{"id":349,"date":"1998-04-11T13:15:09","date_gmt":"1998-04-11T11:15:09","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=349"},"modified":"2017-03-11T13:23:35","modified_gmt":"2017-03-11T11:23:35","slug":"jobsuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1998\/04\/jobsuche\/","title":{"rendered":"Jobsuche"},"content":{"rendered":"<p>Nach sechs Stunden Marsch konnte Manfred allm\u00e4hlich erleichtert durch Dehland wandern. Tumus Tr\u00e4nen, als sie ihn ziehenlassen mu\u00dfte, Tr\u00e4nen, die er schlie\u00dflich mitgeweint hatte, waren vergessen. Die tagelangen Diskussionen mit B\u00e4rdel besch\u00e4ftigten ihn allerdings immer noch.<br \/>\n&#8222;Du willst dir einen Job suchen? Bei den Menschen? Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen&#8220;?<br \/>\nManfred war standhaft geblieben. Schlie\u00dflich hatte er gute Argumente: Auch seinem Vater war es schon gelungen, sich gegen\u00fcber Menschen als Mensch auszugeben (vergleiche <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/06\/menschenliebe\/\">Au\u00dfergew\u00f6hnliches Beispiel von Menschenliebe bei einem wilden Tiere<\/a>), warum also sollte er enttarnt werden? Und: Wenn man etwas \u00fcber Menschen lernen wollte und es unabdingbar f\u00fcr das eigene \u00dcberleben war, m\u00f6glichst viel \u00fcber sie zu wissen &#8211; welche besseren Lehrer k\u00f6nnte man finden als die Menschen selbst? Er hatte B\u00e4rdel sogar dazu bewegen k\u00f6nnen, ihm zu allen m\u00f6glichen Zeugnissen zu verhelfen. Aus der B\u00e4renf\u00e4lscherwerkstatt trug er Dokumente \u00fcber Abschl\u00fcsse dehl\u00e4ndischer Schulen und Hochschulen und angebliche Bescheinigungen real existierender Firmen mit sich, die ihm best\u00e4tigten, ein hervorragender Mitarbeiter gewesen zu sein, den man mit Bedauern hatte gehen lassen. Da Menschen das Alter von B\u00e4ren, die sich als Menschen ausgeben, \u00fcberhaupt nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, konnte er mit diesen Unterlagen nach Belieben spielen.<br \/>\nOb das wirklich richtig ist, was ich mache? fragte er sich. Aber nat\u00fcrlich gab er sich die richtige Antwort: Ein Mann geht seinen Weg! Und das, obwohl Manfred noch nie einen Western gesehen hatte&#8230;<\/p>\n<p>Er hatte keine genaue Vorstellung davon, wie er sein Ziel erreichen sollte. Auch wu\u00dfte er nicht, ob es geschickter war, sein Gl\u00fcck in einem Dorf, einer Klein- oder Gro\u00dfstadt zu versuchen. So ging er einfach geradeaus &#8211; im dicht besiedelten Dehland w\u00fcrde er schon bald \u00fcber irgend etwas stolpern und dann entscheiden.<br \/>\nEr stolperte bald. Als er von einem Waldweg aus eine Stra\u00dfe und an deren Rand ein Ortsschild wahrnahm, das Lehrte&#8220; ank\u00fcndigte, zog er aus seinem Rucksack &#8211; den er als vierf\u00fc\u00dfiger B\u00e4renwanderer als Bauchsack getragen hatte &#8211; Hemd, Hose und Jacke und zog sie an. Danach schulterte er sein Gep\u00e4ckst\u00fcck und richtete sich auf. Zum Abschied pfl\u00fcckte er eine Himbeere, ie ihn verf\u00fchrerisch rot anblinzelte, und nahm mit ihr vorerst Abschied von seinem B\u00e4rendasein.<\/p>\n<p>Lehrte, entdeckte er bald, war eine Kleinstadt. Stellenangebote, nach denen er Aussschau hielt, gab es nicht. Aber damit hatte er gerechnet. Er wu\u00dfte, da\u00df Menschen Jobs in der Zeitung fanden &#8211; oder beim Arbeitsamt.<br \/>\nAlso ging er in ein Papierwarengesch\u00e4ft. Auf einer Bank im nahen Park schlug er die Zeitung auf, die er erworben hatte: die &#8222;Hannoversche Allgemeine Zeitung&#8220;. Wochenendausgabe. Er ging die Stellenanzeigen durch.<br \/>\nErst jetzt fiel ihm auf, da\u00df er sich bisher nur wenig konkrete Vorstellungen gemacht hatte. Er wollte bei den Menschen arbeiten &#8212; nun gut. Aber was? Was war besonders gut geeignet, um sie kennenzulernen? Die Zeitung verwirrte ihn nur &#8211; Stellenanzeigen allgemein, Au\u00dfendienst, Kaufm\u00e4nnisches, Gewerbliches, medizinisch-soziale Berufe. Diese Klassifizierung f\u00fchrte wohl nicht weiter. Also stellte er sich die wichtigste Frage \u00fcberhaupt: Was macht mir Spa\u00df? Unter diesem Gesichtspunkt fand eine Annonce sein Interesse: Eine Versicherungsgesellschaft suchte einen Executive Assistent f\u00fcr die Abteilung Versicherungsmathematik. Voraussetzungen f\u00fcr den Job waren eine abgeschlossene kaufm\u00e4nnische Ausbildung (die hatte er, sagten seine Zeugnisse), ein gutes Zahlenverst\u00e4ndnis (rechnen konnte er) und k\u00f6rperliche Einsatzbereitschaft (Als junger B\u00e4r liebte Manfred es zu raufen, wenn er auch nicht so recht verstand, wieso diese Vorliebe in einem menschlichen Beruf gefragt war.). Das Problem war: Man wollte von ihm wissen, welche Gehaltsvorstellungen er hatte. Also: Bist du billiger als die anderen Bewerber, hast du gewonnen. Oder doch nicht? Vielleicht bedeutete ein Billigangebot ja auch: Ich bin schlecht? Und was war \u00fcberhaupt bei den Menschen in Dehland gegenw\u00e4rtig billig, was teuer? Ob B\u00e4rdel das gewu\u00dft h\u00e4tte? Jedenfalls hatte er ihn nicht gefragt&#8230;<br \/>\nEr las weiter. Anderen Jobangeboten entnahm er, da\u00df sich die Bezahlung bei den Menschen h\u00e4ufig an BAT orientierte. Was das wohl sein mochte? B\u00e4ren- Arbeits-Tarif? Unwahrscheinlich&#8230;<\/p>\n<p>Neben seiner Parkbank stand eine Telefonzelle, und ordentlich, wie es in Dehland nun einmal war, hing das \u00f6rtliche Telefonbuch neben dem Apparat. Manfred schlug es auf und suchte : BAT &#8211; nicht vorhanden. Wahllos bl\u00e4tterte er weiter &#8211; schlie\u00dflich hatte er noch nie ein menschliches Telefonbuch gesehen. Von einem b\u00e4rischen ganz zu schweigen &#8211; B\u00e4ren hatten kein Telefon, sie redeten noch wirklich miteinander. Bei O stolperte er \u00fcber Ordnungsamt. Ein f\u00fcr die Ordnung zust\u00e4ndiges Amt m\u00fc\u00dfte doch eigentlich ordentlich erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, was Unverst\u00e4ndliches bedeutete. Er w\u00e4hlte die Nummer.<br \/>\n<i>Tuut,tuut,tuut, didadidadidadidadah, dadadah, dadadah, bitte warten, didadidadidadidadah, dadadah, dadadah, bitte warten&#8230;<br \/>\n<\/i><br \/>\n&#8222;Ordnungsamt Hannover&#8220;!<br \/>\n&#8222;Guten Tag. Ich wollte Sie nur um eine Auskunft bitten. Was, bitte, bedeutet BAT&#8220;?<br \/>\n&#8222;Eine solche Auskunft geh\u00f6rt eigentlich nicht in unseren Zust\u00e4ndigkeitsbereich. Ich sage es Ihnen trotzdem: Bundesangestelltentarif&#8220;.<br \/>\n&#8222;Und wie hoch ist der? Ich meine, wieviel Geld verdient man da&#8220;?<br \/>\n&#8222;Zu wenig, guter Mann, viel zu wenig. Ich werde nach BAT bezahlt, ich wei\u00df, wovon ich rede&#8220;.<br \/>\n&#8222;Ja &#8211; aber &#8211; entschuldigen Sie: Was hei\u00dft denn das konkret&#8220;?<br \/>\n&#8222;Sie d\u00fcrften selbst wissen, da\u00df man \u00fcber Geld nicht redet. Wenn Sie einen Pa\u00df oder Personalausweis beantragen wollen, stehen wir Ihnen gerne in der Zeit von&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Manfred legte auf. Er war so schlau wie vorher, aber eine Auskunft, die ihm weiterhalf, w\u00fcrde er hier nicht bekommen. Also gut &#8211; dann galt es eben zu pokern.<br \/>\nEr rief die Versicherungsgesellschaft an und vereinbarte einen Gespr\u00e4chstermin f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>Das aber bedeutete, da\u00df er f\u00fcr die Nacht eine Unterkunft brauchte. N\u00e4chtigen in Lehrte? Zwar war das Leben in diesem Nest f\u00fcr einen B\u00e4ren schon wahrhaft aufregend, aber wenn er jetzt die Gelegenheit hatte, wollte er m\u00f6glichst viel kennenlernen. Er stapfte zum Bahnhof und kaufte sich eine Fahrkarte ins nahe Hannover.<br \/>\nAls er dort aus dem Zug h\u00fcpfte, machte er einen Fehler: Er wandte sich Richtung Raschplatz.<br \/>\nF\u00fcr einen B\u00e4ren, der an gegenseitige R\u00fccksichtnahme und wechselseitige Hilfestellung in allen Lebenslagen gew\u00f6hnt ist, ist eine menschliche Gro\u00dfstadt, in der sich keiner um den anderen k\u00fcmmert, auch wenn es dem noch so schlecht geht, ein Schock. Das ist schon schlimm genug, wenn er an Orte ger\u00e4t, an denen es den meisten Menschen gutgeht.<br \/>\nDer Raschplatz war kein solcher Ort. Manfred bediente sich der \u00fcblichen Mechanismen intelligenter Lebewesen, die versuchen, einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindruck zu verarbeiten: Er bem\u00fchte sich, Worte f\u00fcr seine Wahrnehmung zu finden. Er mu\u00dfte lange suchen, obwohl er \u00fcber einen gro\u00dfen Wortschatz verf\u00fcgte. Schlie\u00dflich kamen ihm f\u00fcnf Buchstaben in den Sinn, die er auf einer Wanderung durch den Harz auf einem Ortsschild gesehen hatte: Elend. Elend &#8211; das pa\u00dfte. Das qu\u00e4kende Lautgebilde beschrieb Dreck, zerstochene und zerschundene Haut, Orientierungslosigkeit und Gestank. Alles war \u00fcberlagert von einem noch penetranteren Geruch, dem der Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Von Panik ergriffen, kehrte er um und ergriff das B\u00e4renpanier. Kaum ein Passant wunderte sich dar\u00fcber, da\u00df ein etwa menschengro\u00dfes Wesen halb aufrecht, halb auf allen Vieren erst durch die Bahnhofs- und dann durch die Karmarschstra\u00dfe hetzte. Als er das geschafft hatte, verlangsamte Manfred sein Tempo: erstens ging ihm allm\u00e4hlich die Puste aus, und zweitens gab es nach zehn Minuten wilder Jagd keine Menschen mehr, die ihn verunsicherten. Er war im Maschpark angekommen. Langsam trottete er \u00fcber die gewundenen Pfade, kreuzte noch eine Stra\u00dfe und legte sich dann zwischen Rosenrabatten auf die B\u00e4renhaut. Hier war kein Mensch. Er sp\u00fcrte, da\u00df auch keiner kommen und ihn st\u00f6ren w\u00fcrde.<br \/>\nSein B\u00e4reninstinkt hatte ihn richtig geleitet: Welcher Hannoveraner geht schon auf den 1945 angelegten Friedhof der von den Nazis ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen? Die meisten wissen noch nicht einmal, da\u00df es ihn gibt&#8230;<\/p>\n<p>Ausgeschlafen sprang er ein paar Stunden sp\u00e4ter am fr\u00fchen Morgen in den Maschsee. Nach dem Bad, bei dem er einem ausf\u00fchrlichen philosophischen Disput der Seekarpfen lauschte, von dem er nur wenig verstand, war es allm\u00e4hlich Zeit, sich zur Versicherung aufzumachen. Auf dem Weg dorthin sch\u00fcttelte Manfred hin und wieder immer noch den Kopf: Was diese Fische umtrieb! Richtig beredsam wurden sie bei der Frage, ob die Hannoveraner es wert seien, zu Weihnachten und Silvester von ihnen gef\u00fcttert zu werden. Anstatt sich auf die universellen Tierrechte zu berufen und sich jedem Gefressenwerden zu verweigern!<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter sa\u00df er auf einem niedrigen Stuhl einem gro\u00dfen Schreibtisch gegen\u00fcber, hinter dem in einem hohen Sessel eine Menschenfrau thronte. Sie hatte sich ihm als Sabine Schreiner vorgestellt. An der T\u00fcr, durch die sie ihn gerade gef\u00fchrt hatte, hing ein Schild, das Personalb\u00fcro besagte. Jetzt redete sie, ohne dabei etwas zu sagen. Manfred kannte diese Art der Nichtmitteilung, diesen Flu\u00df von Leerformeln und h\u00f6flichen L\u00fcgen, und es war ihm trotz h\u00f6chster Konzentration nicht m\u00f6glich, inhaltlich zu folgen. Das war kein Nachteil. Wichtig war allein, im entscheidenden Moment richtig zu reagieren. Also konzentrierte er sich nur auf den Augenblick, in dem sie ihre Stimme am Ende eines Satzes hob.<br \/>\n&#8222;Das hat mich schon immer interessiert&#8220;, antwortete er auf ihre Frage. &#8222;Sehen Sie, es gibt Dinge, bei denen die Menschen Hilfe ben\u00f6tigen. Ich denke, ich k\u00f6nnte da von Nutzen sein&#8220;.<br \/>\nIn B\u00e4renleben hatte Manfred bei Kulle n\u00e4mlich einmal einen Rhetorikkurs belegt. Was er gerade reproduziert hatte, war Kulles Patentantwort Nummer Eins, passend f\u00fcr alle Situationen: Sie war angemessen als Reaktion auf die Behauptung, da\u00df die Welt von Gott verlassen sei, ebenso wie auf die Feststellung, da\u00df die Arbeitslosenzahlen st\u00e4ndig stiegen. Selbst als Reaktion auf eine Liebeserkl\u00e4rung konnte sie, ein wenig modifiziert, zur Not durchgehen.<br \/>\nManfred hatte auch gelernt, da\u00df eine derartige Aussage zwar gut ankam, aber sofort eine Frage provozierte. Wollte man der entkommen, mu\u00dfte man selbst eine Frage stellen. Nat\u00fcrlich war Manfred ein gelehriger Sch\u00fcler gewesen, also fuhr er ohne Pause fort:<br \/>\n&#8222;Was erwarten Sie von mir?&#8220;<br \/>\nStatt einer direkten Antwort legte sie ihm einen Schriftsatz vor.<br \/>\n&#8222;Machen Sie sich damit in aller Ruhe vertraut. Ich lasse Ihnen einen Kaffee kommen und lasse Sie allein. In einer halben Stunde bin ich wieder da&#8220;.<br \/>\nKaffee &#8211; das mu\u00dfte wohl sein. Mitleidig sah Manfred den Ficus Benjamini an, der die braune Br\u00fche w\u00fcrde schlucken m\u00fcssen. B\u00e4ren und Kaffee &#8211; das vertrug sich einfach nicht miteinander.<br \/>\n&#8222;Danke&#8220;, sagte er h\u00f6flich und schlug den Ordner auf.<br \/>\nDen Fall durchschaute er schnell. Der Studienrat Michael Strau\u00df hatte im Alter von 40 Jahren eine private Zusatz-Rentenversicherung abgeschlossen und 25 Jahre lang regelm\u00e4\u00dfig seine Beitr\u00e4ge gezahlt. Der letzte Zahlungseingang lag zwei Jahre zur\u00fcck. Strau\u00df war jetzt 67 und erhielt seit seiner Pensionierung seine Privatrente.<br \/>\nEin klarer Fall ohne irgendwelche Probleme. Manfred sch\u00fcttelte den Kopf. Er verstand nicht im Geringsten, was solche klaren, eigentlich abgeschlossenen F\u00e4lle mit Versicherungsmathematik und k\u00f6rperlicher Einsatzf\u00e4higkeit zu tun hatten.<br \/>\nAls Sabine Schreiner zur\u00fcckkam, schenkte sie ihm neben einem charmanten L\u00e4cheln ein erwartungsvolles: &#8222;Nun, Herr B\u00e4r&#8220;?<br \/>\nManfred pokerte &#8211; auch das hatte er von Kulle gelernt . und hob die Schulter. &#8222;Ganz klare Sache, keine Frage&#8220;.<br \/>\n&#8222;Hervorragend&#8220;! Frau Schreiner war sichtlich erleichtert. &#8222;Ich hatte gleich den Eindruck, da\u00df Sie f\u00fcr derlei verantwortungsvolle Aufgaben geeignet sind. Die Zusammenarbeit mit unserer Gesellschaft wird Sie nicht reuen. Wir zahlen gut &#8211; 1000 DM Pr\u00e4mie pro Fall, zuz\u00fcglich Spesen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df bearbeiten unsere Mitarbeiter zwischen acht und f\u00fcnfzehn F\u00e4lle pro Monat&#8220;.<br \/>\nAlso acht- bis f\u00fcnfzehntausend Mark im Monat, rechnete Manfred blitzschnell. Das war sehr viel Geld, soviel immerhin wu\u00dfte er. Merkw\u00fcrdig &#8211; jetzt machte sie ihm ein Angebot, aber in der Anzeige hatte gestanden, da\u00df er Forderungen stellen sollte. Er ging dar\u00fcber hinweg.<br \/>\n&#8222;Ich denke, das kann ich auch leisten&#8220;.<br \/>\nManfred legte alle ihm zur Verf\u00fcgung stehende Seriosit\u00e4t in seine Stimme. Er verriet Sabine Schreiner nicht, da\u00df er noch immer nicht wu\u00dfte, was er in seiner neuen Stellung zu tun haben w\u00fcrde. Trotzdem &#8211; oder gerade deshalb &#8211; bekam er den Job. In drei Tagen sollte er anfangen. Zur Einarbeitung, wie Sabine Schreiner sagte, dr\u00fcckte sie ihm ein K\u00f6fferchen voller Papiere in die Hand.<br \/>\nDank ihrer Vermittlung fand er auch eine kleine Wohnung. Schade eigentlich &#8211; er hatte sich auf dem sowjetischen Friedhof und bei den Karpfen sehr wohl gef\u00fchlt. F\u00fcr Menschen brauchte er aber k\u00fcnftig wohl eine menschliche Adresse. Das Wichtigste im Augenblick jedoch war, da\u00df er einen Vorschu\u00df erhielt.<\/p>\n<p>Manfred verschwendete keine Zeit damit, sich M\u00f6bel anzuschaffen. Er gab sein Geld f\u00fcr Fahrscheine f\u00fcr die Stadtbahn aus und lie\u00df sich zur Universit\u00e4t kutschieren.<br \/>\nIch glaub, ich bin in England, brummelte Manfred vor sich hin, als er auf das Tudorschlo\u00df zusteuerte, in dem Hannovers Universit\u00e4t beheimatet war. Aber dann k\u00fcmmerte er sich nicht mehr um Architektur, sondern fragte sich zum Immatrikulationsamt durch und schrieb sich ein: Manfred B\u00e4r, Volkswirtschaftslehre.<br \/>\nAls er wieder in seiner Wohnung war, schaute er sich zun\u00e4chst den Inhalt von Sabine Schreiners Geschenk an. Der Aktenkoffer seiner neuen Firma war prall gef\u00fcllt mit Papieren. F\u00fcnfzehn Personalakten stapelten sich darin, alle von \u00e4hnlicher Qualit\u00e4t wie die des Studienrates Michael Strau\u00df. Daneben lag eine in Folie eingeschwei\u00dfte Tabelle. \u00dcber den zahlreichen Spalten standen merkw\u00fcrdige \u00dcberschriften: Geb.-Jr., Verf.-Jr. oder Neg.-Zeitr. fanden sich da.<br \/>\nManfred verstand, da\u00df er nichts verstand. Aber das beunruhigte ihn nicht. Er hatte die B\u00e4renruhe weg, und noch hatte er zwei Tage Zeit. Der Student Manfred B\u00e4r w\u00fcrde schon herausbekommen, was hier gespielt wurde.<\/p>\n<p>Fr\u00fch am n\u00e4chsten Morgen verschwand er im Lesesaal der Universit\u00e4tsbibliothek. Er entschwand buchst\u00e4blich allen Blicken, denn bald t\u00fcrmten sich auf dem Tisch vor ihm meterhohe B\u00fccherstapel.<br \/>\nZuerst widmete er sich dem Band Empfehlenswerte Abk\u00fcrzungen im Versicherungswesen, herausgegeben von E. N. T. T\u00e4usch, und lie\u00df sich dar\u00fcber belehren, da\u00df Geb.-Jr. Geburtsjahr hie\u00df. Verf-Jr. bedeutete Verfallsjahr, und Neg-Zeitr. war der Negativzeitraum. Empfehlenswert, so der Herausgeber im Vorwort, seien diese Abk\u00fcrzungen vor allem deshalb, weil sich der Versicherungsnehmer in den wenigsten F\u00e4llen unter ihnen etwas vorstellen k\u00f6nne. Manfred stimmte aus vollem Herzen zu &#8211; auch den Volltext verstand er nur zum Teil.<br \/>\nSo kam er also wohl nicht weiter. Es galt, die Angelegenheit grunds\u00e4tzlich anzugehen. Grundlagen des Versicherungswesens. Eine Einf\u00fchrung &#8211; Prof. Dr. R. Eibach w\u00fcrde ihm mit seinem dicken W\u00e4lzer weiterhelfen, hoffte er.<br \/>\nManfred lernte, da\u00df eine Versicherung auf die planm\u00e4\u00dfige und entgeltliche Deckung eines risikogerechten Eventualbedarfs abzielt, also Sch\u00e4den, die nach Anzahl, Zeitpunkt und H\u00f6he unbestimmt sind, deckt. Eintritt und H\u00f6he der Bedarfsf\u00e4lle, so Prof. Eibach, lie\u00dfen sich um so sicherer berechnen, je gr\u00f6\u00dfer die Zahl der zu einer Gefahrengemeinschaft vereinigten Einheiten sei.<br \/>\nDen zweiten Gedanken verstand Manfred. Tumu hatte ihn gr\u00fcndlich in die Wahrscheinlichkeitsrechnung eingef\u00fchrt &#8211; alle jungen B\u00e4ren lernten das, und als Material benutzten sie mit Vorliebe Brombeeren. Mit dem ersten Satz aber hatte er Schwierigkeiten: Wieso deckte eine Versicherung nur Sch\u00e4den? Der Studienrat Strau\u00df hatte doch keinen Schaden erlitten, sondern freute sich \u00fcber sein Rentnerdasein! Aber dann d\u00e4mmerte es ihm: Was Michael Strau\u00df freute, war in den Augen der Versicherung ein Schaden. Strau\u00df kostete Geld.<br \/>\nEntsetzen durchscho\u00df ihn: Vor dem Hintergrund dieser \u00dcberlegungen bekamen die Worte Verfallsjahr und Negativzeitraum pl\u00f6tzlich eine Bedeutung. F\u00fcr einen kurzen Moment durchzuckte ihn eine Idee, was sein neuer Arbeitgeber wirklich von ihm wollte. Aber dieser Gedanke erschien ihm so absurd, da\u00df er ihn sofort aus seinem Kopf verbannte.<br \/>\nDennoch &#8211; pl\u00f6tzlich war ihm \u00fcbel. Hastig verlie\u00df er den Lesesaal und suchte frische Luft.<br \/>\nAlso: Vermutlich hatte seine Versicherung Probleme mit ihren privaten Altersversicherungen. Das Verfallsjahr schien das Jahr zu sein, von dem ab der Rentner mehr Geld als Rente bekam, als er vorher als Pr\u00e4mie eingezahlt hatte. Von diesem Jahr ab begann f\u00fcr die Versicherung der Negativzeitraum. Nat\u00fcrlich kamen solche F\u00e4lle immer mal vor, aber sie sollten theoretisch ausgeglichen werden &#8211; durch diejenigen, die so fr\u00fch starben, da\u00df sie die von ihnen angesparte Summe nicht mehr in Anspruch nehmen konnten. Mathematische Stochastik &#8211; das Gesetz der gro\u00dfen Zahl. Und versicherungsmathematisch, \u00fcberlegte Manfred sich, war die Pr\u00e4mie nat\u00fcrlich so kalkuliert, da\u00df bei einer berechenbaren Zahl von kurz- und langlebigen Versicherten noch genug Geld in der Firma h\u00e4ngenblieb&#8230;<br \/>\nEntweder reichte seiner Versicherung der Normalprofit nicht mehr, so da\u00df sie ihre Versicherten vor deren nat\u00fcrlichem Ende loswerden wollte, oder sie hatte sich verrechnet.<br \/>\nManfred wurde bewu\u00dft, da\u00df er jetzt schon ganz selbstverst\u00e4ndlich von der Hypothese ausging, da\u00df er als M\u00f6rder gedungen werden sollte. Seine sonst so kr\u00e4ftigen B\u00e4renbeine sackten unter ihm weg, er mu\u00dfte sich setzen. Jetzt wu\u00dfte er, warum sein Vater ihn hatte \u00fcberzeugen wollen dazubleiben, warum seine Mutter so viele Tr\u00e4nen geweint hatte. Das Denken der Menschen war m\u00f6rderisch (<span style=\"color: #0000ff;\"><i>Die Menschen selbst nennen das in Verkennung ihrer Natur inhuman<\/i><\/span>) , und es f\u00e4rbte ab. Er begann zu weinen.<br \/>\n&#8222;Nat\u00fcrlich guckt wieder kein Schwein&#8220;, h\u00f6rte er pl\u00f6tzlich neben sich eine laute Stimme. &#8222;Ein B\u00e4r hockt heulend an einem Baum mitten im hannoverschen Georgengarten, dazu noch direkt neben dem Wilhelm-Busch-Museum, und keiner nimmt\u2018s zur Kenntnis&#8220;!<br \/>\nManfred war kein verklemmter Menschenmann, er fand es also ganz nat\u00fcrlich zu weinen, wenn er traurig oder verzweifelt war. Trotzdem war es ihm peinlich, in aufgel\u00f6stem Zustand von einem wildfremden Wesen ertappt worden zu sein. Er wischte sich die Augen, murmelte etwas von Heuschnupfen und wandte dann seinen Kopf zur Seite.<br \/>\n&#8222;Du bist ein Schwein!&#8220; entfuhr es ihm.<br \/>\n&#8222;Na klar&#8220;, grunzte sein Gegen\u00fcber, keineswegs beleidigt.<br \/>\nRosa Haut, Steckdosenschnauze, spitze Ohren, Ringelschw\u00e4nzchen: Es war zweifellos ein Schwein.<br \/>\n&#8222;Wieso sagst Du dann, da\u00df Du nicht guckst? Du siehst mich doch an&#8220;!<br \/>\n&#8222;Ich habe nur zitiert. Und au\u00dferdem bin ich eine Karikatur. Mir ist \u00fcbrigens kalt, ich gehe wieder rein. Zu Hause bin ich da dr\u00fcben im Museum. Komm doch mit&#8220;.<br \/>\nManfred in seinem B\u00e4renpelz fror es zwar nicht, aber er f\u00fchlte sich trotzdem kalt &#8211; von innen heraus. Er rappelte sich auf und folgte dem Schwein ins Haus. Wilhelm-Busch-Museum stand daran und Karikaturenmuseum.<br \/>\nInnen gab es einen Kassenschalter, und Manfred langte nach seiner Geldb\u00f6rse. Der Kassierer aber grinste nur.<br \/>\n&#8222;Lassen Sie das, Sie Kunstfigur! schmunzelte er. Ab in Ihren Rahmen!&#8220;<br \/>\nAchselzuckend schlenderte Manfred weiter in die Ausstellung. Die Waechter des Museums begr\u00fc\u00dften ihn wie einen alten Bekannten. Au\u00dferdem begr\u00fc\u00dfte ihn das Ausstellungsmotto: Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.<br \/>\nGestern noch hatte Manfred geschwankt, ob er sich an der Uni f\u00fcr VWL oder f\u00fcr Politik einschreiben sollte. Heute stellte er fest, da\u00df seine Entscheidung richtig gewesen war. Ein Mini-Politikstudium konnte er hier im Museum absolvieren. Einf\u00fchrung in Soziologie und Psychologie inklusive.<\/p>\n<p>Er schlenderte herum und bildete sich. Der Kanzler war eine Birne. Kernobst als Kopf einer Gesellschaft? Das sprach nicht gerade f\u00fcr die W\u00e4hler&#8230;<br \/>\nAuf einer anderen Zeichnung versetzte ein Hund zahlreichen Katzen, die sich noch nicht einmal durch Fauchen zur Wehr setzten, Schwere Bisse und jagte sie aus dem Haus. Die Bildunterschrift belehrte ihn, da\u00df ein Mensch namens Hundt Arbeitgeberpr\u00e4sident war.<br \/>\nDie dritte Karikatur, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog, zeigte zwei M\u00e4nner. Ein Gesicht, dessen Hauptcharakteristik eine gro\u00dfe Nase war, neigte sich \u00fcber ein anderes. Untengesicht hatte eine Sprechblase, in der stand: Herr Kultusminister, das ist zu viel! Obengesicht antwortete: Kein Grund zur Aufregung, Herr Studienrat! Wir haben Ihre Dienstpflichten so kalkuliert, da\u00df Sie sie bis zu ihrer Pensionierung gerade noch werden erf\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/karikat.gif\" alt=\"Karikatur\" width=\"454\" height=\"342\" \/><\/center>In der B\u00e4renschule hatte Manfred gelernt, was ein Elektroschock war. Er hatte sich nie vorstellen k\u00f6nnen, wie sich so etwas anf\u00fchlen k\u00f6nnte. Jetzt pl\u00f6tzlich hatte er das Gef\u00fchl, einen solchen Schock erhalten zu haben. Verbl\u00fcffenderweise durchlebte er sogar alle Phasen, die zu einer solchen Behandlung geh\u00f6ren: v\u00f6llige Amnesie, allm\u00e4hliches Erinnern und schlie\u00dflich &#8211; Gl\u00fcck gehabt! &#8211; ein besseres Denkverm\u00f6gen als vorher.<\/p>\n<p>Das also war des Studienrats Michael Strau\u00df Kern! Der war nicht als Mensch zu alt, sondern als Studienrat! Die Versicherung hatte sein Alter auf der Basis seiner Berufszugeh\u00f6rigkeit kalkuliert, und er hatte es gewagt, nicht gleichzeitig mit seiner Pensionierung zu sterben, sondern zwei Jahre weiterzuleben. Dementsprechend war er f\u00fcr die Versicherung ein Schaden geworden.<br \/>\nF\u00fcr Manfred war jetzt glasklar, was von einem Executive Assistent der Abteilung Versicherungsmathematik erwartet wurde. Er sollte als M\u00f6rder arbeiten, um die fehlerhaften Hypothesen der Versicherungsgesellschaft wieder ins Lot zu bringen.<\/p>\n<p>Was sollte er tun?<br \/>\nManfred zog sich in eine stille Ecke des Museums zur\u00fcck und erprobte seine Muskeln. Er ging auf die Toilette, stellte sich vor den Spiegel und zeigte sich selbst seine f\u00fcrchterlichsten Grimassen. Lautlos \u00fcbte er dazu seine Kampfschreie.<br \/>\nDann gab er es auf.<br \/>\nSeine Situation war ihm klargeworden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war es eine verf\u00fchrerische Idee, in Sabine Schreiners B\u00fcro zu marschieren, ihr seine Verachtung ins Gesicht zu schmettern und ihr zu erkl\u00e4ren, da\u00df er ihre Mordpl\u00e4ne durchschaut hatte. Und dann? Sie w\u00fcrde die Polizei rufen, die die Feuerwehr, und schlie\u00dflich w\u00fcrde er als die Allgemeinheit gef\u00e4hrdender B\u00e4r im Zoo landen &#8211; wenn er Gl\u00fcck hatte. Wahrscheinlich w\u00fcrde er als tollw\u00fctiges Tier eingeschl\u00e4fert werden. Einschl\u00e4fern &#8211; so nannten das die Menschen.<br \/>\nSich mit den Tieren verb\u00fcnden, zum Beispiel mit dem Schwein? Wenig aussichtsreich &#8211; die Tiere schienen damit gl\u00fccklich zu sein, als Karikaturen existieren zu d\u00fcrfen.<br \/>\nEs gab nur eins &#8211; zur\u00fcck nach B\u00e4renleben.<\/p>\n<p>Manfred lie\u00df alles stehen und liegen. Zum Gl\u00fcck wu\u00dfte er, welche Richtung er einschlagen mu\u00dfte, um nach Hause zu kommen &#8211; zu Tumu, zu B\u00e4rdel und zu Kulle und all den anderen. Er dachte nicht an das Geld, das er hatte. Er dachte nicht an Verkehrsmittel. Er rannte einfach. Er \u00fcbersah sogar die Beeren am Wegesrand. Er a\u00df nicht. Er trank nicht. Er rannte. Dann torkelte er. Er wankte vorw\u00e4rts. Zuletzt kroch er. Er k\u00e4mpfte um jeden Zentimeter, der ihn B\u00e4renleben n\u00e4her brachte. Tumu fand ihn schlie\u00dflich &#8211; wer auch sonst? Er hatte es fast geschafft.<\/p>\n<p>&#8222;Manfred&#8220;!<br \/>\nUnruhig w\u00e4lzte er sich auf seinem Laublager hin und her.<br \/>\n&#8222;Manfred&#8220;! Sanft legte sie ihre Tatze auf seine Schulter.<br \/>\nEr zuckte zusammen. Sein K\u00f6rper rollte sich weg.<br \/>\nSie griff fester zu. Er wand sich.<br \/>\n&#8222;Manfred! Wach auf&#8220;!<br \/>\nBilder: Sabine Schreiner h\u00e4lt ihn fest, eine Statistik in der Hand, die besagt, da\u00df er zu alt ist, sterben mu\u00df&#8230;<br \/>\n&#8222;Manfred! Du bist zu Hause&#8220;!<br \/>\nDer Widerstand schwand. Er wachte auf. Er \u00f6ffnete die Augen und sah Tumu. Er l\u00e4chelte.<br \/>\n&#8222;Mama.&#8220;<\/p>\n<p>Tumu brauchte nach dieser anstrengenden Wiederbelebung noch viel Kraft, um Manfred wieder zu einem normalen Jungb\u00e4ren zu machen. Er wollte kaum etwas essen, und es war ihre Rettung, da\u00df sie sich an einige alte Rezepte von Mama Gorilla erinnern konnte (<span style=\"color: #0000ff;\"><i>vergleiche die Rezepte in<\/i> <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1993\/03\/grimmis-buch-vom-gorillasee\/\">&#8222;Grimmis Buch vom Gorillasee&#8220;<\/a><\/span>), an denen er Gefallen fand und die ihn schlie\u00dflich wieder zu Kr\u00e4ften brachten.<\/p>\n<p>Als Manfred wieder aufrecht hocken konnte, bat er darum, den Stammesrat einzuberufen. Tumu sorgte f\u00fcr gen\u00fcgend Platz in der Wohnh\u00f6hle, so da\u00df alle gem\u00fctlich sitzen konnten. Es war Herbst geworden, drau\u00dfen pfiff ein starker Wind, und alle Angeh\u00f6rigen der B\u00e4rensippe kuschelten sich aneinander.<br \/>\n&#8222;Freunde&#8220;, sagte B\u00e4rdel. &#8222;Mein Sohn hat um diese Versammlung gebeten. Ich wei\u00df, da\u00df er Schweres erlebt hat. Ich wei\u00df nicht, was er uns sagen will. Ich bitte, h\u00f6rt ihn freundlich an&#8220;.<br \/>\nB\u00e4rdel sagte die Wahrheit &#8211; und doch nicht. Nat\u00fcrlich hatte er von Tumu einiges dar\u00fcber erfahren, was Manfred bei den Menschen durchgemacht hatte. Dennoch tat er pflichtgem\u00e4\u00df so, als sei er uninformiert &#8211; so hatte sich ein objektiver Versammlungsleiter bei den B\u00e4ren zu verhalten. Gleichzeitig mu\u00dfte er immer um freundliches Geh\u00f6r bitten &#8211; das geh\u00f6rte auch zum Ritual.<br \/>\nZustimmendes Gemurmel antwortete ihm.<br \/>\n&#8222;Ich&#8220;, sagte Manfred, &#8222;habe Unsinn gemacht. Meine Eltern haben mich gewarnt. Ich habe ihnen zuwider gehandelt und bin zu den Menschen gegangen. Ich bin gegangen, weil ich etwas \u00fcber die Menschen lernen wollte. Ich habe auch etwas gelernt: Menschen rechnen Menschen gegen Geld auf. Wenn es ihnen zu teuer wird, bringen sie die zu teuren Menschen um. Sie heuern sogar M\u00f6rder an, um solche angeblich zu teuren Menschen zu t\u00f6ten. Sie haben versucht, mich als einen solchen M\u00f6rder anzustellen&#8220;.<\/p>\n<p>Stille herrschte in der B\u00e4renh\u00f6hle. Unsicher schaute Manfred von einem Gesicht zum anderen. Alle waren ihm zugewandt. Alle l\u00e4chelten ihm zu.<br \/>\n&#8222;Was ist?&#8220; fragte er.<br \/>\nDas L\u00e4cheln verst\u00e4rkte sich.<br \/>\n&#8222;Was ist?&#8220;<br \/>\nEr sah in die Runde, sah Kulle an. Es war ihm unm\u00f6glich, die Beherrschung und Zur\u00fcckhaltung zu wahren, die in einer B\u00e4renversammlung zum guten Ton geh\u00f6ren.<br \/>\n&#8222;Bei Tussi! brach es aus ihm heraus. Glotzt nicht so verst\u00e4ndnislos! Es geht um Mord, sogar um Massenmord! Dagegen mu\u00df man doch etwas tun!&#8220;<br \/>\nUnsanft wies B\u00e4rdel ihn zurecht &#8211; bei aller Sympathie durfte ein Versammlungsleiter einen solchen Ausfall nicht durchgehen lassen.<br \/>\nKulle meldete sich zu Wort: &#8222;Die negative Weiterentwicklung der Primaten zu den Humanen und die damit einhergehende ethische Regression hat logisch eine Extension der Agression zur Folge, gerade auch intra speciem. Das ist wissenschaftlich unumstritten. Es ist daher&#8230;&#8220;<br \/>\nZuf\u00e4llig streifte sein Blick beim Sprechen Manfred, der ihn mit offenem Mund verst\u00e4ndnislos anstarrte. Am liebsten h\u00e4tte er sich vor \u00c4rger eine Pranke voll Haare aus dem Pelz gezogen. Mu\u00dfte er auch gerade jetzt in seinen alten Fehler verfallen! Immer dann, wenn er ger\u00fchrt war, dr\u00fcckte er sich viel zu hochgestochen aus. Sofort schaltete er um:<br \/>\n&#8222;Es ist daher v\u00f6llig verst\u00e4ndlich, wenn Manfred einen Schock erlitten hat&#8220;. &#8222;Auch&#8220;, fuhr er fort, indem er sich Manfred direkt zuwandte, &#8222;auch kann ich gut verstehen, da\u00df Du gegen das Morden etwas unternehmen m\u00f6chtest. Das geht aber nicht. H\u00f6r mir jetzt gut zu: Die Menschen machen das, weil sie Menschen sind. Verstehst Du? Weil! Sie handeln nicht gegen ihre Natur, sondern ihr entsprechend. Wenn Du den Massenmord beenden willst, mu\u00dft Du die Menschen vernichten&#8220;.<br \/>\nLastendes Schweigen f\u00fcllte die H\u00f6hle. Langsam setzte sich Kulle.<br \/>\nErst nach langer Zeit war wieder ein Ger\u00e4usch zu h\u00f6ren. Manfred r\u00e4usperte sich die Kehle frei.<br \/>\n&#8222;Entschuldigung&#8220; sagte er. &#8222;Das wu\u00dfte ich nicht. Ich habe geglaubt&#8230;&#8220;. Hilflos brach er ab.<br \/>\n&#8222;Alle jungen B\u00e4ren glauben das&#8220;, brummte B\u00e4rdel. &#8222;Weil sie B\u00e4ren sind&#8220;.<br \/>\n&#8222;Aber warum&#8230; Warum habt Ihr&#8230;?&#8220;<br \/>\n&#8222;Warum wir Dich haben ziehen lassen? Leicht ist es uns nicht gefallen, das hast Du gemerkt. Die meisten jungen B\u00e4ren m\u00fcssen die Menschen direkt kennenlernen. Sonst wissen sie nicht, wie diese Monstren wirklich sind. Die Erz\u00e4hlungen von uns Alten haltet Ihr Jungen f\u00fcr \u00fcbertrieben.&#8220;<br \/>\n&#8222;Stimmt&#8220;, seufzte Manfred. &#8222;Ich habe Euch nie so richtig geglaubt. Aber jetzt habe ich Angst. Sollte man nicht B\u00e4renleben&#8230;?&#8220;<br \/>\n&#8222;Keine Sorge&#8220;, schmunzelte B\u00e4rdel. &#8222;W\u00e4hrend Deiner Abwesenheit haben unsere Physiker die Tarnkappe \u00fcber B\u00e4renleben fertiggestellt. Uns findet keiner &#8211; zumindest kein Mensch.&#8220;<br \/>\nPl\u00f6tzlich ert\u00f6nte vor der H\u00f6hle lautes R\u00fclpsen und Grunzen. H\u00f6hnisch schien es B\u00e4rdel zu widerlegen. Die B\u00e4ren hockten starr. Ein Kopf schob sich herein: Steckdosenschnauze, spitze Ohren, Ringelschw\u00e4nzchen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bitte um politisches Asyl&#8220;, quiekte es.<\/p>\n<p>&#8222;Gew\u00e4hrt&#8220;, brummte die B\u00e4renhorde im Chor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach sechs Stunden Marsch konnte Manfred allm\u00e4hlich erleichtert durch Dehland wandern. Tumus Tr\u00e4nen, als sie ihn ziehenlassen mu\u00dfte, Tr\u00e4nen, die er schlie\u00dflich mitgeweint hatte, waren vergessen. Die tagelangen Diskussionen mit B\u00e4rdel besch\u00e4ftigten ihn allerdings immer noch. &#8222;Du willst dir einen Job suchen? Bei den Menschen? Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen&#8220;? 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