{"id":428,"date":"2000-05-26T18:30:39","date_gmt":"2000-05-26T16:30:39","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=428"},"modified":"2017-04-01T16:30:13","modified_gmt":"2017-04-01T14:30:13","slug":"scheisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2000\/05\/scheisse\/","title":{"rendered":"Schei\u00dfe"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/scheisse.jpg\" alt=\"SCHEISSE\" width=\"480\" height=\"441\" \/><\/div>\n<div align=\"center\">\n<h1>Schei\u00dfe<\/h1>\n<\/div>\n<p><span class=\"firstchar\">B<\/span>\u00e4ren neigen, anders als viele Menschen, keineswegs zum Fluchen. Wenn sie ihrem Unmut Ausdruck verleihen wollen, hauen sie normalerweise ihre rechte Pranke in die linke &#8211; Linksh\u00e4nder machen das nat\u00fcrlich andersherum. So bel\u00e4stigen sie niemanden mit ihren Emotionen, und gleichzeitig wissen sie aufgrund der Wucht des Schlages, den sie ausgef\u00fchrt haben, wie sehr sie sich \u00e4rgern.<br \/>\nUm so verwunderlicher ist es, da\u00df die B\u00e4ren in ihrer neuen Heimat eine Gewohnheit entwickelten, die stark an menschliches Verhalten erinnert. Fast \u00fcberall dort, wo sie sich aufhielten, konnte man in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ein kr\u00e4ftiges \u201eSchei\u00dfe\u201c vernehmen. Manche, die sich schon an die neue Sprache gew\u00f6hnt hatten, brummten oder riefen stattdessen \u201eshit\u201c, aber beides kommt auf das gleiche heraus. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/ramssitz.jpg\" alt=\"Ramses sitzt auf dem Hintern\" width=\"480\" height=\"360\" align=\"right\" \/><\/p>\n<p>Ramses und das Schwein verhielten sich \u00fcbrigens ebenso, aber es ist ungewi\u00df, ob das f\u00fcr sie ungew\u00f6hnlich ist &#8211; die Fluchgewohnheiten von Fr\u00f6schen und Schweinen sind bisher noch nicht genau erforscht.<br \/>\nEines Tages gingen B\u00e4rdel und Ramses einander entgegen, aber kurz bevor sie sich trafen, setzten sich beide gleichzeitig unvermittelt mit nach vorne gestreckten Beinen auf die Erde und sagten ebenso gleichzeitig: \u201eSchei\u00dfe!\u201c<br \/>\nAls h\u00e4tten sie lange zusammen ein Ballett einge\u00fcbt, standen sie auch zusammen wieder auf und begannen, ihre Sitzfl\u00e4chen zu s\u00e4ubern. B\u00e4rdel hatte es leichter als Ramses: Der Kuhfladen, auf dem er ausgerutscht war, war schon ein paar Tage alt und ziemlich durchgetrocknet. Ramses dagegen mu\u00dfte sich mit einem neueren, deutlich schmierigeren Produkt auseinandersetzen.<br \/>\n\u201eEntschuldigung\u201c, sagten beide, immer noch gleichzeitig, und sagen einander dabei nicht an. Die Angelegenheit schien ihnen peinlich zu sein. B\u00e4rdel begann dennoch, dar\u00fcber zu sprechen.<br \/>\n\u201eRamses\u201c, sagte er, wir alle finden es sehr sch\u00f6n hier, und wir sind Tussi wirklich dankbar daf\u00fcr, da\u00df wir hier sein d\u00fcrfen. Du darft ihr das gerne in unser aller Namen berichten. Aber es gibt da eine Kleinigkeit&#8230;\u201c<br \/>\nRamses nickte. Er nickte so entschlossen, da\u00df ihm der gro\u00dfe Froschkopf vom Hals zu fallen schien. \u201eJa, und das ist \u00fcbehaupt keine Kleinigkeit. Diese Schei\u00dfe \u00fcberall hier ist mehr, als meine empfindliche Froschnase ertragen kann, und euch B\u00e4ren geht es vermutlich ebenso. Dazu kommt die Rutschgefahr. Und \u00fcberall da, wo diese Fladen herumliegen, fehlen die sch\u00f6nsten Blumen. Es ist wirklich f\u00fcrchterlich!\u201c<br \/>\n\u201eAber wieso gibt es hier so viele Kuhfladen?\u201c wollte B\u00e4rdel wissen. \u201eDies hier ist ein National Forest, das&#8230;\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel unterbrach sich, weil auf einmal ganz in der N\u00e4he jemand zu singen begann.<\/p>\n<div align=\"center\"><span class=\"hilite\"> \u201eThis land is my land,<br \/>\nthis land is your land,<br \/>\nfrom California<br \/>\nto the New York Island,<br \/>\nfrom the Redwood Forest<br \/>\nto the Gulfstream Waters<br \/>\nthis land belongs to you and me.\u201c<\/span><\/div>\n<p>Ein wundersch\u00f6ner Bariton sang, und B\u00e4rdel lauschte and\u00e4chtig. Er geno\u00df die Stimme, und er mochte das Lied,wenn es auch f\u00fcr seine europ\u00e4ischen Ohren ein wenig sentimental klang. Vergeblich sah er sich nach dem S\u00e4nger um \u2013 niemand schien hier zu sein.<br \/>\n\u201eSch\u00f6n, nicht?\u201c fragte er, und Ramses nickte. \u201eAlso, wir sind hier in einem National Forest&#8230;\u201c Diesmal kam B\u00e4rdel noch nicht einmal so weit, seinen Nebensatz zu beginnen. Schon bei dem \u201eF\u201c von \u201eForest\u201c fing der unbekannte Musiker wieder an:<br \/>\n\u201eThis land is my land&#8230;\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel war Rechtsh\u00e4nder, und deshalb hieb er seine rechte Pranke in die linke.<br \/>\n\u201eSch\u00f6\u00f6n gesungen!\u201c rief er. \u201eAber ich m\u00f6chte hier und jetzt etwas diskutieren, und dazu brauche ich Ruhe! Wer immer mit mir zusammen nachdenken m\u00f6chte, ist herzlich eingeladen, aber bitte ohne Gesang!\u201c<br \/>\nRamses nickte zustimmend und schaute nach rechts. Dort raschelte jemand im Unterholz, kleinere Zweige brachen. Manfred, der wohl in der N\u00e4he herumgelungert hatte, bahnte sich seinen Weg durch die B\u00fcsche und sah seinen Vater fragend an. B\u00e4rdel schaute ebenfalls nach rechts, weil er meinte, da\u00df der Gesang von dort gekommen war. Athabasca schl\u00e4ngelte sich aus dem dichten Geb\u00fcsch.<br \/>\n\u201eAtti?\u201c fragten B\u00e4rdel und Manfred gleichzeitig.<br \/>\n\u201eWer sonst?\u201c war die ungn\u00e4dige Antwort. \u201eUnd bevor ihr fragt: Ja, ich habe gesungen. Ja, ich singe Bariton. Und ja: Wenn jemand \u201aNational Forest\u2018 sagt, dann mu\u00df ich singen&#8230; Meine Mutter wurde erschossen, als ich ein Jahr alt war. Ein Ranger fand mich und zog mich auf. Das war gegen das Gesetz der Menschen, aber er wurde nicht erwischt. Er lie\u00df mir alle Freiheiten, die ich brauchte, und ich wurde eine richtige B\u00e4rin. Ganz nebenbei habe ich auch eine Menge \u00fcber die Menschen gelernt. Er sang in jeder freien Minute immer dasselbe Lied, und ich f\u00fcrchte, ich&#8230;\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel dachte nicht daran, da\u00df es in dieser Situation angebracht gewesen w\u00e4re, Atti zu tr\u00f6sten. Er h\u00e4tte ihr auch sagen sollen, da\u00df es richtig ist, Traumata auszuleben, anstatt sie zu verdr\u00e4ngen, da\u00df sie sich also v\u00f6llig richtig verhielt. Er verga\u00df alle diese psychologischen Weisheiten, weil ihn eine ihrer Aussagen vollst\u00e4ndig \u00fcberrumpelt hatte.<br \/>\n\u201eDeine Mutter wurde erschossen? Aber wir sind hier doch in einem Na&#8230;\u201c Immerhin war er noch \u00fcberlegt genug, um das Schl\u00fcsselwort zu vermeiden, das Attis Zwangshandlung ausl\u00f6ste. \u201eIch meine, wir sind hier in einem Gebiet, das der amerikanischen F\u00f6deration geh\u00f6rt, also allen. \u201aLand of many uses\u2018, damit machen sie doch Reklame. Wieso wurde deine Mutter dann&#8230;\u201c B\u00e4rdel brach ab, weil er es nicht \u00fcbers Herz brachte, das brutale Verb zu wiederholen.<br \/>\n\u201eDas Land geh\u00f6rt allen &#8211; richtig!\u201c sagte Atti. \u201eAllen <u>Menschen<\/u> &#8211; zumindest vom Anspruch her. Und zu den zahlreichen M\u00f6glichkeiten, die ihnen hier geboten werden, geh\u00f6rt auch die Jagd auf B\u00e4ren und auf andere nette Zeitgenossen. Aber ihr braucht keine Angst zu haben!\u201c Sie hatte bemerkt, da\u00df B\u00e4rdel und Manfred unruhig wurden und sich \u00e4ngstlich umsahen. \u201eEuch, uns allen wird nichts passieren. Meine Mutter konnte nicht lesen, und das ist ihr zum Verh\u00e4ngnis geworden. Die Forstverwaltung hier ist so ordentlich, da\u00df sie \u00fcberall plakatiert, welche Tierart wann und wo geschossen werden darf. Wir k\u00f6nnen den M\u00f6rdern einfach aus dem Weg gehen.\u201c<br \/>\n\u201eNa ja\u201c, brummte B\u00e4rdel. Er war keineswegs beruhigt. Da er aber das Thema jetzt nicht weiter verfolgen wollte und auch nicht wu\u00dfte, wie er auf die Enth\u00fcllung von Attis ungl\u00fccklicher Jugend reagieren sollte, wiederholte er einfach die Frage, die er schon einmal vergeblich gestellt hatte: \u201eUnd wieso gibt es hier so viele Kuhfladen?\u201c<br \/>\nAthabasca zuckte mit den Schultern. \u201eDas wei\u00df ich auch nicht. Die waren schon immer da.\u201c<br \/>\n\u201eDie Kuhfladen\u201c, erkl\u00e4rte Ramses wichtig, \u201estammen von Rindern.\u201c<br \/>\n\u201eAch was!\u201c murmelte Manfred ironisch, schwieg aber angesichts eines strafenden Blickes seines Vaters.<br \/>\n\u201eViele Rancher aus der Gegend hier haben das Recht, ihr Vieh in den Sommermonaten in den Bergen grasen zu lassen. W\u00e4re das anders, m\u00fc\u00dften sie zuf\u00fcttern \u2013 weiter unten w\u00e4chst in den hei\u00dfen, trockenen Monaten praktisch nichts. Da die Zahl der Rinder nicht begrenzt ist, kommt es zu \u00fcberweidung. Deshalb liegen \u00fcberall F\u00e4kalien herum, und deshalb vermissen wir so viele Pflanzen, die es hier eigentlich geben sollte. Sie wurden einfach aufgefressen.\u201c<br \/>\n\u201eWas k\u00f6nnen wir dagegen machen?\u201c wollte Manfred wissen.<br \/>\nRamses wackelte mit dem Kopf. \u201eDaf\u00fcr hat Tussi mir keine Instruktionen gegeben.\u201c<br \/>\n\u201eDann m\u00fcssen wir selber versuchen, das Problem zu l\u00f6sen\u201c, stellte B\u00e4rdel fest. Entschlossenheit blitzte aus seinen Augen. \u201eHeute Abend ist B\u00e4renrat!\u201c<\/p>\n<p>Nachdem B\u00e4rdel, Ramses und Atti der Versammlung das Problem erkl\u00e4rt hatten, herrschte zun\u00e4chst nachdenkliche Stille. Dina meldete sich als erste zu Wort.<br \/>\n\u201eGanz prinzipiell sehe ich zwei M\u00f6glichkeiten\u201c, konstatierte sie. \u201eEntweder leben wir weiter mit und in der Schei\u00dfe, oder wir versuchen, etwas dagegen zu tun!\u201c<br \/>\nDie Reaktion des Rates war einhellig: Alle w\u00fcnschten sich eine Verbesserung, und so mu\u00dfte \u00fcber die Vor- und Nachteile dieser Alternative nicht diskutiert werden.<br \/>\n\u201eGut!\u201c sagte Dina zufrieden. \u201eDann m\u00fcssen wir uns dar\u00fcber einigen, wie wir die Rinder loswerden, oder ihre Besitzer, oder die Waldverwaltung, die die Weidenutzung erlaubt, oder alle drei!\u201c<br \/>\nGanz selbstverst\u00e4ndlich sprach Dina von der Waldverwaltung, und ebenso wie sie w\u00fcrde am heutigen Abend kein Sprecher den Begriff \u201eNational Forest\u201c in den Mund nehmen. Tratsch verbreitet sich unter B\u00e4ren noch schneller als fr\u00fcher im dehl\u00e4ndischen Bundestag in Bonn.<br \/>\nNach Dinas Rede herrschte zun\u00e4chst die bei B\u00e4ren \u00fcbliche nachdenkliche Stille, wenn es galt, mit schwierigen Problemen fertig zu werden, aber dann hagelte es mehr oder weniger vern\u00fcnftige Vorschl\u00e4ge so schnell, da\u00df es schwerfiel zu folgen.<br \/>\n\u201eWir k\u00f6nnten den Wald kaufen!\u201c<br \/>\n\u201eOder wir bestechen die Waldverwaltung!\u201c<br \/>\n\u201eWir vergiften die Rinder!\u201c<br \/>\n\u201eVergiften ist gemein! Wir jagen ihnen einfach so viel Angst ein, da\u00df sie davonrennen. Schlie\u00dflich sind wir angeblich wilde Raubtiere!\u201c<br \/>\n\u201eZur Abschreckung k\u00f6nnen wir ja so tun, als h\u00e4tten wir eine Kuh gefressen!\u201c<br \/>\n\u201eNoch abschreckender w\u00e4re es, wenn wir einen Rancher fressen!\u201c<br \/>\n\u201eDas ist mir alles zu blutig! Bauen wir doch eine Rutschbahn aus Kuhschei\u00dfe an einem steilen Hang &#8211; dann rutschen ein paar Rinder aus und brechen sich die Knochen, und alle anderen werden bestimmt an einen anderen Ort verlegt, weil es hier zu gef\u00e4hrlich ist.\u201c<br \/>\n\u201eWir k\u00f6nnen auch eine k\u00fcnstliche Eisbahn anlegen, das ist genauso schl\u00fcpfrig &#8211; ihr kennt doch den Spruch: \u201aDie Kuh mu\u00df vom Eis\u2018?\u201c<br \/>\nTumu hielt sich die Ohren zu und versuchte gleichzeitig, sich zu Wort zu melden. Das war gar nicht so einfach, denn sie konnte mit den F\u00e4usten auf den Ohren nur einen Signalfinger in die Luft strecken. Bevor B\u00e4rdel, der die Versammlung leitete, sie endlich bemerkte, hatte sie viel Zeit sich umzusehen. Die m\u00e4nnlichen Jungb\u00e4ren reagierten entz\u00fcckt auf die Vorschl\u00e4ge, Gewalt anzuwenden, und ihr eigener Sohn war offenbar fasziniert von der technischen Herausforderung, mitten in der Wildnis eine Kunsteisbahn zu installieren. Sie sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n\u201eSagt mal\u201c, schimpfte sie, als sie endlich an der Reihe war, \u201esagt mal, was werden die Menschen denken, wenn wir einen von euren Vorschl\u00e4gen verwirklichen? Irgendeinen? Sie werden wissen wollen, wer dahintersteckt, richtig? Und sie werden uns finden, irgendwann. Wenn ich mich korrekt erinnere, sind wir aber hier, weil wir gerade nicht gefunden werden wollen. Auch richtig? Richtig! Also la\u00dft euch bitte etwas Vern\u00fcnftiges einfallen, bevor ihr hier dumm rumredet!\u201c<br \/>\nNach Tumus zornigem Beitrag herrschte Stille, und manche B\u00e4ren senkten besch\u00e4mt den Kopf. B\u00e4rdel lie\u00df einige wirkungsvolle Sekunden verstreichen, ehe er sagte: \u201eDamit ist wohl klar: Wir m\u00fcssen versuchen, eine Methode zu finden, die die Rinder hier vertreibt, die aber keinen R\u00fcckschlu\u00df auf uns zul\u00e4\u00dft.\u201c<br \/>\nDiese ern\u00fcchternde Feststellung d\u00e4mpfte den Elan der Versammlung erkennbar. Niemand meldete sich zu Wort. Deshalb machte B\u00e4rdel einen Beitrag zur inhaltlichen Diskussion: \u201eWenn die Rinder vertrieben werden, werden die Menschen immer nach der Ursache suchen. Es mu\u00df so aussehen, als w\u00fcrden sie aus eigenem Antrieb verschwinden. Ich habe allerdings keine Idee, wie&#8230;\u201c<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle6.jpg\" alt=\"Kulle macht auf schlau!\" width=\"440\" height=\"330\" align=\"right\" \/><br \/>\n\u201eAber ich!\u201c platzte Kulle dazwischen. \u201eDanke f\u00fcr das Stichwort! Wir machen die Rinder einfach antriebslos, oder besser: trieblos. Wenn die Stiere nicht mehr auf die K\u00fche steigen, erledigt sich das Problem binnen kurzer Zeit von allein. Bei den Menschen w\u00e4re das genauso, wenn&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eKulle!\u201c mahnte B\u00e4rdel. Er wie alle anderen wu\u00dfte nat\u00fcrlich, da\u00df Kulle vor kurzem eine wissenschaftliche Arbeit \u00fcber die menschliche Sexualit\u00e4t geschrieben hatte, auf die er m\u00e4chtig stolz <a name=\"mitte\"><\/a>war.<sup><a href=\"#footnote1\">1<\/a><\/sup> Er wollte bei jeder passenden und, wie man gerade feststellen mu\u00dfte, unpassenden Gelegenheit dar\u00fcber reden. Aber zumindest Manfred fand, da\u00df seine Idee einen Kern enthielt, \u00fcber den nachzudenken sich lohnte.<br \/>\n\u201eAls ich damals bei den Menschen einen Job finden wollte,<sup><a href=\"#footnote2\">2<\/a><\/sup> habe ich gesehen, da\u00df sie den Stadttauben ein Mittel ins Futter getan haben, das sie unfruchtbar machte. Das k\u00f6nnten wir doch auch versuchen! Die M\u00f6glichkeiten dazu haben wir: In Moab liegen 13 Millionen Tonnen schwach radioaktiven Abfalls leicht zug\u00e4nglich herum, und hier oben auf der Polar Mesa gibt es zahlreiche alte Sch\u00e4chte &#8211; alles Reste des Uranbooms in den f\u00fcnfziger Jahren. Da sollten sich schon Wege finden lassen, um den Stieren zwar nicht die Lust zu nehmen, sie aber am K\u00e4lbchenzeugen zu hindern.\u201c<br \/>\n\u201eOh nein!\u201c rief B\u00e4rdel. Er hatte v\u00f6llig vergessen, da\u00df er sich als Diskussionsleiter zur\u00fcckzuhalten hatte. \u201eNein! Mit diesem radioaktiven Zeugs will ich nie wieder etwas zu tun haben. Ich habe noch genug von den Problemen, die wir damals in Dehland damit hatten.<sup><a href=\"#footnote3\">3<\/a><\/sup> Damit zu spielen ist viel zu gef\u00e4hrlich. Und au\u00dferdem: Rinder sind keine Tauben, sie haben einen wesentlich l\u00e4ngeren Reproduktionszyklus. Wenn wir unser Problem mit Hilfe deiner Methode l\u00f6sen wollten, k\u00f6nnten sich vermutlich unsere Enkel \u00fcber das Ergebnis freuen.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdels letzten Gedanken kommentierte Kulle mit einem gewichtigen zustimmenden Nicken.<br \/>\nWieder herrschte Stille. Nach einer Weile murmelte das Schwein gedankenverloren vor sich hin: \u201eDie Kuh, mit der ich am ersten Tag hier geredet habe, fand ich sehr nett. Wir sollten ihr nichts tun, das w\u00e4re gemein.\u201c<br \/>\n\u201eWas genau hat die Kuh gesagt?\u201c erkundigte sich B\u00e4rdel. Er fand eigentlich nicht, da\u00df das wichtig war, aber da die Diskussion in einer Sackgasse steckte, fiel ihm nichts Besseres ein.<br \/>\nDas Schwein setzte sich aufrecht hin und sagte schlicht: \u201eIch zitiere.<br \/>\n\u201aMenschen?\u201c Kenn\u2018 ich nich&#8230;Hier gibs nur M\u00fctter unn Kinner, unn Stiere nat\u00fcrlich. Wolln immer blo\u00df das eine, die unversch\u00e4mten Kerle. Unn Cowboys. Die sinn gef\u00e4hrlich, weil se dich n\u00e4mlich verbrenn. Oder se machn dirn Loch ins Ohr ohne Bet\u00e4ubung, wie bei mir. Siehste?&#8230;Aba die komm nur ganz selten. Unn so ne halbe Portion wie du k\u00fcmmert die bestimmt nich.\u2018 Zitat Ende.\u201c<sup><a href=\"#footnote4\">4<\/a><\/sup><br \/>\n\u201eDie hat aber ein schlichtes Gem\u00fct\u201c, kommentierte Tumu. \u201eAls h\u00e4tte sie ihr Leben lang nur <span class=\"hilite\">\u201aWILD\u2018<\/span> gelesen.\u201c<br \/>\n\u201eHierzulande liest man nicht\u201c, korrigierte Dina. \u201eHierzulande sieht man fern!\u201c<br \/>\n\u201eJa, nat\u00fcrlich. Hierzulande sieht man fern.\u201c Tumu wiederholte die Aussage, als d\u00e4chte sie intensiv dar\u00fcber nach. \u201eRamses, wie ist das hier, wenn die Menschen fernsehen?\u201c<br \/>\nAllm\u00e4hlich, dachte B\u00e4rdel, entfernte sich die Diskussion so weit von ihrem Problem, da\u00df sie es nie l\u00f6sen w\u00fcrden. Zumindest nicht heute Abend. Aber er griff nicht ein, denn ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das falsche Thema war immer noch besser als unbehagliches Schweigen.<br \/>\n\u201eBei vielen l\u00e4uft der Fernseher einfach nebenbei, wie in Dehland fr\u00fcher das Radio. Man sieht hin oder l\u00e4\u00dft es bleiben. Viele Menschen kleben allerdings viele Stunden t\u00e4glich vor dem Bildschirm, als seien sie angeleimt. Sie stehen nur auf, um sich etwas zu essen zu holen oder um auf die Toilette zu gehen.\u201c<br \/>\nViele B\u00e4ren, die von dergleichen absonderlichen menschlichen Gewohnheiten bisher nichts gewu\u00dft hatten, wandten sich ihren Nachbarn zu und wollten mit ihnen weiter in kleinen Gruppen dar\u00fcber reden, aber Tumu schnitt das entstehende Gemurmel mit einer kurzen Handbewegung ab.<br \/>\n\u201eWas essen sie?\u201c<br \/>\n\u201eMeist Fertiggerichte aus der Tiefk\u00fchltruhe, die man nur kurz in der Mikrowelle zu erhitzen braucht. Solche Mahlzeiten hei\u00dfen auch \u201aTV-Dinner\u2018\u201c.<br \/>\n\u201eUnd wenn der K\u00fchlschrank gerade mal leer ist, weil die Menschen vor lauter Fernsehen nicht zum Einkaufen gekommen sind?\u201c In Tumus interessierter Frage schwang Verachtung mit.<br \/>\n\u201eIn diesem Fall gibt es vermutlich irgendwo in der Wohnung noch gr\u00f6\u00dfere Mengen Kartoffel- oder Maischips, Schokoriegel oder \u00e4hnliches. Und wenn auch das fehlen sollte &#8211; Softdrinks sind immer im Haus, und sie sind so s\u00fc\u00df, sie haben so viele Kalorien, da\u00df sie den Hunger zumindest f\u00fcr eine Weile vergessen lassen.\u201c<br \/>\n\u201eDanke f\u00fcr die Auskunft\u201c, sagte Tumu zu Ramses. An alle gewandt, f\u00fcgte sie hinzu: \u201eIch denke, das ist die L\u00f6sung. Bei geschickter Programmauswahl sollte es nicht allzu lange dauern, bis wir hier nicht mehr ausrutschen &#8211; selbstverst\u00e4ndlich ohne jemandem etwas getan zu haben.\u201c Sie nickte dem Schwein zu.<br \/>\nAller Augen starrten sie gro\u00df und verwundert an. In ihrem blanken Unverst\u00e4ndnis \u00e4hnelten sie Fernsehbildschirmen. Es gab nur zwei Ausnahmen. Manfred strahlte, nahm Tumu in die Arme und schwenkte sie durch die Luft. \u201eMama, du bist genial!\u201c rief er dabei.<br \/>\nB\u00e4ren haben Fehler, wie alle Lebewesen auf dieser Erde. Ein typischer b\u00e4rischer Charakterzug ist falscher Stolz. Wenn ein Artgenosse behauptet, etwas Wichtiges verstanden zu haben, w\u00fcrde ein B\u00e4r niemals eingestehen, da\u00df er diesen Sachverhalt nicht begriffen hat. Deshalb fragte niemand nach, worin Tumus Idee bestand, aber die Neugier nagte an vielen, und deshalb wurde in der folgenden Nacht ein Rekord an unruhigen Tr\u00e4umen aufgestellt.<\/p>\n<p>Dabei war doch alles ganz einfach.<br \/>\nAn den Stellen, an denen die Rinder sich besonders gern aufhielten, vor allem an ihren Tr\u00e4nken, installierten die B\u00e4ren gro\u00dfe Fernsehbildschirme. Darauf \u00fcberspielten sie drei Programme. Das eine hatte einen Fernsehprediger im Mittelpunkt, der jedem, ob Mensch oder Tier, das Himmelreich versprach, wenn er nur oft genug \u201aHallelujah\u2018 rief. Das zweite zeigte eine Reality-TV Show: Neun K\u00fche auf einer einsamen Insel. Im dritten lief eine Soap-Opera mit dem Titel: \u201aUnsere Kuhweide\u2018. Die 524. Folge hatte als Plot: \u201aMein Stier geht fremd\u2018.<br \/>\nWie Tumu es erwartet hatte, waren die Rinder von den Programmen fasziniert und verga\u00dfen dar\u00fcber zu fressen. Ihren Durst stillten sie an den gewohnten Wasserstellen. Da das Wasser mit Cola- und Pepsikonzentrat versetzt war, verga\u00dfen sie nach den Trinken ihren Hunger und stellten sich wieder vor sie Glotze.<br \/>\nDie Rancher, die ihren Viehbestand ab und an kontrollierten, konnten sich den R\u00fcckgang der Fleischqualit\u00e4t ihrer Rinder in den LaSals nicht richtig erkl\u00e4ren. Die Tiere verloren zwar kaum an Gewicht, aber ihre Muskelkonsistenz war w\u00e4ssrig-faserig. Schlechtes Fleisch brachte schlechtes Geld. Man vermutete, da\u00df die Freisetzung von radioaktivem Material in den f\u00fcnfziger Jahren auch nach Jahrzehnten noch auf Pflanzen wirkte. Man wollte kein Risiko eingehen.<br \/>\nDie Rancher beschlossen, ihre Weiderechte in den LaSals einfach ruhen zu lassen.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel und Ramses gingen einander entgegen. Sie freuten sich an den wundersch\u00f6nen Blumen, die rechts und links des Weges wuchsen, umarmten einander und waren Tussi dankbar daf\u00fcr, da\u00df sie hier sein durften.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Fu\u00dfnoten:<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><sup><a name=\"footnote1\"><\/a>1<\/sup> vgl. Kulle: <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1998\/03\/kulle-ueber-sex\/\">Sexualit\u00e4t \u00a0\u00a0<\/a><\/span><a href=\"#mitte\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"To Top\" width=\"31\" height=\"15\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><sup><a name=\"footnote2\"><\/a>2<\/sup> vgl. <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1998\/04\/jobsuche\/\">Jobsuch e \u00a0\u00a0<\/a><\/span><a href=\"#mitte\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"To Top\" width=\"31\" height=\"15\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><sup><a name=\"footnote3\"><\/a>3<\/sup> vgl. <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/05\/die-saegebande\/\">Die S\u00e4gebande \u00a0\u00a0<\/a><\/span><a href=\"#mitte\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"To Top\" width=\"31\" height=\"15\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><sup><a name=\"footnote4\"><\/a>4<\/sup> vgl. <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2000\/03\/der-erste-tag\/\">Der erste Tag \u00a0\u00a0<\/a><\/span><a href=\"#mitte\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"To Top\" width=\"31\" height=\"15\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schei\u00dfe B\u00e4ren neigen, anders als viele Menschen, keineswegs zum Fluchen. Wenn sie ihrem Unmut Ausdruck verleihen wollen, hauen sie normalerweise ihre rechte Pranke in die linke &#8211; Linksh\u00e4nder machen das nat\u00fcrlich andersherum. So bel\u00e4stigen sie niemanden mit ihren Emotionen, und gleichzeitig wissen sie aufgrund der Wucht des Schlages, den sie ausgef\u00fchrt haben, wie sehr sie&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2000\/05\/scheisse\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Schei\u00dfe<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,4],"tags":[],"class_list":["post-428","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-baerdel","category-baerdel2","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=428"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/428\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":551,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/428\/revisions\/551"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}