{"id":398,"date":"1999-12-21T15:50:37","date_gmt":"1999-12-21T13:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=398"},"modified":"2017-03-11T15:56:34","modified_gmt":"2017-03-11T13:56:34","slug":"der-proteische-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1999\/12\/der-proteische-mensch\/","title":{"rendered":"Der proteische Mensch"},"content":{"rendered":"<h2>Dr. phil. Kulle, P.D.<\/h2>\n<p><b>Inhalt:<\/b><\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li><a href=\"#vorwort\">Vorwort<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#proteus\">Proteus<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#moderne\">Die Moderne<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<ol type=\"a\">\n<li>Der Begriff der Moderne<\/li>\n<li>Der Mensch der Moderne<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"4\" type=\"1\">\n<li><a href=\"#postmoderne\">Die Postmoderne<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<ol type=\"a\">\n<li>Geistesgeschichtliche Hintergr\u00fcnde<\/li>\n<li>Merkmale der Postmoderne<\/li>\n<li>Der Mensch der Postmoderne &#8211; der proteische Mensch<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"5\" type=\"1\">\n<li><a href=\"#nachbemerkung\">Nachbemerkung<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p><a name=\"vorwort\"><\/a><\/p>\n<h3>Vorwort<\/h3>\n<p>Ein Gespenst geht um <sup><a title=\"Ich bitte um Entschuldigung. Nat\u00fcrlich bediene ich mich eines g\u00e4ngigen Zitats, aber das ist unumg\u00e4nglich. In dem Fall, den wir zu untersuchen haben, handelt es sich tats\u00e4chlich um ein Gespenst.\" href=\"#fuss\">1<\/a><\/sup>, nicht nur in Europa, sondern in der gesamten so genannten zivilisierten, also vulgo industrialisierten Welt. Es handelt sich um den proteischen Menschen. Dieses Phantom geistert durch die K\u00f6pfe vieler menschlicher M\u00e4nner <sup><a title=\"Falls ich \u00fcbersehen haben sollte, dass es auch philosophisch dilettierende Frauen gibt, die dem Ph\u00e4nomen des proteischen Menschen nachjagen, dann m\u00f6ge man mir Kenntnis davon geben - meine email-Adresse ist bekannt.\" href=\"#fuss\">2<\/a><\/sup> , die sich selbst als postmoderne Philosophen bezeichnen oder gerne bezeichnen lassen. Dieses Gespenst bereitet mir, anders als das Gespenst des Kommunismus, das Karl Marx und Friedrich Engels 1848 beschworen haben, keine Hoffnungen. Dieses Gespenst des 19. Jahrhunderts war n\u00e4mlich real und verhie\u00df eine lebenswerte Zukunft. Das neue Gespenst bereitet mir auch keine Furcht. Es existiert n\u00e4mlich nicht. Was zu beweisen sein wird.<\/p>\n<p><a href=\"#top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"up\" width=\"31\" height=\"15\" border=\"0\" \/><\/a><br \/>\n<a name=\"proteus\"><\/a><\/p>\n<h3>Proteus<\/h3>\n<p>Wer oder was war oder ist der Namensgeber des angeblich existierenden proteischen Menschen? Auszuschlie\u00dfen sind der sechste gleichnamige Mond des Planeten Neptun, Proteus anguinus, der Grottenolm, und ebenso die Proteusbakterien, die im menschlichen K\u00f6rper schwere Blasen- und Nierenbeckenentz\u00fcndungen verursachen k\u00f6nnen <sup><a title=\"Der Glaube an den proteischen Menschen affiziert dagegen eher das Gehirn.\" href=\"#fuss\">3<\/a><\/sup>. Auch ein Flugzeug der Firma Scaled Composites kommt nicht in Betracht, ebenso wenig wie manches andere <sup><a title=\"Ich verweise hier nur auf die Riesenschildkr\u00f6te in: Goethe, \u201cFaust. Der Trag\u00f6die zweiter Teil\u201c und auf den \u00e4gyptischen K\u00f6nig Proteus in Euripides' \u201cHelena\u201c.\" href=\"#fuss\">4<\/a><\/sup>. N\u00e4her kommen wir der Antwort auf unsere Frage, wenn wir einen Blick auf die Homer zugeschriebene \u201cOdyssee\u201d werfen. Dort begegnen wir Proteus, einem alten, weisen und wandlungsf\u00e4higen Meeresgott, der auf der Insel Pharos als Robbenh\u00fcter lebt. Im Zentrum und auf dem Gipfel der griechischen Mythologie, auf dem Olymp, finden wir schlie\u00dflich den wahren Proteus, den Ur-Proteus als Glied der zeusschen G\u00f6tterfamilie. Er ist ein Meister der Verwandlung und kann jede beliebige Gestalt annehmen.<\/p>\n<p><a href=\"#top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"up\" width=\"31\" height=\"15\" border=\"0\" \/><\/a><br \/>\n<a name=\"moderne\"><\/a><\/p>\n<h3>Die Moderne<\/h3>\n<h4>Der Begriff der Moderne<\/h4>\n<p>Mir als seri\u00f6sem Wissenschaftler ist der Begriff \u201cModerne\u201d zutiefst zuwider, stammt er doch aus einem Bereich des gesellschaftlichen \u00dcberbaus, dem naturgem\u00e4\u00df ein \u00dcberma\u00df an Freiheit und Kreativit\u00e4t, damit auch an Unernsthaftigkeit, zugesprochen wird, n\u00e4mlich aus der Kunst bzw. der Kunstgeschichte. Wie dem auch sei, der Begriff wurde allm\u00e4hlich auch von ernsthaften Wissenschaften wie der Soziologie adaptiert und so zur Quantit\u00e9 non n\u00e9gligeable.<br \/>\nDie Vorstellungen von Anfang und Ende dieser Epoche sind jedoch bis zum heutigen Tag ebenso unscharf wie der Epochenbegriff selbst. Begann die Moderne 1789 mit der Franz\u00f6sischen Revolution oder erst am Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Entstehen des Naturalismus in Deutschland? Endete sie 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs <sup><a title=\"Diese Meinung vertritt Amitai Etzoni, was ich f\u00fcr v\u00f6lligen Unsinn halte. Entweder hat die Moderne die faschistische Barbarei verdaut und \u00fcberstanden, oder sie hat mit deren Beginn geendet.\" href=\"#fuss\">5<\/a><\/sup>, 1990 mit dem Ende der Bipolarit\u00e4t, oder dauert sie noch an? Das ist alles umstritten.<br \/>\nIch erspare es mir und dem Leser, an dieser Stelle die angeblichen oder tats\u00e4chlichen Merkmale dieser so genannten \u201cEpoche\u201d aufzulisten &#8211; das l\u00e4sst sich ebenso gut bei Wikipedia <sup><a title=\"www.wikipedia.org\" href=\"#fuss\">6<\/a><\/sup> oder in anderen Lexika nachlesen. Zentral und unbestritten ist jedoch, dass dieser wie auch immer definierte Zeitabschnitt der Menschengeschichte von einem bisher unbekannten und revolution\u00e4ren Wirtschaftssystem dominiert wurde, n\u00e4mlich dem Kapitalismus <sup><a title=\"Mehr dazu bei Karl Marx.\" href=\"#fuss\">7<\/a><\/sup>. Ja, revolution\u00e4r. Zwar stellte der Kapitalismus die Welt nicht vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe <sup><a title=\"Das wird, was unmittelbar einleuchtet, erst eine kommunistisch-anarchisch organisierte Assoziation freier Produzenten leisten k\u00f6nnen.\" href=\"#fuss\">8<\/a><\/sup>, aber er verpasste ihr eine ordentliche Drehbewegung.<\/p>\n<h4>Der Mensch der Moderne<\/h4>\n<p>Welches Menschen bedarf ein Wirtschaftssystem, das auf Privateigentum an Produktionsmitteln basiert und nur ein Ziel verfolgt, das der Profitmaximierung? Hier gilt es zu differenzieren.<br \/>\nDer Mensch im Kapitalismus, sei er Bourgeois oder Proletarier, ist ohne Arbeitsethik nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig, ob er sie sich nun freiwillig aneignet wie die protestantische Ethik <sup><a title=\"Vgl. Max Weber\" href=\"#fuss\">9<\/a><\/sup> oder von der \u201cPeitsche\u201d des \u201cAufsehers\u201d bei Strafe seiner Entlassung dazu gezwungen wird. In der Phase der urspr\u00fcngliches Akkumulation ist daneben die Bereitschaft zu bescheidenem Lebenswandel gefordert &#8211; knappes Kapital muss reinvestiert werden, mit Hungerl\u00f6hnen m\u00fcssen gro\u00dfe Familien ihr Leben fristen. Anders stellt sich die Lage dar, wenn der Kapitalismus in die Phase der Massenproduktion von Waren nicht nur mit Maschinen, sondern auch durch Maschinen eingetreten ist &#8211; dann ist nicht mehr Asketentum erw\u00fcnscht, sondern Konsum; dann wird die Warenwelt weiter und weiter entfaltet, so dass alle tats\u00e4chlichen oder von den Marketingabteilungen der Unternehmen vorgegaukelten materiellen Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden k\u00f6nnen. Zumindest theoretisch. Die Kehrseite der Produktion von Waren und auch Dienstleistungen durch Maschinen besteht darin, dass die menschlichen Produzenten und Dienstleister ihre Arbeit verlieren, ihrer gew\u00fcnschtern Rolle als Konsumenten also nur noch \u00e4u\u00dferst eingeschr\u00e4nkt gerecht werden k\u00f6nnen, was wiederum der Produktion Grenzen setzt.<\/p>\n<p><a href=\"#top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"up\" width=\"31\" height=\"15\" border=\"0\" \/><\/a><br \/>\n<a name=\"postmoderne\"><\/a><\/p>\n<h3>Die Postmoderne<\/h3>\n<h4>Geistesgeschichtliche Hintergr\u00fcnde<\/h4>\n<p>In Bezug auf die Moderne wird immer wieder behauptet, sie sei von einem gro\u00dfen Fortschrittsglauben gepr\u00e4gt worden. F\u00fcr das 19. Jahrhundert ist das zweifelsohne der Fall. Wenn allerdings die Erosion oder gar das Ende des Fortschrittsvertrauens auch das Ende der Moderne eingel\u00e4utet oder bedeutet haben sollte, dann m\u00fcsste das bereits 1912 der Fall gewesen sein, als die \u201cunsinkbare\u201d Titanic von den Fluten des Atlantiks verschlungen wurde. Aber lassen wir das.<br \/>\nFortschrittsglaube, menschlicher Fortschrittsglaube impliziert die Vorstellung, die Welt erkennen und beherrschen zu k\u00f6nnen. Verfechter der These, die menschliche Gesellschaft befinde sich heute nicht mehr in der Phase der Moderne, sondern in der der Postmoderne, argumentieren gerne damit, beides habe sich als Illusion erwiesen, und zitieren zum \u201cBeweis\u201d mit Vorliebe den Physiker Werner Heisenberg oder den Mathematiker Kurt G\u00f6del. Beide haben in der Tat erkannt, dass Termiten an ihren jeweiligen wissenschaftlichen Geb\u00e4uden nagen.<br \/>\nHeisenberg kam zu der Feststellung, dass im Quantenraum eine objektive Beobachtung unm\u00f6glich ist, weil der Beobachter das Experiment beeinflusst. Wohlgemerkt, im Quantenraum, also im Picobereich &#8211; das bedeutet 10<sup>-12<\/sup> m und kleiner. Postmoderne \u201cWissenschaftler\u201d weisen unter Berufung auf diese Heisenbergsche Unsch\u00e4rferelation die Idee einer festen, objektiven Realit\u00e4t zur\u00fcck. Bei Rifkin hei\u00dft es:<br \/>\n\u201cDie Welt ist den Postmodernisten zufolge ein menschliches Konstrukt\u201d. <sup><a title=\"vgl. Jeremy Rifkin, Access, Frankfurt 2000, S. 256, 260 \" href=\"#fuss\">10<\/a><\/sup><br \/>\nRifkin zitiert Heisenberg:<br \/>\n\u201cUnsere wissenschaftliche Arbeit in der Physik besteht darin, Fragen \u00fcber die Natur zu stellen in der Sprache, die wir besitzen.\u201d <sup><a title=\"nach Angaben von Rifkin aus: Werner Heisenberg, Physik und Philosophie, Frankfurt\/Berlin 1990, S. 40 \" href=\"#fuss\">11<\/a><\/sup><br \/>\nDie Sprache der Physik ist die Mathematik, das steht schon bei Galilei, und in mehr als 400 Jahren h\u00e4tte man das lernen k\u00f6nnen. Aber welche Folgerungen ziehen postmodernefreundliche Bestsellerautoren aus dieser Aussage?<br \/>\n\u201cRealit\u00e4t ist damit also eine Funktion der Sprache.\u201d <sup><a title=\"vgl. Rifkin, ebd., S. 261\" href=\"#fuss\">12<\/a><\/sup><br \/>\nHier liegen nicht nur Leseschw\u00e4che und ein kapitaler wissenschaftlicher Lapsus in Bezug auf Schlussfolgerungen vor, sondern auch ein R\u00fcckfall in subjektiven Idealismus, ja mehr, in Solipsismus. Anstatt eines b\u00e4rischen Wutausbruches \u00fcber so viel Dummheit lasse ich lieber Goethe sprechen, der einen Solipsisten sagen l\u00e4sst:<br \/>\n\u201cWenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.\u201d, worauf ihm Mephisto, der Teufel, antwortet:<br \/>\n\u201cDer Teufel stellt dir n\u00e4chstens doch ein Bein.\u201d <sup><a title=\"Goethe, Faust II, V. 6791f\" href=\"#fuss\">13<\/a><\/sup><br \/>\nJedenfalls ist mit derlei \u201cTheorie\u201d keine neue Epoche zu machen.<\/p>\n<h4>Merkmale der Postmoderne<\/h4>\n<p>Wie wir gesehen haben, ist es um die theoretische Legitimation der Postmoderne schlecht bestellt. Wie viel schwerer haben es deren Verfechter da erst auf der materiellen Ebene angesichts der Tatsache, dass die grundlegenden Produktionsverh\u00e4ltnisse des Kapitalismus dieselben geblieben sind, ja, sich sogar nach der Implosion des so genannten \u201creal existierenden Sozialismus\u201d auf den gesamten Globus ausweiten konnten! Aber sie begreifen dergleichen keineswegs als Fortschreibung des alten, sondern erfinden flugs einen neuen Kapitalismus.<br \/>\nWir haben es angeblich mit einer neuen \u00c4ra zu tun, der des kulturellen Kapitalismus, in der nur noch die Verf\u00fcgbarkeit, der Zugang, z\u00e4hlten, wohingegen das Eigentum immer bedeutungsloser werde <sup><a title=\"vgl. Rifkin, ebd., S. 183. Im \u00dcbrigen w\u00e4re zu kl\u00e4ren, was Kapitalismus mit Kultur zu tun hat, aber das ist schon wieder ein anderes Thema.\" href=\"#fuss\">14<\/a><\/sup>. Dinge herzustellen, auszutauschen und Eigentum zu akkumulieren, sei nebens\u00e4chlich geworden <sup><a title=\"Vgl. ebd., S. 263\" href=\"#fuss\">15<\/a><\/sup>. Dieser neue Kapitalismus habe Zeit, Kultur und gelebte Erfahrungen warenf\u00f6rmig gemacht. <sup><a title=\"Vgl. ebd., S. 262\" href=\"#fuss\">16<\/a><\/sup><br \/>\nImmerhin &#8211; Lyotard, Baudrillard und wie sie alle hei\u00dfen, geben zu, dass sie im Kapitalismus leben. Sie meinen, eine neue Qualit\u00e4t des Kapitalismus zu benennen, und verkennen, dass es sich lediglich um eine quantitative Verschiebung des Systems handelt. Niemand leugnet, dass moderne kapitalistische Gesellschaften Dienstleistungsgesellschaften sind, dass sie also, wie Rifkin formuliert, Zugang und Verf\u00fcgbarkeit erm\u00f6glichen. Angesichts einer immer st\u00e4rkeren Vernetzung der Menschenwelt einerseits &#8211; niemand kann sich das Internet kaufen, jeder kann sich nur gegen eine Geb\u00fchr einloggen &#8211; und der durch Arbeitslosigkeit und Lohndumping auf internationaler Ebene prek\u00e4ren finanziellen Situation der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten in den Industriel\u00e4ndern andererseits ist ein anderer Weg unrealistisch. Daraus aber die Schlussfolgerung zu ziehen, der Kapitalismus habe sich dergestalt gewandelt, dass Eigentum und die Herstellung von Produkten nicht z\u00e4hlten, ist v\u00f6llig falsch. Eine solche Argumentation betrachtet nur die Konsumentenperspektive und nicht die der Produzenten, die immer noch all das herstellen und \u00fcber dessen Qualit\u00e4t verf\u00fcgen, was die Massen in Abh\u00e4ngigkeit h\u00e4lt: K\u00fchlschr\u00e4nke, MTV, Soap Operas und Autos, oft auf der Basis von Nutzungsvertr\u00e4gen. Nicht zuletzt verf\u00fcgen die Besitzer der Produktionsmittel \u00fcber das (Aktien-) Kapital, an dessen Mehrung sie interessiert sind.<\/p>\n<h4>Der Mensch der Postmoderne &#8211; der proteische Mensch<\/h4>\n<p>Wie wir oben gesehen haben, ist der griechische Gott Proteus ein Formwandler. \u00c4hnliche F\u00e4higkeiten werden von den Postmodernisten auch dem proteischen Menschen zugesprochen. In der Postmoderne ver\u00e4ndern die Menschen angeblich zwar nicht ihre \u00e4u\u00dfere Form, wohl aber ihre Pers\u00f6nlichkeit zu Pers\u00f6nlichkeiten <sup><a title=\"vgl. ebd., S. 283\" href=\"#fuss\">17<\/a><\/sup>. Rifkin versteigt sich gar zu der Formulierung:<br \/>\n\u201cEin neuer menschlicher Archetyp wird gerade geboren. Einen Teil des Lebens bequem in virtuellen Welten des Cyberspace verbringend, vertraut mit den Funktionsweisen einer vernetzten Wirtschaft, weniger daran interessiert, Dinge zu sammeln als daran, aufregende und unterhaltsame Erfahrungen zu machen, f\u00e4hig, simultan in parallelen Welten zu interagieren, rasch dabei, die eigene Pers\u00f6nlichkeit zu \u00e4ndern, um sie irgendeiner neuen Realit\u00e4t, die ihnen &#8211; ob simuliert oder echt &#8211; begegnet, anzupassen &#8230;\u201d <sup><a title=\"ebd., S. 250\" href=\"#fuss\">18<\/a><\/sup><br \/>\nGro\u00dfe Worte, in der Tat. Dem angeblich so gro\u00dfen Neuen kann man analytisch-theoretisch und empirisch zu Leibe r\u00fccken.<br \/>\nDer proteische Mensch ist, glaubt man Rifkin, souver\u00e4n. Angelehnt an Freud&#8217;sche Kategorien formuliert: Er besitzt \u201cIche-St\u00e4rken\u201d. Ich-St\u00e4rke kann er nicht haben, denn er hat keine Pers\u00f6nlichkeit mehr, wohl aber Pers\u00f6nlichkeiten. F\u00fcr Menschen ist es nicht leicht, angesichts der widerstreitenden Forderungen von \u201cEs\u201d und \u201c\u00dcber-Ich\u201d \u00fcberhaupt ein angemessen starkes \u201cIch\u201d auszubilden &#8211; nun soll dieser Prozess auf einmal multifunktional ein Kinderspiel sein? Die traditionelle Soziologie kennt den Begriff der Rollenambiguit\u00e4t &#8211; in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft muss der Mensch sein Handeln, seine Rolle gem\u00e4\u00df seiner Position modifizieren. Schon diese Anforderung \u00fcberfordert die meisten Menschen &#8211; woher soll also die F\u00e4higkeit zur Ausbildung multipler Pers\u00f6nlichleiten kommen? Eine Mutation ist jedenfalls nicht in Sicht&#8230;<\/p>\n<p>Betrachtet man den real existierenden Menschen, zum Beispiel in Dehland, so stellt man Folgendes fest:<\/p>\n<ul>\n<li>er hat \u00fcberwiegend Angst um seinen Arbeitsplatz oder ist arbeitslos<\/li>\n<li>er hat keine Zeit, sich bequem in den virtuellen Welten des Cyberspace zu tummeln, oder er hat keinen Internetzugang. Wenn er sich einloggt, ist das h\u00e4ufigste Suchwort \u201cSex\u201d &#8211; das ist nicht gerade ein Beweis f\u00fcr Bequemlichkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/li>\n<li>Er sieht intensiv und viel zu lange fern und l\u00e4sst sich von geschauspielerten Pseudopers\u00f6nlichkeiten gefangen nehmen, die mit der Realit\u00e4t und ihm selbst nichts zu tun haben, obwohl er sich mit ihnen identifiziert<\/li>\n<li>Er versteht nichts von der Wirtschaft und deren Funktionsmechanismen<\/li>\n<li>er will selbstverst\u00e4ndlich aufregende und unterhaltsame Erfahrungen machen (Ist das eigentlich \u201cselbst verst\u00e4ndlich\u201d?), landet aber im Urlaub, so er sich diesen leisten kann, auf Mallorca oder in der Dominikanischen Republik &#8211; all inclusive, selbstverst\u00e4ndlich, und ist dort auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen.<\/li>\n<li>Seine eigene Pers\u00f6nlichkeit, falls vorhanden, \u00e4ndert er mitnichten, weil er froh ist, wenigstens etwas zu haben, woran er sich festhalten kann.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der proteische Mensch, vielleicht gedacht als innengeleitetes Individuum <sup><a title=\"vgl. David Riesman, The Lonely Crowd, New York 1950\" href=\"#fuss\">19<\/a><\/sup> , ist eine sch\u00f6ne Idee, die aber weder der gesellschaftlichen Realit\u00e4t noch den in ihr zum Leben gezwungenen Menschen gerecht wird.<\/p>\n<p><a href=\"#top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"up\" width=\"31\" height=\"15\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n<p><a name=\"nachbemerkung\"><\/a><\/p>\n<h3>Nachbemerkung<\/h3>\n<ol type=\"I\">\n<li>Qed.<\/li>\n<li>Ich erspare mir dieses Mal ein Fazit &#8211; es w\u00e4re zu deprimierend, weil es den bisherigen aufs Haar gliche. Allerdings ist es mir ein Anliegen, meiner abgrundtiefen Entt\u00e4uschung dar\u00fcber Ausdruck zu verleihen, dass etliche Menschen, denen noch nicht einmal ich die prinzipielle F\u00e4higkeit zum Denken absprechen will, ihre geistigen Kapazit\u00e4ten darin ersch\u00f6pfen, angebliche neue Epochen zu erfinden, anstatt ihr Gehirnschmalz darauf zu verwenden, \u00fcber die Rettung unseres Planeten nachzudenken, was \u00fcberf\u00e4llig, wenn nicht bereits zu sp\u00e4t ist, jedenfalls aus b\u00e4rischer wie menschlicher Perspektive betrachtet.<\/li>\n<li>Ich bitte um Entschuldigung daf\u00fcr, dass ich diesmal (fast) ernsthaft war.<\/li>\n<li>Falls Jeremy Rifkin meine bescheidenen Anmerkungen lesen und sich \u00e4rgern sollte, w\u00fcrde ich mich freuen, aber ich wei\u00df, dass er nicht Deutsch kann.<\/li>\n<li>Ich danke, wie immer, meiner Sekret\u00e4rin.<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle8.jpg\" alt=\"PD Kulle\" width=\"640\" height=\"480\" border=\"0\" \/><\/div>\n<hr \/>\n<p><a name=\"fuss\"><\/a><br \/>\n<b>Fu\u00dfnoten:<\/b><\/p>\n<p class=\"fussnoten\">Wenn Sie sie Maus kurz \u00fcber einer Fu\u00dfnote stehen lassen, erscheint der Text. Falls das nicht klappt: hier sind noch einmal alle Fu\u00dfnoten im Zusammenhang:<\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li>Ich bitte um Entschuldigung. Nat\u00fcrlich bediene ich mich eines g\u00e4ngigen Zitats, aber das ist unumg\u00e4nglich. In dem Fall, den wir zu untersuchen haben, handelt es sich tats\u00e4chlich um ein Gespenst.<\/li>\n<li>Falls ich \u00fcbersehen haben sollte, dass es auch philosophisch dilettierende Frauen gibt, die dem Ph\u00e4nomen des proteischen Menschen nachjagen, dann m\u00f6ge man mir Kenntnis davon geben &#8211; meine email-Adresse ist bekannt (<a href=\"mailto:kulle@baerdel.de\">kulle@baerdel.de<\/a>).<\/li>\n<li>Der Glaube an den proteischen Menschen affiziert dagegen eher das Gehirn.<\/li>\n<li>Ich verweise hier nur auf die Riesenschildkr\u00f6te in: Goethe, \u201cFaust. Der Trag\u00f6die zweiter Teil\u201c und auf den \u00e4gyptischen K\u00f6nig Proteus in Euripides&#8216; \u201cHelena\u201c.<\/li>\n<li>Diese Meinung vertritt Amitai Etzoni, was ich f\u00fcr v\u00f6lligen Unsinn halte. Entweder hat die Moderne die faschistische Barbarei verdaut und \u00fcberstanden, oder sie hat mit deren Beginn geendet.<\/li>\n<li>http:\/\/www.wikipedi.org<\/li>\n<li>Mehr dazu bei Karl Marx.<\/li>\n<li>Das wird, was unmittelbar einleuchtet, erst eine kommunistisch-anarchisch organisierte Assoziation freier Produzenten leisten k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Vgl. Max Weber<\/li>\n<li>vgl. Jeremy Rifkin, Access, Frankfurt 2000, S. 256, 260<\/li>\n<li>nach Angaben von Rifkin aus: Werner Heisenberg, Physik und Philosophie, Frankfurt\/Berlin 1990, S. 40<\/li>\n<li>vgl. Rifkin, ebd., S. 261<\/li>\n<li>Goethe, Faust II, V. 6791f<\/li>\n<li>vgl. Rifkin, ebd., S. 183. Im \u00dcbrigen w\u00e4re zu kl\u00e4ren, was Kapitalismus mit Kultur zu tun hat, aber das ist schon wieder ein anderes Thema.<\/li>\n<li>Vgl. ebd., S. 263<\/li>\n<li>Vgl. ebd., S. 252<\/li>\n<li>vgl. ebd., S. 283<\/li>\n<li>ebd., S. 250<\/li>\n<li>vgl. David Riesman, The Lonely Crowd, New York 1950<\/li>\n<\/ol>\n<p><a href=\"#top\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/arrow_ball_up.gif\" alt=\"up\" width=\"31\" height=\"15\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. phil. Kulle, P.D. Inhalt: Vorwort Proteus Die Moderne Der Begriff der Moderne Der Mensch der Moderne Die Postmoderne Geistesgeschichtliche Hintergr\u00fcnde Merkmale der Postmoderne Der Mensch der Postmoderne &#8211; der proteische Mensch Nachbemerkung Vorwort Ein Gespenst geht um 1, nicht nur in Europa, sondern in der gesamten so genannten zivilisierten, also vulgo industrialisierten Welt. 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