{"id":1843,"date":"2026-10-29T14:14:02","date_gmt":"2026-10-29T12:14:02","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=1843"},"modified":"2026-10-29T14:14:02","modified_gmt":"2026-10-29T12:14:02","slug":"jugend-ohne-chance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2026\/10\/jugend-ohne-chance\/","title":{"rendered":"Jugend ohne Chance"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" data-id=\"1186\" src=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1186\" srcset=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-300x225.jpg 300w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-768x576.jpg 768w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/PICT1390.JPG-1980x1485.jpg 1980w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nuk und Na<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Na und Nuk waren eifrige Nutzerinnen seri\u00f6ser Nachrichtenquellen, w\u00e4hrend sie um soziale Netzwerke einen weiten Bogen schlugen. Also waren sie informiert \u00fcber gro\u00dfe Jugendproteste in Dehland, Frankreich und Italien. Sie konnten sich auch einiges \u00fcber die Ursache zusammenreimen, aber vieles verstanden sie trotzdem nicht. So w\u00e4hlten sie den beliebtesten B\u00e4renweg: Wenn du etwas wissen willst, frag einen klugen B\u00e4ren!<br \/>\u201eOnkel Kulle, Onkel Kulle!\u201cKulle war gerade mit Marx\u2019 \u201eMaschinenfragment\u201c aus den Grundrissen der Kritik der politischen \u00d6konomie besch\u00e4ftigt, als die Eisb\u00e4renzwillinge in die Bibliothek von B\u00e4renleben st\u00fcrmten.<br \/>\u201eNun mal langsam mit den jungen B\u00e4rinnen,\u201c brummte Kulle. \u201eLasst mich erst mal diesen Text zu Ende lesen.\u201c<br \/>\u201eWas liest du denn da, Onkel Kulle?\u201c wollte Nuk wissen.<br \/>\u201eWenn du mir dauernd Fragen stellst, Nuk, lese ich gar nicht. Aber wenn ich nicht unterbrochen werde, versuche ich Aussagen zu verstehen, die ungef\u00e4hr 170 Jahre alt sind.\u201c<br \/>\u201eOch, das ist doch l\u00e4ngst \u00fcberholt. Aber unser Problem ist brandaktuell. Also, eigentlich ist es nicht unser Problem, aber das Problem unserer Generation.\u201c<br \/>\u201eSprichst du von jungen B\u00e4ren?\u201c<br \/>\u201eNein, von jungen Menschen. Auch nicht von jungen Menschen \u00fcberall, sondern in manchen L\u00e4ndern in Europa: Albanien, Belgien, Dehland, Frankreich, Italien. Aber auch auf anderen Kontinenten, zum Beispiel in Indien. \u00dcberall in diesen L\u00e4ndern protestieren jetzt junge Leute. Du kannst uns bestimmt erkl\u00e4ren, warum sie das tun.\u201c<br \/>\u201eDas kann ich schon, aber\u2026\u201c Kulle drehte sich zur Wanduhr um. B\u00e4ren waren vern\u00fcnftig genug, ihr Leben nach dem Tagesrhythmus auszurichten, aber seit sie nahe bei den Menschen lebten, fanden sie es wichtig, sich zumindest \u00fcber deren mechanistische Zeiteinteilung zu informieren. \u201eWie lange habt ihr denn Zeit?\u201c<br \/>Na boxte ihre Schwester in die Seite. \u201eOnkel Kulle will mit dieser Frage andeuten, dass eine umfassende Erkl\u00e4rung sehr lange dauern w\u00fcrde.\u201c<br \/>\u201eDas habe ich schon begriffen,\u201c fl\u00fcsterte Nuk zur\u00fcck. \u201eUnd ich habe auch verstanden, dass er eigentlich gerade nicht gest\u00f6rt werden m\u00f6chte.\u201c Laut sagte sie: \u201eUns ist klar, dass diese L\u00e4nder sehr verschieden sind. Aber bei den EU-L\u00e4ndern gibt es doch wahrscheinlich wichtige Gemeinsamkeiten, die die Ursachen der Proteste sind, oder?\u201c<br \/>Kulle freute sich immer, wenn er merkte, dass seine Erziehungsarbeit Fr\u00fcchte trug. Nuks Vermutung war logisch.<br \/>\u201eAlso gut,\u201c sagte er. \u201eNehmen wir uns drei L\u00e4nder vor: Dehland, Frankreich und Italien. Die sind einander insofern sehr \u00e4hnlich, als sie ihren Bewohnern hohe Transferleistungen zahlen. Ihr wisst, was das bedeutet?\u201c<br \/>Nanuk waren beleidigt. \u201eAber Onkel Kulle\u2026\u201c<br \/>\u201eOkay. Alle drei L\u00e4nder geben ungef\u00e4hr 30 Prozent ihres Etats f\u00fcr Sozialausgaben aus. In Dehland flie\u00dft viel Geld in Gesundheit und Pflege, in Frankreich gibt es zahlreiche Direktzahlungen f\u00fcr Menschen mit geringem Einkommen, aber in all diesen L\u00e4ndern flie\u00dft der Hauptteil des Geldes in die Rente. Was fehlt, ist die F\u00f6rderung eines sozial durchl\u00e4ssigen, zukunftsf\u00e4higen Bildungssystems. Anders formuliert: Die vielen Alten bekommen sehr viel, die wenigen Jungen, von denen immer behauptet wird, sie seien die Zukunft, bekommen nicht genug.\u201c<br \/>\u201eDas d\u00fcrfte daran liegen, dass die vielen Alten ein wichtiges W\u00e4hlerpotential darstellen.\u201c Nuk war ihrer Schwester um den Bruchteil einer Sekunde voraus.<br \/>Na wollte die Scharte auswetzen und hatte sich deshalb schon ihre n\u00e4chste Frage \u00fcberlegt: \u201eDas waren fr\u00fcher doch mal weniger Sozialausgaben, oder? Warum sind diese Ausgaben so gestiegen? Und wie finanzieren die drei L\u00e4nder das? Au\u00dfer ein paar Mehrwertsteuereinnahmen ist das f\u00fcr sie doch rausgeschmissenes Geld!\u201c<br \/>\u201eRausgeworfenes Geld, bitte!\u201c Kulle formulierte, was Athabaska jetzt gesagt h\u00e4tte. Korrekter Sprachgebrauch war ihr immer wichtig gewesen.<br \/>\u201eIch fange mit deiner dritten Frage an, Na. Die L\u00e4nder finanzieren das mit Schulden.\u201c<br \/>Die Zwillinge starrten einander verbl\u00fcfft an. Geld zum Fenster hinauswerfen, das man hat, zeugt zwar nicht unbedingt von Weitsicht, ist aber machbar. Mit Geld, das man sich leihen und daf\u00fcr Zinsen zahlen muss, ist das widersinnig.<br \/>Nanuk fanden eine drastischere Formulierung: \u201eAber das ist doch Irrsinn!\u201c<br \/>\u201eSo kann man das sehen. Aber richtig ist auch, dass die regierenden Politiker sich damit sozialen Frieden erkaufen. Bisher jedenfalls.\u201c<br \/>Na sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eFr\u00fcher hat man das anders gel\u00f6st, das haben wir bei dir gelernt, Onkel Kulle. Die meisten Menschen waren abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigt und bekamen f\u00fcr ihre produktive Arbeit Gehalt, das ausreichte, um Eigentum zu erwerben und den Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren, damit sie es einmal besser h\u00e4tten. Sie hatten genug eigenes Einkommen und ben\u00f6tigten keine Transferleistungen.\u201c<br \/>\u201eDu hast gut aufgepasst damals, kleine Na. Damit sind wir auch schon bei deiner zweiten Frage: Warum sind diese Ausgaben so gestiegen? Weil wir gerade dabei sind, eure Kenntnisse aus dem Unterricht zu \u00fcberpr\u00fcfen: Was hat Henry Ford in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts \u00fcber angemessene L\u00f6hne gesagt?\u201c<br \/>Die Zwillinge sahen einander zweifelnd an. Was wollte er denn jetzt schon wieder?<br \/>\u201eIch geb euch einen Tipp: Ford wollte Autos verkaufen!\u201c<br \/>\u201eAch so!\u201c Diesmal war Na schneller. \u201eAutos kaufen keine Autos!\u201c Sie dachte ganz gegen ihre Gewohnheit eine Weile nach und fragte dann: \u201eWillst du damit sagen, dass Arbeiter und Angestellte heute nicht genug verdienen, um ohne Transferleistungen leben zu k\u00f6nnen?\u201c<br \/>\u201eDarauf l\u00e4uft das Ganze hinaus, zumindest bewegen sich die modernen Industriegesellschaften in diese Richtung. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig, zum Beispiel v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hte Immobilienpreise, so dass der Traum vom Eigentum nicht realisiert werden kann und die Mieten in existenzbedrohende H\u00f6hen geschossen sind. Am wichtigsten aber ist, dass Autos sich heute fast ohne Menschen bauen lassen.\u201c<br \/>\u201eDu meinst Steuerung der Produktion durch KI?\u201c<br \/>\u201eLetztlich ja. Aber so eine Entwicklung lie\u00df sich auch vorhersehen, ohne an k\u00fcnstliche Intelligenz zu denken. Das Kapital entwickelt die Werkzeuge und Maschinen so, dass nicht mehr der einzelne Arbeiter das Werkzeug f\u00fchrt, sondern ein automatisches mechanisches System die Arbeit dominiert. Wissenschaft, Technologie und gesellschaftliches Wissen werden zu einer direkten Produktivkraft. Marx nennt dieses kollektive gesellschaftliche Wissen den General Intellect.<br \/>Das steht \u00fcbrigens in dem 170 Jahre alten Text, \u00fcber den ihr vorhin die N\u00e4schen ger\u00fcmpft habt.\u201c<br \/>\u201eHei\u00dft das\u2026\u201c<br \/>\u201eHei\u00dft das\u2026\u201c<br \/>Nuk lie\u00df Na den Vortritt.<br \/>\u201eHei\u00dft das, dass die Proteste der jungen Leute f\u00fcr eine bessere Bildung und f\u00fcr noch vieles andere zum Scheitern verurteil sind, weil kein Geld da ist und weil man sie eigentlich nicht mehr braucht?\u201c<br \/>\u201eHei\u00dft das, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die L\u00f6sung ist? Aber wer soll das bezahlen?\u201c<br \/>\u201eHei\u00dft das, dass die Menschen immer mehr freie Zeit haben werden?\u201c<br \/>\u201eHei\u00dft das, dass die Menschen eine neue Gesellschaftsordnung brauchen?\u201c<br \/>Kulle schmunzelte. \u201eIhr seid alt und klug genug, um selber zu denken. Die Zeit wird auch manches lehren. F\u00fcr mich ist es jetzt Zeit f\u00fcr meinen Abendspaziergang mit B\u00e4rdel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"719\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-719x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1182\" srcset=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-719x1024.jpg 719w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-211x300.jpg 211w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-768x1094.jpg 768w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-1078x1536.jpg 1078w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-1437x2048.jpg 1437w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-1200x1710.jpg 1200w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-1980x2821.jpg 1980w, https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/IMG_4429-scaled.jpg 1797w\" sizes=\"auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Kulle<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oktober 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Na und Nuk waren eifrige Nutzerinnen seri\u00f6ser Nachrichtenquellen, w\u00e4hrend sie um soziale Netzwerke einen weiten Bogen schlugen. 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