{"id":362,"date":"1998-09-11T14:03:41","date_gmt":"1998-09-11T12:03:41","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=362"},"modified":"2022-04-01T14:41:40","modified_gmt":"2022-04-01T12:41:40","slug":"baerenbesuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1998\/09\/baerenbesuch\/","title":{"rendered":"B\u00e4renbesuch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span class=\"firstchar\">E<\/span>s schien ein ganz normaler Abend in B\u00e4renleben zu sein. Am Ende der H\u00f6hlenversammlung, in der sie die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht und einander Geschichten erz\u00e4hlt hatten, g\u00e4hnten alle B\u00e4ren und auch das Schwein zufrieden und m\u00fcde und rappelten sich auf, um ihre Schlafpl\u00e4tze aufzusuchen. Kulle jedoch verschaffte sich in der allgemeinen Unruhe Geh\u00f6r.<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/dockulle.jpg\" alt=\"PD Dr. Kulle\" width=\"279\" height=\"397\"\/><\/center>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Stop!&#8220; sagte er.&#8220;Ich m\u00f6chte noch eine kurze Ank\u00fcndigung machen. Morgen fr\u00fch werde ich euch verlassen. Vielleicht nur f\u00fcr ein paar Stunden, m\u00f6glicherweise aber auch f\u00fcr einige Tage. Ich will in die Hauptstadt. Dort h\u00e4lt sich zur Zeit ein wichtiger B\u00e4r auf, und den m\u00f6chte ich treffen.&#8220;<br \/>In das verbl\u00fcffte Schweigen, das dieser Ank\u00fcndigung folgte, platzte das Schwein hinein.<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schwein.jpg\" alt=\"Schwein\" width=\"384\" height=\"256\"\/><\/center>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wieso? Gibt es wichtigere B\u00e4ren als euch?&#8220;<br \/>Kulle war sichtlich geschmeichelt, denn er strich sich liebevoll \u00fcber seine Fliege &#8211; ein untr\u00fcgliches Zeichen von Eitelkeit.<br \/>&#8222;Nun ja &#8211; selbstverst\u00e4ndlich sind wir B\u00e4ren in B\u00e4renleben hier wichtig, nicht zuletzt die Intellektuellen unter uns.&#8220;<br \/>Er schaute sich aus den Augenwinkeln um und pr\u00fcfte, ob jemand die Anspielung, die einen indirekten Angriff auf die nichtintellektuellen B\u00e4ren enthielt, verstanden hatte. Aber niemand runzelte die Stirn. Man kannte hier Kulles \u00dcberheblichkeit und nahm sie schmunzelnd hin, oder man verstand seine nicht immer einfachen Aussagen tats\u00e4chlich nicht.<br \/>&#8222;Aber es gibt auf dieser Welt einen B\u00e4ren, den niemand von uns kennt. Er ist ein Einzelg\u00e4nger &#8211; v\u00f6llig b\u00e4renuntypisch. Er bewegt sich viel unter den Menschen, ohne da\u00df sie ihm zur Gefahr werden. Er mischt in ihren sogenannten h\u00f6chsten Kreisen mit &#8211; in der Politik, in der Wirtschaft, bei wichtigen Konferenzen. Er scheint es zu schaffen, die Entscheidungen der Menschen in seinem Sinne zu beeinflussen &#8211; und das ist viel mehr, als wir hier k\u00f6nnen. Deshalb m\u00f6chte ich ihn unbedingt treffen.&#8220;<br \/>&#8222;Wer ist das denn?&#8220;<br \/>&#8222;Woher wei\u00dft du von ihm?&#8220;<br \/>&#8222;Er hei\u00dft Grizzy, und ich habe k\u00fcrzlich in einer Zeitschrift ein<a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1997\/11\/grizzys-plan\/\"> Interview<\/a> mit ihm gelesen. Der dehl\u00e4ndische VIP-Aufenthaltskalender im Internet hat mir verraten, da\u00df er sich heute und morgen in der Hauptstadt aufh\u00e4lt. Nat\u00fcrlich, wie es seine Art ist, im ersten Hotel am Platze, also im Adlon.&#8220;<br \/>&#8222;Was kostet denn so eine Nacht im Adlon?&#8220; wollte das praktisch veranlagte Schwein wissen.<br \/>&#8222;Das kommt darauf an. 500 DM f\u00fcrs Doppelzimmer, sch\u00e4tze ich mal, und bis zu 2000 DM f\u00fcr eine Suite. Grizzy hat garantiert eine Suite gebucht.&#8220;<br \/>&#8222;Ist das viel oder wenig Geld?&#8220; fragte eine alte B\u00e4rin, die zeitlebens nicht mit diesem merkw\u00fcrdigen Tauschmittel, das die Menschen so hoch sch\u00e4tzten, in Ber\u00fchrung gekommen war.<br \/>Die meisten Anwesenden waren \u00e4hnlich ratlos wie sie, aber Manfred hatte eine Antwort:<br \/>&#8222;Wenn ich meine Computer ehrlich erworben h\u00e4tte, h\u00e4tte ich f\u00fcr ein einfaches Modell ungef\u00e4hr 2000 DM bezahlen m\u00fcssen. Soviel kostet ja schon der neue iMac.&#8220;<br \/>Niemand in der Runde wu\u00dfte, was der neue iMac war, und alle gingen diskret \u00fcber die Bemerkung hinweg, derzufolge Manfred seinen Computerpark nicht auf legale Weise aufgebaut hatte. Allen aber bleib der Eindruck: 500 DM f\u00fcr ein Bett in der Nacht, oder gar 2000, waren verflixt viel Geld.<br \/>&#8222;Woher hat dieser Grizzy so viel Geld?&#8220; erkundigte sich Tumu mit tiefen Falten auf der Stirn. Den Verdacht, der ihr gerade gekommen war, mochte sie \u00fcberhaupt nicht. Ob er mit den Menschen gemeinsame Sache machte?<br \/>&#8222;Ich wei\u00df es nicht.&#8220; Die Antwort fiel Kulle sichtlich schwer. Er gab nun mal nur ungern zu, etwas nicht zu wissen.<br \/>&#8222;Aber ich m\u00f6chte es gern herausbekommen.&#8220;<br \/>&#8222;Das und dieser B\u00e4r \u00fcberhaupt interessiert mich aber auch! Uns alle wahrscheinlich!&#8220; Das Schwein war vor lauter Aufregung purpurrot angelaufen, den es hatte es noch nie gewagt, im Kreise seiner Gastgeber eine eigene Meinung zu vertreten.<br \/>&#8222;Warum laden wir ihn nicht einfach nach B\u00e4renleben ein? Er k\u00f6nnte doch hierher kommen, nachdem er mit seinen Gesch\u00e4ften in der Hauptstadt fertig ist.&#8220;<br \/>Zustimmendes Gebrumm erhob sich. Kr\u00e4ftige Pranken schlugen dem kleinen Schwein anerkennend auf die Schultern, so da\u00df es japsend zu Boden ging. Dennoch strahlte es angesichts der allseitigen Anerkennung \u00fcber das ganze Gesicht.<br \/>Kulle jedoch war anderer Meinung und \u00e4u\u00dferte Bedenken.<br \/>&#8222;Ich wei\u00df nicht&#8230;&#8220; sagte er langsam.&#8220;Dieser Grizzy ist ein Einzelg\u00e4nger, wie ich schon erw\u00e4hnte, und dem einfachen B\u00e4renleben l\u00e4ngst entfremdet. Ich glaube nicht, da\u00df er bereit sein wird, den Komfort, an den er gew\u00f6hnt ist, gegen das Leben bei uns einzutauschen, und sei es auch nur f\u00fcr kurze Zeit.&#8220;<br \/>B\u00e4rdel schmunzelte. Schlie\u00dflich kannte er Kulle lange und gut genug, um ihn zu durchschauen.<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd3.jpg\" alt=\"Baerdel\" width=\"320\" height=\"240\"\/><\/center>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Und unser hochgesch\u00e4tzter Freund Kulle w\u00fcrde diesen Luxus auch gerne einmal genie\u00dfen, und sei es auch nur f\u00fcr kurze Zeit, wie Du eben so sch\u00f6n formuliert hast. Im Geiste spazierst Du doch bereits durch das Foyer des Adlon oder sitzt mit diesem Grizzy an der Bar und f\u00fchrst hochpolitische Gespr\u00e4che. Ich w\u00fcrde Dir das ja gerne g\u00f6nnen, aber ich finde den Vorschlag des Schweins besser. Wir sollten Grizzy einladen. Wenn er ablehnt, zu uns zu kommen, f\u00e4hrst Du zu ihm in die Hauptstadt.&#8220;<br \/>&#8222;Superidee!&#8220; jubelte Manfred. Ich schicke ihm gleich ein email!&#8220;<br \/>Kulle grummelte zwar, aber gegen diesen Vorschlag fielen ihm keine Argumente mehr ein. Jetzt brachen alle wirklich auf und gingen schlafen. Nur Manfred verbrachte noch ein paar Minuten am Computer. In demselben Moment, in dem er fertig war, ging im Hotel Adlon eine Nachricht ein.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><i>betrifft: B\u00e4renbesuch<br \/>Alle Bewohner von B\u00e4renleben laden Dich hiermit herzlich in unser Dorf ein, sobald Du kommen kannst. Wir haben von Dir geh\u00f6rt und sind sehr neugierig auf Dich. Wenn Du zusagst, werden wir Dir verraten, wie Du uns findest. Wir leben n\u00e4mlich vor den Menschen versteckt. \ud83d\ude09 im Auftrag aller Manfred.<\/i><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen war die Antwort bereits eingegangen. Auf dem Bildschirm erschienen die Worte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><i>betrifft: B\u00e4renbesuch<br \/>Sch\u00f6nen Dank f\u00fcr die Einladung. Ich nehme hier gerade an Gespr\u00e4chen zwischen der dehl\u00e4ndischen Regierung und der Atomindustrie teil. Das d\u00fcrfte zwei oder h\u00f6chstens drei Tage dauern. Anschlie\u00dfend komme ich gerne zu Euch. Eine Wegbeschreibung brauche ich nicht &#8211; ich wei\u00df, wo B\u00e4renleben ist. \ud83d\ude09 Grizzy<\/i><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manfred, der als erstes am Morgen immer seine Post abholte, wie er das nannte. verbreitete die Nachricht sofort. Unruhe war die Folge.<br \/>&#8222;Woher wei\u00df dieser B\u00e4r, wo wir wohnen?&#8220;<br \/>&#8222;Was ist, wenn er uns verraten hat &#8211; dann sind wir den Menschen schutzlos ausgeliefert!&#8220;<br \/>&#8222;Er braucht uns noch nicht einmal absichtlich zu verraten! Wenn er hier mit einem Privathubschrauber einfliegt, ist das f\u00fcr die Menschen Information genug! Oder wie will so ein degenerierter B\u00e4r sonst zu uns kommen?&#8220;<br \/>B\u00e4rdel bem\u00fchte sich redlich, die Wogen zu gl\u00e4tten.<br \/>&#8222;Nun mal langsam&#8220;, sagte er. &#8222;Anscheinend wei\u00df dieser Grizzy, wo wir leben &#8211; nun gut. Wenn er uns h\u00e4tte verraten wollen, h\u00e4tte er es also l\u00e4ngst tun k\u00f6nnen. Und vorsichtig wird er auch sein &#8211; wer sich so lange und erfolgreich unter den Menschen bewegt wie er, mu\u00df das einfach. Wir sollten uns also erstmal nicht aufregen. Im \u00fcbrigen halte ich es mit diesem Menschen, den Kulle so h\u00e4ufig zitiert. Der hat doch mal gesagt, da\u00df den Menschen zum richtigen Zeitpunkt f\u00fcr selbstgemachte Probleme immer die richtigen L\u00f6sungen einfallen, oder so \u00e4hnlich. Was f\u00fcr die Menschen gilt, trifft auf uns B\u00e4ren allemal zu!&#8220;<br \/>Kulle nickte z\u00f6gernd und murmelte etwas von Karl Marx und dem f\u00fcr das 19. Jahrhundert typischen Optimismus in seine Fliege, aber die meisten B\u00e4ren registrierten nur das Nicken. Allm\u00e4hlich beruhigten sie sich. Das bedeutete jedoch keineswegs, da\u00df sie zur \u00fcblichen Tagesordnung \u00fcbergingen.<br \/>&#8222;Gut, B\u00e4rinnen und B\u00e4ren! Wir bekommen also hohen Besuch! Dessen m\u00fcssen wir uns w\u00fcrdig erweisen. Die M\u00e4nner sollten eine Organisationskonferenz abhalten, und f\u00fcr uns Frauen berufe ich hiermit sofort ein Back- und Kochtreffen ein!&#8220;<br \/>Das war Tumu, und ihr Vorschlag fand Zustimmung.<br \/>Sie berieten jeweils zwei Stunden lang und arbeiteten hinterher zwei volle Tage. Danach war B\u00e4renleben so sauber wie noch nie. Auf dem zentralen Dorfplatz prangte ein Partyzelt, in dessen Mitte ein Bett mit Matratze, Daunendecken und wei\u00dfer Satinbettw\u00e4sche einladend aufgeschlagen war. An k\u00fchlen schattigen Pl\u00e4tzen und in hei\u00dfen Erd\u00f6fen warteten K\u00f6stlichkeiten f\u00fcr ein opulentes Festmahl.<br \/>Es versteht sich von selbst, da\u00df die Menschen, die in der n\u00e4heren und weiteren Entfernung von B\u00e4renleben wohnten, den einen oder anderen Besitz vermi\u00dften. Aber keiner von ihnen erstattete Anzeige. Was da verschwunden war, waren keine sogenannten Wertgegenst\u00e4nde. Die Diebe, vermuteten sie, waren Obdachlose oder vagabundierende Banden aus Osteuropa. Mit den ersten hatten sogar die meisten Menschen Mitleid, und den zweiten, so sagte ihnen ihre Erfahrung, kam man sowieso nicht auf die Schliche.<br \/>Nachdem sie fertig waren, warteten die B\u00e4ren. Sie lauschten auf das Flap-Flap eines Helikopters oder auf sich n\u00e4hernde Sirenen einer Polizeieskorte, aber nichts dergleichen lie\u00df sich h\u00f6ren. So gingen sie schlie\u00dflich schlafen.<br \/>Auch am n\u00e4chsten Morgen schien alles unver\u00e4ndert. Sie sahen sich um, schnupperten in die Sommerluft, die wie immer roch und schmeckte, zuckten mit den Schultern und machten sich endlich daran, ihrer \u00fcblichen Besch\u00e4ftigung nachzugehen. Das hie\u00df vor allem Fressen &#8211; in den letzten Tagen waren sie vor lauter Arbeit kaum dazu gekommen. Hungrig waren sie jetzt alle.<br \/>Manfred und seine Freunde machten sich in die Himbeerhecken auf, die in zehnmin\u00fctigem z\u00fcgigem B\u00e4rentrab zu erreichen waren. In gem\u00fctlichem B\u00e4rentrott dauerte der Weg eine halbe Stunde, und das war den \u00e4lteren B\u00e4ren meist zu lang. Die Jungb\u00e4renhorde hatte die Str\u00e4ucher deshalb in der Regel f\u00fcr sich.<br \/>In der Regel.<br \/>Als sie sich heute den s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchten n\u00e4herten, h\u00f6rten sie schon von Ferne lautes Knacken von Zweigen und ein kr\u00e4ftiges Schmatzen. Wie auf Kommando blieben alle stehen.<br \/>&#8222;Da ist jemand!&#8220; fl\u00fcsterte Manfred v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssigerweise.<br \/>&#8222;Ein Mensch!&#8220; sagte ein Jungb\u00e4r, der kaum das Halbstarkenalter erreicht hatte.<br \/>Auch diese Bemerkung war unn\u00f6tig. Wer sollte es sonst sein?<br \/>&#8222;Okay, strategischer R\u00fcckzug!&#8220; kommandierte Manfred.&#8220;Wir warten, bis er fertig ist, und kommen sp\u00e4ter wieder!&#8220;<br \/>&#8222;Wie wollt Ihr wissen, wann ich fertig bin, wenn Ihr jetzt weggeht?&#8220; r\u00f6hrte eine tiefe Stimme aus dem Geb\u00fcsch. Das Schmatzen hatte aufgeh\u00f6rt, aber nach wie vor h\u00f6rten sie das Ger\u00e4usch zerbrechender \u00c4ste.<br \/>Zum ersten Mal in seinem Leben gelang Manfred das, was er sich immer gew\u00fcnscht hatte: Sein Gehirn arbeitete so schnell und so pr\u00e4zise wie ein Computer.<br \/>Dieses Wesen da im Gestr\u00e4uch konnte kein Mensch sein, denn das menschliche Geh\u00f6r war nicht sensibel genug, um die vorsichtige Ann\u00e4herung der B\u00e4ren zu registrieren. Au\u00dferdem benutzte das Wesen die B\u00e4rensprache, war also mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit ein B\u00e4r. Die einzigen B\u00e4ren aus B\u00e4renleben hier waren er und seine Freunde; also war dieser B\u00e4r nicht aus B\u00e4renleben. Zudem erwartete man in B\u00e4renleben B\u00e4renbesuch.<br \/>Manfred nahm all seinen Mut zusammen und ging, ohne eine Tarnung zu suchen, auf die Himbeerhecken zu. Als er unmittelbar davorstand, sagte er:<br \/>&#8222;Herzlich willkommen und guten Tag, Grizzy. Ich bin Manfred.&#8220;<br \/>Das Schmatzen setzte wieder ein, gefolgt von einem vernehmbaren Schlucken.<br \/>&#8222;Darauf eine Handvoll Himbeeren! Ich habe lange nicht mehr so etwas K\u00f6stliches gegessen. Du bist also vermutlich derjenige, der mir das email geschickt hat. Wartet, ich komme raus! Oder wollt Ihr reinkommen? Ich habe zwar einen b\u00e4renm\u00e4\u00dfigen Appetit, aber es sind genug Beeren f\u00fcr alle da!&#8220;<br \/>Manfred zog es vor abzuwarten, und seine Freunde waren immer noch starr vor Schreck. So teilte sich das Gestr\u00fcpp nach einer Weile, und tats\u00e4chlich erschien Grizzy.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/grizzy-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/grizzy-1-300x225.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-314\" srcset=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/grizzy-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/grizzy-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/grizzy-1-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/>Unwillk\u00fcrlich wandten sich die Jungb\u00e4ren zur Flucht, und auch Manfred konnte nicht anders, als ein paar Schritte zur\u00fcckzuweichen, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, keine Furcht zu zeigen. Die dehl\u00e4ndischen Braunb\u00e4ren hatten eben noch nie einen ausgewachsenen Grizzly zu sehen bekommen.<br \/>&#8222;Keine Panik!&#8220; brummte Grizzy und grinste breit.&#8220;Ich komme in friedlicher Absicht, wie fr\u00fcher immer die wei\u00dfen zu den roten Menschen zu sagen pflegten, bevor sie sie ermordeten oder im Alkohol ertr\u00e4nkten. Aber man kann sowas ja auch ernst meinen. Hier &#8211; ich habe Euch Himbeeren mitgebracht.&#8220;<br \/>Er streckte seine Pranken aus, mit den Handfl\u00e4chen nach oben. In den riesigen H\u00e4nden gl\u00e4nzten zwei einladende Beerenh\u00e4ufchen.<br \/>Manfred fa\u00dfte zwei seiner Freunde, die neben ihm standen, legte die Arme um ihre Schultern und zog die Widerstrebenden mutig n\u00e4her.<br \/>&#8222;Wir begr\u00fc\u00dfen Dich in unserem Dorf&#8220;, sagte er, als er unmittelbar vor Grizzy stand.&#8220;Oder fast &#8211; ein paar Minuten sind es noch. Dort wird man Dich angemessen willkommen hei\u00dfen. Vorerst danken wir f\u00fcr Dein Geschenk.&#8220;<br \/>Er l\u00f6ste die Arme von seinen Freunden und griff in die riesigen Pranken. Als die anderen B\u00e4ren sahen, da\u00df Manfred nicht zerquetscht wurde, taten sie es ihm nach, und im Nu waren die Himbeeren verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/grizzy.jpg\" alt=\"Grizzy und Manfred\" width=\"320\" height=\"240\"\/><\/center>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach machten sie sich auf nach B\u00e4renleben. Manfred ging voran, Grizzy ihm nach, und die anderen folgten in respektvoller Entfernung. Die Prozession steuerte schnurstracks auf den Dorfplatz zu.<br \/>Dort wedelte eine alte B\u00e4rin mit einem Holunderzweig Bl\u00fctenbl\u00e4tter und kleine Astst\u00fcckchen fort, die der Wind in der vergangenen Nacht dorthin geweht hatte.<br \/>&#8222;Hau ab!&#8220; knurrte sie Manfred an, als er direkt auf sie zukam. Sie sah nicht auf.&#8220;Hier ist jetzt kein Durchgang. Alles f\u00fcr den hohen Gast!&#8220;<br \/>&#8222;Ich nehme an, ich bin der hohe Gast!&#8220; Grizzy meldete sich kichernd zu Wort.<br \/>Die Jungb\u00e4ren blickten einander verunsichert an &#8211; wie konnte ein so gro\u00dfer B\u00e4r mit so hoher Stimme kichern?<br \/>Aber Grizzy kehrte sich nicht an ihre Verwunderung. Er hatte das Partyzelt erblickt. Es stand offen, und der Blick auf das Luxusbett im Inneren war frei.<br \/>&#8222;F\u00fcr mich?&#8220; Grizzy gluckste weiter.&#8220;Ich will Euch ja nicht zu nahe treten, aber Ihr ahnt gar nicht, wie ich sowas hasse. Als ich Eure Einladung erhielt, habe ich mich auf nichts mehr gefreut als auf ein hartes ordentliches B\u00e4renlager in einer gem\u00fctlichen gemeinsamen Schlafh\u00f6hle. Ich hoffe, Ihr habt nicht auch noch extra f\u00fcr mich gekocht &#8211; ich habe Appetit auf Beeren und Wurzeln und Honig. Forellen, fette fleischige Forellen w\u00e4ren auch nicht schlecht, direkt aus dem Flu\u00df, aber das ist in Dehland wohl nicht drin. Macht nichts. Auf jeden Fall, hoffe ich, kann ich bei Euch Urlaub vom gekochten Menschenfra\u00df machen.&#8220;<br \/>Schon bei Grizzys ersten Worten hatte sich die Alte aufgerichtet. Sie sah an ihm hoch &#8211; er war bestimmt zwei Kopfl\u00e4ngen gr\u00f6\u00dfer als sie &#8211; und lauschte ihm wortlos. Als er fertig war, lie\u00df sie ihren Zweigbesen fallen, wandte sich um und trottete ohne Kommentar davon.<br \/>Manfred verabschiedete sich mit einer unverst\u00e4ndlichen gemurmelten Entschuldigung hastig, und da sie nicht wu\u00dften, was sie sonst tun sollten, folgten ihm seine Freunde.<br \/>Grizzy blieb einsam auf dem Dorfplatz zur\u00fcck. Er sah sich um und schmunzelte. Dann lie\u00df er sich auf die Hinterbacken fallen, kratzte mit seinen Krallen ein St\u00fcck des festgetretenen Lehms locker und begann, ein Sandgem\u00e4lde nach Navahoart zu verfertigen. Es w\u00fcrde ein Weilchen dauern, bis die B\u00e4renlebener zur\u00fcckkehrten, dachte er.<br \/>Er hatte recht. Es verging geraume Zeit, in der die B\u00e4renfrauen den gr\u00f6\u00dften Teil der Nahrung, die sie in stundenlanger Arbeit nach Menschenrezepten zubereitet hatten, vernichteten. Dabei schimpften sie laut. Auch dauerte es lange, bis sich die B\u00e4renm\u00e4nner angesichts der neuen Situation auf einem Empfang geeinigt hatten, der ihnen angemessen erschien.<br \/>Zuerst waren alle daf\u00fcr, da\u00df B\u00e4rdel die Begr\u00fc\u00dfung \u00fcbernahm, aber er wehrte sich nach Kr\u00e4ften.<br \/>&#8222;Das ist Kulles Sache!&#8220; meinte er.&#8220;Er kennt Grizzy, zumindest von Ferne, und auch er hat ihn falsch eingesch\u00e4tzt. Wir w\u00fcrde es da erst mir ergehen?&#8220;<br \/>Da Kulle bereit schien und den anderen keine Gegenargumente einfielen, war die Entscheidung gefallen.<br \/>Grizzy sa\u00df gem\u00fctlich auf dem Dorfplatz und gab seiner Sandzeichnung gerade den letzten Schliff &#8211; er hatte sie &#8218;friedliche B\u00e4renr\u00fcckkehr\u2018 genannt &#8211; , als die Dorfbewohner sich von zwei Seiten n\u00e4herten.<br \/>Von rechts kam die Frauen. Sie w\u00fcrdigten ihn keines Blickes, sondern zogen an ihm vorbei zum Zelt. Dort machten sie sich daran, das Bettzeug abzuziehen, das Bettgestell zu zerlegen und das Schutzdach abzubauen. Nach kurzer Zeit lag alles sauber gestapelt auf dem Boden.<br \/>Von links kamen die M\u00e4nner, Kulle und B\u00e4rdel an der Spitze. Sie steuerten direkt auf Grizzy zu, und er stand respektvoll auf und wartete. Er war hier in einem traditionellen B\u00e4rendorf, und dort war es Sitte, da\u00df die Gastgeber zuerst sprachen.<br \/>&#8222;Willkommen, Grizzy!&#8220; sagte Kulle. Danach schwieg er.<br \/>Entsprechend der B\u00e4renetikette war das eine \u00e4u\u00dferst k\u00fchle, unpers\u00f6nliche Begr\u00fc\u00dfung, und Grizzy wu\u00dfte das. Er wu\u00dfte auch, warum das so war.<br \/>&#8222;Ich danke, Bewohner von B\u00e4renleben, und bitte Euch um Entschuldigung. Ich habe alle Eure Erwartungen entt\u00e4uscht, und Ihr habt Euch meinetwegen unn\u00f6tige Arbeit gemacht. Ich hoffe, Ihr gebt mir daf\u00fcr nicht die Schuld. Es geh\u00f6rt zu meiner Lebensweise, da\u00df niemand, der in der Welt der Menschen lebt, wirklich etwas von mir wei\u00df. Was ich offiziell von mir verrate, soll und mu\u00df auf eine falsche F\u00e4hrte f\u00fchren. Ich habe es trotzdem gewagt, Eure Einladung anzunehmen, weil ich mich schon lange wieder einmal nach b\u00e4rischer Lebensweise sehne, zumindest f\u00fcr eine Zeitlang. Deshalb bitte ich um Eure ganz selbstverst\u00e4ndliche Gastfreundschaft, ohne allen Aufhebens.&#8220;<br \/>Die altmodische Schlu\u00dfformel nahm B\u00e4rdel vorbehaltlos f\u00fcr Grizzy ein, aber Kulle gab sich nach wie vor skeptisch.<br \/>&#8222;Nochmals willkommen. Jeder B\u00e4r ist in B\u00e4renleben willkommen.&#8220;<br \/>B\u00e4rdel runzelte \u00e4rgerlich die Stirn &#8211; das kam beinahe einer Beleidigung gleich. Grizzy gab sich jedoch unbeeindruckt.<br \/>&#8222;Wir geben zu, da\u00df wir Dich nicht aus reiner B\u00e4renliebe eingeladen haben. Wir erhoffen uns von Dir Information. Du lebst unter den Menschen, und&#8230;&#8220;<br \/>&#8222;&#8230;Und zwar in ihren h\u00f6chsten Kreisen, und ich beeinflusse sie. Ich verfolge bestimmte Ziele. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnt Ihr dar\u00fcber etwas h\u00f6ren. Wann w\u00e4re es denn recht?&#8220;<br \/>Kulle war \u00e4rgerlich wegen der unh\u00f6flichen Unterbrechung, aber andererseits wu\u00dfte er, da\u00df er selbst den Anla\u00df dazu gegeben hatte. Also ri\u00df er sich zusammen und sagte:<br \/>&#8222;Wie w\u00e4r\u2018s mit heute Abend, in der H\u00f6hlenversammlung? Das entspr\u00e4che gut b\u00e4rischer Tradition, falls Du\u2018s vergessen haben solltest.&#8220;<br \/>Er hatte sich den letzten Satz nicht verkneifen k\u00f6nnen &#8211; wieder ein Angriff, und ein unn\u00f6tiger dazu. Aber Grizzy lie\u00df sich nichts anmerken.<br \/>&#8222;Gerne&#8220;, sagte er nur.<br \/>Am Abend in der H\u00f6hle war fast alles wie immer. Fast alles, denn alle hatten ihre gewohnten Pl\u00e4tze eingenommen. Allerdings sa\u00df in der Mitte der Versammlung ein riesiger grauer B\u00e4r, der freundlich um sich schaute. Die B\u00e4renlebener waren verwirrt, denn dieser B\u00e4r mu\u00dfte hungrig sein, und dennoch schien er heiter. Er konnte nichts gefressen haben, denn wann immer sie am Dorfplatz vorbeigekommen waren, hatten sie ihn gesehen, wie er dahockte und in sich versunken im Sand malte.<br \/>Tumu hatte Mitleid mit ihm und brachte ihm eine saftige Honigwabe, anmutig dekoriert auf einem Huflattichblatt.<br \/>&#8222;I\u00df!&#8220; sagte sie.&#8220;Das ist Nervennahrung. Du wirst\u2018s brauchen k\u00f6nnen!&#8220;<br \/>Grizzy bedankte sich uns bi\u00df in die Wabe. Dabei blickte er sich um, zum ersten Mal bewu\u00dft. Er erkannte Manfred und seine Freunde, B\u00e4rdel, Kulle und die alte B\u00e4rin, die den Dorfplatz gereinigt hatte, und nickte ihnen zu. Als er das Schwein erblickte, mu\u00dfte er lachen.<br \/>&#8222;Wer ist das denn?&#8220;<br \/>Tumu kl\u00e4rte ihn auf.<br \/>&#8222;Das Schwein? Es nennt sich selbst unseren politischen Asylanten. Das ist eine zwar ungew\u00f6hnliche, aber meiner Meinung nach richtige Einsch\u00e4tzung. Oder was h\u00e4ltst Du davon, wenn Dich andere umbringen wollen, nur weil Du bist, wie Du bist? Die Menschen wollten das Schwein schlachten, weil es ein Schwein ist.&#8220;<br \/>&#8222;Hm&#8220;, machte Grizzy.<br \/>Und dann er\u00f6ffnete B\u00e4rdel offiziell die Versammlung.<br \/>&#8222;B\u00e4ren&#8220;, sagte er,&#8220;wir haben heute einen ungew\u00f6hnlichen, illustren, prominenten Gast, der aber doch nicht so prominent ist, wie er sein k\u00f6nnte, weil er mit Vorliebe verdeckt operiert. Jeder von Euch wei\u00df, von wem ich rede: Grizzy. Grizzy lebt alleine; zwar unter den Menschen, aber normalerweise ohne die Gesellschaft von B\u00e4ren: also alleine. Grizzy ist von den Menschen akzeptiert, denn er besucht ihre wichtigsten Konferenzen &#8211; und er verfolgt dabei ein Ziel. Grizzy, wir w\u00e4ren Dir dankbar, wenn Du uns das n\u00e4her erkl\u00e4ren k\u00f6nntest.&#8220;<br \/>&#8222;Gerne&#8220;, sagte Grizzy.&#8220;Ich fange mal hinten an, wenn ich darf. Also: Ich will, da\u00df die Menschheit von diesem Planeten verschwindet. Dazu tue ich mein M\u00f6glichstes.&#8220;<br \/>&#8222;Wenn ich mir das richtig \u00fcberlege &#8211; und ich tue das zum ersten Mal &#8211; dann ist das gar keine so schlechte Idee&#8220;, bemerkte Tumu nachdenklich.<br \/>&#8222;Mama, Du spinnst ja! Und Du auch, Grizzy &#8211; entschuldige bitte, ich wei\u00df, da\u00df Du unser Gast bist. Woher soll ich denn meine Hardware und Software nehmen, wenn die Menschen weg sind?&#8220; Manfred war emp\u00f6rt.<br \/>Grizzy nahm die Herausforderung an.<br \/>&#8222;Wozu benutzt Du Computer und Programme?&#8220;<br \/>&#8222;Das ist ziemlich schwer zu erkl\u00e4ren. Hast Du Erfahrung mit Computern?&#8220;<br \/>&#8222;Nur ein bi\u00dfchen. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Wenn man ein System benutzt, das Informationen liefern kann, will man bestimmte Dinge \u00fcber etwas Bestimmtes wissen. Also: Wozu benutzt Du Deinen Computer?&#8220;<br \/>&#8222;Tja, wenn Du das so siehst&#8230;&#8220; Manfred dehnte seine Worte, er spielte auf Zeit. Grizzy lie\u00df sie ihm und h\u00fctete sich, auch nur einen Laut von sich zu geben. Auch alle anderen B\u00e4ren waren m\u00e4uschenstill.<br \/>&#8222;Letztendlich benutze ich den Computer, um etwas \u00fcber Menschen zu erfahren&#8220;, gab Manfred schlie\u00dflich zu. Er klang widerwillig. Schlie\u00dflich hatte er aus der menschlichen Wissenschaft streng logische Schlu\u00dffolgerungen gelernt, und der Gedanke, zu dem Grizzy ihn gerade gezwungen hatte, behagte ihm gar nicht. Deshalb formulierte er ihn lieber selbst.<br \/>&#8222;Gut. Da ich Computer und Programme haupts\u00e4chlich brauche, damit wir B\u00e4ren mit den Menschen fertig werden, werde ich Computer und Programme nicht mehr brauchen, wenn es keine Menschen mehr gibt. Erstmal hast Du gewonnen.&#8220;<br \/>Bewunderndes Brummen wurde laut &#8211; die B\u00e4ren waren von so viel Scharfsinn begeistert. Auch das Schwein quiekte anerkennend. Allein Kulle wiegte skeptisch seinen Kopf, und auch Tumu schlo\u00df sich dem allgemeinen Beifall nicht an. Sie hatte n\u00e4mlich gar nicht zugeh\u00f6rt, sondern nachgedacht.<br \/>&#8222;Sag mal, Grizzy&#8220;, fragte sie, als die Unruhe sich wieder gelegt hatte. Was machst Du eigentlich, um das Verschwinden der Menschheit von der Erde zu bewirken?&#8220;<br \/>Das war nat\u00fcrlich eine hochinteressante Frage, und alle warteten gespannt auf die Antwort.<br \/>&#8222;Ich brauche gar nicht viel zu tun, denn die Hauptsache besorgen die Menschen selber. Sie vermehren sich unkontrolliert, und alle haben den Wunsch, so zu leben, wie ihre Artgenossen in den sogenannten entwickelten Industriel\u00e4ndern es ihnen vormachen. Also bem\u00fchen sie sich, m\u00f6glichst viele unersetzbare Rohstoffe zu verbrauchen, und sie bewerkstelligen diesen Raubbau mit gef\u00e4hrlichen und die Umwelt zerst\u00f6renden Technologien. Die Triebfeder daf\u00fcr ist ein den Menschen eigener Charakterzug: Habgier. Dazu kommt ihr artspezifisches kurzfristiges Denken. So weit, so gut.<br \/>Aber manchmal geschieht etwas Merkw\u00fcrdiges, das gar nicht so recht zum allgemein menschlichen Verhalten passen will. Es ist sozusagen die Ausnahme, die die Regel best\u00e4tigt. Manchmal tauchen Menschen auf, die darauf hinarbeiten, den Zerst\u00f6rungsproze\u00df aufzuhalten oder gar umzukehren. Sie setzen sich zum Beispiel daf\u00fcr ein, regenerative Energiequellen wie die Solarenergie anstatt von Kernkraft zu benutzen. Oder sie sind f\u00fcr Geburtenkontrolle. In solchen F\u00e4llen komme ich ins Spiel. Ich sorge daf\u00fcr, da\u00df diese Vern\u00fcnftigen keine Chance haben. Zum Gl\u00fcck habe ich immer einflu\u00dfreiche Verb\u00fcndete, die \u00fcber Geld oder ideologischen Einflu\u00df verf\u00fcgen. Am besten \u00fcber beides, wie die katholische Kirche. Sie finanzieren mich auch, falls Ihr wissen wollt, woher ich mein Geld habe. Nach au\u00dfen hin sieht es so aus, als lie\u00dfe ich mich bestechen. Aber das stimmt nat\u00fcrlich nicht &#8211; man gibt mir nur Geld f\u00fcr das, was ich ohnehin will. Damit finanziere ich meinen aufwendigen Lebensstil, der mir allerdings keinen Spa\u00df macht, wie Ihr heute mitbekommen haben d\u00fcrftet. Aber f\u00fcr die Menschen, die die wichtigen Entscheidungen f\u00e4llen, z\u00e4hlt jemand, der in einer H\u00f6hle wohnt, nichts.&#8220;<br \/>Und f\u00fcr Dich anscheind auch nicht\u2018, sagte Tumu, aber sie sagte es nur in ihrem Kopf. B\u00e4rdel jedoch, der neben ihr sa\u00df, sp\u00fcrte, da\u00df sie kochte. Beruhigend griff er nach ihrer Pranke, aber sie entzog ihm die Pfote, stand auf und begann, in der ger\u00e4umigen H\u00f6hle umherzuwandern. Nur mit Bewegung lie\u00df sich ihre Erregtheit meistern. Die B\u00e4ren betrachteten ihr ungew\u00f6hnliches Verhalten ruhig und aufmerksam. Schlie\u00dflich blieb Tumu vor Grizzy stehen. Ihre Augen waren jetzt mit seinen auf gleicher H\u00f6he, und das beruhigte sie. So fl\u00f6\u00dfte er ihr durch seine beeindruckende Statur keine Angst ein.<br \/>&#8222;Gut, Du arbeitest also darauf hin, da\u00df dieser Planet unbewohnbar wird. Dann sterben die Menschen, das ist logisch. Was aber ist mit uns?&#8220;<br \/>&#8222;Ihr sterbt dann auch. Wir sterben dann auch.&#8220; Die Antwort war emotionslos.<br \/>Grizzy hatte sich ein St\u00f6ckchen genommen und angefangen, auf dem H\u00f6hlenboden Bilder zu zeichnen. Den meisten Anwesenden sagten die Figuren nichts, aber Tumus beste Freundin, die sich in ihrer Freizeit mit Indianermythologie besch\u00e4ftigte, erkannte die Muster. Einige Hopi, die nicht an die Allmacht der Geister auf den San Francisco Peaks glaubten, verwendeten diese Symbole. Sie stellten den \u00dcbergang von der vierten &#8211; der jetzigen &#8211; in die f\u00fcnfte Welt dar.<br \/>&#8222;Aber die Ratten oder die Termiten oder die Kakerlaken oder wer auch immer, sie werden \u00fcberleben. Die Evolution bekommt eine neue Chance. Eine notwendige neue Chance.&#8220;<br \/>&#8222;Hast Du Kinder?&#8220;<br \/>Jetzt war Tumus Stimme nicht mehr ruhig.<br \/>&#8222;Nein, nat\u00fcrlich nicht.&#8220;<br \/>&#8222;Nat\u00fcrlich nicht?&#8220;<br \/>Tumu konnte nicht verhindern, da\u00df ihre Frage hysterisch klang. Was bildete sich dieser blasierte B\u00e4r ein!<br \/>&#8222;Was ist daran nat\u00fcrlich, keine Kinder zu bekommen? Ohne Kinder h\u00e4tte Deine hochgelobte Evolution, seit sie die geschlechtliche Fortpflanzung erfunden hat, einpacken k\u00f6nnen! Hier &#8211; das ist Manfred!&#8220;<br \/>Tumu griff sich ihren sichtlich widerstrebenden Sohn, schleppte ihn in die Mitte der H\u00f6hle und stupste ihn direkt vor Grizzy unsanft auf den Boden.<br \/>&#8222;Mein Sohn! In ein paar Monaten wird er sich seine erste Freundin anlachen, vielleicht wird es etwas Festes, aber auch, wenn das nicht der Fall ist, mit irgendeiner Frau wird er Kinder zeugen. Und Du verurteilst diese Kinder schon heute zum Tode!&#8220;<br \/>Manfred war zwar sauer, weil seine Mutter ihn so vorf\u00fchrte, aber er hatte der Diskussion genau zugeh\u00f6rt. Er hatte die ganze Zeit genau zugeh\u00f6rt. Er hatte verstanden: Dieser fremde B\u00e4r wollte ihm nicht nur seine Computer wegnehmen, sondern auch seine Kinder umbringen!<br \/>Er zog die Lefzen zur\u00fcck und bleckte die Z\u00e4hne. Er war nicht allein. Emotional identifizierten sich alle Anwesenden mit Tumus Angriff. Sie begannen, ihre Ruhepositionen zu verlassen, und erhoben sich. Ein drohender Kreis schlo\u00df sich um Grizzy, der ruhig weitermalte. Aber B\u00e4rdel beherrschte sich, wenn es ihn auch viel M\u00fche kostete.<br \/>&#8222;B\u00e4ren!&#8220; mahnte er.&#8220;B\u00e4ren! Wir haben einen Gast unter uns, der, das gebe ich zu, unbequeme Ansichten vertritt. Das berechtigt uns jedoch nicht, das Gastrecht zu verletzen. Wir sollten uns lieber auf unsere guten Traditionen besinnen: Wenn es unterschiedliche Ansichten sind, dann wird dar\u00fcber geredet, bis die Kontroverse beseitigt ist. Das Faustrecht ist Jungb\u00e4ren unter sich vorbehalten!&#8220;<br \/>Manfred verstand den R\u00fcffel und setzte sich wieder hin, und auch alle anderen B\u00e4ren folgten seinem Beispiel. Das Schwein aber blieb stehen.<br \/>&#8222;Grizzy!&#8220; sagte es. Seine Stimme klang ungew\u00f6hnlich tief, und daraus schlossen alle anderen zu recht, da\u00df es sehr aufgeregt sein mu\u00dfte.<br \/>&#8222;Grizzy! Du findest es also in Ordnung, da\u00df die Menschen mich und meinesgleichen z\u00fcchten, um uns aufzufressen? Denn wenn sie das tun und Massentierhaltung betreiben, pruduzieren sie jede Menge chemischer Stoffe, die letztlich ihnen selbst schaden, und sie sorgen f\u00fcr einen horrenden G\u00fclleanfall, der die Landschaft verpestet und die Lebensqualit\u00e4t der Menschen mindert. Richtig?&#8220;<br \/>&#8222;Richtig!&#8220; best\u00e4tigte Grizzy unger\u00fchrt. Noch immer lie\u00df er sich in seiner Malerei nicht st\u00f6ren.<br \/>Jetzt hatte B\u00e4rdel es wirklich schwer, die Versammlung unter Kontrolle zu halten. Viele B\u00e4ren hatten das Schwein liebgewonnen und waren angesichts der Vorstellung, da\u00df es aufgefressen werden k\u00f6nnte, mit Abscheu erf\u00fcllt. Zornig r\u00fcckten sie wieder gegen Grizzy vor.<br \/>&#8222;Kulle!&#8220; rief B\u00e4rdel. Er wu\u00dfte zwar auch nicht recht, was Kulle jetzt helfen konnte, aber er hatte das Gef\u00fchl, da\u00df nur er die Situation retten konnte. Au\u00dferdem fiel ihm nichts Besseres ein.<br \/>Immerhin lenkte sein Ruf einige B\u00e4ren ab. Sie schauten sich suchend um, konnten Kulle aber nicht entdecken. Da die Suche vergeblich blieb, war die Unterbrechung nur kurz. Wieder richtete sich alles Augenmerk auf Grizzy. Der Kreis um ihn zog sich enger.<br \/>&#8222;Kulle!&#8220; rief B\u00e4rdel noch einmal. Seine Stimme zeigte Hoffnungslosigkeit. Er machte sich bereit, sich auf die angriffslustigen B\u00e4ren zu st\u00fcrzen. Einer mu\u00dfte das Gastrecht in Ehren halten, und wenn es ihn sein Leben kostete.<br \/>In der H\u00f6hle, in der nur das hastige Atmen der B\u00e4ren zu h\u00f6ren war, vernahm man pl\u00f6tzlich das Ger\u00e4usch von rollenden R\u00e4dern, das sich n\u00e4herte. Vor der H\u00f6hle stoppte es. Ein keuchender Kulle betrat den Raum.<br \/>&#8222;Entschuldigung!&#8220; japste er.&#8220;Ich war mir nicht sicher, ob ich die Diskussion, die mir jetzt ja wohl bevorsteht, ganz allein bew\u00e4ltigen kann. Deshalb habe ich meine Bibliothek mitgebracht, zumindest einen Teil davon. Moment, ich bin gleich wieder da!&#8220;<br \/>Schon war er wieder drau\u00dfen, aber wenige Augenblicke sp\u00e4ter kam er zur\u00fcck und zog mit gro\u00dfer Anstrengung einen vierr\u00e4drigen Karren hinter sich her, der schwer beladen zu sein schien. Die Last war mit einer Plane bedeckt.<br \/>Kulle lie\u00df den Kastenwagen achtlos stehen und n\u00e4herte sich Grizzy.<br \/>&#8222;Das&#8220;, sagte er, wobei er auf den Karren wies,&#8220;ist nur f\u00fcr den Notfall. Ich hoffe doch, wir k\u00f6nnen uns jetzt von B\u00e4r zu B\u00e4r streiten.&#8220;<br \/>&#8222;Gerne&#8220;, erwiderte Grizzy h\u00f6flich.&#8220;Allerdings, um ehrlich zu sein, ich m\u00f6chte mich gar nicht streiten!&#8220;<br \/>&#8222;Das habe ich begriffen. Du hast uns ja schon abgeschrieben, wir sind fast tot. Und das sind wir deshalb, weil die Menschen sind, wie sie sind. Zumindest glaubst Du das. Die zufolge haben die Menschen einen unver\u00e4nderlichen Charakter.&#8220;<br \/>Kulle legte eine Kunstpause ein. Grizzy nutzte die Chance, um zu nicken.<br \/>&#8222;Aber das ist Unsinn! Die Menschen sind gesellschaftliche Wesen, wie wir B\u00e4ren auch. Anders als wir B\u00e4ren haben sie w\u00e4hrend ihrer kurzen Existenz auf diesem Planeten die Art und Weise ihres gesellschaftlichen Zusammenlebens wiederholt modifiziert. Das h\u00e4ngt damit zusammen, da\u00df sie auch ihre Art der Auseinandersetzung mit der Natur ge\u00e4ndert haben, nicht kontinuierlich, sondern in Sch\u00fcben. Sie wurden von Gejagten zu Koexistierenden und schlie\u00dflich zu J\u00e4gern. Sie entwickelten das, was sie selbst als Zivilisation bezeichnen. Da das gesellschaftliche Gesamtprodukt aber nicht ausreichte, um allen Individuen das auf der jeweiligen Entwicklungsstufe m\u00f6gliche H\u00f6chstma\u00df an Konsum zu verschaffen, entwickelte sich gleichzeitig eine Klassengesellschaft mit den ihr inh\u00e4renten Mechanismen, unter anderem Egoismus und Habgier. Habgier also&#8220; &#8211; und jetzt hob Kulle sich auf die Zehenspitzen -&#8222;Habgier ist kein allgemein menschlicher Wesenzug, sondern das Ergebnis von Produktionsverh\u00e4ltnissen, die die Menschen geschaffen haben, ohne ihre Mechanismen und Auswirkungen zu verstehen.&#8220;<br \/>Kulle blickte stolz in die Runde. Er war \u00fcberzeugt, Grizzy mit dieser Argumentation besiegt zu haben. Der aber zeigte sich unbeeindruckt.<br \/>&#8222;Sch\u00f6n&#8220;, sagte er und malte eine schwungvolle Linie auf den Boden.&#8220;Karl Marx. Deine Rede zeigt, da\u00df Du ihn verstanden hast. Das kann kaum jemand sonst von sich behaupten. Aber dieser Marx war schlie\u00dflich auch nur ein Mensch!&#8220;<br \/>&#8222;Na und?&#8220; rief Kulle emp\u00f6rt.&#8220;Keine Argumentation wird dadurch entwertet, da\u00df sie aus sogenannter falscher Quelle stammt! Allein die Qualit\u00e4t z\u00e4hlt!&#8220;<br \/>&#8222;Schon wieder Marx!&#8220; brummte Grizzy anerkennend.&#8220;Wobei er selbst sich \u00fcbrigens nie an diese lobenswerte Maxime gehalten hat. Kennst Du den alten Knaben etwa auswendig?&#8220;<br \/>&#8222;Nein, das tue ich nicht!&#8220;<br \/>Kulle ging zur\u00fcck zu dem Karren, den er mitgebracht hatte, und zog die Plane von der Ladung. Buchr\u00fccken wurden sichtbar.<br \/>&#8222;Leider ist das haupts\u00e4chlich die MEW und nur ein kleiner Teil der MEGA,&#8220; entschuldigte er sich.&#8220;Ich kaufe jeden Band, sobald er erscheint, aber im wiedervereinigten Dehland verl\u00e4uft die Edition \u00e4u\u00dferst schleppend.&#8220;<br \/>Kulle machte eine kurze Pause, und w\u00e4hrenddessen fa\u00dfte er einen k\u00fchnen Plan.<br \/>&#8222;Grizzy, ich m\u00f6chte Dir einen Vorschlag machen&#8220;, sagte er.&#8220;Dieser Marx ist nur ein Mensch, wie Du sagst. Er war fehlbar, wie Menschen sind. Wir B\u00e4ren \u00fcbrigens auch. Seine Frau leidet bestimmt noch im Grab darunter, da\u00df sie Seite an Seite mit Lehnchen Demuth modern mu\u00df, obwohl das ein Problem ist, das wir promisken B\u00e4ren nicht nachvollziehen k\u00f6nnen. Entschuldigung, ich schweife ab. Ich m\u00f6chte Dir ein Duell vorschlagen. Ein friedliches Duell. Unsere Waffe hei\u00dft Karl Marx. Du scheinst ihn \u00e4hnlich gut zu kennen wie ich, und Du darfst auch meine mitgebrachte Bibliothek benutzen. Das Ziel ist klar, oder?&#8220;<br \/>Grizzy hatte zunehmend gespannt zugeh\u00f6rt und richtete sich jetzt auf.<br \/>&#8222;Selbstverst\u00e4ndlich. Wenn ein Mensch genug Argumente hat, um B\u00e4ren davon abzuhalten, die Welt zu vernichten, die die Menschen zugrunde richten, dann hast Du gewonnen.&#8220;<br \/>Kein Laut war in der H\u00f6hle zu vernehmen. Tumu, die unl\u00e4ngst Goethes Faust I gelesen hatte, lief es eiskalt den R\u00fccken herunter. Das war kein Pakt, das war eine Wette, und die gesamte Welt stand dabei zur Disposition. Auch alle anderen f\u00fchlten die Anspannung und waren mucksm\u00e4uschenstill.<br \/>B\u00e4rdel schluckte. Am liebsten h\u00e4tte er Einspruch erhoben, aber er schreckte davor zur\u00fcck. Bisher hatte Kulle noch immer gewu\u00dft, was er tat.<br \/>&#8222;Kein Einspruch?&#8220; fragte er dennoch hoffnungsvoll, aber niemand r\u00fchrte sich. &#8222;Also dann! Habt Ihr Euch schon geeinigt, wer anf\u00e4ngt?&#8220;<br \/>Grizzy und Kulle sch\u00fcttelten gleichzeitig den Kopf, aber Grizzy sagte: &#8222;Kulle darf anfangen.&#8220;<br \/>&#8222;Gut!&#8220; Kulle ging zu seinem Karren, zog ein Buch hervor, das ziemlich weit rechts gelegen hatte, schlug es auf und sagte:&#8220;Ich zitiere aus der Heiligen Familie\u2018&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Das Privateigentum als Privateigentum, als Reichtum, ist gezwungen, sich selbst und damit seinen Gegensatz, das Proletariat, im Bestehen zu erhalten. Es ist die positive Seite des Gegensatzes, das in sich selbst befriedigte Privateigentum.<br \/>Das Proletariat ist umgekehrt als Proletariat gezwungen, sich selbst und damit seinen bedingenden Gegensatz, der es zum Proletariat macht, das Privateigentum, aufzuheben. Es ist die negative Seite des Gegensatzes, seine Unruhe in sich, das aufgel\u00f6ste und sich aufl\u00f6sende Privateigentum.<br \/>Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse f\u00fchlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und best\u00e4tigt, wei\u00df die Entfremdung als ihre eigne Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite f\u00fchlt sich in der Entfremdung vernichtet, erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichcn Existenz. Sie ist, um einen Ausdruck von Hegel zu gebrauchen, in der Verworfenheit die Emp\u00f6rung \u00fcber diese Verworfenheit, eine Emp\u00f6rung, zu der sie notwendig durch den Widerspruch ihrer menschlichen Natur mit ihrer Lebenssituation, welche die offenherzige, entschiedene, umfassende Verneinung dieser Natur ist, getrieben wird.<br \/>Innerhalb des Gegensatzes ist der Privateigent\u00fcmer also die konservative, der Proletarier die destruktive Partei. Von jenem geht die Aktion des Erhaltens des Gegensatzes, von diesem die Aktion seiner Vernichtung aus.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon w\u00e4hrend Kulle las, begannen einige B\u00e4ren ungeduldig mit den F\u00fc\u00dfen zu scharren. Auch lie\u00df sich vereinzelt unwilliges Brummen h\u00f6ren. Viele konnten mit dem langen, ihnen unverst\u00e4ndlichen Text nichts anfangen.<br \/>Aber Kulle bemerkte davon nichts. Befriedigt klappte er den Band zu, sah Grizzy triumphierend an und legte das Buch zur\u00fcck in den Wagen. Grizzy streckte unbeeindruckt die Hand aus und sagte:<br \/>&#8222;Ach bitte, bring mir doch auf dem R\u00fcckweg MEW 3 mit!&#8220;Und dann legte Grizzy los:<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/grizzy2.jpg\" alt=\"Grizzy\" width=\"320\" height=\"240\"\/><\/center>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Diese&#8220;Entfremdung&#8220;&#8230;kann nat\u00fcrlich nur unter zwei praktischen Voraussetzungen aufgehoben werden. Damit sie eine&#8220;unertr\u00e4gliche&#8220; Macht werde, das hei\u00dft eine Macht, gegen die man revolutioniert, dazu geh\u00f6rt, da\u00df sie die Masse der Menschheit als durchaus &#8222;Eigentumslos&#8220; erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandnen Welt des Reichtums und der Bildung, was beides eine gro\u00dfe Steigerung der Produktivkraft, einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt &#8211; und andrerseits ist diese Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte&#8230;auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Schei\u00dfe sich herstellen m\u00fc\u00dfte&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grizzy klappte das Buch zu, ging die paar Schritte bis zu Kulles Karren und legte es an seinen Platz.<br \/>&#8222;Jetzt reicht es aber!&#8220; grollten ein paar alte B\u00e4ren im Chor, und etliche Jungb\u00e4ren, die nicht gewagt hatte, eigenst\u00e4ndig Widerstand gegen das ihnen unverst\u00e4ndliche Kauderwelsch zu leisten, schlossen sich ihnen begeistert an.<br \/>&#8222;Wir wollen M\u00e4rchen h\u00f6ren, nicht so ein komisches abstraktes Zeug!&#8220;<br \/>&#8222;Ruhe!&#8220; forderte B\u00e4rdel.&#8220;B\u00e4ren, Ihr alle seid mit dem Zitatenduell einverstanden gewesen, jedenfalls hat keiner Kulles Vorschlag widersprochen. Jetzt m\u00fcssen wir auch geduldig abwarten, bis die beiden fertig sind.&#8220;<br \/>Das sahen die B\u00e4ren ein, wenn auch viele nur widerwillig. Es wurde wieder ruhig in der H\u00f6hle, und aller Augen wandten sich Kulle zu. Er war dran.<br \/>Aber Kulle winkte nur resigniert ab.<br \/>&#8222;La\u00dft nur&#8220;, sagte er leise, ohne sich von der Stelle zu r\u00fchren.&#8220;Es ist vorbei. Grizzy hat gewonnen.&#8220;<br \/>&#8222;Ach ja?&#8220; Es war das erste Mal, da\u00df die alte B\u00e4rin sich in eine H\u00f6hlendiskussion einmischte, und deshalb wandten sich ihr alle K\u00f6pfe zu. Normalerweise pflegte sie zuzuh\u00f6ren und h\u00f6chstens einmal zustimmend oder ablehnend zu brummen. Tags\u00fcber tat sie ohne viele Worte ihre Arbeit. Es war die Alte, die am Morgen den Dorfplatz gefegt hatte.<br \/>&#8222;Ach ja?&#8220; wiederholte sie, und ihre Stimme triefte vor Hohn. &#8222;Mir reicht es jetzt! Erst arbeiten wir alle tagelang f\u00fcr diesen &#8230; diesen M\u00f6chtegernb\u00e4ren, v\u00f6llig umsonst, aber anstatt uns daf\u00fcr zu entsch\u00e4digen, mit einer sch\u00f6nen Geschichte zum Beispiel, verdirbt er uns den Abend mit unverdaulichem Zeug. Und Du&#8220; &#8211; anklagend zeigte sie auf Kulle -&#8222;machst dabei auch noch mit! Jetzt hast Du verloren &#8211; das hast Du nun davon! Was Du verloren hast und warum, das hat au\u00dfer Dir wahrscheinlich keiner begriffen. Ich jedenfalls nicht, und ich will es auch gar nicht mehr wissen. Ich habe Kopfschmerzen, und ich gehe jetzt ins Bett. Wer kommt mit?&#8220;<br \/>Sie wartete keine Reaktion ab, sondern trabte davon. Die meisten B\u00e4ren folgten ihr, ebenfalls gru\u00dflos. Die H\u00f6hle leerte sich. Von vornherein war klar, wer zur\u00fcckblieb: B\u00e4rdel, Tumu, Manfred und Kulle. Und selbstverst\u00e4ndlich Grizzy.<br \/>&#8222;Hm&#8220;, machte B\u00e4rdel und bem\u00fchte sich trotz seiner Aufgew\u00fchltheit um Beherrschung. &#8222;Bitte entschuldige, Grizzy &#8211; normalerweise versuchen wir hier, h\u00f6flicher miteinander umzugehen. Aber Du mu\u00dft zugestehen, da\u00df Du uns heute ziemlich viel zugemutet hast!&#8220;<br \/>Grizzy zuckte die Schultern.<br \/>&#8222;Ihr habt mich eingeladen&#8220;, sagte er schlicht.<br \/>&#8222;Genau genommen habe ich Dich eingeladen&#8220;, murmelte Kulle. Das stimmte zwar nicht ganz, aber niemand widersprach.<br \/>&#8222;Jetzt blo\u00df keine wechselseitigen Schuldzuweisungen!&#8220; bestimmte Tumu resolut. &#8222;Die bringen uns nicht weiter. Ich bin vielmehr an Aufkl\u00e4rung interessiert. In einem Punkt stimme ich n\u00e4mlich mit meiner alten brummigen Freunddin \u00fcberein: Verstanden habe ich Eure Zitate auch nicht.&#8220;<br \/>Kulle und Grizzy \u00f6ffneten gleichzeitig den Mund, um zu antworten, aber Manfred kam ihnen zuvor.<br \/>&#8222;Wenn ich darf, will ich\u2018s gerne versuchen. Das war zwar alles ziemlich oldfashioned, aber ich glaube, ich hab\u2018s gerafft.&#8220;<br \/>Tumu war so verbl\u00fcfft \u00fcber diese Aussage, da\u00df sie gar nicht daran dachte, ihren Sohn wegen seines Jargons zu r\u00fcgen. Auch B\u00e4rdel schaute erstaunt, und Kulle und Grizzy klappten ihren Mund wieder zu. So konnte Manfred ungehindert weitersprechen.<br \/>&#8222;Also, Kulle wollte sagen, da\u00df der ganze Mist mit den Menschen nur daher kommt, da\u00df es Herrschende und Beherrschte gibt. Die Beherrschten sind viel zahlreicher als die Herrschenden, und sie sind mit ihrer Lage unzufrieden. Deshalb werden sie einen Aufstand machen, und danach ist Friede, Freude, Eierkuchen. Grizzy hat gekontert und argumentiert, da\u00df die Menschen nur Frieden halten k\u00f6nnen, wenn jeder genug zu bei\u00dfen hat. Sonst stellt sich die ganze alte Schei\u00dfe wieder her. Hat mir gut gefallen, der Spruch &#8211; den mu\u00df ich mir merken. Das war schon die ganze Zitiererei. Aber wenn man das jetzt zusammennimmt mit dem aktuellen Zustand der Welt &#8211; sechs Milliarden Menschen, begrenzte Ressourcen, zerst\u00f6rerische Technologien und der ganze Mist &#8211; , dann sieht man, da\u00df nicht alle genug zu bei\u00dfen haben k\u00f6nnen. Also hat Kulle verloren.&#8220;<br \/>Manfred, Tumu und B\u00e4rdel schauten Grizzy und Kulle an &#8211; Tumu und B\u00e4rdel fragend, Manfred Best\u00e4tigung suchend.<br \/>Ein doppeltes Nicken war die Antwort.<br \/>&#8222;Gur&#8220;, sagte B\u00e4rdel schlie\u00dflich. &#8222;Wenn ich das richtig begiffen habe, seid Ihr Euch einig, da\u00df der ber\u00fchmte point of no return f\u00fcr diese Welt \u00fcberschritten worden ist. Anders formuliert: Es gibt kein Mittel, um die Erde zu retten. Richtig?&#8220;<br \/>Grizzy und Kulle nickten, und Manfred schlo\u00df sich an.<br \/>&#8222;Mag sein, da\u00df Ihr recht habt, obwohl mir der Gedanke gar nicht pa\u00dft. Wie sagen die Menschen doch? Credo, qia absurdum. Ich glaube zwar nicht, aber ich habe Hoffnung, obwohl und weil es absurd ist. Ohne Hoffnung kann ich nicht leben &#8211; und Tumu ebensowenig. Ohne Hoffnung zieht man keine Kinder gro\u00df. Entschuldigt, ich schweife ab. Grizzy, wenn Du meinst,da\u00df die Erde, so wie wir sie kennen, von den Menschen ruiniert wird, dann gibt es doch eigentlich keinen Grund daf\u00fcr, diesen Proze\u00df zu beschleunigen, oder?&#8220;<br \/>&#8222;Doch, den gibt es. Ich versuche, Schadensbegrenzung zu betreiben. Wenn die Menschen verschwinden, bevor sie auch den letzten Brocken Kohle verfeuert haben, werden die, die nach uns kommen, bessere Chancen haben.&#8220;<br \/>Zweifelnd wiegte B\u00e4rdel den Kopf hin und her.<br \/>&#8222;Wenn es keine Kohle mehr gibt, kommt bestimmt auch niemand auf die Idee, sie als Energietr\u00e4ger zu nutzen &#8211; mit all den Folgen, die wir kennen. Und \u00fcbrigens: Ist es etwa Schadensbegrenzung, wenn Du der dehl\u00e4ndischen Atomindustrie zuarbeitetst und daf\u00fcr sorgst, da\u00df die Protagonisten des n\u00e4chsten Evolutionsschubs mit Hunderten von Tonnen Plutonium zurechtkommen m\u00fcssen? Von dem anderen strahlenden Zeug will ich gar nicht erst reden!&#8220;<br \/>Grizzy schwieg und sah B\u00e4rdel lange an. Dann senkte er den Blick zu Boden und begann ein neues Sandgem\u00e4lde.<br \/>Tumu \u00f6ffnete den Mund. Es war offensichtlich, da\u00df sie \u00e4rgerlich war und gleich eine ihrer gef\u00fcrchteten Schimpfkanonaden beginnen w\u00fcrde. Aber bevor sie dazu kam, legte B\u00e4rdel ihr seine gro\u00dfe Pranke aus Gesicht.<br \/>&#8222;Schsch!&#8220; fl\u00fcsterte er beruhigend.&#8220;Kommt, gehen wir schlafen! Wir sollten Grizzy jetzt in Ruhe lassen.&#8220;<br \/>Drau\u00dfen sahen sie einander im sp\u00e4rlichen Licht der Sterne an.<br \/>Kulle holte tief und erleichtert Luft.&#8220;Das scheint ja noch mal gutgegangen zu sein!&#8220; sagte er.<br \/>&#8222;Meint Ihr, da\u00df Grizzy jetzt bei uns bleibt?&#8220; fragte Manfred.<br \/>&#8222;Wenn er m\u00f6chte, ist er uns willkommen. Wir werden ihn allerdings gut verstecken m\u00fcssen &#8211; auch der d\u00fcmmste Mensch wird diesen Riesen nicht mit seinesgleichen verwechseln. Jedenfalls ist das meine Meinung&#8220;, antwortete B\u00e4rdel. &#8222;Tumu, was meinst Du?&#8220;<br \/>Kulle und Manfred hatten den Eindruck, da\u00df Tumu gar nichts meinte, denn sie schwieg. Aber B\u00e4rdel sp\u00fcrte, wie sie mit aller Kraft seine Hand dr\u00fcckte. Z\u00e4rtlich gab er den Druck zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es schien ein ganz normaler Abend in B\u00e4renleben zu sein. Am Ende der H\u00f6hlenversammlung, in der sie die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht und einander Geschichten erz\u00e4hlt hatten, g\u00e4hnten alle B\u00e4ren und auch das Schwein zufrieden und m\u00fcde und rappelten sich auf, um ihre Schlafpl\u00e4tze aufzusuchen. 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