{"id":364,"date":"1999-07-11T14:19:47","date_gmt":"1999-07-11T12:19:47","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=364"},"modified":"2017-03-11T14:32:05","modified_gmt":"2017-03-11T12:32:05","slug":"krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1999\/07\/krieg\/","title":{"rendered":"Krieg"},"content":{"rendered":"<p>\u201eJetzt reicht&#8217;s aber wirklich!\u201c sagte Tumu emp\u00f6rt nach dem Ende der \u201eTagesschau\u201c. Nein, nicht ganz nach dem Ende: Weder die Sportnachrichten noch den Wetterbericht wartete sie ab. Das war seltsam: Zwar interessierte sie sich \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr die sogenannten fairen Wettbewerbe der Menschen, aber dem Wetter der n\u00e4chsten Tage widmete sie \u00fcblicherweise ihre volle Aufmerksamkeit, sch\u00e4tzte die witterungsbedingt zur Verf\u00fcgung stehenden Nahrungsmittel ein und stellte dementsprechend ihren Speiseplan zusammen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/Clouds.jpg\" alt=\"Wolken\" width=\"320\" height=\"240\" align=\"Right\" \/><br \/>\nB\u00e4rdel sch\u00fcttelte zwar sanft tadelnd den Kopf, blieb aber ruhig sitzen und wunderte sich auch nicht, als er in der Nacht auf seinem Lager alleine blieb. Er hatte es aufgegeben, sich \u00fcber Frauen allgemein und Tumu speziell zu wundern &#8211; am besten war es, wenn man ihnen ihre Launen lie\u00df und sich nicht dar\u00fcber aufregte.<br \/>\nAls Tumu am Morgen wieder auftauchte, machte er aber doch gro\u00dfe Augen. Ihre dagegen waren ganz klein. Sie sah aus wie eine B\u00e4renfrau, die die ganze Nacht lang nicht geschlafen hat. Wortlos dr\u00fcckte sie B\u00e4rdel ein sorgf\u00e4ltig gefaltetes gro\u00dfes wei\u00dfes Tuch in die Pranken.<br \/>\n\u201eWas soll ich damit?\u201c brummte er.<br \/>\n\u201eAufmachen!\u201c erwiderte sie kurz angebunden. \u201eUnd mir zwei d\u00fcnne, lange Stangen besorgen, aber stabil m\u00fcssen sie sein. Und dann gehen wir los &#8211; ich packe schnell noch ein paar Pilze f\u00fcr unterwegs ein!\u201c<br \/>\nSchon hatte sie sich auf der Ferse umgedreht und war im Wald verschwunden.<br \/>\nKopfsch\u00fcttelnd, aber gehorsam faltete B\u00e4rdel das Tuch auseinander. Es mu\u00dfte ein Menschenbettlaken sein, ging es ihm dabei durch den Kopf. Wie mochte das nach B\u00e4renleben gekommen sein? Aber das war jetzt nicht die Hauptfrage. Viel wichtiger war, was Tumu mit dem Stoffst\u00fcck angestellt hatte. Die schmalen Kanten waren sorgf\u00e4ltig einige Zentimeter breit umgen\u00e4ht und zus\u00e4tzlich jeweils oben verschlossen. Wo oben war, erkannte B\u00e4rdel leicht: Gro\u00dfe Buchstaben aus rotem Stoff prangten auf dem Laken, mit pr\u00e4zisen, kleinen Stichen befestigt. Sie waren so gro\u00df, da\u00df B\u00e4rdel sich den Text langsam zusammenbuchstabieren mu\u00dfte.<br \/>\n<b>Wir sagen NEIN! Schlu\u00df mit dem Krieg! <\/b><\/p>\n<p>las er endlich.<br \/>\nDa kam Tumu auch schon wieder. Die Steinpilze in ihren Pranken dufteten verf\u00fchrerisch. Unwillk\u00fcrlich streckte B\u00e4rdel die Hand danach aus, bekam aber einen kr\u00e4ftigen Hieb auf die Tatze.<br \/>\n\u201eDie sind f\u00fcr unterwegs, das habe ich doch gesagt! Und wo sind die Stangen? Wir m\u00fcssen los, es eilt!\u201c<br \/>\nEndlich kam B\u00e4rdel dazu, die Frage zu stellen, vor der er sich f\u00fcrchtete. Er wu\u00dfte nicht genau, warum er Angst hatte, aber er hatte Angst.<br \/>\n\u201eTumu, was hast Du eigentlich vor?\u201c<br \/>\n\u201eDemonstrieren nat\u00fcrlich!\u201c antwortete sie kurz angebunden. \u201eMu\u00df ich Dir das etwa erkl\u00e4ren?\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel war klar, da\u00df sie sich schrecklich aufregen w\u00fcrde, wenn er jetzt nickte. Er nickte trotzdem und sagte: \u201eJa, das mu\u00dft Du mir erkl\u00e4ren!\u201c<br \/>\nTumu blickte ihn zweifelnd an. Das konnte doch nicht wahr sein! Schlie\u00dflich hatte ganz B\u00e4renleben n\u00e4chtelang diskutiert, und sie war der Meinung, da\u00df die Dorfbewohner zu einer richtigen Einsch\u00e4tzung der sogenannten humanit\u00e4ren Aktion der NATO im ehemaligen Jugoslawien gekommen waren. Mit gro\u00dfer Anstrengung gelang es ihr, den bitteren Geschmack hinunterzuschlucken, der sich auf ihre Zunge geschlichen hatte. Sollte B\u00e4rdel tats\u00e4chlich alles vergessen haben?<br \/>\nSie ri\u00df sich zusammen und sagte: \u201eNa gut!\u201c<br \/>\nSchnell sortierte sie ihre Gedanken und holte zu einem l\u00e4ngeren Vortrag aus.<\/p>\n<p>Wenn Tumu sich dazu gezwungen sah, eine l\u00e4ngere Argumentation zu formulieren, mu\u00dfte sie sich immer sehr stark konzentrieren. Am liebsten sah sie dabei zu Boden , blickte auf Gr\u00e4ser, Kr\u00e4uter, Blumen oder nackte Erde, die sie nicht vom Denken ablenkten. Diesmal allerdings fiel es ihr schwer, ihre Gedanken zusammenzuhalten, denn sie hatte das merkw\u00fcrdige Gef\u00fchl, da\u00df alles, was sie sagte, ein Echo hatte. Deshalb schaute sie bei ihren letzten S\u00e4tzen ihren Mann an und bemerkte, da\u00df sich seine Lippen synchron zu ihren bewegten.<br \/>\nDas also war das Geheimnis der verdoppelten Stimme! B\u00e4rdel sagte genau dasselbe wie sie auch! Zorn wallte in ihr auf.<br \/>\n\u201eWenn Du das alles genauso wei\u00dft wie ich, sogar w\u00f6rtlich, warum soll ich es Dir dann erkl\u00e4ren?\u201c<br \/>\n\u201eDu solltest mir ja nicht die Sache mit dem Krieg erkl\u00e4ren, sondern die Sache mit dem Demonstrieren!\u201c sagte B\u00e4rdel friedlich. Er versuchte, sie in den Arm zu nehmen, aber sie wand sich aus seinen Pranken heraus. Nein, sie wollte jetzt keine Z\u00e4rtlichkeit!<br \/>\n\u201eDie Sache mit dem Demonstrieren ist doch ganz einfach. Wir gehen zu den Menschen und machen ihnen klar, was falsch an diesem Krieg ist. Ganz bl\u00f6d sind sie ja schlie\u00dflich auch nicht. Dazu nehmen wir mein Transparent mit. So einfach ist das!\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, erwiderte B\u00e4rdel. \u201eSo einfach ist das, B\u00e4renleben und seine geheime Existenz zu verraten. So einfach ist das, die Jagd auf uns zu er\u00f6ffnen.\u201c<br \/>\n\u201eOh!\u201c<br \/>\nTumus Wut brach in sich zusammen. Hilflos \u00f6ffnete sie die Hand, und die k\u00f6stlichen Steinpilze kullerten auf die Erde. B\u00e4rdel b\u00fcckte sich und sammelte sie auf. Er wagte jedoch nicht, seinen Appetit zu befriedigen &#8211; Tumu w\u00fcrde sofort wieder sauer reagieren, das wu\u00dfte er genau.<br \/>\nSie standen sich gegen\u00fcber und sahen einander an.<br \/>\nNach einer langen Pause sagte Tumu: \u201eAber irgendwas m\u00fcssen wir doch tun.\u201c<br \/>\nHinter dem Satz stand kein Ausrufungszeichen. Ihre Stimme klang hilflos.<br \/>\n\u201eM\u00fcssen wir?\u201c fragte B\u00e4rdel.<br \/>\n\u201eJa, wir m\u00fcssen!\u201c Das h\u00f6rte sich schon wieder energischer an. \u201eEs ist ja nicht so, da\u00df ich Sympathien f\u00fcr die Menschen h\u00e4tte. Aber wenn wir sie mit ihrer selbstzerst\u00f6rerischen Politik weitermachen lassen, bringen sie \u00fcber kurz oder lang auch uns um &#8211; so ganz nebenbei.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn wir demonstrieren, bringen sie uns sofort um &#8211; ganz gezielt und gar nicht nebenbei. Das siehst Du doch ein, oder?\u201c<br \/>\nSie nickte, gab sich aber nicht geschlagen. \u201eAlso?\u201c wollte sie wissen. Meistens wu\u00dfte B\u00e4rdel einen Ausweg, aber diesmal zuckte er die Schultern.<br \/>\n\u201eWir machen das, was B\u00e4ren immer machen, wenn einzelnen B\u00e4ren nichts einf\u00e4llt. Wir halten Kriegsrat. Oder besser Friedensrat. Heute Nachmittag. Und Du gehst jetzt erst mal f\u00fcr ein paar Stunden schlafen, sonst bist Du nachher zu nichts zu gebrauchen.\u201c<br \/>\nOhne Widerworte nickte Tumu und verschwand im dunklen Mund der H\u00f6hle. Das war so ungew\u00f6hnlich, da\u00df B\u00e4rdel ihr lange nachblickte. Sie mu\u00dfte wirklich erledigt sein, physisch und psychisch.<br \/>\nEr seufzte. Bevor B\u00e4ren seufzen, nehmen sie einen tiefen Atemzug. Bei tiefen Atemz\u00fcgen nehmen sie Ger\u00fcche besonders deutlich wahr. B\u00e4rdel roch Steinpilze. Herzhaft bi\u00df er hinein, v\u00f6llig ohne schlechtes Gewissen. Er hatte das Gef\u00fchl, da\u00df er f\u00fcr das, was kommen w\u00fcrde, eine St\u00e4rkung brauchen k\u00f6nnte.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle2.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"663\" height=\"556\" align=\"Right\" \/><br \/>\nDer ungest\u00f6rte Genu\u00df war nur von kurzer Dauer. Kulle tauchte auf. Das hei\u00dft, B\u00e4rdel sah ihn zuerst nicht, sondern h\u00f6rte seine Stimme. Eine \u00e4u\u00dferst ungehaltene Stimme, die sich auf nur wenige Phrasen konzentrierte und immer wieder eine wiederholte: \u201eKonterrevolution\u00e4re Aktion\u201c.<br \/>\nB\u00e4rdel geno\u00df den Geschmack des letzten Pilzes und machte sich auf die kommende Katastrophe gefa\u00dft.<br \/>\nAls Kulle schlie\u00dflich hinter dem n\u00e4chsten Geb\u00fcsch sichtbar wurde, schimpfte er weiter vor sich hin. Ohne B\u00e4rdel zu bemerken, stocherte er mit einer langen Stange im Unterholz herum, ohne darauf zu achten, da\u00df er Wurzeln, Beeren und Pilze zerst\u00f6rte. Systematisch suchte er jeden Quadratmeter ab. Dabei fluchte er ohne Unterla\u00df &#8211; \u201eTussifixnochmal\u201c &#8211; und drohte zwischendurch den Konterrevolution\u00e4ren, da\u00df er sie fassen und f\u00fcrchterlich bestrafen werde. Schlie\u00dflich stie\u00df er unsanft gegen B\u00e4rdel, der sich nicht von der Stelle ger\u00fchrt hatte.<br \/>\nBlitzschnell drehte Kulle sich um, und noch w\u00e4hrend der Drehung hob er seinen Stock, holte zum Schlag aus und rief: \u201eJetzt hab ich Dich!\u201c<br \/>\n\u201eJa, jetzt hast Du mich. Aber was hast Du davon? Ich habe Dir nichts getan. Ich bin \u00fcbrigens B\u00e4rdel, falls Du das vergessen haben solltest.\u201c<br \/>\nTrotz des jahrelang immer wieder von allen Bewohnern B\u00e4renlebens einge\u00fcbten passiven Widerstands war B\u00e4rdel in Situationen wie diesen durchaus mulmig zumute. Aber er brauchte keine Angst zu haben &#8211; als Kulle ihn erkannt hatte, beruhigte er sich sofort.<br \/>\n\u201eAch, Du bist es!\u201c sagte er. Und ohne sich f\u00fcr die Rempelei zu entschuldigen, fragte er unvermittelt: \u201eHast Du meine rote Fahne gesehen?\u201c<br \/>\n\u201eNein\u201c, sagte B\u00e4rdel.<br \/>\nEr wu\u00dfte genau, wonach Kulle fragte. <a name=\"fuss1\"><\/a>Vor langer Zeit war Kulle in der ehemaligen DDR unterwegs gewesen und hatte dort versucht, sich als Lehrer sein Brot zu <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/06\/die-lehre\/\">verdienen<\/a>. Von seiner Wanderung hatte er eine rote Fahne mit nach B\u00e4renleben gebracht, die er seitdem wie seinen Augapfel h\u00fctete. Zugleich mit der Erinnerung scho\u00df B\u00e4rdel ein Verdacht durch den Kopf, abder den behielt er zun\u00e4chst noch f\u00fcr sich. Stattdessen fragte er:<br \/>\n\u201eWozu brauchst Du denn die Fahne?\u201c<br \/>\n\u201eNa, f\u00fcr eine Demonstration selbstverst\u00e4ndlich!\u201c Kulle begann sogar zu singen: \u201eDie rote Fahne weht uns voran, die rote Fahne weht uns voran&#8230;\u201cund wechselte dann unvermittelt ins Italienische: \u201eEvviva communismo e liberta!\u201c<br \/>\nAuch dazu verkniff sich B\u00e4rdel jeden Kommentar unf fragte nur schlicht: \u201eUnd wof\u00fcr oder wogegen willst Du mit der roten Fahne demonstrieren?\u201c<br \/>\nKulle schaute ihn so verwundert an, als sei B\u00e4rdel eine unverhofft aufgetauchte unbekannte Lebensform von Alpha Centauri.<br \/>\n\u201eGegen den Krieg! Gegen die NATO. Gegen den Krieg im Kosovo. Mu\u00df ich Dir das wirklich erkl\u00e4ren?\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel sch\u00fcttelte den Kopf, aber Kulle fuhr trotzdem unbeirrt fort.<br \/>\n\u201eDie NATO f\u00fchrt einen Angriffskrieg in Jugoslawien, der v\u00f6lkerrechtswidrig ist. Einen solchen Krieg kann nur der Sicherheitsrat der UNO erkl\u00e4ren. Die NATO bringt mit ihrem selbsterteilten Mandat zur Bewahrung der Menschenrechte eine neue Dimension m\u00f6glicher Kriege in die Welt, denn schlie\u00dflich kann theoretisch in Zukunft jedes Milit\u00e4rb\u00fcndnis erkl\u00e4ren, da\u00df es Vernichtungswaffen einsetzt, um Menschenleben zu sch\u00fctzen. Apropos Menschenleben sch\u00fctzen: Mit ihrem Luftkrieg hat die NATO die humanit\u00e4re Katastrophe, die sie angeblich verhindern wollte, erst geschaffen.Die Vertreibung aus dem Kosovo hat seit dem NATO-Krieg Hunderttausende von Menschen ins Elend gest\u00fcrzt. Die Infrastruktur Jugoslawiens ist zerst\u00f6rt. Und der Weltfrieden ist ernsthaft bedroht, weil Ru\u00dfland und China diesem Krieg wohl nicht unbegrenzt zusehen werden.\u201c<br \/>\nEin Gef\u00fchl, das er bisher zwar aus der Literatur kannte, aber nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte, beschlich B\u00e4rdel: D\u00c9ja vu! Dieselbe Szene hatte er vor wenigen Augenblicken mit Tumu erlebt.<br \/>\n\u201eDanke, das wei\u00df ich alles\u201c, sagte er. \u201eDu bist \u00fcbrigens nicht der einzige, der auf die Idee mit der Demonstration gekommen ist. Tumu hat die ganze Nacht an einem Transparent daf\u00fcr gearbeitet. Sie hat rote Stoffbuchstaben auf ein wei\u00dfes Laken gen\u00e4ht &#8211; ich f\u00fcrchte, von Deiner Fahne sind nur noch Fetzen \u00fcbrig.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel machte sich auf einen weiteren Wutausbruch Kulles gefa\u00dft, aber zu seiner \u00fcberraschuing blieb dieser gefa\u00dft.<br \/>\n\u201eNa ja\u201c, brummte er nur. \u201eSie hat es bestimmt gut gemeint. Immerhin h\u00e4tte sie vorher fragen k\u00f6nnen &#8211; mit roter Fahne w\u00e4re die Demo viel provokativer. Aber was soll\u2018s &#8211; wir haben ein Transparent. Also los &#8211; jede Sekunde ist kostbar!\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel hatte keine Lust, Kulle zu erkl\u00e4ren, was eine Demonstration f\u00fcr B\u00e4renleben bedeuten w\u00fcrde. Es reichte ihm schon, da\u00df er das, was er Tumu gesagt hatte, am Nachmittag noch einmal w\u00fcrde wiederholen m\u00fcssen. Deshalb zog er sich auf logische Argumente und auf die basisdemokratischen Verfahrensweisen B\u00e4renlebens zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eWollen wir etwa zu zweit demonstrieren? Tumu habe ich erstmal schlafen geschickt, weil sie v\u00f6llig \u00fcbern\u00e4chtigt war. Alle anderen sind in den Beeren und in den Pilzen. Heute Nachmittag ist B\u00e4renrat &#8211; dann werden wir alle gemeinsam entscheiden, was wir machen!\u201c<br \/>\nKulle murrte zwar, sah aber keine andere M\u00f6glichkeit, als sich zu f\u00fcgen.<br \/>\nDie Versammlung am fr\u00fchen Abend begann ungew\u00f6hnlich, und alle B\u00e4ren sp\u00fcrten, da\u00df etwas in der Luft lag. Vor dem Eingang zur H\u00f6hle hatte sich Tumu aufgebaut, zwei Meter von ihr entfernt stand Manfred. Zwischen ihnen spannte sich das zweckentfremdete Bettlaken und begr\u00fc\u00dfte jeden Ank\u00f6mmling mit seiner Parole:<br \/>\n<b>Wir sagen NEIN! Schlu\u00df mit dem Krieg!<\/b><br \/>\nB\u00e4rdel seufzte lautlos. Tumu hatte sich also nicht von ihm \u00fcberzeugen lassen, und Manfred hatte sie auch auf ihre Seite gebracht. Und was war mit Kulle? Wenn auch Kulle sich f\u00fcr die Demonstration aussprach, w\u00fcrde es ein harter Kampf werden. Ein sehr harter Kampf. Wahrscheinlich ein aussichtsloser Kampf.<br \/>\nKulle erschien deutlich versp\u00e4tet als letzter. Anstatt sich zu entschuldigen, was angemessen gewesen w\u00e4re, deutete er stolz auf das Paket, das er feierlich vor sich hertrug.<br \/>\n\u201eWie gut, da\u00df manche Menschen so reinlich sind! Es war kein Problem, im n\u00e4chsten Dorf ein Laken von der Leine zu mopsen. Leider war es wei\u00df &#8211; aber wie ihr seht, wei\u00df ein intelligenter B\u00e4r sich zu helfen!\u201c<br \/>\nEr entfaltete das Tuch, das etliche Farbschattierungern zwischen hellrosa und hellrot aufwies. Es sah aus wie das Produkt unprofessioneller Batik.<br \/>\nKulle war an Lob oder Tadel offensichtlich nicht interessiert, sondern von seiner Arbeit \u00fcberzeugt.<br \/>\n\u201eHimbeeren!\u201c erkl\u00e4rte er stolz. Und fuhr unvermittelt fort: \u201eOhne eine rote Fahne demonstriere ich n\u00e4mlich nicht!\u201c<br \/>\nDie B\u00e4ren murmelten verunsichert und fragten sich, was das alles solle. Es war Zeit, die Versammlung zu er\u00f6ffnen.<br \/>\n\u201eB\u00e4ren!\u201c sagte B\u00e4rdel. Und dann erkl\u00e4rte er das Problem. Er blieb objektiv: Selbstverst\u00e4ndlich durften die B\u00e4ren nicht tatenlos zusehen, wie die Menschen politische L\u00f6sungen von Konflikten scheinrationaler milit\u00e4rischer Logik \u00fcberlie\u00dfen, die zur Vernichtung menschlichen und b\u00e4rischen Lebens f\u00fchren konnte, aber ebenso selbstverst\u00e4ndlich durfte B\u00e4renleben seine Existenz nicht verraten. Als er endlich fertig war &#8211; er hatte ausf\u00fchrlich gesprochen, weil er wollte, da\u00df wirklich jeder und jede, auch die Jungb\u00e4ren, verstanden, worum es ging, er\u00f6ffnete er die Diskussion.<br \/>\nDie erste Pranke, die sich in die Luft erhob, geh\u00f6rte Kulle. Wieder seufzte B\u00e4rdel lautlos &#8211; zum wievielten Mal eigentlich an diesem Tag? Aber es blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig, als Kulle das Wort zu erteilen.<br \/>\n\u201eB\u00e4rinnen und B\u00e4ren!\u201c<br \/>\nSo feierlich hatte Kulle noch nie begonnen &#8211; er schien Gro\u00dfes vorzuhaben.<br \/>\n\u201eB\u00e4rinnen und B\u00e4ren!\u201c wiederholte er. \u201eDehland und Krieg &#8211; das ist eine schier unendliche Geschichte. Nat\u00fcrlich bringt eine geostrategische Mittellage immer auch die Notwendigkeit mit sich, Verteidigungs- oder Befreiungskriege zu f\u00fchren, aber davon m\u00f6chte ich hier einmal absehen &#8211; das w\u00fcrde zu weit f\u00fchren. Mein Thema sind heute die Aggressionskriege. Seit 1866 hat Dehland davon etliche gef\u00fchrt. Ich will es euch und mir ersparen, darauf n\u00e4her einzugehen, ich sage nur 1870, 1914, 1939. Und jetzt sage ich 1999. Aber neben dieser unheilvollen Tradition hat Dehland auch eine positive, eine hoffnungsvolle vorzuweisen. Ich will mich kurzfassen und mich auf unser Jahrhundert beschr\u00e4nken. Schon im August 1914, als es um die Bewilligung der Kriegskredite ging, hat Karl Liebknecht, wohlbemerkt ein Gr\u00fcndungsmitglied der sp\u00e4teren kommunistischen Partei, im Reichstag als einziger dagegen gestimmt&#8230;\u201c<br \/>\nKulle hangelte sich \u00fcber Bertha von Suttner zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, w\u00fcrdigte die Osterm\u00e4rsche der 50er Jahre, die Anti-Atomkriegsbewegung, den massenhaften Protest gegen den NATO-Doppelbeschlu\u00df und die immerhin noch wahrnehmbare Bewegung gegen den Irak-Krieg 1990. Er erl\u00e4uterte alles ausf\u00fchrlich. Schon bald h\u00f6rte ihm kaum jemand mehr zu: Nur wenige B\u00e4ren nutzen ihre Mu\u00dfestunden daf\u00fcr, sich mit Geschichte zu besch\u00e4ftigen; an den meisten rauschte Kulles rascher Vortrag dementsprechend spurenlos vorbei.<br \/>\nErst als er zum Schlu\u00df kam &#8211; und das wie jeder schlechte Redner mit den Worten: \u201eIch komme jetzt zum Schlu\u00df\u201c auch ank\u00fcndigte -, atmete das Auditorium auf und wurde wieder aufmerksam.<br \/>\n\u201eMitb\u00e4ren!\u201c sagte er schlicht. \u201eDeshalb m\u00fcssen wir jetzt demonstrieren, unter der roten Fahne demonstrieren, denn au\u00dfer uns tut es niemand!\u201c<br \/>\nDas Antwortgebrumm der Versammlung signalisierte \u00fcberwiegend Ablehnung. B\u00e4rdel war erleichtert &#8211; Kulle hatte sich mit seinem Hang zum Dozieren selbst ausgepunktet. Aber er wu\u00dfte, da\u00df er noch nicht gewonnen hatte.<br \/>\n\u201eWer m\u00f6chte als n\u00e4chster sprechen?\u201c fragte er.<br \/>\n\u201eIch, und nicht als n\u00e4chster, sondern als n\u00e4chste!\u201c<br \/>\nTumu klang nicht nur aggressiv, sie war es auch.<br \/>\n\u201eKosovarische Frauen werden vergewaltigt, nicht nur zuf\u00e4llig, wie es im Krieg scheinbar \u201anormal\u2018 ist, sondern massenhaft. Kosovarische M\u00e4nner verschwinden zu Tausenden und werden zum Teil anschlie\u00dfend in Massengr\u00e4bern wiedergefunden. H\u00e4user brennen, nicht, weil der Blitz eingeschlagen hat oder es einen Kurzschlu\u00df gab, sondern weil man sie angez\u00fcndet hat. Hunderttausende versuchen in die Nachbarl\u00e4nder zu fliehen, um all dem zu entgehen. Dagegen mu\u00df man doch etwas tun!\u201c<br \/>\nSchon bei Tumus erstem Satz war eine alte B\u00e4rin aufmerksam geworden. Ungeduldig wackelte sie auf ihrem breiten Hintern hin und her und platzte sofort los, als Tumu fertig war:<br \/>\n\u201eWer vergewaltigt denn die Frauen? Wer erschie\u00dft die M\u00e4nner? Wer z\u00fcndet die H\u00e4user an?\u201c<br \/>\nEs war Tumu anzusehen, da\u00df ihr diese Frage unangenehm war. Widerwillig antwortete sie dennoch:<br \/>\n\u201eDie Serben.\u201c<br \/>\nDie B\u00e4rin war zwar ein wenig verwirrt, hatte aber ein gutes Ged\u00e4chtnis.<br \/>\n\u201eKulle will also\u201c, sagte sie langsam, da\u00df wir gegen den Krieg demonstrieren. Und Du sagst, da\u00df die Serben am Elend in dieser Gegend &#8211; wie hei\u00dft sie doch &#8230;?\u201c<br \/>\n\u201eKosovo.\u201c<br \/>\n\u201e&#8230;also gut, in dieser Gegend Kosovo schuld sind. Also sollen wir gegen die Serben demonstrieren?\u201c<br \/>\n\u201eJa!\u201c sagte Tumu.<br \/>\nGleichzeitig sagte Kulle: \u201eNat\u00fcrlich nicht. Wir demonstrieren gegen die NATO.\u201c<br \/>\nPl\u00f6tzlich begannen alle durcheinanderzureden.<br \/>\n\u201eIch demonstriere \u00fcberhaupt nicht.\u201c<br \/>\n\u201eH\u00f6chstens gegen Gentechnologie bei Him- und Brombeeren.\u201c<br \/>\n\u201eIch versteh das alles gar nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWo leben eigentlich die Serben?\u201c<br \/>\n\u201eSelbst wenn ich das w\u00fc\u00dfte, selbst wenn ich w\u00fc\u00dfte, was sie tun &#8211; warum sollte ich dann gegen die NATO demonstrieren?\u201c<br \/>\n\u201eWer oder was ist eigentlich die NATO?\u201c<br \/>\nBei dieser letzten Frage geschah etwas Merkw\u00fcrdiges: Tumu, Kulle und B\u00e4rdel schienen pl\u00f6tzlich ihr Volumen zu verdoppeln. Ihnen str\u00e4ubte sich das Fell, und derselbe Gedanke scho\u00df ihnen durch den Kopf: Das also war das Ergebnis n\u00e4chtelanger erregter Diskussionen? Kein Konsens, keine Information, sondern schlichte Ignoranz?<br \/>\n\u201eB\u00e4ren&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eB\u00e4rinnen&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eB\u00e4rinnen und B\u00e4ren&#8230;\u201c<br \/>\nGleichzeitig hatten Kulle, Tumu und B\u00e4rdel Luft geholt und zu reden begonnen, aber sie h\u00f6rten gleich wieder auf, weil niemand ihnen zuh\u00f6rte. Kleine Gespr\u00e4chszirkel hatten sich gebildet: Das Schwein erkl\u00e4rte einer Gruppe von erstaunten Jungb\u00e4ren, da\u00df die NATO eine kriminelle Vereinigung sei, die von den Besitzern der Chicagoer Schachth\u00f6fe finanziert wurde, die an Vergewaltigungen interessierte alte B\u00e4rin hatte eine Gruppe von Frauen um sich geschart, in der gegen M\u00e4nnergewalt polemisiert wurde, und Manfred demonstrierte mit Hilfe einer Landkarte die milit\u00e4rische Lage rund um Belgrad.<br \/>\nGleichzeitig seufzten Tumu, Kulle und B\u00e4rdel und schauten einander an. Lange.<br \/>\n\u201eUnd jetzt?\u201c fragte B\u00e4rdel endlich.<br \/>\n\u201eJetzt,\u201c sagte Tumu \u00fcberraschend energisch, \u201ek\u00fcmmere ich mich ums Abendessen. Wie w\u00e4r\u2018s mit Waldbeerenmix, allerdings ohne Himbeeren? Die d\u00fcrfte Kulle n\u00e4mlich verbraucht haben.\u201c<br \/>\nDie beiden M\u00e4nner nickten \u00fcberrascht, und Tumu verschwand im Geb\u00fcsch.<br \/>\n\u201eWas hat sie denn auf einmal?\u201c wollte Kulle wissen.<br \/>\n\u201eGar nichts. Sie wei\u00df nur, wann sie verloren hat. Jedenfalls f\u00fcr den Moment. Ich wette, da\u00df sie auf der morgigen Versammlung den Vorschlag machen wird, f\u00fcr alle einen obligatorischen politischen Unterricht einzuf\u00fchren. Mit Pr\u00fcfungen. Oder da\u00df sie eine Vortragsreihe starten will. Irgendetwas in dieser Richtung jedenfalls.\u201c<br \/>\n\u201eWieso verloren?\u201c brummte Kulle. \u201e\u2018Die Ideologie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift!\u2018\u201c<br \/>\n\u201eWenn!\u201c schmunzelte B\u00e4rdel. \u201eIn so manchem \u201awenn\u2018 steckt ein \u201afalls\u2018, falls Du das noch nicht bemerkt haben solltest. Und ich habe mir sagen lassen, da\u00df es falsche und richtige Ideologien gibt, ist es nicht so?\u201c<br \/>\nKulle verzichtete darauf, auf diese rhetorische Frage zu antworten. Sein Blick richtete sich auf die Erde, wo zu seinen F\u00fc\u00dfen ein verkrumpeltes hellrotes Stoffpaket lag. B\u00e4rdel schaute derweil in den Himmel. Knapp \u00fcber dem Horizont zog ein schwerer Milit\u00e4rtransporter einen doppelten wei\u00dfen Kondensstreifen hinter sich her. Er war beruhigend weit weg.<br \/>\nB\u00e4rdel verfolgte das Flugzeug mit den Augen. Er beschlo\u00df, Tumus Vorschl\u00e4ge, die er f\u00fcr die n\u00e4chste Versammlung erwartete, nach Kr\u00e4ften zu unterst\u00fctzen. Ohne den Blick abzuwenden, tastete er mit der Pranke nach Kulle und fand ihn. Er sp\u00fcrte ein leichtes Beben und wu\u00dfte, was das bedeutete.<br \/>\n\u201eWir haben kein R\u00fcckgrat zum Zerschlagen,\u201c murmelte er.<br \/>\nDas Beben wurde st\u00e4rker. B\u00e4rdels Augen blieben auf den Himmel gerichtet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/baerd3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15\" src=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/baerd3-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/baerd3-300x225.jpg 300w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/baerd3.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJetzt reicht&#8217;s aber wirklich!\u201c sagte Tumu emp\u00f6rt nach dem Ende der \u201eTagesschau\u201c. Nein, nicht ganz nach dem Ende: Weder die Sportnachrichten noch den Wetterbericht wartete sie ab. Das war seltsam: Zwar interessierte sie sich \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr die sogenannten fairen Wettbewerbe der Menschen, aber dem Wetter der n\u00e4chsten Tage widmete sie \u00fcblicherweise ihre volle Aufmerksamkeit,&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1999\/07\/krieg\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Krieg<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,3],"tags":[],"class_list":["post-364","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-baerdel","category-baerdel1","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/364","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=364"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/364\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":368,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/364\/revisions\/368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=364"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=364"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=364"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}