{"id":301,"date":"1996-07-06T20:22:40","date_gmt":"1996-07-06T18:22:40","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=301"},"modified":"2017-03-07T20:30:54","modified_gmt":"2017-03-07T18:30:54","slug":"baerdel-meets-smokey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/07\/baerdel-meets-smokey\/","title":{"rendered":"B\u00e4rdel meets Smokey"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/smokey1.jpg\" alt=\"Smokey\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/div>\n<p><span class=\"firstchar\">S<\/span>eit die B\u00e4ren in Dehland internationale Zeitungen<br \/>\nlasen, f\u00fchlten sie sich zwar besser informiert<br \/>\nals vorher, aber auch gleichzeitig unwohl. Sie wu\u00dften<br \/>\njetzt t\u00e4glich etwas \u00fcber Ereignisse &#8211; fast<br \/>\n&#8211; \u00fcberall in der Welt, aber sie konnten nicht<br \/>\nbeurteilen, ob das Dargestellte auch stimmte. Vielleicht<br \/>\nlogen die Journalisten ja?<br \/>\nDeshalb beschlossen sie, da\u00df zumindest einer von<br \/>\nihnen eine Auslandsreise machen sollte.<br \/>\nNat\u00fcrlich dr\u00e4ngelte Kulle sich vor: Er wies<br \/>\nauf seine Wandererfahrungen -vgl. <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=299\">&#8222;Die Lehre&#8220;<\/a> &#8211;<br \/>\nund seine wissenschaftlichen Verdienste &#8211; vgl. <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=62\">&#8222;Kulles<br \/>\nDoktorarbeit&#8220;<\/a> und <a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=116\">&#8222;Kulles Habilitationsschrift&#8220;<\/a> &#8211; hin, aber<br \/>\ndie B\u00e4ren lehnten ihn h\u00f6flich, wenn auch<br \/>\ndeutlich ab. Sie w\u00fcnschten sich jemanden, der<br \/>\nbeobachtete und nicht gleich interpretierte. Ihre Wahl<br \/>\nfiel auf B\u00e4rdel.<br \/>\nB\u00e4rdel aber winkte ab.<br \/>\n&#8222;Vielen Dank f\u00fcr den Brombeerbl\u00e4tterkranz.<br \/>\nAber so etwas ist viel zu teuer. Unser Geld brauchen<br \/>\nwir f\u00fcr andere Dinge.&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel verstand zun\u00e4chst nicht, warum der<br \/>\nversammelte Stamm als Reaktion auf seine Ablehnung<br \/>\nfreundlich grinste, aber eine alte B\u00e4rin l\u00f6ste<br \/>\ndas R\u00e4tsel.<br \/>\n&#8222;Das Problem der Finanzierung ist gel\u00f6st.<br \/>\nDu hast n\u00e4mlich gewonnen. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch<br \/>\nzur Teilnahme an einer Marlboro-Erlebnisreise!&#8220;<br \/>\nMit diesen Worten dr\u00fcckte sie B\u00e4rdel einen<br \/>\nProspekt in die Hand.<br \/>\n&#8222;Ein junges Abenteurerteam &#8211; Raften &#8211; Mountanbiking<br \/>\n&#8211; Klettern &#8211; Trecking&#8230;&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel murmelte die wesentlichen Stichworte vor<br \/>\nsich hin, bevor er die Brosch\u00fcre unmutig wegwarf.<br \/>\n&#8222;Ihr erwartet von mir doch nicht, da\u00df ich<br \/>\nsolchen Quatsch mitmache?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nat\u00fcrlich nicht&#8220;, beruhigte ihn die<br \/>\nB\u00e4rin. &#8222;Aber der Gewinn dieser merkw\u00fcrdigen<br \/>\nErlebnisreise d\u00fcrfte deine haupts\u00e4chlichen<br \/>\nKosten decken, zum Beispiel den Flug nach Amerika und<br \/>\nzur\u00fcck. Sobald du dort bist, kannst du dich auf<br \/>\nb\u00e4rische Weise selbst\u00e4ndig machen. Jedenfalls<br \/>\ndachten wir uns das so.&#8220;<br \/>\n&#8222;Und dann?&#8220; fragte B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;Dann nimmst du mit den amerikanischen B\u00e4ren<br \/>\nKontakt auf, und dann werden wir sehen, was wir lernen<br \/>\nk\u00f6nnen.&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel sah seiner Frau tief in die Augen.<br \/>\n&#8222;Tumu?&#8220;<br \/>\n&#8222;Geht schon in Ordnung&#8220;, sagte Tumu. &#8222;Die<br \/>\nReise dauert ja nur drei Wochen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Gut!&#8220; nickte B\u00e4rdel. &#8222;Ich mach&#8217;s.&#8220;<\/p>\n<p>Die zehn Tage, die ihm bis zum Antritt der Reise verblieben,<br \/>\nversuchte B\u00e4rdel zu nutzen: Er wollte sich \u00fcber<br \/>\ndie amerikanischen B\u00e4ren informieren. Aber die<br \/>\nLiteratur gab da wenig her; allerdings stolperte er<br \/>\nh\u00e4ufig \u00fcber einen Namen: <span class=\"hilite\">Smokey the bear<\/span>.<br \/>\nTHE bear? DER B\u00e4r?<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/smokey.jpg\" alt=\"Smokey\" width=\"143\" height=\"218\" \/><\/div>\n<p>Das war offenbar eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit.<br \/>\nEr w\u00fcrde versuchen, diesen B\u00e4ren zu treffen.<\/p>\n<p>Das Marlboro-Abenteurerteam, in das B\u00e4rdel auf<br \/>\ndiese Weise geriet, bestand aus zwanzig jungen Menschenleuten,<br \/>\ndie ihrem Erlebnisdrang zun\u00e4chst dadurch Ausdruck<br \/>\nverliehen, da\u00df sie auf dem Flug nach Amerika<br \/>\nim Halbstundentakt Bierdosen leerten. Ein Flug von<br \/>\nFrankfurt nach Phoenix in Arizona dauert an die elf<br \/>\nStunden. Die wachsende sogenannte Fr\u00f6hlichkeit<br \/>\nder sogenannten Abenteurer zeigte sich darin, da\u00df<br \/>\nB\u00e4rdel best\u00e4ndig jemand kr\u00e4ftig auf<br \/>\ndie Schultern haute und ihm dabei erkl\u00e4rte, angesichts<br \/>\nseiner kr\u00e4ftigen Figur sei er bestimmt Freeclimber.<br \/>\nSchon nach drei Stunden hatte B\u00e4rdel die Nase voll,<br \/>\naber es sollte noch schlimmer kommen.<br \/>\nPhoenix mitten im Juli entpuppte sich als feuchthei\u00dfe,<br \/>\nstinkende Monsteragglomeration. B\u00e4rdel h\u00e4tte<br \/>\nsich am liebsten sein Fell ausgezogen, wenn er nur<br \/>\ngekonnt h\u00e4tte. Was die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde<br \/>\nanging, wurde der Aufenthalt aber bald wenigstens ein<br \/>\nbi\u00dfchen ertr\u00e4glicher: Marlboro hatte f\u00fcr<br \/>\nvermutlich teures Geld komfortable Hotelzimmer mit<br \/>\nAir condition vorgebucht. Leider aber gab es keine<br \/>\nEinzelzimmer. B\u00e4rdel mu\u00dfte sich ein Doppelbett<br \/>\nmit einem jungen Mann teilen, der Bierdunst um sich<br \/>\nverbreitete, dauernd kicherte und st\u00e4ndig vor<br \/>\nsich hin lallte:&#8220;Mein Gott, hast du viele Haare!&#8220;<br \/>\nDas reichte. B\u00e4rdel machte sich selbst\u00e4ndig.<br \/>\nAuf Futter konnte er eine Zeitlang verzichten, aber<br \/>\netwas zu trinken w\u00fcrde er brauchen. Suchend schaute<br \/>\ner sich um. Wasser gab es am Waschbecken, aber wie<br \/>\nsollte er es transportieren? Zuf\u00e4llig fiel sein<br \/>\nBlick auf den Camelback seines Zimmergenossen &#8211; das<br \/>\nwar genau das Richtige! Moralische Skrupel schob er<br \/>\nbeiseite: Nat\u00fcrlich war das, was er vorhatte,<br \/>\nein Eigentumsdelikt, aber jeder B\u00e4renrichter h\u00e4tte<br \/>\ngeurteilt, da\u00df es sich hierbei lediglich um Mundraub<br \/>\nhandelte. Er f\u00fcllte den Trinkrucksack und machte<br \/>\nsich davon.<br \/>\nNach einem langen Marsch durch den schw\u00fclwarmen<br \/>\nGro\u00dfstadtdschungel stand er in der W\u00fcste.<br \/>\nW\u00fcste mit allem, was dazugeh\u00f6rt. Kein Wasser.<br \/>\nD\u00fcrre B\u00fcsche. Und Kakteen satt.<br \/>\n&#8222;Was soll ich blo\u00df hier?&#8220; fragte er<br \/>\nsich. &#8222;Ein Platz f\u00fcr B\u00e4ren ist das nicht<br \/>\ngerade! Und ausgerechnet hier soll Smokey wohnen?&#8220;<br \/>\nAber pflichtbewu\u00dft erinnerte B\u00e4rdel sich<br \/>\nan seinen Auftrag.<br \/>\n&#8222;Na gut, ich werde es wenigstens versuchen!&#8220;<br \/>\nUnd er trottete los. Vorsichtshalber blieb er auf der<br \/>\nStra\u00dfe, denn er hatte zu recht gro\u00dfen Respekt<br \/>\nvor Kakteenstacheln.<br \/>\nSchon nach 35 Minuten passierte das Aufregende: Er gr\u00fc\u00dfte<br \/>\nihn! Smokey the Bear! Zwar teilte er B\u00e4rdel nur<br \/>\nmit, da\u00df er Waldbr\u00e4nde verh\u00fcten solle<br \/>\nund da\u00df wegen der anhaltenden D\u00fcrre die<br \/>\nFeuergefahr heute extrem hoch sei, aber ihm war vollkommen<br \/>\nklar: Das war keine spezielle Botschaft an ihn, sondern<br \/>\nan die Masse der dummen Menschen: &#8222;Schmei\u00dft<br \/>\nkeine Kippen aus dem Auto!&#8220; Eigentlich war die<br \/>\nNachricht ja auch bescheuert: Waldbr\u00e4nde verh\u00fcten,<br \/>\nund das in der W\u00fcste! Wo gab es hier denn Wald?<br \/>\nHinter dieser vordergr\u00fcndigen Mitteilung aber<br \/>\nerkannte er den wahren Sinn: <span class=\"hilite\">&#8222;B\u00e4r sucht B\u00e4r!&#8220;<\/span><\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/smokey3.jpg\" alt=\"Smokey\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/div>\n<p>B\u00e4rdels Stimmung wandelte sich j\u00e4h, und in<br \/>\nihm jubelte es: Amerika, Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten!<br \/>\nWie sch\u00f6n bist du! Sogar Kontaktanzeigen von B\u00e4r<br \/>\nzu B\u00e4r hast du in deinem Programm!<br \/>\nAugenscheinlich hatte er die W\u00fcste v\u00f6llig<br \/>\nfalsch eingesch\u00e4tzt. Hier gab es nicht nur Kakteen,<br \/>\nsondern auch Artgenossen, die zudem noch \u00fcber<br \/>\nsubtile Kommunikationsf\u00e4higkeiten verf\u00fcgten.<br \/>\nDieser Intelligenz mu\u00dfte er sich gewachsen zeigen.<br \/>\nAber wie?<br \/>\nWie und wo sollte er Smokey treffen? Einfach stehenbleiben<br \/>\nund hoffen, da\u00df er vorbeikam? Hier schien niemand<br \/>\nvorbeizukommen, jedenfalls nicht jetzt in der Nacht.<br \/>\nAn der n\u00e4chsten Tankstelle fragen: &#8222;Haben<br \/>\nSie vielleicht Smokey gesehen?&#8220; Das war vermutlich<br \/>\nzu gef\u00e4hrlich &#8211; in den USA gab es bestimmt auch<br \/>\npsychiatrische Kliniken f\u00fcr B\u00e4ren, die sich<br \/>\nnach B\u00e4ren erkundigten. Also mu\u00dfte er auf<br \/>\neigene Faust weitersuchen. warten und die Augen offenhalten.<br \/>\nEr wanderte den ganzen Tag lang und traf unterwegs nur<br \/>\neine Klapperschlange und einen Skorpion. Beide wu\u00dften<br \/>\nnichts von Smokey. Sie schienen ihn \u00fcberhaupt<br \/>\nnicht zu kennen. Abends landete er auf einem Rastplatz.<\/p>\n<p>Die Amerikaner sind saubere Leute, und f\u00fcr die<br \/>\nRiesenmengen M\u00fcll, die sie produzieren, haben<br \/>\nsie \u00fcberall Abfallk\u00f6rbe aufgestellt. Normalerweise<br \/>\njedenfalls. Hier allerdings hatten sie die M\u00fclleimer<br \/>\naufgeh\u00e4ngt, und das auch noch schr\u00e4g. Ein<br \/>\nschwerer Deckel verschlo\u00df jeden einzelnen. B\u00e4rdel<br \/>\nkombinierte und schlo\u00df messerscharf: Das war<br \/>\neindeutig eine anti-b\u00e4rische Ma\u00dfnahme. Seine<br \/>\nArtgenossen sollten keine Chance haben, die s\u00fc\u00dfen<br \/>\nColareste aus den Dosen der Menschen zu schl\u00fcrfen.<br \/>\nDie Chancen, Smokey oder zumindest irgendeinen B\u00e4ren<br \/>\nhier zu treffen, standen gut.<br \/>\nB\u00e4rdel machte ich es sich nach Ma\u00dfgabe der<br \/>\nW\u00fcstenm\u00f6glichkeiten bequem und wartete auf<br \/>\ndie Nacht.<br \/>\nKurz nach Einbruch der Dunkelheit wurde der Rastplatz<br \/>\nlebendig. Krallen scharrten schrill auf dem Blech der<br \/>\nM\u00fcllcontainer, und Deckel rollten polternd herunter.<br \/>\nIn B\u00e4rdel keimte Hoffnung. Als er sich das Ganze<br \/>\nvon nahem besah, mu\u00dfte er allerdings feststellen,<br \/>\nda\u00df nicht B\u00e4ren daf\u00fcr verantwortlich<br \/>\nwaren. Was er zu Gesicht bekam, war eine Horde von<br \/>\nWaschb\u00e4ren.<br \/>\nNat\u00fcrlich hatte B\u00e4rdel noch nie Waschb\u00e4ren<br \/>\nzu Gesicht bekommen, aber er hatte einiges \u00fcber<br \/>\nsie gelesen. Der Literatur zufolge sindWaschb\u00e4ren,<br \/>\nabgesehen von den meisten Menschen, die unangenehmsten<br \/>\nZeitgenossen, die es gibt. Sie sind ja auch keine B\u00e4ren.<br \/>\nNie k\u00f6nnen sie ernst sein. Wenn man etwas von<br \/>\nihnen will, wird man auf den Arm genommen. Und dauernd<br \/>\ndenken sie nur ans Fressen.<br \/>\nEr hatte aber keine Wahl. Irgend jemand mu\u00dfte<br \/>\nihm helfen, und au\u00dfer ihnen war niemand da.<br \/>\nNach allen Regeln der B\u00e4renh\u00f6flichkeit n\u00e4herte<br \/>\ner sich dem l\u00e4rmenden Haufen, stellte sich vor<br \/>\nund fragte, ob ihn jemand zu Smokey bringen k\u00f6nne<br \/>\noder zumindest wisse, wo er zu finden sei.<br \/>\nAnscheinend h\u00e4tte er nichts D\u00fcmmeres machen<br \/>\nk\u00f6nnen. Die Waschb\u00e4ren brachen in ein homerisches<br \/>\nGel\u00e4chter aus, kugelten kichernd durcheinander<br \/>\nund konnten sich schier nicht wieder fassen.<br \/>\nB\u00e4rdel nahm alle seine Geduld zusammen und wartete<br \/>\n&#8211; irgendwann mu\u00dfte ihnen die Lachpuste doch ausgehen.<br \/>\nNach einer halben Stunde hatten sie sich soweit organisiert,<br \/>\nda\u00df sie im Kreis um ihn herumtanzten und einen<br \/>\nRundtanz-Singsang anstimmten:<br \/>\n<span class=\"hilite\">&#8222;Smokey ist \u00fcberall&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8230;also auch hier&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8230;oder irgendwo&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8230;oder nirgendwo&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8230;oder nur im Kopf&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8230;von nem dummen Tropf.&#8220;<\/span><br \/>\nSie wurden immer \u00fcberm\u00fctiger und zogen ihren<br \/>\nKreis immer enger. Der Singsang nahm an Tempo zu.<br \/>\nB\u00e4rdel wurde schwindlig, in ihm drehte sich alles,<br \/>\nund auf einmal stand Smokey vor ihm. Verbl\u00fcffenderweise<br \/>\nwar er noch nicht einmal \u00fcberrascht, allerdings<br \/>\nein wenig irritiert. Genauso wie auf dem Plakat trug<br \/>\nSmokey einen albernen Hut &#8211; der stand ihm gar nicht,<br \/>\nfand B\u00e4rdel. Warum setzte er ihn nicht ab, jetzt,<br \/>\nbei einem privaten Treffen?<br \/>\nSmokey grinste freundlich und macht eine einladende<br \/>\nGeste: &#8222;Jetzt zeige ich dir mein Reich!&#8220;<br \/>\nBevor B\u00e4rdel fragen konnte, wie er das machen wollte,<br \/>\nmerkte er, da\u00df er flog. Erkl\u00e4ren konnte<br \/>\ner sich das nicht. Beherrschte Smokey die Grundregeln<br \/>\nder Levitation? Tr\u00e4umte er nur? &#8222;&#8230;oder<br \/>\nirgendwo&#8230;oder nirgendwo&#8230;oder nur im Kopf&#8230;&#8220;<br \/>\nsummte es in ihm. Egal. Den &#8222;dummen Tropf&#8220;<br \/>\nblendete er erstmal aus seinem Bewu\u00dftsein aus.<br \/>\nEr landete sanft. Noch leicht schwindlig von der Reise<br \/>\nsch\u00fcttelte er sich, um n\u00fcchtern zu werden,<br \/>\nund sah eine Traumlandschaft.<br \/>\nEin azurblauer See lag inmitten vielfarbiger H\u00fcgel.<br \/>\nDas Wasser war klar und durchsichtig, es lud zum Trinken<br \/>\nein. Die Ausma\u00dfe des Gew\u00e4ssers waren von<br \/>\ndem Ort aus, an dem er stand, nicht erkennbar &#8211; es<br \/>\ngab zahlreiche Buchten und Wasserzungen. Wald und Buschbewuchs<br \/>\nzog sich die H\u00e4nge hinauf, das dunkle Gr\u00fcn<br \/>\nder Pflanzen sprenkelte und verdeckte die Rot- und<br \/>\nBraunt\u00f6ne der Erde.<br \/>\nDer See selbst war belebt. Hausboote ankerten irgendwo<br \/>\nam Ufer oder tuckerten gem\u00e4chlich \u00fcber das<br \/>\nWasser, und ab und zu zischte ein Motorboot vorbei.<br \/>\nSeine Heckwelle aus wei\u00dfem, aufgew\u00fchltem<br \/>\nWasser sah gut aus und blieb erhalten, als es schon<br \/>\nlange hinter der n\u00e4chsten H\u00fcgelkuppe verschwunden<br \/>\nwar.<br \/>\n&#8222;Whow!&#8220; sagte B\u00e4rdel. Das schien ihm<br \/>\namerikanisch angemessen, zumindest in den Grenzen seiner<br \/>\nenglischen Sprachkenntnisse.<br \/>\nSmokey l\u00e4chelte geschmeichelt. &#8222;Sch\u00f6n,<br \/>\nda\u00df es dir gef\u00e4llt&#8220;, sagte er. &#8222;Das<br \/>\nhabe ich gemacht. Zusammen mit den Menschen.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Inhalt der Aussage allm\u00e4hlich<br \/>\nin B\u00e4rdels Hirn sickerte, ging ihm auf, da\u00df<br \/>\nSmokey deutsch sprach.<br \/>\nEin amerikanischer deutschsprechender B\u00e4r? Das<br \/>\nwar fast so wahrscheinlich wie eine eierlegende Wollmilchsau.<br \/>\nWieder erinnerte ich mich an den Vers:&#8230;&#8220;nur<br \/>\nim Kopf&#8230;&#8220;.<br \/>\nWas er allerdings augenblicklich im Kopf hatte, waren<br \/>\nhaupts\u00e4chlich Fragezeichen. Er verdr\u00e4ngte<br \/>\nsie.<br \/>\n&#8222;Du hast das gemacht?&#8220; Es gelang ihm, die<br \/>\nFrage im Ton h\u00f6flichen Erstaunens zu formulieren.<br \/>\n&#8222;Wie hast du das geschafft?&#8220;<br \/>\n&#8222;Na ja.&#8220; Smokey wand sich ein wenig. &#8222;Ganz<br \/>\nallein habe ich das nicht gemacht. Die Menschen wollten<br \/>\nes. Sie haben einen Damm gebaut, der den Flu\u00df<br \/>\naufgestaut hat. Das Ergebnis siehst du hier: diesen<br \/>\nwundersch\u00f6nen See, der allen zur Erholung dient.<br \/>\nAber ohne mich h\u00e4tten sie es nicht geschafft.<br \/>\nIch habe ihnen n\u00e4mlich gesagt, wo die Canyonw\u00e4nde<br \/>\nso stabil sind, da\u00df sie den Damm halten werden,<br \/>\nund ich habe sie dar\u00fcber informiert, wer gegen<br \/>\ndas Projekt sein wird.&#8220;<br \/>\nAllm\u00e4hlich wurde B\u00e4rdel wach im Kopf.<br \/>\n&#8222;Was war denn hier vorher? Und wer war gegen das<br \/>\nProjekt?&#8220;<br \/>\n&#8222;Na ja, vorher war hier eben ein Canyon. Eine Schlucht,<br \/>\ndurch die der Flu\u00df durchgerauscht ist. Im Fr\u00fchjahr<br \/>\nmit viel Wasser, sonst eher mit wenig. Pflanzen und<br \/>\nTiere haben hier gelebt, die damit fertigwurden, und<br \/>\nsonst niemand. Kurz gesagt: Hier war nutzlose W\u00fcste.&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel fand es sehr sympathisch, da\u00df hier<br \/>\nkeine W\u00fcste mehr war. Statt der trockenen W\u00fcstenluft,<br \/>\ndie aus allen Saunen der Welt zu stammen schien, strich<br \/>\neine angenehm k\u00fchle Brise \u00fcber das Wasser.<br \/>\nAber Smokey hatte seine Frage nur zur H\u00e4lfte beantwortet.<br \/>\n&#8222;Und wer war gegen das Projekt?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ein paar spinnerte Naturfreaks. Die wollten nicht,<br \/>\nda\u00df hier die Zivilisation einzieht. Waren wohl<br \/>\nf\u00fcr die Verewigung der Steinzeit und gegen St\u00e4dte<br \/>\nmit Klimaanlagen.&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel aus dem k\u00fchlen, nassen Dehland erinnerte<br \/>\nsich an seine Ankunft: L\u00e4rm und Gestank aus unz\u00e4hligen<br \/>\nAuspuffrohren. Das Geratter von Klimaanlagen. Ein angenehm<br \/>\ngek\u00fchltes Hotelzimmer.<br \/>\n&#8222;So etwas wie Phoenix?&#8220;<br \/>\nSmokey haute ihm begeistert seine Pranke auf die Schulter.<br \/>\n&#8222;Volltreffer! Ohne diesen See g\u00e4be es Phoenix<br \/>\nnicht! Er produziert die Elektrizit\u00e4t f\u00fcr<br \/>\nHunderttausende von Menschen. Komm, ich zeig&#8217;s dir!&#8220;<br \/>\nHinter der n\u00e4chsten Bergflanke pr\u00e4sentierte<br \/>\ner B\u00e4rdel das Wunderwerk. Elegant schwang sich<br \/>\nein Betondamm von Hang zu Hang. Auf einer Seite blaute<br \/>\nder See. Auf der anderen, viele Meter tiefer, wand<br \/>\nsich ein schmales Rinnsal durch eine steile Schlucht.<br \/>\nB\u00e4rdel mu\u00dfte sich gro\u00dfe M\u00fche geben,<br \/>\nseine n\u00e4chste Frage ganz harmlos klingen zu lassen.<br \/>\nSicher, der See war sch\u00f6n, auf den ersten Blick.<br \/>\nAber was war er mehr als der Garant eines Krebsgeschw\u00fcrs?<br \/>\nDaran sollte ein B\u00e4r mitgearbeitet haben? Und<br \/>\nauch noch stolz darauf sein?<br \/>\n&#8222;Dann g\u00e4b&#8217;s also ohne dich auch Phoenix nicht?<br \/>\nWeil du alles projektiert hast?&#8220;<br \/>\nSie waren langsam auf dem Damm entlanggeschlendert und<br \/>\njetzt am Ende angekommen. In der Sonne glitzerte ein<br \/>\nSchild: &#8222;Prevent bushfires!&#8220; Smokey gab es<br \/>\noffenbar h\u00e4ufiger. Diesmal konnte es sich nicht<br \/>\num eine geheime Botschaft f\u00fcr B\u00e4rdel handeln;<br \/>\nschlie\u00dflich hatte er Smokey schon getroffen.<br \/>\nIn ihm wuchs ein Verdacht.<br \/>\nB\u00e4rdel war ein durchaus normaler gem\u00fctlicher<br \/>\nB\u00e4r, aber wenn er w\u00fctend wure, wurde er richtig<br \/>\ncholerisch. Und jetzt war er w\u00fctend. Er baute<br \/>\nsich vor Smokey auf und br\u00fcllte:&#8220;Welche Rolle<br \/>\nspielst du hier eigentlich?&#8220;<br \/>\nSmokey wich zur\u00fcck. Er stand vor seinem Portrait<br \/>\nauf dem Schild und ging r\u00fcckw\u00e4rts, die F\u00e4uste<br \/>\nzur Verteidigung erhoben &#8211; B\u00e4rdel mu\u00dfte<br \/>\neinen ziemlich bedrohlichen Eindruck machen.<br \/>\n&#8222;Tu mir nichts! Ich spiele \u00fcberhaupt keine<br \/>\nRolle. Jedenfalls keine aktive. Ich bin das Alibi.<br \/>\nDer B\u00e4r, das ist Natur. Urspr\u00fcngliche, unverf\u00e4lschte<br \/>\nNatur. Dahinter verstecken die Menschen alles, was<br \/>\nsie machen. Ich sorge daf\u00fcr, da\u00df alles so<br \/>\naussieht, als sei es in Ordnung.&#8220;<br \/>\nW\u00e4hrend er sprach, wich er immer weiter zur\u00fcck.<br \/>\nB\u00e4rdel folgte ihm in gleichbleibendem Abstand.<br \/>\nPl\u00f6tzlich wurde Smokey durchsichtig, seine Konturen<br \/>\nverschwammen, er verschwand im Schild.<br \/>\nZum ersten Mal in seinem Leben spuckte B\u00e4rdel einen<br \/>\nanderen B\u00e4ren an. Er traf auch. Eine wei\u00dfe,<br \/>\nblasenwerfende Fl\u00fcssigkeit tropfte langsam vom<br \/>\nBlech. Vom Blech &#8211; nicht vom B\u00e4ren.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/smokey2.jpg\" alt=\"Smokey\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/div>\n<p>Die Anstrengung war sehr gro\u00df. B\u00e4rdel wurde<br \/>\n\u00fcbel und schwindelig, er erbrach sich in den See,<br \/>\nund dann wurde er ohnm\u00e4chtig.<br \/>\n&#8212;<br \/>\nAls er allm\u00e4hlich zu sich kam, h\u00f6rte er nur<br \/>\nzwei dauernd wiederholte Worte: &#8222;Dummer Tropf,<br \/>\ndummer Tropf&#8230;&#8220;<br \/>\nDie Stimme kannte er gut; sie geh\u00f6rte Tussi. Tussi, eine Froschg\u00f6ttin, lebt am Gorillasee,<br \/>\nwenn sie gerade nichts Besseres zu tun hat. (vgl. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/grimmi2.html\">Grimmis<br \/>\nBuch vom Gorillasee<\/a>&#8222;.)<br \/>\n&#8222;Na, wieder wach, Alter?&#8220; begr\u00fc\u00dfte<br \/>\nsie ihn. &#8222;Wird auch h\u00f6chste Zeit. Hab schlie\u00dflich<br \/>\nnoch was anderes zu tun &#8211; am Gorillasee und sonst \u00fcberall<br \/>\nin der Welt und der Galaxis. War mir aber eine Freude,<br \/>\ndich zu retten. H\u00e4tte nicht gedacht, da\u00df<br \/>\ndu so bl\u00f6d bist. H\u00e4ttest mehr trinken m\u00fcssen,<br \/>\nviel mehr trinken, und ein bi\u00dfchen essen h\u00e4tte<br \/>\nauch nicht geschadet.Typischer Fall von Dehydrierung.<br \/>\nAber naja &#8211; bist eben kein Frosch. War ein Tussimobiltransport,<br \/>\ngerade rechtzeitig. Hier bist du in B\u00e4renleben.<br \/>\nLa\u00df dich gesundpflegen. Man sieht sich. Bis die<br \/>\nTage!&#8220;<br \/>\nUnd sie verschwand. B\u00e4rdel wurde gesund. Als er<br \/>\nsich gen\u00fcgend erholt hatte, machte er als erstes<br \/>\neinen Ausflug in die nahegelegene Kleinstadt und klaute<br \/>\ndort f\u00fcr Tussi eine Flasche ihres Lieblingsgetr\u00e4nks<br \/>\n&#8211; Champagner.<br \/>\nDanach erz\u00e4hlte er Tumu, was er erlebt hatte, und<br \/>\nein paar Abende sp\u00e4ter berichtete er der gesamten<br \/>\nSippe. Als sich die Unruhe nach seinem Report gelegt<br \/>\nhatte, sagte er:<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df nicht, was ich auf dieser Reise<br \/>\ngelernt habe. Betrogen werden kann man jedenfalls \u00fcberall.<br \/>\nUnd eines wei\u00df ich bestimmt: Eine Marlboro-Erlebnisreise<br \/>\nwill ich nie wieder gewinnen!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit die B\u00e4ren in Dehland internationale Zeitungen lasen, f\u00fchlten sie sich zwar besser informiert als vorher, aber auch gleichzeitig unwohl. Sie wu\u00dften jetzt t\u00e4glich etwas \u00fcber Ereignisse &#8211; fast &#8211; \u00fcberall in der Welt, aber sie konnten nicht beurteilen, ob das Dargestellte auch stimmte. Vielleicht logen die Journalisten ja? 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