hleneingang gedr\u00e4ngt. Nach einer ihm unendlich erscheinenden Zeit tauchte Tumu aus der Dunkelheit der l\u00e4ngst eingebrochenen Nacht auf. Sie zauste ihrem Sohn das Kopffell, g\u00e4hnte ungeniert und wies nach drau\u00dfen. &#8222;Sie wartet auf Dich!\u201c<br \/>\nSchon nach den ersten beiden Worten war Manfred auf und davon.<br \/>\nDie B\u00e4ren in der ersten Tiefschlafphase h\u00f6rten wenig von dem Toben, Knurren und Brummen, das nicht weit entfernt von der H\u00f6hle stattfand. Sie wachten auch nicht auf, als Athabasca und Manfred endlich als letzte auch zum Schlafen kamen. Sie fanden nur noch ein zugiges Pl\u00e4tzchen direkt am Eingang, aber das st\u00f6rte sie \u00fcberhaupt nicht. Sie kuschelten sich eng aneinander und froren kein bi\u00dfchen. So hatten es auch die Zellen, die sich in Attis Geb\u00e4rmutter bald eifrig zu teilen begannen, mollig warm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred unternahm seinen vorl\u00e4ufig letzten Inspektionsgang in der neuen B\u00e4renheimat. 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