{"id":295,"date":"1996-05-28T20:08:11","date_gmt":"1996-05-28T18:08:11","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=295"},"modified":"2017-03-07T20:14:39","modified_gmt":"2017-03-07T18:14:39","slug":"die-saegebande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/05\/die-saegebande\/","title":{"rendered":"Die S\u00e4gebande"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/saege.jpg\" align=\"TEXTTOP\" \/><\/p>\n<p><center>Die S\u00e4gebande<\/center>Kennt Ihr Dehland? Nein? Macht nichts. Ihr habt wenig verpa\u00dft. Fr\u00fcher war Dehland einmal sehr sch\u00f6n, und ab und zu erinnern sich auch seine heutigen Bewohner daran. Sie werden dann wehm\u00fctig und singen ein Lied, das mit den Versen beginnt:<br \/>\n&#8222;Kein sch\u00f6ner Land in dieser Zeit,<br \/>\nals hier das unsre weit und breit&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Ihr merkt, das ist ein schlechter Reim. Aber der Liedanfang verr\u00e4t uns nicht nur etwas \u00fcber die mangelnde Dichtkunst der Einwohner von Dehland, sondern auch etwas ber ihren Hochmut. Sie hielten sich und ihr Land schon immer f\u00fcr etwas Besseres, und das tun sie noch heute.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich leben in Dehland viele verschiedene Tiere, aber &#8222;die&#8220; Bewohner sind Menschen. Sie glauben, ihr Land v\u00f6llig unter Kontrolle zu haben. Ab und zu denkt der eine oder andere von ihnen zwar daran, da\u00df es zum Beispiel viel mehr Ameisen als Menschen gibt &#8211; das f\u00e4llt ihm vielleicht auf, wenn seine Zuckerdose in der K\u00fcche leergefressen ist, weil er vergessen hat, sie zuzumachen. Aber dann verwendet er Insektenspray und erinnert sich nicht weiter an diesen f\u00fcr ihn unappetitlichen Zwischenfall. An die sogenannten &#8222;Nutztiere&#8220; verschwendet kaum ein Mensch jemals auch nur einen Gedanken. Er nimmt es als ganz selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df er t\u00e4glich H\u00e4hnchenschenkel, Schweineschnitzel oder Rindersteak essen kann. Dann gibt es noch die Haustiere, die absoluten Untertanen der Menschen: Apportiert der Hund nicht immer wieder den Zweig, den Herrchen oder Frauchen weggeworfen haben? Streicht die Katze nicht liebesuchend um die F\u00fc\u00dfe der Menschen, die ihr Obdach gew\u00e4hren? Schnurrt sie nicht dankbar, wenn ihr die Kehle gekrault wird? Weil sie so gehorsam sind, geben die Menschen in Dehland ihren Haustieren stets das leckerste Futter, und weil das so teuer ist, haben sie, wenn sie vom Einkaufen kommen, f\u00fcr den Bettler an der Ecke auch nicht einen Groschen mehr \u00fcbrig.<\/p>\n<p>An wildlebende Tiere, mit denen sie nicht in Ber\u00fchrung kommen, denken die Menschen \u00fcberhaupt nicht. Sie glauben n\u00e4mlich, es g\u00e4be sie nicht. Das ist fast richtig &#8211; es gibt kaum noch welche.<\/p>\n<p>Ganz Dehland ist von den Menschen besetzt. Ganz Dehland? Nein &#8211; in einem kleinen dehl\u00e4ndischen Dorf&#8230;<\/p>\n<p>In einem kleinen dehl\u00e4ndischen Dorf namens B\u00e4renleben wohnten sie seit Jahrhunderten, die Braunb\u00e4ren. Sie wu\u00dften, da\u00df es die Menschen gab, aber die Menschen wu\u00dften nichts von ihnen. Das war auch gut so. W\u00e4re es anders gewesen, h\u00e4tten die Menschen bestimmt l\u00e4ngst mit ihren t\u00f6dlichen Waffen Jagd auf sie gemacht. Die B\u00e4ren ihrerseits lie\u00dfen die Menschen in Ruhe, solange sie genug zu fressen hatten &#8211; und das war eigentlich immer der Fall.<\/p>\n<p>In diesem Sommer gab es \u00fcberhaupt keinen Grund, sich mit den Menschen anzulegen. Es war ein wahres Wunder: Alle Beeren waren doppelt oder sogar dreimal so gro\u00df wie in den Jahren davor, und sie schmeckten s\u00fc\u00df und saftig. Die Str\u00e4ucher schossen empor, da\u00df es die reine Pracht war, und versprachen f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr eine noch bessere Ernte.<\/p>\n<p>Die Dorfsippe schlemmte und m\u00e4stete sich, so da\u00df die Muskeln anschwollen und die B\u00e4uche sich rundeten. Dabei hielt sich auch B\u00e4rdel, ein kr\u00e4ftiger Jungmann, nicht zur\u00fcck. Er pfl\u00fcckte Handvoll um Handvoll, aber jede dritte Ernte reichte er weiter an Tumu, seine derzeitige Gespielin. Die war n\u00e4mlich schwanger und kam mit ihrem eindrucksvoll dicken Bauch nicht mehr so gut in die Beerenhecken rein. So sorgte er daf\u00fcr, da\u00df sie kr\u00e4ftig wurde und hoffentlich ein gesundes Kind zur Welt bringen konnte.<\/p>\n<p>B\u00e4ren sind diskrete Leute, und deshalb sprach im Dorf niemand \u00fcber Tumus Schwangerschaft. Dennoch wu\u00dfte jeder: Da stimmte etwas nicht! Wann war jemals eine B\u00e4rin schwanger geworden, um ihre Jungen im Herbst zur Welt zu bringen? Kurz vor dem Winterschlaf, so da\u00df sie keine Zeit mehr hatten, sich den notwendigen Speck f\u00fcr die lange Ruhephase anzufressen? Wer sollte f\u00fcr die Babys sorgen und sie s\u00e4ugen, wenn sie alle schliefen, weil sie schlafen mu\u00dften? Nein, das sah nicht gut aus&#8230;<\/p>\n<p>Die Sorgen der Sippe waren nur allzu begr\u00fcndet. Tumu kam im November nieder. Ihre Zwillingskinder &#8211; ein Junge und ein M\u00e4dchen &#8211; waren mi\u00dfgebildet. Eines hatte kein Gehirn, dem anderen fehlten Arme und Beine. Beide starben sofort nach der Geburt.<\/p>\n<p>Tumu war unendlich traurig und weinte, bis ihr die Tr\u00e4nen ausgingen. B\u00e4rdel versuchte sie zu tr\u00f6sten, wenn er bei ihr war, und weinte nur heimlich, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Gut, da\u00df es November war &#8211; der Schlaf nahm sie endlich in die Arme und half ihnen vergessen.&#8212;<\/p>\n<p>Der Winter verging. Im M\u00e4rz wurde der Schlaf der B\u00e4ren flacher, sie begannen wieder, die Au\u00dfenwelt wahrzunehmen. Immer \u00f6fter stie\u00df Tumu B\u00e4rdel an, der neben ihr lag:<\/p>\n<p>&#8222;Dreh Dich doch mal auf die Seite! Du schnarchst ja, als ob Du einen Wald zers\u00e4gt hast! Hast wohl getr\u00e4umt, Du w\u00e4rst Holzf\u00e4ller, was?&#8220;<\/p>\n<p>B\u00e4rdel f\u00fchlte sich zwar im Schlaf gest\u00f6rt, aber zu seiner Freude bemerkte er auch, da\u00df Tumu wieder in der Lage war, so etwas wie einen Scherz zu machen. Irgendwann, als er durch die dauernden Ermahnungen munter genug geworden war, begann er zu kuscheln, und sie liebten sich. Danach stand Tumu ganz selbstverst\u00e4ndlich auf und fing an, nach frischen M\u00e4rzbecherwurzeln zu graben. Die neue Saison begann.<\/p>\n<p>Obwohl B\u00e4renfrauen mindestens genauso klug sind wie B\u00e4renm\u00e4nner, sind sie nicht &#8222;emanzipiert&#8220;. Sie haben kein Interesse an endlosen Diskussionen, sie lieben das Leben und sorgen daf\u00fcr, da\u00df es weitergeht &#8211; das hei\u00dft, sie spielen mit ihren Kindern, bis die gro\u00df genug sind, um sich alleine zurechtzufinden, und setzen neue in die Welt. Im normalen B\u00e4renleben ist das eine durchaus vern\u00fcnftige Einstellung, aber auch in komplizierten Situationen?<\/p>\n<p>B\u00e4rdel fand, da\u00df sie sich jetzt in einer komplizierten Situation befanden. Man mu\u00dfte nachdenken, und das ging allein weniger gut als in der Gemeinschaft. Warum waren die Beeren im letzten Sommer so unnat\u00fcrlich gro\u00df gewesen? W\u00fcrden sie es wieder werden? Warum hatte Tumu eine so au\u00dfergew\u00f6hnliche Schwangerschaft gehabt? Hing das zusammen? Konnte sich das wiederholen?<\/p>\n<p>Er traf sich also mit seinen Freunden, um \u00fcber diese Probleme nachzudenken. Sie sa\u00dfen im Kreis. Sie kauten auf den letzten z\u00e4hen Schneebeeren herum, die der Winter \u00fcbriggelassen hatte. Dabei dachten sie intensiv nach.<\/p>\n<p>&#8222;Die Beeren waren viel zu gro\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Tumus Schwangerschaft war unnat\u00fcrlich.&#8220;<\/p>\n<p>Nur diese beiden S\u00e4tze fielen. Dann herrschte Stille. W\u00e4re jetzt ein Mensch vorbeigekommen, so h\u00e4tte er gewi\u00df gedacht, da\u00df sie schliefen, denn sie hatten die Augen geschlossen. Menschen halten das Schweigen nicht aus, es sei denn, sie schlafen. Sie nutzen jede Pause, um sie mit akustischem M\u00fcll zu f\u00fcllen.Wenn es still ist, beginnen sie, hektisch auf ihren St\u00fchlen hin und her zu rutschen oder mit den Augen den Himmel zu suchen, den sie schon l\u00e4ngst nicht mehr sehen k\u00f6nnen, weil sie \u00fcberall Betondecken eingezogen haben.<\/p>\n<p>B\u00e4ren dagegen lieben die Stille und nutzen sie. F\u00fcr sie ist es selbstverst\u00e4ndlich, einen Gedanken erst zu \u00e4u\u00dfern, nachdem sie sich alle m\u00f6glichen Konsequenzen \u00fcberlegt haben, die daraus resultieren k\u00f6nnten. Das klappt meistens, aber nicht immer.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich begannen sie zu sprechen:<\/p>\n<p>&#8222;Das hat es noch nie gegeben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir waren nicht die Ursache, denn wir haben gelebt wie immer.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Also war es Gaia.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oder die Menschen.&#8220;<\/p>\n<p>Sie n\u00e4herten sich dem Problem anaytisch. Gab es geh\u00e4ufte Erdbeben? Klimaver\u00e4nderungen? Schwankungen des Sonnenwinds?<br \/>\nNicht, soweit sie es beurteilen konnten.<\/p>\n<p>Was also dann?<\/p>\n<p>&#8222;Seit sechs Jahren gibt es westlich von uns so ein gro\u00dfes Bauwerk in Eiform..&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Fast direkt unter unserem Dorf liegt eine Kaverne, die wird seit Jahren heftig ausgebaut..&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie bauen da auch eine riesige Lagerhalle&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Eisenbahngeleise sind verst\u00e4rkt worden, als erwarteten sie Transporte mit gro\u00dfen Lasten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wieder versanken sie in Schweigen. Sie mu\u00dften es nicht aussprechen: Nat\u00fcrlich waren die Menschen an den Ver\u00e4nderungen schuld. Aber wieso? Wie sollten sie das herausfinden?<\/p>\n<p>Menschen h\u00e4tten diese Frage in den Vordergrund gestellt, aber die B\u00e4ren dachten pragmatisch. Den Grund f\u00fcr das Handeln der Menschen konnte man immer noch herauskriegen. Zuerst aber mu\u00dften sie gestoppt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Die Menschen&#8220;, sagte B\u00e4rdel nach einer weiteren langen Denkpause, &#8222;sind hoch entwickelt. Sie nennen das Technik. Sie k\u00f6nnen sich \u00fcber weite Entfernungen miteinander verst\u00e4ndigen. Und sie haben Hilfsmittel, um schwere Dinge zu bewegen. Da sollten wir ansetzen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gut, aber wie?&#8220; fragte die Runde.<\/p>\n<p>&#8222;La\u00dft mich nur machen&#8220;, antwortete B\u00e4rdel geheimnisvoll. &#8222;Ich schlafe heute nacht im Wald, das wird schon helfen.&#8220;<\/p>\n<p>Er erinnerte sich an die N\u00e4chte im Vorfr\u00fchling. &#8220; Du schnarchst ja, als ob Du einen Wald zers\u00e4gt hast&#8220;, hatte Tumu ihm vorgeworfen. Er w\u00fcrde es den Menschen schon beweisen, da\u00df er s\u00e4gen konnte!<\/p>\n<p>Abends ging er allein in den Wald. Er suchte sich zum Schlafen eine Stelle aus, an der es nur wenige B\u00e4ume gab. Stattdessen \u00fcberragten ihn f\u00fcnf Telegraphenmasten, zwei Hochspannungsmasten und drei Oberleitungsmasten einer Eisenbahnlinie. Er legte sich auf den R\u00fccken und nahm sich ganz fest vor, auch so liegenzubleiben. Dann z\u00e4hlte er schrecklich viele B\u00e4ume, um besser einschlafen zu k\u00f6nnen. Dabei stellte er sich vor, er sei ein ber\u00fchmter Holzf\u00e4ller, und bald schon schnarchte er gleichm\u00e4\u00dfig und durchdringend.<\/p>\n<p>Die Sonne ging gerade auf, als er erwachtete. Er blinzelte in den Himmel und sah zehn Silhouetten, die sich schwarz vor blau abzeichneten. Es hatte nicht geklappt. Woran konnte das liegen? Nat\u00fcrlich &#8211; allein war er zu schwach! Die Telegraphenmasten waren m\u00e4chtig dick, und die anderen Tr\u00e4ger waren nicht aus weichem Holz, sondern aus viel h\u00e4rterem Stahl! Er untersuchte alle sorgf\u00e4ltig und mu\u00dfte entt\u00e4uscht feststellen, da\u00df keiner auch nur den kleinsten Kratzer zeigte. Wer konnte da helfen? Nachdenklich ging er nach Hause und gr\u00fcbelte dort den ganzen Tag.<\/p>\n<p>Bis zum Abend hatte er die L\u00f6sung gefunden. Gemeinsam w\u00fcrden sie stark sein. Er f\u00fchrte seine Freunde zu seiner einsamen Schlafstelle, ohne ihnen genau zu verraten, was er vorhatte. Er machte nur vage Andeutungen wie: &#8222;Alleine schaff ich\u00b4s nicht&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Dann gab er ihnen genaue Instruktionen:<\/p>\n<p>&#8222;Also, ihr legt euch alle hier hin, und zwar auf den R\u00fccken. In jedes Nasenloch stopft ihr euch eine Schlehenbeere, so da\u00df ihr durch den Mund atmen m\u00fc\u00dft. Und dann schlaft ihr. Ich bleibe wach und passe auf, da\u00df auch alles klappt.&#8220;<\/p>\n<p>In Wahrheit hatte B\u00e4rdel keine Zweifel daran, da\u00df sein Plan funktionieren w\u00fcrde, aber er wollte unbedingt zusehen, wie all die stolzen, von Menschen gefertigten Masten in sich zusammenbrachen, zerst\u00f6rt vom Chorgeschnarche seiner Freunde. Die atmeten so laut, da\u00df er sich selbst schlie\u00dflich Schlehenbeeren in die Ohren stopfte, weil er das Get\u00f6se nicht mehr ertragen konnte. Immer wieder sah er hoffnungsvoll zu den Masten hin\u00fcber. Doch die r\u00fchrten sich nicht.<\/p>\n<p>Oder doch? Endlich begannen sie sich zu winden, sie rissen sich aus ihren Verankerungen, vollf\u00fchrten wilde Tanzspr\u00fcnge, schwangen sich in die Luft und zerbr\u00f6selten dort in Millionen von kleinsten Teilchen. B\u00e4rdel stimmte ein wildes Freudengeheul an &#8211; und erwachte. Seine Freunde umringten ihn und betatzten ihn beruhigend: &#8222;Alles in Ordnung, Du hast nur schlecht getr\u00e4umt!&#8220;<\/p>\n<p>Nichts war in Ordnung. H\u00f6hnisch blickten Telegraphen-, Hochspannungs- und Oberleitungsmasten auf ihn herunter. Ihm war zum Heulen zumute.<\/p>\n<p>&#8222;Was hast Du denn eigentlich vorgehabt?&#8220;<\/p>\n<p>Und er erz\u00e4hlte. Keiner konnte sich so recht erkl\u00e4ren, warum sein Plan nicht geklappt hatte. Es klang alles ganz einleuchtend.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sagte der J\u00fcngste in der Runde: &#8222;Wiederhol doch noch mal genau, was Tumu damals gesagt hat!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du schnarchst ja, als ob du einen Wald zers\u00e4gt hast! Hast wohl getr\u00e4umt, Du w\u00e4rst Holzf\u00e4ller, was?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist es,&#8220; jubelte der Kleine. &#8222;Als ob! Aber wir haben es nicht wirklich getan! Zum S\u00e4gen braucht man S\u00e4gen, nicht nur Schnarchen!&#8220; und leise f\u00fcgte er hinzu, was er in der B\u00e4renschule gelernt hatte: &#8222;Das war nur ne Metapher von Tumu.&#8220;<\/p>\n<p>Den letzten Satz h\u00f6rten die anderen vor Aufregung schon nicht mehr. Sie brauchten S\u00e4gen! Sie w\u00fcrden S\u00e4gen haben! Sie w\u00fcrden ihre S\u00e4gen nehmen und alles Schlechte in St\u00fccke schneiden, das die Menschen in die Welt gebracht hatten. Vor lauter Seligkeit begannen sie spontan zu singen:<\/p>\n<p>&#8222;Kommt, la\u00dft uns alle s\u00e4gen,<\/p>\n<p>das gibt nen gro\u00dfen Segen.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt ist es also doch rausgekommen: B\u00e4ren reimen manchmal genauso schlecht wie Menschen.<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Liedes brummten alle ganz unb\u00e4risch undiszipliniert durcheinander.<\/p>\n<p>&#8222;Woher kriegen wir S\u00e4gen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir bauen welche.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Im n\u00e4chsten Ort ist ein Baumarkt, der hat alles, was wir brauchen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sch\u00f6n, und wir bezahlen mit B\u00e4rendreck, oder wie?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Den \u00fcberfallen wir!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir drohen ihnen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir bieten ihnen Honig zum Tausch.&#8220;<\/p>\n<p>Nur m\u00fchsam beruhigten sie sich und begannen, ernsthaft Pl\u00e4ne zu schmieden. Nat\u00fcrlich brauchten sie S\u00e4gen und anderes Werkzeug, und selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrden sie alles stehlen m\u00fcssen. Die Menschen akzeptierten nur Geld, und das hatten sie nicht; alles, was sie besa\u00dfen, waren nahrhafte Dinge. Zuerst aber w\u00fcrden sie etwas anderes stehlen: B\u00fccher. Das war B\u00e4rdels Idee:<\/p>\n<p>&#8222;Wir wissen zu wenig \u00fcber das, was die Menschen Technik nennen. Bestimmt ist etwas Gef\u00e4hrliches dabei. Denkt an Tumus Fehlgeburt!&#8220;<\/p>\n<p>Schon an \u00fcbern\u00e4chsten Tag stand es gro\u00df in &#8220;<\/p>\n<p><center><b><span class=\"hilite\">WILD. DIE ZEITUNG F\u00dcR DEHLAND&#8220;:<br \/>\nTECHNISCHE UNIVERSIT\u00c4TSBILBIOTHEK AUSGERAUBT!<br \/>\nNEUE STUDENTENREVOLUTION WEGEN SCHLECHTER STUDIENBEDINGUNGEN?<\/span><\/b><\/center>Die B\u00e4ren h\u00e4tten sich schlappgelacht, wenn sie das gelesen hatten. Aber sie lasen ganz etwas anderes, sie qu\u00e4lten sich durch St\u00f6\u00dfe von Fachliteratur und wollten oft beinahe verzweifeln.<\/p>\n<p>&#8222;Was f\u00fcr eine Formel ist das denn schon wieder?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wer kann mit erkl\u00e4ren, was der Unterschied zwischen Uran 235 und Uran 238 ist?&#8220;<\/p>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich aber nahmen die Fragen ab; stattdessen fanden sie Antworten.<\/p>\n<p>&#8222;Das Ei m\u00fcssen wir in Ruhe lassen, das strahlt. Am besten w\u00e4re es, es zu begraben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;In der H\u00f6hle unter uns liegen schon Abf\u00e4lle aus dem Ei, die sind auch hochgef\u00e4hrlich.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Radioaktive Strahlung verursacht genetische Sch\u00e4den.&#8220;<\/p>\n<p>Nur mit M\u00fche konnte B\u00e4rdel seine Fassung bewahren. Tumu! Seine und ihre Kinder! Und die Menschen nannten das ganz kalt &#8222;genetische Sch\u00e4den&#8220;. Ob die kein Herz hatten? Auf diese Frage fand er keine Antwort.<\/p>\n<p>Sie wu\u00dften jetzt, wo sie ansetzen mu\u00dften, ohne sich selbst zu gef\u00e4hrden: bei den Transportwegen. Als h\u00e4tten sie nie etwas anderes getan, r\u00e4umten sie in einer mondlosen Nacht den Baumarkt in ihrer Nachbarschaft aus. Obwohl sie sehr w\u00e4hlerisch waren, keuchten sie schwer bepackt unter der Last von Drahtscheren, Bolzenschneidern, Wurfankern, Kettens\u00e4gen und vielem mehr nach Hause. Und wieder hatten sie keine Chance, ihre Publicity zu genie\u00dfen und \u00fcber <b> &#8222;WILD&#8220;<\/b> zu lachen: <b><br \/>\n<\/b><\/p>\n<p><center>IST DER YETI UNTER UNS?<\/center>&nbsp;<\/p>\n<p><center><b> R\u00c4TSELHAFTE SPUREN BEI EINBRUCH IN BAUMARKT!<\/b><\/center><br \/>\nSie schliefen n\u00e4mlich vor, um bei ihren kommenden Aktionen frisch und fit zu sein.<\/p>\n<p><center><b>&#8222;WILD&#8220;<\/b> hatte in den kommenden Wochen viel zu berichten.<\/center><b><span class=\"hilite\">ABGES\u00c4GTER HOCHSPANNUNGSMAST LEGT ZUGVERKEHR LAHM!<\/span><\/b><\/p>\n<p><b>BR\u00dcCKENPFEILER ANGES\u00c4GT &#8211; FERNSTRECKE AUF MONATE BLOCKIERT!<\/b><\/p>\n<p><b>S\u00c4GESPUREN AM ATOMKRAFTWERK!<\/b><\/p>\n<p><b>HAT DER YETI EINE S\u00c4GE?<\/b><\/p>\n<p><b>IST ULRIKE MEINHOF EIN S\u00c4GEZOMBIE?<\/b><\/p>\n<p><b>NEUER ANSCHLAG DER S\u00c4GEBANDE &#8211; WANN K\u00d6NNEN WIR WIEDER RUHIG SCHLAFEN?<\/b><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich, von einem Tag auf den anderen, verschwanden die Schlagzeilen. Hatten B\u00e4rdel und seine Freunde aufgegeben? War Winterschlafzeit? Nat\u00fcrlich nicht &#8211; B\u00e4ren geben nicht auf, wenn sie sich einmal etwas vorgenommen haben, und es war Juni.<\/p>\n<p>Vom ersten Anschlag an hatte die Polizei der Menschen fieberhaft nach den Attent\u00e4tern gesucht &#8211; fieberhaft, aber zun\u00e4chst vergeblich. Sie wu\u00dften eben nichts von B\u00e4renleben, und sie fanden es auch jetzt nicht. Allm\u00e4hlich aber gingen ihnen T\u00e4ter in ihr Fahndungsnetz, und es wurden von Tag zu Tag mehr. Die Polizisten verhafteten Menschen, und nach der Verhaftung verh\u00f6rten sie sie. Alle diese Verh\u00f6re verliefen \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>&#8222;Zu welcher Gruppe geh\u00f6ren Sie? Wer ist Ihr Auftraggeber?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich geh\u00f6re zu keiner Gruppe. Ich habe keinen Auftraggeber.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Also gut: Warum ver\u00fcben Sie Sabotage?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich zerst\u00f6re nur, was mich zerst\u00f6rt. Haben Sie im letzten Sommer nicht auch gemerkt, da\u00df Obst und Gem\u00fcse viel zu gro\u00df gewachsen ist? Mir ist ganz schlecht davon geworden, und ich habe Ausschlag gekriegt. Meine Nichte ist an Leuk\u00e4mie gestorben. Meine Nachbarin hatte eine Fr\u00fchgeburt.&#8220;<\/p>\n<p>Keiner leugnete. Alle bekannten sich stolz zu ihren Aktionen und bedauerten nur, nicht fr\u00fcher damit angefangen zu haben &#8211; erst die Aktivit\u00e4ten der S\u00e4gebande hatten sie ermuntert, selbst aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Zuerst verboten die M\u00e4chtigen den Zeitungen, \u00fcber Anschl\u00e4ge zu berichten. Sie dachten: Das, was nicht in <b>&#8222;WILD<\/b>&#8220; steht, geschieht auch nicht. Aber so dumm wie sie waren die einfachen Menschen nicht: Sie wollten leben, und also machten sie weiter. Bald stand in Dehland kein Mast mehr, es fuhr kein einziger Zug. Selbst die Autobahnen waren zers\u00e4gt &#8211; kein Schwertransport konnte hier noch durchkommen. Da merkten die M\u00e4chtigen allm\u00e4hlich, da\u00df sie nicht so m\u00e4chtig waren, wie sie gern sein wollten. Endlich mu\u00dften sie sich entschlie\u00dfen zu handeln &#8211; sie wollten ja schlie\u00dflich wiedergew\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p><center><b>ATOMKRAFT IST POLITISCH NICHT DURCHSETZBAR<\/b>,<\/center>so stand es eines Tages in <b> &#8222;WILD&#8220;.<\/b> Und was hei\u00dft das? Ganz einfach: Die Kaverne unterhalb von B\u00e4renleben wurde mit Kaliabfall verf\u00fcllt. Das Atomkraftwerk wurde mit einer tausend Meter dicken Erdschicht bedeckt, so da\u00df ein riesiger Berg entstand, auf dem man im Winter auch in der dehl\u00e4ndischen Tiefebene skifahren konnte.Am S\u00fcdhang wurde ein Solarkraftwerk gebaut. Allm\u00e4hlich wurden Beeren, anderes Obst und Gem\u00fcse wieder kleiner, und die Krankheiten verschwanden.<\/p>\n<p>Vier Jahre nach den S\u00e4gebanden-Abenteuer brachte Tumu ein gesundes B\u00e4renkinderpaar zur Welt. B\u00e4rdel freute sich so b\u00e4risch, da\u00df er fast schon wieder Telegraphenmasten zers\u00e4gt h\u00e4tte &#8211; aber das war jetzt ja nicht mehr n\u00f6tig. Und die gesamte B\u00e4rensippe lachte sich in die Tatzen und feierte mit beim rauschenden Geburtsfest. Aber Menschen hatten sie dazu nicht eingeladen, dazu waren sie zu vorsichtig &#8211; man wei\u00df nie, was denen so alles einfallen kann. Besser, wenn sie nicht wissen, wo B\u00e4renleben liegt&#8230;<\/p>\n<hr \/>\n<p>Wenn euch dieses M\u00e4rchen gefallen hat, empfehle ich eines, das direkt an diese Geschichte anschlie\u00dft. Es handelt sich um die Geschichte von dem<\/p>\n<h3>Au\u00dfergew\u00f6hnlichen Beispiel von Menschenliebe bei wilden Tieren.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die S\u00e4gebandeKennt Ihr Dehland? Nein? Macht nichts. Ihr habt wenig verpa\u00dft. Fr\u00fcher war Dehland einmal sehr sch\u00f6n, und ab und zu erinnern sich auch seine heutigen Bewohner daran. Sie werden dann wehm\u00fctig und singen ein Lied, das mit den Versen beginnt: &#8222;Kein sch\u00f6ner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit&#8230;&#8220; Ihr&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/1996\/05\/die-saegebande\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Die S\u00e4gebande<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,3],"tags":[],"class_list":["post-295","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-baerdel","category-baerdel1","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=295"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":296,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295\/revisions\/296"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}