{"id":339,"date":"1998-06-08T19:29:35","date_gmt":"1998-06-08T17:29:35","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=339"},"modified":"2017-03-08T19:35:27","modified_gmt":"2017-03-08T17:35:27","slug":"im-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1998\/06\/im-spiegel\/","title":{"rendered":"Im Spiegel"},"content":{"rendered":"<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulleI.jpg\" \/><\/center>&nbsp;<\/p>\n<h1>Im &#8222;SPIEGEL&#8220;<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Herr Kulle, rauchen Sie Havanna oder Brasil?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Ich bin Nichtraucher.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Aber Sie haben eine Abhandlung \u00fcber <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/10\/kulles-dissertation\/\">Die Zigarre <\/a> geschrieben. Kann man das \u00fcberhaupt als Nichtraucher?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sie versuchen gerade, ein Interview mit mir \u00fcber mich zu machen. K\u00f6nnen Sie das \u00fcberhaupt als Nicht-Kulle?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Touch\u00e9. Herr Kulle, Sie sind Nichtraucher und Nichtmensch. Von Zigarren verstehen Sie etwas, das kann man <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/10\/kulles-dissertation\/\">nachlesen<\/a>. Was denken Sie von Menschen?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Das kann man auch nachlesen, und zwar in meiner <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1997\/02\/kulles-habilitation\/\">Habilitationsschrift.<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Vielleicht erz\u00e4hlen Sie uns trotzdem etwas.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Am Beispiel des <i>Spiegel<\/i> kann ich Ihnen erz\u00e4hlen, da\u00df Menschen nicht nach Effizienzkriterien handeln, sondern rein gewinnorientiert. W\u00e4ren Sie &#8211; was sinnvoll w\u00e4re &#8211; an m\u00f6glichst gro\u00dfem Output bei m\u00f6glichst geringem Input orientiert, h\u00e4tten Sie Ihre Leser jetzt auf meine eben erw\u00e4hnte Arbeit verwiesen. Da Sie aber auch am n\u00e4chsten Montag wieder eine m\u00f6glichst dicke Zeitschrift auf den Markt werfen m\u00fcssen, die gen\u00fcgend Anzeigenkunden lockt und mit &#8222;Focus&#8220; zumindest optisch konkurrieren kann, werden Sie dieses Interview noch eine Weile fortf\u00fchren wollen. Ergebnis: Viele B\u00e4ume werden zerh\u00e4ckselt, und auf tausenden von Seiten steht das gedruckt, was auf anderen Seiten auch schon steht.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sie haben also etwas gegen unser Wirtschaftssystem?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>\u00dcberhaupt nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Eben haben Sie sich aber sehr kritisch dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Irrtum Ihrerseits. Ihr Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, ist ein in sich logisches und konsistentes System, das allerdings den Fehler hat, so angelegt zu sein, da\u00df es sich in relativ kurzer Zeit selbst killt. Dagegen habe ich \u00fcberhaupt nichts. Wenn Sie so wollen, ist auch die Sonne ein solches System &#8211; sie funktioniert, bis sie in etwa vier Milliarden Jahren ausbrennen wird. Mein Vorwurf richtet sich, wie Sie bemerkt haben sollten, gegen die Menschen, die die Kurzlebigkeit des Kapitalismus nicht erkannt haben und noch heute nicht erkennen, die noch heute gegen\u00fcber diesem System eine regelrechte Heilserwartung pflegen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Herr Kulle, glauben Sie an Gott?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Wieso weichen Sie pl\u00f6tzlich vom Thema ab?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel: <\/b><\/p>\n<blockquote><p>Tun wir doch gar nicht. Sie sprachen soeben von Heilserwartung.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>In der Tat, ja. Nun gut. Warum wollen Sie das wissen?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Unsere Leser interessiert es bestimmt, ob ein B\u00e4r, zumal ein intellektueller, an Gott glaubt.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sie meinen den Teil Ihrer Leser, der dem <i>Spiegel<\/i> wegen bzw. trotz dessen st\u00e4ndiger Angriffe gegen die katholische Kirche die Treue h\u00e4lt? Ich werde Ihre Klientel entt\u00e4uschen: Ich glaube an <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1993\/03\/grimmis-buch-vom-gorillasee\/\">Tussi<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel: <\/b><\/p>\n<blockquote><p>Wer ist <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1993\/03\/grimmis-buch-vom-gorillasee\/\">Tussi?<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p><a href=\"grimmi2.html\">Tussi<\/a> ist eine Pl\u00fcschfr\u00f6schin, in ausgestrecktem Zustand etwa 1,50 Meter lang. Sie hat das Weltall erschaffen und repariert es bei Pannen best\u00e4ndig. Ihr Geliebter Murkel, ein kleiner Pl\u00fcschhund, teilt&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Entschuldigen Sie, Herr Kulle, da\u00df wir Sie unterbrechen, aber Sie haben da gerade ein interessantes Problem angesprochen: Pl\u00fcsch.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Ach ja?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Nun, da wir \u00fcber Menschen reden, sollten wir Ph\u00e4nomene des Lifestyles nicht au\u00dfer Acht lassen. Den Menschen der 90er Jahre zieht es wieder ins Heim, zur Gem\u00fctlichkeit, also zum Pl\u00fcsch. Wie erkl\u00e4ren Sie sich dieses Ph\u00e4nomen?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Vielen Dank, da\u00df Sie mich einen Intellektuellen gehei\u00dfen haben. Eben habe ich gerade daran gezweifelt, einer zu sein, denn ich konnte Ihren Gedanken nur mit M\u00fche folgen. Vermutlich sind B\u00e4ren den Menschen doch unterlegen &#8211; aber die Idee m\u00f6chte ich momentan nicht weiter verfolgen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Schade, das h\u00e4tte interessant sein k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Schult der <i>Spiegel<\/i> seine Redakteure eigentlich im Umgang mit Ironie?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Selbstverst\u00e4ndlich. Wieso fragen Sie?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Lassen wir das. Was Ihre Frage betrifft: Der Mensch der 90er Jahre, den Sie bei Ihrer These im Blick haben, ist Angeh\u00f6riger einer sowohl relativ als auch absolut schrumpfenden Minderheit. Er ist Angeh\u00f6riger der Mittelklasse und lebt vorzugsweise in Nordamerika oder Europa. Er leistet sich das, was man <i>cocooning<\/i> nennt, weil er es sich leisten kann, aber weil er zu diesem Verhalten auch gezwungen wird.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Eine sehr zweifelhafte These!<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Wieso? Die schon vor Jahrzehnten konstatierte und heute auch f\u00fcr jeden sp\u00fcrbare Unwirtlichkeit der St\u00e4dte, die Unsicherheit im \u00f6ffentlichen Raum, prim\u00e4r bedingt durch das Auseinanderfallen der Gesellschaft, f\u00fchren zu einem Vermeidungsverhalten. In der h\u00e4uslichen Gem\u00fctlichkeit, im Pl\u00fcsch, wenn es der denn sein mu\u00df, ist man einfach sicherer. Zudem bietet sich im privaten Bereich die M\u00f6glichkeit, den erworbenen Wohlstand &#8211; von den silbernen Messerb\u00e4nkchen bis zur Armani- K\u00fcchenausstattung &#8211; gefahrenfrei zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Der Durchschnittsmensch der 90er Jahre dagegen hat mit diesem Typus nichts zu tun. Er verelendet zunehmend, ist perspektivlos, im Extremfall auf der Flucht.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sie machen es Ihren Interviewern nicht gerade leicht.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Wieso nicht?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Unsere Frage zielte auf die neue Gem\u00fctlichkeit, und Sie landen ganz schnell bei internationalen Fl\u00fcchtlingsproblemen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Entschuldigung, ich bin eben doch nur ein B\u00e4r.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Da wir nun schon dabei sind: Wie sehen sie die Zukunft der Migrationsbewegungen?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Positiv.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Das m\u00fcssen Sie uns erkl\u00e4ren.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sie meinen vermutlich, ich soll verdeutlichen, wie ich zu dieser Einsch\u00e4tzung komme. Ganz einfach: Betrachtet man die Wanderungsbewegungen der Vergangenheit und Gegenwart und ber\u00fccksichtigt dazu die politischen Konstellationen in verschiedenen Regionen der Welt, kommt man zu dem Ergebnis, da\u00df mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit soziale und politische Diskontinuit\u00e4ten zunehmen werden. Migrationsbewegungen werden dementsprechend anwachsen, sich also positiv entwickeln.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sie haben einen merkw\u00fcrdigen Begriff von positiv.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Einen mathematischen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Besch\u00e4ftigen Sie sich mit Mathematik?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Regelm\u00e4\u00dfig, in meiner Freizeit. Es gibt kaum etwas Besseres, um logisches Denken zu trainieren. Schach ist allerdings ebenso gut.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>H\u00e4tten Sie Lust, gegen Deep Blue zu spielen?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Warum nicht? Aber nur, wenn er seine menschlichen Berater zu Hause l\u00e4\u00dft. Gegen Kasparow w\u00fcrde ich verlieren. Ich bin schlie\u00dflich nur ein B\u00e4r und Amateur.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Herr Kulle, m\u00f6chten Sie ein Mensch sein?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Nein.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nSpiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Warum nicht?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Lesen Sie das Interview.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>M\u00f6chten Sie abschlie\u00dfend noch etwas bemerken?<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Kulle:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Ich danke meiner Sekret\u00e4rin.<\/p><\/blockquote>\n<p><b>Spiegel:<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Herr Kulle, wir danken f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im &#8222;SPIEGEL&#8220; &nbsp; Spiegel: Herr Kulle, rauchen Sie Havanna oder Brasil? Kulle: Ich bin Nichtraucher. Spiegel: Aber Sie haben eine Abhandlung \u00fcber Die Zigarre geschrieben. 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