{"id":306,"date":"1996-12-24T20:36:08","date_gmt":"1996-12-24T18:36:08","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=306"},"modified":"2017-03-07T20:45:40","modified_gmt":"2017-03-07T18:45:40","slug":"weihnachtsmaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/12\/weihnachtsmaerchen\/","title":{"rendered":"Weihnachtsm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Papa<\/i>&#8222;, sagte Manfred an einem Herbstabend, als die B\u00e4rensippe wie \u00fcblich in der D\u00e4mmerung zum Geschichtenh\u00f6ren zusammengekommen war, &#8222;<i>erz\u00e4hl uns heute doch das M\u00e4rchen von Weihnachten<\/i>!&#8220;<br \/>\nAber B\u00e4rdel weigerte sich.<br \/>\n<i>&#8222;Das ist kein sch\u00f6nes M\u00e4rchen. Das ist eine Kriminalstory und ein Politthriller. Dabei kann man nur eine G\u00e4nsehaut kriegen. Nein, das mag ich Euch nicht erz\u00e4hlen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Manfred hatte zwar einigen Respekt vor seinem Vater, aber er wagte dennoch, ihm zu widersprechen.<\/p>\n<p><i>&#8222;Weihnachten mu\u00df aber doch was Sch\u00f6nes sein! Du hast mir selbst erz\u00e4hlt, da\u00df die Menschen sich auf Weihnachten freuen. F\u00fcr viele ist es das sch\u00f6nste Fest des Jahres. Also kann es doch nichts Grausames sein. Bitte, erz\u00e4hl doch!&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Auch die anderen waren jetzt neugierig geworden und dr\u00e4ngten B\u00e4rdel zu beginnen.<\/p>\n<p><i>&#8222;Also gut,<\/i>&#8220; seufzte er, <i>&#8222;aber macht mich nicht daf\u00fcr verantwortlich, wenn Ihr heute Nacht Albtr\u00e4ume habt!&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Es war einmal ein kleines Land, das von einer Gro\u00dfmacht besetzt war. Diese Macht wollte ganz genau wissen, was in ihrem Reich los war, und ordnete deshalb eine Volksz\u00e4hlung an. Das Ganze ist schon ziemlich lange her, und deshalb ist das Verfahren auch anders, als es in Dehland vor ein paar Jahren war. Man bekam nicht einfach einen Fragebogen, den man zu Hause ausf\u00fcllte und dann zum Amt f\u00fcr Statistik zur\u00fcckschickte. Nein, man mu\u00dfte sich pers\u00f6nlich an seinem Geburtsort melden.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Ganz sch\u00f6n umst\u00e4ndlich!&#8220;<\/i> warf Tumu ein.<\/p>\n<p><i>&#8222;Ja, umst\u00e4ndlich und l\u00e4stig. Und beschwerlich. Stell Dir mal vor, Tumu, Du solltest im neunten Monat zu Deinem Geburtsort trotten! Solche armen Frauen gab es nat\u00fcrlich auch &#8211; sie mu\u00dften allerdings nicht zu ihrem eigenen Geburtsort, sondern zu dem ihres Mannes. Schlie\u00dflich galten sie als sein Eigentum.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>B\u00e4rdel sah, da\u00df Tumu tief Luft holte, um eine geharnischte feministische Erkl\u00e4rung abzugeben. Deshalb fuhr er schnell fort &#8211; das M\u00e4rchen von Weihnachten war schrecklich lang, und er wollte sich nicht schon am Anfang dauernd unterbrechen lassen.<\/p>\n<p><i>&#8222;Das war damals halt so. Manche Orte waren wegen der Volksz\u00e4hlung hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt, Hotels und Fremdenzimmer waren ausgebucht, und viele Menschen, auch hochschwangere Frauen, fanden nur notd\u00fcrftig Unterkunft. Von einer, Maria hie\u00df sie, wird erz\u00e4hlt, da\u00df sie in Bethlehem ihr Kind in einem Viehstall zur Welt bringen mu\u00dfte.&#8220;<\/i><br \/>\n<i><\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Das ist ganz sch\u00f6n traurig und zeugt nicht gerade von b\u00e4renm\u00e4\u00dfigem Umgang der Menschen miteinander, aber wo ist dabei der Krimi?&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Die Frage kam aus dem Hintergrund der H\u00f6hle, von daher, wo die ganz alten B\u00e4ren lagerten.<\/p>\n<p><i>&#8222;Der Krimi kommt gleich. Oder besser: der Politthriller. Die Gro\u00dfmacht hatte in den von ihr besetzten Gebieten Marionettenherrscher eingesetzt. Die hatten nat\u00fcrlich politisch nichts zu sagen, aber sie lebten in Reichtum und machten deshalb, was die Besatzer verlangten. Zu dem K\u00f6nig&#8216; unseres kleinen Landes kamen in den Tagen der Volksz\u00e4hlung drei Besucher. Da sie von hohem Rang zu sein schienen, wurden sie sofort empfangen und bewirtet. Was sie wollten, erz\u00e4hlten sie sofort: Sie suchten den neuen K\u00f6nig des Landes und fragten, wo er zu finden sei. Sie behaupteten, eine Vision gehabt zu haben &#8211; das m\u00fcssen wohl Gurus oder Sektenf\u00fchrer gewesen sein.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Jetzt wird&#8217;s spannend!&#8220;<\/i> sagte Manfred und griff sich einen Zweig Holunderbeeren, von dem er gen\u00fc\u00dflich eine nach der anderen abzupfte.<\/p>\n<p><i>&#8222;Ja, jetzt wird&#8217;s spannend. Aber pa\u00df blo\u00df auf, da\u00df Dir der Appetit nicht vergeht. Der K\u00f6nig&#8216; hatte noch nie etwas von einem neuen K\u00f6nig&#8216; geh\u00f6rt, aber er sp\u00fcrte sofort die Bedrohung. Vorsichtig horchte er seine Besucher aus, und die erz\u00e4hlten ihm, da\u00df sie nach einem Neugeborenen suchten. Daraufhin befahl er kurzerhand, alle S\u00e4uglinge in seinem Land umzubringen.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Das mu\u00df die Volksz\u00e4hlung aber heftig durcheinander gebracht haben,&#8220;<\/i> murmelte Manfred und futterte die n\u00e4chste Beere. <i><\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Verrohte Jugend!&#8220;<\/i> schimpfte Tumu.<i> &#8222;Kann Dich denn nichts ersch\u00fcttern? Das waren doch Kinder!&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Menschenkinder.&#8220;<\/i> Mehr sagte Manfred nicht.<\/p>\n<p>Tumu beherrschte sich. Ein p\u00e4dagogisches Gespr\u00e4ch mit ihrem Sohn war unbedingt notwendig, konnte aber warten. Jetzt sollte B\u00e4rdel weitererz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><i>&#8222;Und was passierte mit Marias Kind?&#8220; <\/i>fragte sie.<\/p>\n<p><i>&#8222;Das wurde nat\u00fcrlich gerettet. Sonst w\u00fc\u00dften wir ja auch nichts von ihm. Die Eltern des kleinen Jesus bekamen Wind von der Mordaktion und konnten ins Nachbarland fliehen. Dort blieben sie, bis sich alles wieder beruhigt hatte.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Bekamen sie politisches Asyl?&#8220; <\/i>wollte Manfred wissen. Offenbar hatte er sich vorgenommen, den heutigen Erz\u00e4hlabend nach Kr\u00e4ften in die L\u00e4nge zu ziehen.<\/p>\n<p><i>&#8222;Nein, so etwas gab es damals noch nicht. Sie m\u00fcssen Geld gehabt und als Touristen gereist sein. Die \u00dcberlieferung ist da \u00fcbrigens widerspr\u00fcchlich: Jesus&#8216; Vater soll ein einfacher Handwerker gewesen sein und konnte sich bestimmt keine Urlaubsreise leisten. Wie dem auch sei: Angeblich wurde das Kind geboren und als einziges seines Landes gerettet. Das ist das M\u00e4rchen von Weihnachten.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Von allen Seiten erhob sich Protest.<br \/>\n<i>&#8222;Das kann doch nicht alles sein!&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Und deshalb feiern die Menschen Weihnachten?&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Den Menschen ist ein einzelnes Kind doch v\u00f6llig egal!&#8220;<\/i><\/p>\n<p>B\u00e4rdel seufzte. Er hatte es geahnt. Sein Versuch, die Sache einfach darzustellen, mu\u00dfte scheitern.<br \/>\n<i>&#8222;Es war so, wie ich es erz\u00e4hlt habe. Es gibt da nur noch eine Kleinigkeit: Manche Menschen glauben, da\u00df dieses Kind Jesus der Sohn Gottes war &#8211; oder ist.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/geburt.jpg\" alt=\"Geburt Jesu - Stundenbuch des Duc de Berry\" width=\"484\" height=\"388\" \/><\/center>Ein noch lauterer Sturm der Entr\u00fcstung brach los.<\/p>\n<p><i>&#8222;Welcher Unsinn!&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Wie kann ein Gott einen Sohn haben?&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Wen hat er denn gefickt?&#8220;<\/i> Das war Manfred, zum Gl\u00fcck so leise, da\u00df selbst Tumu es nicht h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Energisch wehrte B\u00e4rdel ab.<br \/>\n<i>&#8222;Nein, nein und nochmals nein. Wenn Ihr eine theologische Diskussion f\u00fchren wollt &#8211; bitte, ohne mich. Hier interessiert nicht, ob die Menschen etwas Vern\u00fcnftiges glauben, sondern da\u00df sie es glauben. Basta!&#8220;<br \/>\n<\/i><\/p>\n<p>Jetzt brummten alle zustimmend. Als M\u00e4rchenerz\u00e4hler hatte B\u00e4rdel recht.<\/p>\n<p><i>&#8222;Und?&#8220;<\/i> fragte Manfred. <i>&#8222;Wie geht die Story weiter?&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Wieso?&#8220;<\/i> antwortete B\u00e4rdel m\u00f6glichst unschuldig. <i>&#8222;Das M\u00e4rchen von Weihnachten ist zu Ende.&#8220;<\/i><br \/>\n<i>&#8222;Papa!&#8220; <\/i>sagte Manfred. <i>&#8222;Kann ja sein, da\u00df das Weihnachtsm\u00e4rchen zu Ende ist. Aber Du kannst uns doch nicht hier sitzen lassen mit einem frisch geborenen Gottessohn! Da mu\u00df doch noch was kommen &#8211; Wunder, Seelenwanderung, Nirvana&#8230;&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Obwohl Manfred noch ein junger B\u00e4r war, stimmten ihm jetzt auch die ganz alten zu.<br \/>\n<i>&#8222;Erz\u00e4hl weiter!&#8220;<\/i> t\u00f6nte es von allen Seiten.<\/p>\n<p><i>&#8222;Also gut.&#8220;<\/i> B\u00e4rdel atmete tief durch. <i>&#8222;Jesus war ein ziemlich normales Kind: Er hatte Freunde, er spielte mit Matsch, er spielte mit Tieren, er \u00e4rgerte seine Eltern ziemlich kr\u00e4ftig, und er ri\u00df ihnen auch aus, als er zw\u00f6lf war. Seine Eltern erwischten ihn auf der Trebe, als er gerade ernsthaft mit Intellektuellen diskutierte &#8211; er mu\u00df entweder sehr intelligent oder altklug gewesen sein. Sp\u00e4ter aber lernte er brav von seinem Vater dessen Handwerk. Man wei\u00df nichts Besonderes von ihm, bis er ungef\u00e4hr drei\u00dfig Jahre alt war.<br \/>\nDa flippte er aus. Er radikalisierte sich und begann zu agitieren. Ein paar Leute brachte er auf seine Seite, w\u00e4hrend er sich von seinen Eltern entfremdete. Er hatte keine richtige Ideologie, aber worauf er hinauswollte, das war irgendwas zwischen Anarchie und Kommunismus. Er mu\u00df viel Charisma gehabt haben, denn es wird tats\u00e4chlich davon berichtet, da\u00df er Wunder vollbracht habe.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Bestimmt hat er aus Brombeeren Brombeerwein gemacht!&#8220; <\/i>Nat\u00fcrlich war das Manfred.<\/p>\n<p><i>&#8222;Nein, Du Naseweis, aber angeblich aus Wasser Wein. Allerdings war die Gesellschaft, die das behauptet hat, schon vor dem Wunder&#8216; ziemlich besoffen&#8230;<br \/>\nSo verr\u00fcckt und harmlos das Ganze eigentlich war, f\u00fcr die M\u00e4chtigen im Lande war er eine explosive Mischung aus Karl Marx und Ron L. Hubbard. Er mu\u00dfte weg. Man engagierte einen V- Mann, der ihn ans Messer lieferte, machte ihm einen Schauproze\u00df, der Hitler oder Stalin alle Ehre gemacht h\u00e4tte, und verurteilte ihn zu einer grausamen Todesstrafe. Unmittelbar nach dem Urteil wurde er exekutiert.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/bosch.jpg\" alt=\"Bosch-Der Kreuzgang\" width=\"379\" height=\"392\" \/><\/center><i>&#8222;Das ist aber eine f\u00fcrchterliche Geschichte,&#8220;<\/i> meinte Tumu. <i>&#8222;Erst sterben alle anderen seinetwegen, und dann stirbt er auch noch!&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Und was ist jetzt mit Gottes Sohn?&#8220;<\/i> wollte eine dicke B\u00e4rin wissen.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel hatte geahnt, da\u00df ihm an diesem Abend nichts erspart bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p><i>&#8222;Jesus ist gestorben, aber angeblich wieder auferstanden. Sein Grab soll leer gewesen sein, und fr\u00fchere Bekannte von ihm behaupteten, ihn nach seinem Tod quicklebendig auf der Stra\u00dfe getroffen zu haben.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Was soll denn der ganze Zirkus?&#8220; <\/i>Dem alten B\u00e4ren, der diese Frage stellte, war anzuh\u00f6ren, da\u00df er in seinem langen Leben noch nie so viel Unsinn geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p><i>&#8222;Manche Menschen behaupten, alles sei Gottes Plan gewesen. Gott habe seinen Sohn auf die Erde geschickt, damit die Menschen, also Gottes Gesch\u00f6pfe, ihn t\u00f6ten. Durch seinen Tod habe Jesus die Menschen von ihrer S\u00fcnde erl\u00f6st, die sie von der Urmutter der Menschen geerbt h\u00e4tten.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Die B\u00e4renh\u00f6hle erzitterte. Kein Erdbeben war die Ursache, sondern homerisches Gel\u00e4chter. Sie brauchten lange, um sich zu beruhigen. Immer wieder fing einer von neuem an zu kichern oder zu prusten, und er wirkte ansteckend wie ein Lachsack.<br \/>\nAuch nachdem die Lachorgie verebbt war, kehrte nicht die gewohnte Ruhe ein.<br \/>\nStatt ruhiger Schnarchger\u00e4usche erf\u00fcllten Seufzer, Angstschreie oder Heiterkeitsausbr\u00fcche die Schlafh\u00f6hle.<br \/>\nB\u00e4rdel hatte recht gehabt: Das M\u00e4rchen von Weihnachten ist eine Garantie f\u00fcr Albtr\u00e4ume.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Papa&#8222;, sagte Manfred an einem Herbstabend, als die B\u00e4rensippe wie \u00fcblich in der D\u00e4mmerung zum Geschichtenh\u00f6ren zusammengekommen war, &#8222;erz\u00e4hl uns heute doch das M\u00e4rchen von Weihnachten!&#8220; Aber B\u00e4rdel weigerte sich. &#8222;Das ist kein sch\u00f6nes M\u00e4rchen. Das ist eine Kriminalstory und ein Politthriller. Dabei kann man nur eine G\u00e4nsehaut kriegen. 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